Erzählperspektiven und Gesellschaftskritik im "Sandmann"
In "Der Sandmann" verwendet Hoffmann verschiedene Erzählperspektiven, die unsere Wahrnehmung der Geschichte beeinflussen. Der Roman beginnt mit Briefen, die eine subjektive Sicht der Briefschreiber vermitteln. Später wechselt die Erzählung zwischen einer Ich-Perspektive (scheinbar subjektiv, aber allwissend) und einer Er-Erzählung (objektiv, berichtend, nicht allwissend).
Die Erzählung übt deutliche Gesellschaftskritik durch die Darstellung von Geschlechterrollen: Clara verkörpert die Aufklärung – sie ist nicht zurückhaltend, sondern kritisiert Nathanael offen. Nathanael hingegen repräsentiert die Romantik und scheitert in seiner Rolle als Ehemann. Hoffmann karikiert dadurch die idealisierten Rollenbilder seiner Zeit.
Die Darstellung des Bürgertums in der "Teegesellschaft" ist ebenfalls kritisch: Die Gesellschaft fällt auf die Automatenfrau Olimpia herein und wird dabei lächerlich gemacht. Sie erkennt die grausame Realität nicht, was Hoffmanns Kritik an der oberflächlichen bürgerlichen Gesellschaft verdeutlicht.
Aha-Moment: Der unzuverlässige Erzähler im "Sandmann" lässt uns als Leser im Unklaren, ob Nathanael tatsächlich wahnsinnig ist oder ob übernatürliche Kräfte am Werk sind – diese Ambiguität ist ein zentrales Element der romantischen Literatur!
Ein besonderes Stilmittel ist die Verbindung des Grausigen mit dem Komischen. Diese Kontraste verstärken sich gegenseitig und werden teilweise erst im Nachhinein deutlich, wie bei Nathanaels zwiespältigem Empfinden gegenüber Olimpia oder der satirischen Beschreibung der Teezirkel im Kontrast zu Nathanaels Wahnsinn.
Die Figur des Automatenmenschen Olimpia erfüllt mehrere Funktionen: Sie ist eine romantische Kritik am mechanisch-materialistischen Fortschritt, ein dämonisches Instrument der Fremdsteuerung, eine Kritik am romantischen Schwärmen und eine literarische Darstellung des Wahnsinns durch die zwanghafte Selbstprojektion Nathanaels.