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Interpretation Textauszug "Am Beispiel meines Bruders"

Interpretation Textauszug "Am Beispiel meines Bruders"

 Interpretation des Textauszugs „Am Beispiel meines Bruders" von Uwe Timm
+ Vergleichen der Erzähltechniken von Timm und Treichel
Die autobi

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Interpretation von "Am Beispiel meines Bruders" von Uwe Timm und ein Vergleich der Erzähltechniken von Uwe Timm und Hans Ulrich Treichel in "Der Verlorene"

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Interpretation des Textauszugs „Am Beispiel meines Bruders" von Uwe Timm + Vergleichen der Erzähltechniken von Timm und Treichel Die autobiografische Erzählung „Am Beispiel meines Bruders“ aus der Epoche der Nachkriegsliteratur von Uwe Timm wurde 2003 veröffentlicht. Die Erzählung handelt von der Familie Timm, in der sich der älteste Sohn mit 18 freiwillig zur Armee meldet, an die Ostfront geschickt wird und dort so stark verwundet wird, dass er kurz später verstirbt. Der Textausschnitt handelt von Kindheitserinnerungen von Uwe, sowie der familiäre Umgang mit der Nachricht des Todes und seiner späteren Verarbeitung. Der Textauszug ist die Einführung in das restliche Buch, steht also ganz am Anfang (S.7-9). Der Verlust des Bruders führt zu einer starken Verdrängung beim Bruder Uwe und er wird von seinen Eltern in den Schatten von Karl gedrängt, was das gute Familienklima/-verhältnis zerstört. Er kann dieses schwere Trauma als Kind nicht verarbeiten und fängt erst als Erwachsener mit seiner Vergangenheitsbewältigung an. Der Textausschnitt aus der Erzählung „Am Beispiel meines Bruders" beginnt mit einer Zusammenfassung der Erinnerungen von Uwe an seinen großen Bruder aus der Kindheit. Er erinnert sich nicht mehr genau, was damals passiert ist, versucht die Szene aber zu rekonstruieren. Danach folgt der Brief von Karl an seinen Vater, in dem er ihm mitteilt, dass er im Kampf schwer durch einen Panzerbüchsenschuss verletzt...

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wurde und ihm die Beine abgenommen wurden. Trotzdem versichert er, dass er bald wieder Zuhause ist. Kurz darauf starb er vor Ort. Es folgt eine Zusammenfassung des Verhaltens der Eltern auf diese Nachricht, wie sie in Uwes Kindheit über Karl redeten und dass er oft in seinen Schatten gestellt wurde. Daraufhin erzählt er, dass er oft versucht hat die Tagebücher seines Bruders zu lesen, es jedoch nie geschafft hat. Die Szene endet damit, dass der Erzähler von der Geschichte Blaubart erzählt, die ihm seine Mutter immer vorgelesen hatte und von der er das Ende nie wissen wollte. Der Text wird retrospektiv aus der Sicht des erwachsenen Uwes erzählt. Der Erzähler ist in dem Textauszug ein autodiegetischer Erzähler mit der internen Fokalisierung, der Leser kennt also die Gefühle und Gedanken der Hauptfigur. Das sieht man z.B. daran, dass er aus seinen Kindheitserinnerungen erzählt, dass ihm das Märchen von Blaubart „unheimlich“ (S.2 Z.11) war. Man kann in den einzelnen Textpassagen zwischen dem erzählenden Ich und dem erlebendem Ich unterscheiden. In diesen Passagen ändert sich die Sprache, z.B. von einfacher zu schwerer Syntax oder von Umgangssprache zu Fachsprache. Dadurch hat man in den Passagen des erzählenden Ichs eine gewisse Distanz feststellen, da dramatische Dinge, wie der Tod des Bruders sehr objektiv (vgl.S.1) und wenig emotional erzählt werden, während die Passagen des erlebenden Ichs eine gewisse Nähe aufbauen lassen, da man mehr über die Gedanken und Gefühle des Erzählers aufgeklärt wird. Die Fachsprache kann man beispielsweise in der Textstelle erkennen, wo der Erzähler von der Trauerbewältigung der Eltern erzählt. Dort sind Hypotaxen mit vielen Appositionen, sowie eine sehr bewusste Wortwahl. Besonders auffällig sind die vielen Kommata, die auch auf die Fachsprache hindeuten. Als das deutet auf das erzählende Ich hin. Umgangssprache findet man bei der Textstelle um Blaubart, da dort das erlebende Ich erzählt. Die Sätze sind weniger komplex, es werden weniger Kommata benutzt und es sind mehr Adjektive wie z.B. „ängstlich" oder ,,unheimlich“ (S.2, Z. 9, 12) vorhanden, die beim erzählenden Ich wegfallen. Dazu kommen umgangssprachliche Sätze, wie: „ich mochte den Schluss nicht hören“ (S.2, Z.11). Genau die gleichen Merkmale kann man auch in Treichels ,,Der Verlorene“ wiederfinden. Das Buch hat ebenfalls einen autodiegetischen Erzähler, eine interne Fokalisierung und eine retrospektive Erzählweise. Es ist ebenfalls eine Gewisse Nähe und Distanz zu finden, wodurch der autodiegetische Erzähler teilweise auch als heterodiegetischer Erzähler erscheint, da erlebendes und erzählendes Ich im Buch immer wechseln und verschiedene Passagen haben. In beiden Texten werden also erlebendes Ich und erzählendes Ich unterschieden, teilweise verschwimmen sie auch. Die Autoren Treichel Und Timm spielen also mit der Nähe und Distanz des Erzählers und der Hauptfigur zum Leser und entscheiden, welche Einblicke der Leser bekommen soll und welche nicht. Der Erzähler startet den Textauszug mit der einzigen Erinnerung aus der Kindheit an seinen großen Bruder Karl. Er sagt, dass er sich an vieles nicht mehr erinnere (S.1, Z.5) und versucht deshalb die Situation zu rekonstruieren, was die Geschwister und vor allem sein Bruder denn gesagt hätten. Er erinnert sich nicht mehr daran, wie sein Bruder aussah, aber ganz deutlich daran, wie es sich anfühlte, geliebt zu werden, dass er von ihm hochgehoben wurde und schwebte (vgl. S.1, Z.12). Das schweben steht vermutlich symbolisch für Das Familienklima, da es vor dem Tod von Karl sehr gut und liebevoll war, vor allem unter den Geschwistern. Er sagt danach mit dem Gegensatz: ,, Abwesend und doch anwesend“ (S.1, Z.24) dass sein Bruder ihn, obwohl er tot ist, symbolisch durch die ,,Trauer der Mutter, den Zweifeln des Vaters und den Andeutungen zwischen den Eltern“ (S.1, Z.24-25) durch seine Kindheit begleitet hat. Er war durch die gemeinsamen Erinnerungen immer präsent und wurde oft mehr beachtet als er, als lebender Sohn und Bruder. Uwe stand oft im Schatten der Erinnerungen an Karl (vgl. S.1, Z.7), da seine Eltern oft lobend über ihn Sprachen, der Vater beide Söhne verglich und Fotos von ihm beachtet wurden. Der Verlust des Bruders und Sohnes war für alle der Familie ein großes Trauma, dass der Sohn aufgrund seines Alters mit Verdrängung bewältigte. Trotzdem war der Bruder immer präsent, was es schwer machte, das Ganze zu vergessen. Somit wurde auch das vorher intakte Familienklima durch den Tod von Karl zerstört, da Uwe missachtete wird und der Vater an den Intentionen von Karl zweifelt und die Eltern oft „Andeutungen“ (S.1, Z.25) darüber machen, sich also eventuell streiten. Uwe wollte sein Trauma ,,rausschreiben" wurde aber durch eine Schreibblockade aufgrund der starken Verdrängung daran gehindert, das Trauma zu verarbeiten (vgl. S.2, Z.1- 2). Zudem wollte er auch das Tagebuch des 16 Jahre älteren Bruders lesen, scheiterte aber auch damit aufgrund der Verdrängung. Das „kleine Heft" (S.2, Z.3) des Bruders steht symbolisch im Gegensatz zum großen Trauma, das zurückgeblieben ist vom älteren Bruder. Zudem zeigt es auch, dass Uwe als Kind das Trauma zwar nicht verarbeiten konnte, aber trotzdem versucht hat, Motive herauszufinden, warum Karl sich damals freiwillig für die SS- Totenkopfdivision meldete. Auch über sein Mitwirken im Krieg und die eventuelle Mitschuld will er mehr wissen. Somit könnte man auch deuten, dass die Trauer der Mutter und die Zweifel am Vater für die Schuld stehen, dass sie ihren Sohn einfach so gehen lassen haben. Auch die am Ende beschriebene Geschichte des Blaubarts ist eine Metapher für die Verarbeitung des Traumas. Der Erzähler beschreibt, dass er früher die Geschichte von Blaubart gruselig fand und deswegen den Schluss nie hören wollte. Erst als Erwachsener konnte er das Märchen dann zu Ende lesen (S.2, Z.9-14). Überträgt man diese Geschichte nun auf den Verlust des Bruders wird klar, dass Uwe dieses Trauma erst als Erwachsener aufarbeiten und vor allem verarbeiten konnte. Somit ist die ganze Geschichte eine Vergangenheitsbewältigung, da sie rückblickend, also retrospektiv geschrieben ist. Er versucht sich also wieder an frühere Momente und Gefühle zu erinnern, was im aufgrund der vergangenen Zeit nicht recht gelingen will. Außerdem kann man das zu Ende lesen des Märchen Blaubarts auch auf das zu Ende lesen des Tagebuchs seines Bruders übertragen, da er, weil er jetzt erwachsen ist, endlich bereit ist, alles aufzuarbeiten und überhaupt zu verstehen. Zuletzt hat auch der Titel eine wichtige Bedeutung für das Buch. Da dieses aus der Epoche der Nachkriegszeit stammt, werden darin Kriegsverbrechen und Kriegsschuld sowie Verlust von geliebten Menschen verarbeitet. „Am Beispiel meines Bruders" bedeutet nun darauf bezogen, dass die Geschichte und der Verlust des Bruders aufgrund der Kriegsverletzungen ein exemplarisches Beispiel für jede andere Familiengeschichte aus der Zeit nach dem Krieg sind. Denn im Krieg haben viele Frauen und Familien ihre Männer verloren und sind alleine mit den Erinnerungen zurückgeblieben. Der Erzähler und Autor arbeiten also nicht nur sein Trauma und seinen Verlust auf, sondern auch vertretend den der anderen Menschen, die so einen Verlust erlitten haben. Der Autor will vermutlich damit ausdrücken, wie schwer die Zeit damals war und wie schwierig es auch persönlich ist, mit so einem Verlust umgehe zu müssen. Er versucht ein gewisses Verständnis beim Leser zu erreichen und will anderen aus der Zeit damit weiterhelfen, damit diese sehen, dass sie nicht alleine sind. Insgesamt stimmt meine Deutungshypothese, denn das Trauma führt zur Verdrängung und Verschlechterung des Familienklimas. Uwe muss somit ganz allein durch diese schwere Zeit und soll als Kind so einen großen Verlust alleine Verarbeiten. Da er das als Kind nicht kann, fängt er als Erwachsener an, Vergangenes aufzuarbeiten. Der Text steht symbolisch für die Verluste im Krieg und lässt in diesem Textausschnitt noch viele Fragen offen. Interessant wäre auch zu erfahren, welche Motive Karl wirklich hatte, freiwillig zur SS zu gehen, und wie vor allem auch die Schwester damit umgeht. Zudem können sehr viele Parallelen zum Buch von Treichel geschlossen werden, sowohl in der Erzähltechnik als auch in der Geschichte an sich, da beide Brüder ein Trauma durch den Verlust des Bruders erlitten haben und versuchen, diesen aufzuarbeiten.

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Man kann in den einzelnen Textpassagen zwischen dem erzählenden Ich und dem erlebendem Ich unterscheiden. In diesen Passagen ändert sich die Sprache, z.B. von einfacher zu schwerer Syntax oder von Umgangssprache zu Fachsprache. Dadurch hat man in den Passagen des erzählenden Ichs eine gewisse Distanz feststellen, da dramatische Dinge, wie der Tod des Bruders sehr objektiv (vgl.S.1) und wenig emotional erzählt werden, während die Passagen des erlebenden Ichs eine gewisse Nähe aufbauen lassen, da man mehr über die Gedanken und Gefühle des Erzählers aufgeklärt wird. Die Fachsprache kann man beispielsweise in der Textstelle erkennen, wo der Erzähler von der Trauerbewältigung der Eltern erzählt. Dort sind Hypotaxen mit vielen Appositionen, sowie eine sehr bewusste Wortwahl. Besonders auffällig sind die vielen Kommata, die auch auf die Fachsprache hindeuten. Als das deutet auf das erzählende Ich hin. Umgangssprache findet man bei der Textstelle um Blaubart, da dort das erlebende Ich erzählt. Die Sätze sind weniger komplex, es werden weniger Kommata benutzt und es sind mehr Adjektive wie z.B. „ängstlich" oder ,,unheimlich“ (S.2, Z. 9, 12) vorhanden, die beim erzählenden Ich wegfallen. Dazu kommen umgangssprachliche Sätze, wie: „ich mochte den Schluss nicht hören“ (S.2, Z.11). Genau die gleichen Merkmale kann man auch in Treichels ,,Der Verlorene“ wiederfinden. Das Buch hat ebenfalls einen autodiegetischen Erzähler, eine interne Fokalisierung und eine retrospektive Erzählweise. Es ist ebenfalls eine Gewisse Nähe und Distanz zu finden, wodurch der autodiegetische Erzähler teilweise auch als heterodiegetischer Erzähler erscheint, da erlebendes und erzählendes Ich im Buch immer wechseln und verschiedene Passagen haben. In beiden Texten werden also erlebendes Ich und erzählendes Ich unterschieden, teilweise verschwimmen sie auch. Die Autoren Treichel Und Timm spielen also mit der Nähe und Distanz des Erzählers und der Hauptfigur zum Leser und entscheiden, welche Einblicke der Leser bekommen soll und welche nicht. Der Erzähler startet den Textauszug mit der einzigen Erinnerung aus der Kindheit an seinen großen Bruder Karl. Er sagt, dass er sich an vieles nicht mehr erinnere (S.1, Z.5) und versucht deshalb die Situation zu rekonstruieren, was die Geschwister und vor allem sein Bruder denn gesagt hätten. Er erinnert sich nicht mehr daran, wie sein Bruder aussah, aber ganz deutlich daran, wie es sich anfühlte, geliebt zu werden, dass er von ihm hochgehoben wurde und schwebte (vgl. S.1, Z.12). Das schweben steht vermutlich symbolisch für Das Familienklima, da es vor dem Tod von Karl sehr gut und liebevoll war, vor allem unter den Geschwistern. Er sagt danach mit dem Gegensatz: ,, Abwesend und doch anwesend“ (S.1, Z.24) dass sein Bruder ihn, obwohl er tot ist, symbolisch durch die ,,Trauer der Mutter, den Zweifeln des Vaters und den Andeutungen zwischen den Eltern“ (S.1, Z.24-25) durch seine Kindheit begleitet hat. Er war durch die gemeinsamen Erinnerungen immer präsent und wurde oft mehr beachtet als er, als lebender Sohn und Bruder. Uwe stand oft im Schatten der Erinnerungen an Karl (vgl. S.1, Z.7), da seine Eltern oft lobend über ihn Sprachen, der Vater beide Söhne verglich und Fotos von ihm beachtet wurden. Der Verlust des Bruders und Sohnes war für alle der Familie ein großes Trauma, dass der Sohn aufgrund seines Alters mit Verdrängung bewältigte. Trotzdem war der Bruder immer präsent, was es schwer machte, das Ganze zu vergessen. Somit wurde auch das vorher intakte Familienklima durch den Tod von Karl zerstört, da Uwe missachtete wird und der Vater an den Intentionen von Karl zweifelt und die Eltern oft „Andeutungen“ (S.1, Z.25) darüber machen, sich also eventuell streiten. Uwe wollte sein Trauma ,,rausschreiben" wurde aber durch eine Schreibblockade aufgrund der starken Verdrängung daran gehindert, das Trauma zu verarbeiten (vgl. S.2, Z.1- 2). Zudem wollte er auch das Tagebuch des 16 Jahre älteren Bruders lesen, scheiterte aber auch damit aufgrund der Verdrängung. Das „kleine Heft" (S.2, Z.3) des Bruders steht symbolisch im Gegensatz zum großen Trauma, das zurückgeblieben ist vom älteren Bruder. Zudem zeigt es auch, dass Uwe als Kind das Trauma zwar nicht verarbeiten konnte, aber trotzdem versucht hat, Motive herauszufinden, warum Karl sich damals freiwillig für die SS- Totenkopfdivision meldete. Auch über sein Mitwirken im Krieg und die eventuelle Mitschuld will er mehr wissen. Somit könnte man auch deuten, dass die Trauer der Mutter und die Zweifel am Vater für die Schuld stehen, dass sie ihren Sohn einfach so gehen lassen haben. Auch die am Ende beschriebene Geschichte des Blaubarts ist eine Metapher für die Verarbeitung des Traumas. Der Erzähler beschreibt, dass er früher die Geschichte von Blaubart gruselig fand und deswegen den Schluss nie hören wollte. Erst als Erwachsener konnte er das Märchen dann zu Ende lesen (S.2, Z.9-14). Überträgt man diese Geschichte nun auf den Verlust des Bruders wird klar, dass Uwe dieses Trauma erst als Erwachsener aufarbeiten und vor allem verarbeiten konnte. Somit ist die ganze Geschichte eine Vergangenheitsbewältigung, da sie rückblickend, also retrospektiv geschrieben ist. Er versucht sich also wieder an frühere Momente und Gefühle zu erinnern, was im aufgrund der vergangenen Zeit nicht recht gelingen will. Außerdem kann man das zu Ende lesen des Märchen Blaubarts auch auf das zu Ende lesen des Tagebuchs seines Bruders übertragen, da er, weil er jetzt erwachsen ist, endlich bereit ist, alles aufzuarbeiten und überhaupt zu verstehen. Zuletzt hat auch der Titel eine wichtige Bedeutung für das Buch. Da dieses aus der Epoche der Nachkriegszeit stammt, werden darin Kriegsverbrechen und Kriegsschuld sowie Verlust von geliebten Menschen verarbeitet. „Am Beispiel meines Bruders" bedeutet nun darauf bezogen, dass die Geschichte und der Verlust des Bruders aufgrund der Kriegsverletzungen ein exemplarisches Beispiel für jede andere Familiengeschichte aus der Zeit nach dem Krieg sind. Denn im Krieg haben viele Frauen und Familien ihre Männer verloren und sind alleine mit den Erinnerungen zurückgeblieben. Der Erzähler und Autor arbeiten also nicht nur sein Trauma und seinen Verlust auf, sondern auch vertretend den der anderen Menschen, die so einen Verlust erlitten haben. Der Autor will vermutlich damit ausdrücken, wie schwer die Zeit damals war und wie schwierig es auch persönlich ist, mit so einem Verlust umgehe zu müssen. Er versucht ein gewisses Verständnis beim Leser zu erreichen und will anderen aus der Zeit damit weiterhelfen, damit diese sehen, dass sie nicht alleine sind. Insgesamt stimmt meine Deutungshypothese, denn das Trauma führt zur Verdrängung und Verschlechterung des Familienklimas. Uwe muss somit ganz allein durch diese schwere Zeit und soll als Kind so einen großen Verlust alleine Verarbeiten. Da er das als Kind nicht kann, fängt er als Erwachsener an, Vergangenes aufzuarbeiten. Der Text steht symbolisch für die Verluste im Krieg und lässt in diesem Textausschnitt noch viele Fragen offen. Interessant wäre auch zu erfahren, welche Motive Karl wirklich hatte, freiwillig zur SS zu gehen, und wie vor allem auch die Schwester damit umgeht. 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