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Kreatives Schreiben: Perspektivwechsel (Obdachloser in der Uni-Bibliothek)

Kreatives Schreiben: Perspektivwechsel (Obdachloser in der Uni-Bibliothek)

 www.KlausSchenck.de / Deutsch / Mittelstufe / kreatives Schreiben / S. 1 von 5
2 Klassenarbeiten (90 Minuten) zu: ein Obdachloser in der Un

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Klaus Schenck

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8/9/10

Klausur

2 Klassenarbeiten (90 Minuten): Perspektive des Obdachlosen

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www.KlausSchenck.de / Deutsch / Mittelstufe / kreatives Schreiben / S. 1 von 5 2 Klassenarbeiten (90 Minuten) zu: ein Obdachloser in der Uni-Bibliothek Aufgabe: Erzähle aus der Sicht des Obdachlosen seine Erlebnisse in der Bibliothek! (Quelle: FN, 1.3.2013) Universität: Obdachloser wohnt wochenlang in einer Bibliothek der geschichtsträchtigen Universität Cambridge onica stuen. Schlummern unter dicken Schmökern Von unserer Korrespondentin Jasmin Fischer LONDON. Ganz viel Interesse an di- cken Schmökern vorgaukeln, aber heimlich hinterm Bücherstapel ein Nickerchen halten: Mit diesem Trick hat es ein Obdachloser geschafft, die kalten Januartage in der Bibliothek der Elite-Universität Cambridge zu überwintern. Ganz kluge Köpfe haben dort schon, an den schönen Erkerfens- tern im St. John's College mit Blick auf das Flüsschen Cam, gesessen und gepaukt - neun Nobelpreisträ- ger, sechs Premierminister, drei Hei- lige und zwei Prinzen. In diese illus- tre Runde von VIP-Gelehrten darf sich der Namenlose ohne Obdach ab sofort einreihen: Sein Show-Talent hat ihn nämlich im ganzen König- reich bekannt gemacht. Thema ,,Identität und Religion" Seit Silvester soll der Mann in der an- genehm beheizten College-Büche- rei gewohnt haben. Die Abteilung mit den Geschichtsschmökern hatte es ihm nach Angaben von Studenten offenbar besonders angetan. Die Sit- ze bei den Historikern gelten als be- quem, das Ambiente als strikt stö- rungsfrei. Der Dauer-Gast wurde dort gesehen, wie er durch Bücher blätterte, ab und an eine E-Mail vom Gemeinschaftsrechner abschickte und im Großen und Ganzen so tat, als wäre er ziemlich beschäftigt. Mit Gruppen von Studenten hat der Mann...

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sich immer wieder in sein apartes Domizil geschmuggelt. Nö- tig ist für den Zutritt eine Magnet- Karte; zum Lernen und Lesen ist das historische Gebäude aus dem Jahr 1511 rund um die Uhr geöffnet. Er habe weder streng gerochen noch abgerissen ausgesehen, berichten Studenten. Auf Nachfrage habe er vorgegeben, über „Identität und Re- ligion" zu forschen. Sein Essen hat er sich in Plastiktüten mit in die exklu- siven Räumlichkeiten gebracht. Aufgefallen ist der Mann Mitte 30 nur, weil er tagein, tagaus dieselben Sachen getragen und sein Schnar- chen die echten Studenten gestört hat. Misstrauische Reporter der Campus-Zeitung stellten ihn zur Rede. Als er sich nicht als Uni-Mit- glied ausweisen konnte, beförderte ein Portier den ungebetenen Haus- gast nach draußen. Dort verliert sich seine Spur. Bei 31 Colleges, die die Universität Cambridge in der Kleinstadt unterhält, hat ,,Dr. Myste- ry" sicher längst einen neuen Unter- schlupf gefunden. 1. Klassenarbeit Das neue Jahr hat wieder begonnen. Wieder ein weiteres Jahr auf der Straße. Wie- der die Kälte besiegen. Wieder alleine kämpfen. Ich wusste nicht wohin. Alle Ob- dachlosenheime waren überfüllt. Am Bahnhof gab es ein Tonnenfeuer, an dem man sich wärmen konnte. Ich wollte aber nicht bei den anderen sein. Ich wollte nicht als „Alki" bezeichnet werden. Ich wollte nicht als „Penner“ zählen. Also hielt ich mich von den anderen fern. Ich mied das Feuer und diese Art von Zusammenkunft. Ich hatte mit etwas Geld durch das Sammeln von Pfandflaschen dazu verdient. Also ging ich in das Café um die Ecke. Ich bestellte mir einen Kaffee und habe ihn sehr langsam getrunken, damit ich ein Recht darauf hatte zu bleiben. Doch die Besitzer kannten mich vom Sehen. Sie gaben mir oftmals ein belegtes Brot mit auf den Weg oder so- gar ein süßes Stückchen. Das packten sie mir dann in eine Plastiktüte, damit ich es wo anders essen konnte. Sie hatten Mitleid mit mir. Zwar nicht so viel, dass mein Aufenthalt in dem Café erwünscht war, aber immerhin durfte ich mich dort für ca. eine halbe Stunde aufhalten, bis mein Kaffee leer war. Dann gaben sie mir freundli- cherweise (ohne eine Gegenleistung zu erwarten) mein Essen. Es war nett, aber be- stimmt. Das Essen zu erhalten war ein deutliches Zeichen für: „Du kannst jetzt ge- hen, bis morgen!“ Beim Verlassen des Cafés fiel mir eine Gruppe Jugendlicher auf, die gerade gemeinsam lernten. Einer schlug dem anderen vor in die Bücherei zu ge- hen, denn da sei mehr Platz. Die Karte habe er bei sich, sie müssten also nicht mehr zurück in ihren Wohnblock. Ich ging vor die Türe und hatte mir ernsthaft überlegt, ob ich nicht doch zum Feuer gehen solle. Das Obdachlosenheim hätte erst in vier Stun- den aufgemacht. So ungern ich dort auch hingegangen wäre, dort hätte ich mich zu- mindest (wie jeden 2. Tag) für 15 Minuten unter die heiße Dusche stellen können. Als ich noch am Überlegen war, kam die Gruppe Studenten aus dem Café und zeit- gleich kam mir die Idee. Hatte der große Blonde nicht erwähnt, dass er seine Karte dabei hat und WIR deshalb vorher nicht mehr zurück in den Wohnblock mussten? War das ein Wink vom Schicksal? Eine geniale Idee meinerseits? Oder einfach nur www.KlausSchenck.de / Deutsch / Mittelstufe / kreatives Schreiben / S. 2 von 5 2 Klassenarbeiten (90 Minuten) zu: ein Obdachloser in der Uni-Bibliothek er irre und bekloppt? Ich tappte der Gruppe mit einem Sicherheitsabstand von ca. drei Metern hinterher. Nach zehn Minuten waren wir schon da. Das ging schnell, ich wusste ja nicht, zu welcher Bücherei sie gehen. In dieser Stadt gibt es unzählig viele davon. Ich hatte mir noch keinen Plan ausgedacht, wie ich es rein schaffen sollte. „In einer Gruppe von vier Leuten falle ich bestimmt auf", schoss es mir durch den Kopf. Hinter mir kamen weitere Leute und „meine“ Gruppe verschwand in der Eingangs- halle. Die hinteren Leute schoben mich nach vorne, hielten ihre Magnetkarten an die Wand und gingen rein. Plötzlich stand ich in dieser riesigen Eingangshalle. Ich be- wunderte den Raum, die Gestaltung, den Boden. Bis ich eins bemerkte: Ich hatte es geschafft! Ich stand tatsächlich schon in dem Gebäude. Ich freute mich so sehr dar- über, bis der nächste Gedanke kam: Was jetzt? Ich sah mich um und sah einen Mann inmitten der Studenten, der mir sofort auffiel. Er hatte ein schwarzes Jackett an, unterhielt sich mit einer Studentin und zeigte in eine Richtung zur Treppe. „Bloß nicht auffallen", dachte ich mir, als ich im „Windschatten" einer Gruppe die Treppe auf der gegenüberliegenden Seite erreicht habe. Ich ging hoch und sah sehr viele Studenten, die über irgendetwas debattierten, von dem ich nicht einmal eine Ahnung hatte. Jeder in dem kleinen Raum schien von dem Thema eine Ahnung zu haben und jeder sagte etwas dazu. Also ging ich ein Stockwerk höher. Hier war es still. Sehr still. Es wurde nur geflüstert, ab und zu hörte man Blätter rascheln und die Stifte über das Papier kratzen. Ich erinnerte mich daran, wie mein Lehrer immer gesagt hat, wolle eine Stecknadel auf den Boden fallen hören, so still solle es doch bitte sein. Ich griff wahllos in das Regal, nahm ein Buch und setzte mich an einen Tisch am Fens- ter. Mein Puls beruhigte sich langsam, denn ich hatte es geschafft. Wie jedes Jahr war mit etwas eingefallen, wie jedes Jahr hatte ich Unmögliches möglich gemacht. Ich war unerlaubt in eine Bücherei eingedrungen. Meine bisher größte Straftat. Bis- her wurde ich nur von Plätzen weggeschickt oder bekam eine Rüge aufgrund des Bettelns. Ich war immer ein aufrichtiger Bürger. Wo genau befand ich mich? In wel- che Bücherei war ich eingedrungen? An der Wand stand in großen Lettern in der Ferne „Elite-Universität Cambridge“ und darunter waren zwanzig Bilder von irgend- welchen Menschen aufgehängt. Als die nächsten vereinzelten Studenten vorbei gin- gen, schlug ich schnell mein Buch auf. Hauptsache, ich konnte in der Wärme sitzen. Ich saß dort, blätterte in dem Buch, dessen Name ich nicht einmal kannte und schlug somit die Zeit tot. Doch nach einigen Stunden in der Wärme wurde ich unglaublich müde. Ich durfte jedoch nicht einschlafen, sonst würden sie mich bestimmt 'raus in die Kälte werfen. Also stand ich sehr leise auf, ging zum nächsten Regal, stellte mein Buch hinein, nahm ein neues, damit ich mich in diesem über interessante Dinge in- formieren konnte. Hauptsache, ich würde wach bleiben und nicht hinausfliegen. Ich fand ein Buch über Napoleon, davon hatte ich zumindest schon einmal gehört. Ich überflog das Buch, damit ich die Müdigkeit zumindest etwas bekämpfen konnte. Dann fiel es mir wieder ein, dass ich noch Essen dabei hatte. Also legte ich das Buch beiseite und genoss mein Schinkenbrot. Die Studenten kamen und gingen und ich wunderte mich, wann die Bücherei schließen würde. Als es dunkel wurde, legte ich das Buch zurück und machte mich langsam auf den Weg nach draußen. Ich hatte Angst, dass ich bei der Schließung aufgeflogen wäre. Als ich draußen war, sah ich, www.KlausSchenck.de / Deutsch / Mittelstufe / kreatives Schreiben / S. 3 von 5 2 Klassenarbeiten (90 Minuten) zu: ein Obdachloser in der Uni-Bibliothek dass die Bücherei 24 Stunden geöffnet hat. Wir hatten ca. neun Uhr abends. Jedoch kam ich ohne Ausweis nicht mehr ´rein. Ich habe mir einen Schlafplatz gesucht, bin morgens direkt ins Café, vorher noch zur Dusche und habe dann unauffällig vor der Bücherei auf die nächste große Gruppe gewartet, bin wieder mit denen ´rein, die Treppe hoch, habe ein Buch aufgeschlagen, gegessen, den Platz ab und zu ge- wechselt und die Wärme genossen. Manchmal bin ich sogar eingenickt, was unter den Studenten aber nicht allzu sehr auffällt. Einmal, ich glaube es war mitten in der Nacht, wurde ich sogar geweckt, weil ich angeblich geschnarcht habe. Er hat mich gefragt, was ich mache. Daher habe ich gesagt, dass ich über „Identität und Religion" forsche. Jedoch bin ich kurz darauf gegangen. Ich hatte Angst, dass er mich etwas über das Studienjahr fragt. Oder etwas über Identität und Religion, wovon ich keine Ahnung hatte. Vor dem Schlafen habe ich noch überlegt: warum eigentlich nicht? Wer bin ich? Wer ist Gott? Wer bin ich im Vergleich zu Gott? Und: wenn es einen Gott gibt, warum lässt er zu, dass so viele Obdachlose täglich gegen die Kälte kämpfen? Ich stand früh auf, holte mir mein Essen, ging vorher duschen und in die Bücherei. Ohne Probleme. Ich sah ein Regal über Religionen und habe versucht Antworten zu finden. Ich nahm mir fünf Bücher, ging wieder zu den Geschichts- schmökern an meinen Fensterplatz mit dem tollen Ausblick und suchte intensiv nach Antworten. Am Anfang musste ich jeden Tag lange Stunden Interesse vorgaukeln. Jetzt hatte mich wirkliches Interesse gepackt. Ich verbrachte sehr viel Zeit damit die Bücher zu studieren, meine Antworten abzutippen und steckte sehr viel Hoffnung in diese Bücher. Ich las, aß und schlief dort. Wie ein Student. Wochen vergingen und ich hatte immer denselben Tagesablauf: Lesen, essen, duschen, schlafen mal hier, mal dort. Ich hatte wieder einen Sinn gefunden. Ich dachte jeden Tag, dass ich die Antwort „heute" finden würde. Bis mir der Student komische Fragen stellte. Bis er mich nach einem Ausweis fragte. Bis der Portier mich raus warf. Bis ich entlarvt wurde. Kurz bevor ich meine Antwort bekam. Hinaus in die Kälte. Sechs Wochen war ich mittlerweile unerkannt Gast in dieser Bücherei. „Jetzt ist alles vorbei“, dachte ich in Dauerschleife. Kurz vor der Antwort war ich kurz davor. Wieder wurde mir alles weggenommen. Wieder saß ich in der Kälte. Wieder die Kälte besiegen. Wieder al- leine kämpfen. Wieder ein Jahr auf der Straße. Wieder alle Hoffnungen verloren. Wieder keine Antwort erhalten. Wieder wurde mir alles genommen. Das Einzige, was mir blieb, war das Café, die Dusche und ein lächerlicher Name: „Dr. Mystery" hatte ich einige Leute sagen hören. Wieder nichts erreicht. Wieder im Alltagstrott, dem ständigen Kampf um das Überleben. 2. Klassenarbeit Hallo Harry! Ich stehe in der Zeitung! Mann, bin ich aufgeregt. Ich hätte nie gedacht, dass ich damit in die Zeitungen komme. Aber hier, sieh es dir an. Da ist der Artikel, hier der Artikel, der heißt „Schlummern unter dicken Schmökern". Das war eine Ge- schichte, das kann ich dir sagen. Alles hat nur klein angefangen. Ach, Harry, du musst mir schon zuhören und aufpassen. Ansonsten weißt du doch gar nicht, worum www.KlausSchenck.de / Deutsch / Mittelstufe / kreatives Schreiben / S. 4 von 5 2 Klassenarbeiten (90 Minuten) zu: ein Obdachloser in der Uni-Bibliothek es genau geht. Also noch mal, es hat alles an Silvester begonnen. Erinnerst du dich noch? Es war sehr kalt draußen und Schnee ist auch schon gelegen. Brrr ... selbst jetzt wird mir noch kalt, selbst wenn ich nur daran denke. Naja, zurück zur Ge- schichte. Der Schnee lag schon auf der Straße und es wurde langsam Nacht. Viele Menschen waren unterwegs, um sich mit Freunden oder der Familie zu treffen, da sie Silvester miteinander feiern wollten. Mitten unter ihnen bin ich und friere schreck- lich. Hatte ja nur meine dünne Jacke und Mütze an. Da bin ich nun zwischen den ganzen Menschen gelaufen und habe überlegt, wo ich die Nacht verbringen kann. Habe nachgedacht, wo noch ein Plätzchen frei ist für mich. Da kam ich an dieser Universität vorbei. Moment, wie hieß die noch? Ah ja, die Cambridge-Universität. Viele Studenten sind aus dem Gelände gekommen. Aber nicht alle. Das hat meine Neugier geweckt. Also bin ich hinter her gelaufen und habe mich verstohlen umge- sehen. Und weißt du, wohin die alle gegangen sind? Na, weißt du's? Nein? Zu einem sehr großen Gebäude. Am Anfang wusste ich gar nicht, was für ein Gebäude es war und bin einfach so hinterher gegangen. Aber du kannst es dir gar nicht vorstellen, was das für ein Gebäude war. Es war die Bibliothek der Universität. So viele Bücher sah ich an den Seiten, ich wusste am Anfang gar nicht, wo ich zuerst hin sehen soll. Doch dann versperrte mir so ein blödes Drehkreuz den Weg. Ich konnte nicht weiter herein. Ich habe mich unauffällig in eine Ecke gestellt und gewartet, bis eine neue Traube an Studenten durch die Eingangstür gekommen ist. Natürlich habe ich diese dann beobachtet und gesehen, dass sie alle eine Karte hatten, mit der sie das Dreh- kreuz passieren konnten. So eine Magnetkarte. Als dann eine neue Menge an Lern- willigen die Bibliothek betrat, stellte ich mich etwas auffälliger hin und tat so, als durchsuchte ich meine Jackentaschen nach der Karte. Dabei murmelte ich laut vor mich hin, wo denn dieses blöde Ding nur hingekommen sei. Einer der Studenten be- merkte mich, ging auf mich zu und sprach mich an. Er fragte, ob er mich mit rein las- sen soll und ob ich ein Professor sei. Ich nickte nur unbestimmt auf diese Fragen und folgte ihm durch das Drehkreuz. Als wir die Sperre passiert hatten, bedankte ich mich kurz und verabschiedete mich dann. Schnell lief ich zu einer der Regalreihen und verschwand dahinter. Du kannst dir gar nicht vorstellen, wie erleichtert ich war, dass ich nicht aufgeflogen bin. Als sich mein Puls wieder etwas beruhigt hatte, fing ich an, die Bibliothek zu erkunden. Du kannst dir gar nicht vorstellen, wie es da drinnen aus- sieht. Von der Decke hängen ganz viele Lampen. Bücherregale an Bücherregalen reihen sich aneinander. Unterbrochen von Sitznischen und Arbeitsbänken. Alles sehr schick gestaltet. Im öffentlichen Bereich, vorne beim Eingang, gab es sogar drei Computer mit Internetzugang zur freien Benutzung. Es war wie im Paradies. Und diese Wärme. Ach, es war so unglaublich warm und gemütlich. Weißt du, was ich dann auch noch erfahren hab'? Die Bibliothek hat rund um die Uhr offen, jeden Tag. Es ist kaum zu glauben. Ich konnte mein Glück nicht fassen, jetzt hier mitten drin zu stehen, und niemand hat mich blöde angemacht. Ich durchstreifte also in aller Ruhe und Stille, in der Bibliothek ist absolute Ruhe angesagt, die ganzen Regalgänge und probierte auch alle möglichen Sitzgelegenheiten aus. Am besten hat es mir in der Geschichtsbücher-Abteilung gefallen. Die Sessel dort sind so bequem, himmlisch einfach. Nicht zu beschreiben. Ich hatte es geschafft. Ich war so begeistert. Alles www.KlausSchenck.de / Deutsch / Mittelstufe / kreatives Schreiben / S. 5 von 5 2 Klassenarbeiten (90 Minuten) zu: ein Obdachloser in der Uni-Bibliothek warm und dann noch bequeme und gemütliche Sessel... großartig, einfach nur groß- artig. Ich habe es mir auf einem der Sessel gemütlich gemacht und bin sogar einge- schlafen. In die Geschichtsabteilung kommt nur sehr selten einer, so hatte ich meine Ruhe. Am Morgen verließ ich die Bibliothek wieder und habe versucht, draußen Geld zu bekommen. Das ging mehr schlecht als recht. Aber ich bin durchgekommen. Der Gedanke an das warme, gemütliche Plätzchen jedoch, das ich in der Bibliothek ge- funden hatte, ging mir nicht mehr aus dem Kopf. Und am Abend stand ich wieder vor der Eingangstür. Ich überlegte, wie ich am besten wieder durch das Drehkreuz kom- men konnte, kam aber zu keinem richtigen Einfall. Also bin ich einfach so rein und hatte wieder etwas Glück. Es gab wieder jemanden, der mich mit hinein nahm und so konnte ich wieder zu meinem Plätzchen. Ich gewöhnte es mir an, vormittags und nachmittags Geld zu bekommen, kaufte mir dann eine Kleinigkeit zu essen und ging dann wieder zur Bibliothek. Immer, wenn ich bemerkte, dass Leute mich beobachte- ten, tat ich so, als wäre ich sehr beschäftigt. Ich blätterte in alten Wälzern herum und verschickte ab und an eine E-Mail über den allgemeinen Rechner. Einmal hatte ich weniger Glück. Ein Student hat mich versucht auszufragen, warum ich so oft hier sei. Mir fiel nichts Besseres ein als zu sagen, dass ich mich mit dem Thema „Identität und Religion" beschäftige und Nachforschungen dazu betreibe. Jetzt lache doch nicht so. Mir ist nichts Besseres eingefallen. Versuch du doch mal auf die Schnelle eine sinn- volle Antwort zu geben, warum du jeden Tag in einer Bibliothek bist. Weißt du auch, was echt interessant war? Als ich so in einem der Sessel saß, bekam ich einiges mit. Neben mir unterhielten sich drei Mädchen lautstark miteinander. Die Themen waren ganz verschieden, es ging von dem üblichen Klatsch, wer mit dem wem wieder etwas am Laufen hatte, bis hin zu Seminarstunden und welche Inhalte durchgenommen wurden. Oft wurde sich auch über einen der Dozenten lustig gemacht, weil seine Brille anscheinend komisch sein soll. Naja, du kennst das ja. Ich führte also so ein entspanntes Leben, doch dann. Dann kam das Gemeine! Rausgeworfen haben die mich, kannst du dir das vorstellen? Nur, weil ich eingeschlafen bin und etwas ge- schnarcht habe. Nicht zu fassen. Dabei habe ich mir immer solche Mühe gegeben gepflegt auszusehen. Habe mich auf dem Bahnhofsklo gewaschen und auch meine Sachen ständig sauber gehalten und trotzdem haben die mich hinausgeworfen. Nur, weil ich kein Dozent oder Student bin. Und nur, weil diese blöden Möchtegernrepor- ter versucht haben gut dazustehen. Die haben mich vor alle Leute gezerrt und mich mit Fragen bombardiert, wo ich herkomme, wie ich heiße und wo meine Karte für den Durchlass am Drehkreuz sei. Das machte natürlich den Portier auf mich aufmerksam, der mich danach rausschmiss. Es waren so schöne Januartage. Ich konnte im War- men sein und es gemütlich haben. Doch jetzt bin ich wieder draußen in der Kälte. Ach, Mann!

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Klassenarbeit Das neue Jahr hat wieder begonnen. Wieder ein weiteres Jahr auf der Straße. Wie- der die Kälte besiegen. Wieder alleine kämpfen. Ich wusste nicht wohin. Alle Ob- dachlosenheime waren überfüllt. Am Bahnhof gab es ein Tonnenfeuer, an dem man sich wärmen konnte. Ich wollte aber nicht bei den anderen sein. Ich wollte nicht als „Alki" bezeichnet werden. Ich wollte nicht als „Penner“ zählen. Also hielt ich mich von den anderen fern. Ich mied das Feuer und diese Art von Zusammenkunft. Ich hatte mit etwas Geld durch das Sammeln von Pfandflaschen dazu verdient. Also ging ich in das Café um die Ecke. Ich bestellte mir einen Kaffee und habe ihn sehr langsam getrunken, damit ich ein Recht darauf hatte zu bleiben. Doch die Besitzer kannten mich vom Sehen. Sie gaben mir oftmals ein belegtes Brot mit auf den Weg oder so- gar ein süßes Stückchen. Das packten sie mir dann in eine Plastiktüte, damit ich es wo anders essen konnte. Sie hatten Mitleid mit mir. Zwar nicht so viel, dass mein Aufenthalt in dem Café erwünscht war, aber immerhin durfte ich mich dort für ca. eine halbe Stunde aufhalten, bis mein Kaffee leer war. Dann gaben sie mir freundli- cherweise (ohne eine Gegenleistung zu erwarten) mein Essen. Es war nett, aber be- stimmt. Das Essen zu erhalten war ein deutliches Zeichen für: „Du kannst jetzt ge- hen, bis morgen!“ Beim Verlassen des Cafés fiel mir eine Gruppe Jugendlicher auf, die gerade gemeinsam lernten. Einer schlug dem anderen vor in die Bücherei zu ge- hen, denn da sei mehr Platz. Die Karte habe er bei sich, sie müssten also nicht mehr zurück in ihren Wohnblock. Ich ging vor die Türe und hatte mir ernsthaft überlegt, ob ich nicht doch zum Feuer gehen solle. Das Obdachlosenheim hätte erst in vier Stun- den aufgemacht. So ungern ich dort auch hingegangen wäre, dort hätte ich mich zu- mindest (wie jeden 2. Tag) für 15 Minuten unter die heiße Dusche stellen können. Als ich noch am Überlegen war, kam die Gruppe Studenten aus dem Café und zeit- gleich kam mir die Idee. Hatte der große Blonde nicht erwähnt, dass er seine Karte dabei hat und WIR deshalb vorher nicht mehr zurück in den Wohnblock mussten? War das ein Wink vom Schicksal? Eine geniale Idee meinerseits? Oder einfach nur www.KlausSchenck.de / Deutsch / Mittelstufe / kreatives Schreiben / S. 2 von 5 2 Klassenarbeiten (90 Minuten) zu: ein Obdachloser in der Uni-Bibliothek er irre und bekloppt? Ich tappte der Gruppe mit einem Sicherheitsabstand von ca. drei Metern hinterher. Nach zehn Minuten waren wir schon da. Das ging schnell, ich wusste ja nicht, zu welcher Bücherei sie gehen. In dieser Stadt gibt es unzählig viele davon. Ich hatte mir noch keinen Plan ausgedacht, wie ich es rein schaffen sollte. „In einer Gruppe von vier Leuten falle ich bestimmt auf", schoss es mir durch den Kopf. Hinter mir kamen weitere Leute und „meine“ Gruppe verschwand in der Eingangs- halle. Die hinteren Leute schoben mich nach vorne, hielten ihre Magnetkarten an die Wand und gingen rein. Plötzlich stand ich in dieser riesigen Eingangshalle. Ich be- wunderte den Raum, die Gestaltung, den Boden. Bis ich eins bemerkte: Ich hatte es geschafft! Ich stand tatsächlich schon in dem Gebäude. Ich freute mich so sehr dar- über, bis der nächste Gedanke kam: Was jetzt? Ich sah mich um und sah einen Mann inmitten der Studenten, der mir sofort auffiel. Er hatte ein schwarzes Jackett an, unterhielt sich mit einer Studentin und zeigte in eine Richtung zur Treppe. „Bloß nicht auffallen", dachte ich mir, als ich im „Windschatten" einer Gruppe die Treppe auf der gegenüberliegenden Seite erreicht habe. Ich ging hoch und sah sehr viele Studenten, die über irgendetwas debattierten, von dem ich nicht einmal eine Ahnung hatte. Jeder in dem kleinen Raum schien von dem Thema eine Ahnung zu haben und jeder sagte etwas dazu. Also ging ich ein Stockwerk höher. Hier war es still. Sehr still. Es wurde nur geflüstert, ab und zu hörte man Blätter rascheln und die Stifte über das Papier kratzen. Ich erinnerte mich daran, wie mein Lehrer immer gesagt hat, wolle eine Stecknadel auf den Boden fallen hören, so still solle es doch bitte sein. Ich griff wahllos in das Regal, nahm ein Buch und setzte mich an einen Tisch am Fens- ter. Mein Puls beruhigte sich langsam, denn ich hatte es geschafft. Wie jedes Jahr war mit etwas eingefallen, wie jedes Jahr hatte ich Unmögliches möglich gemacht. Ich war unerlaubt in eine Bücherei eingedrungen. Meine bisher größte Straftat. Bis- her wurde ich nur von Plätzen weggeschickt oder bekam eine Rüge aufgrund des Bettelns. Ich war immer ein aufrichtiger Bürger. Wo genau befand ich mich? In wel- che Bücherei war ich eingedrungen? An der Wand stand in großen Lettern in der Ferne „Elite-Universität Cambridge“ und darunter waren zwanzig Bilder von irgend- welchen Menschen aufgehängt. Als die nächsten vereinzelten Studenten vorbei gin- gen, schlug ich schnell mein Buch auf. Hauptsache, ich konnte in der Wärme sitzen. Ich saß dort, blätterte in dem Buch, dessen Name ich nicht einmal kannte und schlug somit die Zeit tot. Doch nach einigen Stunden in der Wärme wurde ich unglaublich müde. Ich durfte jedoch nicht einschlafen, sonst würden sie mich bestimmt 'raus in die Kälte werfen. Also stand ich sehr leise auf, ging zum nächsten Regal, stellte mein Buch hinein, nahm ein neues, damit ich mich in diesem über interessante Dinge in- formieren konnte. Hauptsache, ich würde wach bleiben und nicht hinausfliegen. Ich fand ein Buch über Napoleon, davon hatte ich zumindest schon einmal gehört. Ich überflog das Buch, damit ich die Müdigkeit zumindest etwas bekämpfen konnte. Dann fiel es mir wieder ein, dass ich noch Essen dabei hatte. Also legte ich das Buch beiseite und genoss mein Schinkenbrot. Die Studenten kamen und gingen und ich wunderte mich, wann die Bücherei schließen würde. Als es dunkel wurde, legte ich das Buch zurück und machte mich langsam auf den Weg nach draußen. Ich hatte Angst, dass ich bei der Schließung aufgeflogen wäre. Als ich draußen war, sah ich, www.KlausSchenck.de / Deutsch / Mittelstufe / kreatives Schreiben / S. 3 von 5 2 Klassenarbeiten (90 Minuten) zu: ein Obdachloser in der Uni-Bibliothek dass die Bücherei 24 Stunden geöffnet hat. Wir hatten ca. neun Uhr abends. Jedoch kam ich ohne Ausweis nicht mehr ´rein. Ich habe mir einen Schlafplatz gesucht, bin morgens direkt ins Café, vorher noch zur Dusche und habe dann unauffällig vor der Bücherei auf die nächste große Gruppe gewartet, bin wieder mit denen ´rein, die Treppe hoch, habe ein Buch aufgeschlagen, gegessen, den Platz ab und zu ge- wechselt und die Wärme genossen. Manchmal bin ich sogar eingenickt, was unter den Studenten aber nicht allzu sehr auffällt. Einmal, ich glaube es war mitten in der Nacht, wurde ich sogar geweckt, weil ich angeblich geschnarcht habe. Er hat mich gefragt, was ich mache. Daher habe ich gesagt, dass ich über „Identität und Religion" forsche. Jedoch bin ich kurz darauf gegangen. Ich hatte Angst, dass er mich etwas über das Studienjahr fragt. Oder etwas über Identität und Religion, wovon ich keine Ahnung hatte. Vor dem Schlafen habe ich noch überlegt: warum eigentlich nicht? Wer bin ich? Wer ist Gott? Wer bin ich im Vergleich zu Gott? Und: wenn es einen Gott gibt, warum lässt er zu, dass so viele Obdachlose täglich gegen die Kälte kämpfen? Ich stand früh auf, holte mir mein Essen, ging vorher duschen und in die Bücherei. Ohne Probleme. Ich sah ein Regal über Religionen und habe versucht Antworten zu finden. Ich nahm mir fünf Bücher, ging wieder zu den Geschichts- schmökern an meinen Fensterplatz mit dem tollen Ausblick und suchte intensiv nach Antworten. Am Anfang musste ich jeden Tag lange Stunden Interesse vorgaukeln. Jetzt hatte mich wirkliches Interesse gepackt. Ich verbrachte sehr viel Zeit damit die Bücher zu studieren, meine Antworten abzutippen und steckte sehr viel Hoffnung in diese Bücher. Ich las, aß und schlief dort. Wie ein Student. Wochen vergingen und ich hatte immer denselben Tagesablauf: Lesen, essen, duschen, schlafen mal hier, mal dort. Ich hatte wieder einen Sinn gefunden. Ich dachte jeden Tag, dass ich die Antwort „heute" finden würde. Bis mir der Student komische Fragen stellte. Bis er mich nach einem Ausweis fragte. Bis der Portier mich raus warf. Bis ich entlarvt wurde. Kurz bevor ich meine Antwort bekam. Hinaus in die Kälte. Sechs Wochen war ich mittlerweile unerkannt Gast in dieser Bücherei. „Jetzt ist alles vorbei“, dachte ich in Dauerschleife. Kurz vor der Antwort war ich kurz davor. Wieder wurde mir alles weggenommen. Wieder saß ich in der Kälte. Wieder die Kälte besiegen. Wieder al- leine kämpfen. Wieder ein Jahr auf der Straße. Wieder alle Hoffnungen verloren. Wieder keine Antwort erhalten. Wieder wurde mir alles genommen. Das Einzige, was mir blieb, war das Café, die Dusche und ein lächerlicher Name: „Dr. Mystery" hatte ich einige Leute sagen hören. Wieder nichts erreicht. Wieder im Alltagstrott, dem ständigen Kampf um das Überleben. 2. Klassenarbeit Hallo Harry! Ich stehe in der Zeitung! Mann, bin ich aufgeregt. Ich hätte nie gedacht, dass ich damit in die Zeitungen komme. Aber hier, sieh es dir an. Da ist der Artikel, hier der Artikel, der heißt „Schlummern unter dicken Schmökern". Das war eine Ge- schichte, das kann ich dir sagen. Alles hat nur klein angefangen. Ach, Harry, du musst mir schon zuhören und aufpassen. Ansonsten weißt du doch gar nicht, worum www.KlausSchenck.de / Deutsch / Mittelstufe / kreatives Schreiben / S. 4 von 5 2 Klassenarbeiten (90 Minuten) zu: ein Obdachloser in der Uni-Bibliothek es genau geht. Also noch mal, es hat alles an Silvester begonnen. Erinnerst du dich noch? Es war sehr kalt draußen und Schnee ist auch schon gelegen. Brrr ... selbst jetzt wird mir noch kalt, selbst wenn ich nur daran denke. Naja, zurück zur Ge- schichte. Der Schnee lag schon auf der Straße und es wurde langsam Nacht. Viele Menschen waren unterwegs, um sich mit Freunden oder der Familie zu treffen, da sie Silvester miteinander feiern wollten. Mitten unter ihnen bin ich und friere schreck- lich. Hatte ja nur meine dünne Jacke und Mütze an. Da bin ich nun zwischen den ganzen Menschen gelaufen und habe überlegt, wo ich die Nacht verbringen kann. Habe nachgedacht, wo noch ein Plätzchen frei ist für mich. Da kam ich an dieser Universität vorbei. Moment, wie hieß die noch? Ah ja, die Cambridge-Universität. Viele Studenten sind aus dem Gelände gekommen. Aber nicht alle. Das hat meine Neugier geweckt. Also bin ich hinter her gelaufen und habe mich verstohlen umge- sehen. Und weißt du, wohin die alle gegangen sind? Na, weißt du's? Nein? Zu einem sehr großen Gebäude. Am Anfang wusste ich gar nicht, was für ein Gebäude es war und bin einfach so hinterher gegangen. Aber du kannst es dir gar nicht vorstellen, was das für ein Gebäude war. Es war die Bibliothek der Universität. So viele Bücher sah ich an den Seiten, ich wusste am Anfang gar nicht, wo ich zuerst hin sehen soll. Doch dann versperrte mir so ein blödes Drehkreuz den Weg. Ich konnte nicht weiter herein. Ich habe mich unauffällig in eine Ecke gestellt und gewartet, bis eine neue Traube an Studenten durch die Eingangstür gekommen ist. Natürlich habe ich diese dann beobachtet und gesehen, dass sie alle eine Karte hatten, mit der sie das Dreh- kreuz passieren konnten. So eine Magnetkarte. Als dann eine neue Menge an Lern- willigen die Bibliothek betrat, stellte ich mich etwas auffälliger hin und tat so, als durchsuchte ich meine Jackentaschen nach der Karte. Dabei murmelte ich laut vor mich hin, wo denn dieses blöde Ding nur hingekommen sei. Einer der Studenten be- merkte mich, ging auf mich zu und sprach mich an. Er fragte, ob er mich mit rein las- sen soll und ob ich ein Professor sei. Ich nickte nur unbestimmt auf diese Fragen und folgte ihm durch das Drehkreuz. Als wir die Sperre passiert hatten, bedankte ich mich kurz und verabschiedete mich dann. Schnell lief ich zu einer der Regalreihen und verschwand dahinter. Du kannst dir gar nicht vorstellen, wie erleichtert ich war, dass ich nicht aufgeflogen bin. Als sich mein Puls wieder etwas beruhigt hatte, fing ich an, die Bibliothek zu erkunden. Du kannst dir gar nicht vorstellen, wie es da drinnen aus- sieht. Von der Decke hängen ganz viele Lampen. Bücherregale an Bücherregalen reihen sich aneinander. Unterbrochen von Sitznischen und Arbeitsbänken. Alles sehr schick gestaltet. Im öffentlichen Bereich, vorne beim Eingang, gab es sogar drei Computer mit Internetzugang zur freien Benutzung. Es war wie im Paradies. Und diese Wärme. Ach, es war so unglaublich warm und gemütlich. Weißt du, was ich dann auch noch erfahren hab'? Die Bibliothek hat rund um die Uhr offen, jeden Tag. Es ist kaum zu glauben. Ich konnte mein Glück nicht fassen, jetzt hier mitten drin zu stehen, und niemand hat mich blöde angemacht. Ich durchstreifte also in aller Ruhe und Stille, in der Bibliothek ist absolute Ruhe angesagt, die ganzen Regalgänge und probierte auch alle möglichen Sitzgelegenheiten aus. Am besten hat es mir in der Geschichtsbücher-Abteilung gefallen. Die Sessel dort sind so bequem, himmlisch einfach. Nicht zu beschreiben. Ich hatte es geschafft. Ich war so begeistert. Alles www.KlausSchenck.de / Deutsch / Mittelstufe / kreatives Schreiben / S. 5 von 5 2 Klassenarbeiten (90 Minuten) zu: ein Obdachloser in der Uni-Bibliothek warm und dann noch bequeme und gemütliche Sessel... großartig, einfach nur groß- artig. Ich habe es mir auf einem der Sessel gemütlich gemacht und bin sogar einge- schlafen. In die Geschichtsabteilung kommt nur sehr selten einer, so hatte ich meine Ruhe. Am Morgen verließ ich die Bibliothek wieder und habe versucht, draußen Geld zu bekommen. Das ging mehr schlecht als recht. Aber ich bin durchgekommen. Der Gedanke an das warme, gemütliche Plätzchen jedoch, das ich in der Bibliothek ge- funden hatte, ging mir nicht mehr aus dem Kopf. Und am Abend stand ich wieder vor der Eingangstür. Ich überlegte, wie ich am besten wieder durch das Drehkreuz kom- men konnte, kam aber zu keinem richtigen Einfall. Also bin ich einfach so rein und hatte wieder etwas Glück. Es gab wieder jemanden, der mich mit hinein nahm und so konnte ich wieder zu meinem Plätzchen. Ich gewöhnte es mir an, vormittags und nachmittags Geld zu bekommen, kaufte mir dann eine Kleinigkeit zu essen und ging dann wieder zur Bibliothek. Immer, wenn ich bemerkte, dass Leute mich beobachte- ten, tat ich so, als wäre ich sehr beschäftigt. Ich blätterte in alten Wälzern herum und verschickte ab und an eine E-Mail über den allgemeinen Rechner. Einmal hatte ich weniger Glück. Ein Student hat mich versucht auszufragen, warum ich so oft hier sei. Mir fiel nichts Besseres ein als zu sagen, dass ich mich mit dem Thema „Identität und Religion" beschäftige und Nachforschungen dazu betreibe. Jetzt lache doch nicht so. Mir ist nichts Besseres eingefallen. Versuch du doch mal auf die Schnelle eine sinn- volle Antwort zu geben, warum du jeden Tag in einer Bibliothek bist. Weißt du auch, was echt interessant war? Als ich so in einem der Sessel saß, bekam ich einiges mit. Neben mir unterhielten sich drei Mädchen lautstark miteinander. Die Themen waren ganz verschieden, es ging von dem üblichen Klatsch, wer mit dem wem wieder etwas am Laufen hatte, bis hin zu Seminarstunden und welche Inhalte durchgenommen wurden. Oft wurde sich auch über einen der Dozenten lustig gemacht, weil seine Brille anscheinend komisch sein soll. Naja, du kennst das ja. Ich führte also so ein entspanntes Leben, doch dann. Dann kam das Gemeine! Rausgeworfen haben die mich, kannst du dir das vorstellen? Nur, weil ich eingeschlafen bin und etwas ge- schnarcht habe. Nicht zu fassen. Dabei habe ich mir immer solche Mühe gegeben gepflegt auszusehen. Habe mich auf dem Bahnhofsklo gewaschen und auch meine Sachen ständig sauber gehalten und trotzdem haben die mich hinausgeworfen. Nur, weil ich kein Dozent oder Student bin. Und nur, weil diese blöden Möchtegernrepor- ter versucht haben gut dazustehen. Die haben mich vor alle Leute gezerrt und mich mit Fragen bombardiert, wo ich herkomme, wie ich heiße und wo meine Karte für den Durchlass am Drehkreuz sei. Das machte natürlich den Portier auf mich aufmerksam, der mich danach rausschmiss. Es waren so schöne Januartage. Ich konnte im War- men sein und es gemütlich haben. Doch jetzt bin ich wieder draußen in der Kälte. Ach, Mann!