Zweites Buch: Werthers vergebliche Flucht (Herbst bis Sommer)
In den Briefen vom 20. Oktober bis 18. Juni versucht Werther, ohne Lotte auszukommen. Er bemüht sich um Ablenkung, beschäftigt sich mit Arbeit und knüpft neue Bekanntschaften. Doch seine Gedanken kreisen weiterhin um Lotte, was in einem Brief an sie deutlich wird, in dem er seine Gefühle offenbart und sich als „Marionette" beschreibt. Diese Erzählperspektive in Briefform ermöglicht uns einen tiefen Einblick in Werthers Psyche.
Nach seiner Kündigung am Hof („Ich habe meine Dimißion bey hofe verlangt") kehrt Werther zunächst an seinen Geburtsort zurück und verbringt einige Zeit auf einem fürstlichen Jagdschloss. Doch auch dort findet er keine Ruhe und beschließt, trotz besseren Wissens, zu Lotte zurückzukehren: „Ich will nur Lotte wieder näher, das ist alles."
In den Briefen vom 29. Juli bis 6. Dezember (Sommer bis Winter) wird deutlich, dass Werthers Nähe zu Lotte ihm nicht die erhoffte Erleichterung bringt. Seine Situation verschlimmert sich, als er erfährt, dass Lotte und Albert mittlerweile verheiratet sind. Werthers psychischer Zustand verschlechtert sich rapide, er weint viel und sehnt sich nach dem Tod: „Weis Gott, ich lege mich so oft zu Bett mit dem Wunsche, ja manchmal mit der Hoffnung, nicht wieder zu erwachen."
Wichtig für die Analyse: Der Wechsel von Homer zu Ossian als Lektüre markiert Werthers Wandlung vom naturverbundenen, lebensfrohen jungen Mann zum melancholischen, todessehnenden Liebenden. Diese literarischen Bezüge sind für die Briefanalyse in Klausuren besonders relevant.