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Wels Redeanalyse, Rede zum Ermächtigungsgesetz

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 Auszug aus der Rede des SPD-Abgeordneten Otto Wels, der die Ablehnung des Gesetzes
begründet hatte. Wels sprach, während die SA den Saal um

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Redeanalyse von Otto Wels Rede zum Ermächtigungsgesetz

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Auszug aus der Rede des SPD-Abgeordneten Otto Wels, der die Ablehnung des Gesetzes begründet hatte. Wels sprach, während die SA den Saal umstellt hatte und die KPD-Abgeordneten bereits verhaftet waren: ,,Nach der Verfolgung, die die Sozialdemokratische Partei in der letzten Zeit erfahren hat, wird billigerweise niemand von ihr verlangen oder erwarten können, dass sie für das hier eingebrachte 5 Ermächtigungsgesetz stimmt. Die Wahlen vom 5. März haben den Regierungsparteien die Mehrheit gebracht und damit die Möglichkeit gegeben, streng nach Wortlaut und Sinn der Verfassung zu regieren. Wo diese Möglichkeit besteht, besteht auch die Pflicht. Kritik ist heilsam und notwendig. Noch niemals, seit es einen Deutschen Reichstag gibt, ist die Kontrolle der öffentlichen 10 Angelegenheiten durch die gewählten Vertreter des Volkes in solchem Maße ausgeschaltet worden, wie es jetzt geschieht und wie es durch das neue Ermächtigungsgesetz noch mehr geschehen soll. Eine solche Allmacht der Regierung muss sich umso schwerer auswirken, als auch die Presse jeder Bewegungsfreiheit entbehrt. Die Zustände, die heute in Deutschland herrschen, werden vielfach in krassen Farben 15 geschildert. Wie immer in solchen Fällen fehlt es nicht an Übertreibungen. Was meine Partei betrifft, so erkläre ich hier: Wir haben weder in Paris um Intervention gebeten noch Millionen nach Prag verschoben, noch übertreibende Nachrichten ins Ausland gebracht. Solchen Übertreibungen entgegenzutreten wäre leichter, wenn im Inland eine Berichterstattung möglich...

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wäre, die Wahres von Falschem unterscheidet. Noch besser wäre es, wenn wir mit 20 gutem Gewissen bezeugen könnten, dass die volle Rechtssicherheit für alle wiederhergestellt sei ... Die Herren von der Nationalsozialistischen Partei nennen die von ihnen entfesselte Bewegung eine nationale Revolution, nicht eine nationalsozialistische. Das Verhältnis ihrer Revolution zum Sozialismus beschränkt sich bisher auf den Versuch, die sozialdemokratische Bewegung 25 zu vernichten, die seit mehr als zwei Menschenaltern die Trägerin sozialistischen Gedankenguts gewesen ist und auch bleiben wird. Wollten die Herren von der Nationalsozialistischen Partei sozialistische Taten verrichten, sie brauchten kein Ermächtigungsgesetz. Eine erdrückende Mehrheit wäre ihnen in diesem Hause gewiss [...] 30 Aber dennoch wollten Sie vorerst den Reichstag ausschalten, um ihre Revolution fortzusetzen. Zerstörung von Bestehendem ist aber noch keine Revolution. Das Volk erwartet positive Leistungen. Es erwartet auch durchgreifende Maßnahmen gegen das furchtbare Wirtschaftselend, das nicht nur in Deutschland, sondern darüber hinaus in aller Welt herrscht. Wir Sozialdemokraten haben in schwerster Zeit Mitverantwortung getragen und sind dafür 35 mit Steinen beworfen worden. Unsere Leistungen für den Wiederaufbau von Staat und Wirtschaft, für die Befreiung der besetzten Gebiete werden vor der Geschichte bestehen. Wir haben gleiches Recht für alle und ein soziales Arbeitsrecht geschaffen. Wir haben geholfen, ein Deutschland zu schaffen, in dem nicht nur Fürsten und Baronen, sondern auch Männern aus der Arbeiterklasse der Weg zur Führung des Staates offensteht. 40 Davon können Sie nicht zurück, ohne ihren eigenen Führer preiszugeben. Vergeblich wird der Versuch bleiben, das Rad der Geschichte zurückzudrehen. Wir Sozialdemokraten wissen, dass man machtpolitische Tatsachen durch bloße Rechtsverwahrungen nicht beseitigen kann. Wir sehen die machtpolitische Tatsache Ihrer augenblicklichen Herrschaft. Aber auch das Rechtsbewusstsein des Volkes ist eine politische 45 Macht, und wir werden nicht aufhören, an dieses Rechtsbewusstsein zu appellieren. Die Verfassung der Weimarer Republik ist keine sozialistische Verfassung. Aber wir stehen zu den Grundsätzen des Rechtsstaates und der Gleichberechtigung, des sozialen Rechtes. Wir deutschen Sozialdemokraten bekennen uns in dieser geschichtlichen Stunde feierlich zu den Grundsätzen der Menschlichkeit und der Gerechtigkeit, der Freiheit und des Sozialismus. 50 Kein Ermächtigungsgesetz gibt Ihnen die Macht, Ideen, die ewig und unzerstörbar sind, zu vernichten. Sie selbst haben sich ja zum Sozialismus bekannt. Das Sozialistengesetz hat die Sozialdemokratie nicht vernichtet. Auch aus neuen Verfolgungen kann die deutsche Sozialdemokratie neue Kraft schöpfen...“ ¹ zitiert nach: Die deutsche Geschichte, Band 3, S. 458, Archiv Verlag GmbH, Braunschweig 2001. "11 Analyse: In dem Auszug der Rede von Otto Wels, die er nach der Machtübernahme der NSDAP nach der Reichstagswahl am 23.03.1933 und der ersten Verhaftungswelle hielt, begründet er die Ablehnung des Ermächtigungsgesetzes seiner Partei, der SPD. Er wollte die Durchsetzung des Ermächtigungsgesetzes verhindern, da diese "Allmacht der Regierung" (Z. 12) nach der Durchsetzung des Gesetzes den Untergang der Demokratie bedeutete. Die Rede fand im Reichstag statt, während der Saal von der SA umstellt war und KPD-Abgeordnete bereits verhaftet worden sind. Otto Wels hielt die Rede als SPD-Politiker um sich im Sinne seiner Partei gegen das Ermächtigungsgesetz auszusprechen. Das Thema ist somit vorwiegend das Ermächtigungsgesetz. Wels führt die Geschehnisse der SPD- Verfolgung und des Wahlergebnisses auf und erklärt daran, dass die Möglichkeit und gleichzeitig Pflicht bestehe, im Rahmen der Verfassung zu regieren (vgl. Z. 6 ff.). Er ist der Meinung, dass Kritik "heilsam und notwendig” (Z. 8) sei, und äußert dann auch offen Kritik an der NSDAP. Diese Kritik umfasst Übertreibungen (vgl. Z. 15), die stark eingeschränkte Pressefreiheit (vgl. Z. 12 f.), daraus resultierende falsche Berichterstattungen (vgl. Z. 18 f.) und die fehlende Rechtssicherheit (vgl. Z. 19 ff.). Weiter listet Wels auf, was die SPD alles für den Staat und die Wirtschaft geleistet habe (vgl. Z. 34 ff.) und er appelliert an das Rechtsbewusstsein des Volkes (vgl. Z. 44 f.). Die Intention bestand darin, die Abgeordneten umzustimmen und ihre Meinung gegen das Ermächtigungsgesetz zu lenken, welche sich zu dem Zeitpunkt aber schon entschieden hatten. Der Auszug ist in Abschnitte eingeteilt, die jeweils Argumente umfassen. In den ersten drei Abschnitten spricht Wels sich zunächst gegen das Ermächtigungsgesetz aus und begründet dies anschließend, in dem er unter anderem auf die Verfolgung der SPD eingeht. Dies zeigt sofort, dass zu der Zeit nicht mehr gleiches Recht für alle galt. Anschließend äußert er in den folgenden Abschnitten Kritik an der Regierung und auch der Ideologie des Nationalsozialismus. Er geht auch darauf ein, dass die Presse sehr eingeschränkt sei und dies falsche Berichterstattungen zur Folge hat (vgl. Z. 17 f.). Wels bestreitet den Nationalsozialisten das Recht, von einer "nationalen Revolution" (Z. 23) zu sprechen, da sie sich nicht dem Volk verpflichten, und erörtert dann das Wort Sozialismus detailnah. Dies macht er vermutlich, da die SPD den Begriff im Namen trägt, und um die Sozialdemokraten von den Nationalsozialisten abzugrenzen. Er wirft ihnen auch die “Zerstörung von Bestehendem” (Z. 31) vor, die seiner Meinung nach nicht im Sinne einer Revolution ist. Dabei greift er die Prinzipien des Sozialismus auf, dass das Volk positive Leistungen erwarte (vgl. Z. 31 f.) und die Politiker dem Volk verpflichtet seien. Dies bildet einen Gegensatz zu den Nationalsozialisten, wobei seine vorherige Abgrenzung von Sozialisten und Nationalsozialisten zum Tragen kommt. Weiter erläutert Wels die Leistungen der SPD in der Vergangenheit, wobei er wieder antithetisch arbeitet. Er zeigt den Kontrast zwischen den vorher aufgeführten negativen Folgen der Regierung der NSDAP und den positiven Folgen der Regierung der SPD nach dem 1. Weltkrieg. Dadurch wird sowohl die eigene Partei aufgewertet, als auch die NSDAP erneut deutlich abgegrenzt. Dies drückt er auch sprachlich aus, indem er "die Herren von der Nationalsozialistischen Partei" (Z. 22, 27) von denen der SPD abgrenzt, für welche er repräsentativ durch "Wir Sozialdemokraten" (Z. 34, 42) spricht. Durch den generell vermehrten Gebrauch des Personal pronomens "wir” (Z. 45, 46, 47) erzeugt Wels unter den SPD-Politikern ein Einheitsgefühl, das ihnen vielleicht Hoffnung spendet das Ermächtigungsgesetz doch noch verhindern zu können. Gleichzeitig demonstriert er damit den Nationalsozialisten, dass sie noch nicht gewonnen haben und es Gegenwind von Seiten der SPD gibt. Da das Verhältnis von der SPD zur NSDAP zur Zeit der Rede sehr schwierig war, ist diese klare Abgrenzung verständlich. Die Sozialdemokraten waren eine Fraktion im Reichstag und auch parlamentarisch mit den Nationalsozialisten verbunden, während sie gleichzeitig von ihnen verfolgt wurden (vgl. Z. 1 ff.). Wels stellt einen Appell an das Volk, da dessen Rechtsbewusstsein eine politische Macht sei (vgl. Z. 44 f.), wodurch er jedem einzelnen deutschen Staatsbürger eine politische Verantwortung gegenüber der Gesellschaft zuschreibt. Das ist gleichzeitig ein Appell aktiv zu werden, statt wie vorher nur passiver Mitläufer zu sein. Dadurch, dass er sich im Namen der SPD zu den "Grundsätzen der Menschlichkeit und der Gerechtigkeit, der Freiheit und des Sozialismus” (Z. 49) bekennt, drückt er in diesem Kontext aus, dass das Ermächtigungsgesetz und damit auch die Ideologie des Nationalsozialismus gegen diese Grundsätze gehen würde. Im darauffolgenden und letzten Abschnitt stellt der einen Widerspruch in der Logik der Nationalsozialisten heraus, weil sich diese selbst zum Sozialismus bekannt hätten (vgl. Z. 51), das Ermächtigungsgesetz die Macht verleiht auch die Prinzipien des Sozialismus auszusetzen und Wels ein Ziel der "nationale[n] Revolution” (Z. 22) darin sieht, die sozialdemokratische Bewegung zu vernichten. Die Rede hat Wels mit Selbstsicherheit und Bestimmtheit vorgetragen, was ihn als Person auch sicher erscheinen lässt. Dies erweckt mehr Unterstützung von Parteimitgliedern, Vertrauen beim Volk und zeigt den Nationalsozialisten, dass sie keine volle Zustimmung haben und sich die Meinung von Einigen nicht so leicht beeinflussen lässt, wie es für sie von großem Vorteil wäre. Abschließend kann ich sagen, dass ich die Rede von Otto Wels zum Ermächtigungsgesetz gut finde. Er hat in der damaligen aussichtslosen Situation der SPD die Hoffnung nicht aufgegeben und seine Meinung vertreten; seine Motivation zur Rede ist lobenswert. Inhaltlich ist er immer bei der Sache und sachlich geblieben und hat seinen Argumentationsgang verständlich erklärt, was bei den Nationalsozialisten leider nicht auf viel Anerkennung stößt. Sprachlich hat er sich gut ausgedrückt und passende Personalpronomen wiederholt eingesetzt. Insgesamt hat er sich und die SPD durch Antithetik deutlich von den Nationalsozialisten abgegrenzt und der Rede zusätzlich einen appellativen Charakter verliehen, was bei einer Rede sehr sinnvoll ist.

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So ein schöner Lernzettel 😍😍 super nützlich und hilfreich!

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Es erwartet auch durchgreifende Maßnahmen gegen das furchtbare Wirtschaftselend, das nicht nur in Deutschland, sondern darüber hinaus in aller Welt herrscht. Wir Sozialdemokraten haben in schwerster Zeit Mitverantwortung getragen und sind dafür 35 mit Steinen beworfen worden. Unsere Leistungen für den Wiederaufbau von Staat und Wirtschaft, für die Befreiung der besetzten Gebiete werden vor der Geschichte bestehen. Wir haben gleiches Recht für alle und ein soziales Arbeitsrecht geschaffen. Wir haben geholfen, ein Deutschland zu schaffen, in dem nicht nur Fürsten und Baronen, sondern auch Männern aus der Arbeiterklasse der Weg zur Führung des Staates offensteht. 40 Davon können Sie nicht zurück, ohne ihren eigenen Führer preiszugeben. Vergeblich wird der Versuch bleiben, das Rad der Geschichte zurückzudrehen. Wir Sozialdemokraten wissen, dass man machtpolitische Tatsachen durch bloße Rechtsverwahrungen nicht beseitigen kann. Wir sehen die machtpolitische Tatsache Ihrer augenblicklichen Herrschaft. Aber auch das Rechtsbewusstsein des Volkes ist eine politische 45 Macht, und wir werden nicht aufhören, an dieses Rechtsbewusstsein zu appellieren. Die Verfassung der Weimarer Republik ist keine sozialistische Verfassung. Aber wir stehen zu den Grundsätzen des Rechtsstaates und der Gleichberechtigung, des sozialen Rechtes. Wir deutschen Sozialdemokraten bekennen uns in dieser geschichtlichen Stunde feierlich zu den Grundsätzen der Menschlichkeit und der Gerechtigkeit, der Freiheit und des Sozialismus. 50 Kein Ermächtigungsgesetz gibt Ihnen die Macht, Ideen, die ewig und unzerstörbar sind, zu vernichten. Sie selbst haben sich ja zum Sozialismus bekannt. Das Sozialistengesetz hat die Sozialdemokratie nicht vernichtet. Auch aus neuen Verfolgungen kann die deutsche Sozialdemokratie neue Kraft schöpfen...“ ¹ zitiert nach: Die deutsche Geschichte, Band 3, S. 458, Archiv Verlag GmbH, Braunschweig 2001. "11 Analyse: In dem Auszug der Rede von Otto Wels, die er nach der Machtübernahme der NSDAP nach der Reichstagswahl am 23.03.1933 und der ersten Verhaftungswelle hielt, begründet er die Ablehnung des Ermächtigungsgesetzes seiner Partei, der SPD. Er wollte die Durchsetzung des Ermächtigungsgesetzes verhindern, da diese "Allmacht der Regierung" (Z. 12) nach der Durchsetzung des Gesetzes den Untergang der Demokratie bedeutete. Die Rede fand im Reichstag statt, während der Saal von der SA umstellt war und KPD-Abgeordnete bereits verhaftet worden sind. Otto Wels hielt die Rede als SPD-Politiker um sich im Sinne seiner Partei gegen das Ermächtigungsgesetz auszusprechen. Das Thema ist somit vorwiegend das Ermächtigungsgesetz. Wels führt die Geschehnisse der SPD- Verfolgung und des Wahlergebnisses auf und erklärt daran, dass die Möglichkeit und gleichzeitig Pflicht bestehe, im Rahmen der Verfassung zu regieren (vgl. Z. 6 ff.). Er ist der Meinung, dass Kritik "heilsam und notwendig” (Z. 8) sei, und äußert dann auch offen Kritik an der NSDAP. Diese Kritik umfasst Übertreibungen (vgl. Z. 15), die stark eingeschränkte Pressefreiheit (vgl. Z. 12 f.), daraus resultierende falsche Berichterstattungen (vgl. Z. 18 f.) und die fehlende Rechtssicherheit (vgl. Z. 19 ff.). Weiter listet Wels auf, was die SPD alles für den Staat und die Wirtschaft geleistet habe (vgl. Z. 34 ff.) und er appelliert an das Rechtsbewusstsein des Volkes (vgl. Z. 44 f.). Die Intention bestand darin, die Abgeordneten umzustimmen und ihre Meinung gegen das Ermächtigungsgesetz zu lenken, welche sich zu dem Zeitpunkt aber schon entschieden hatten. Der Auszug ist in Abschnitte eingeteilt, die jeweils Argumente umfassen. In den ersten drei Abschnitten spricht Wels sich zunächst gegen das Ermächtigungsgesetz aus und begründet dies anschließend, in dem er unter anderem auf die Verfolgung der SPD eingeht. Dies zeigt sofort, dass zu der Zeit nicht mehr gleiches Recht für alle galt. Anschließend äußert er in den folgenden Abschnitten Kritik an der Regierung und auch der Ideologie des Nationalsozialismus. Er geht auch darauf ein, dass die Presse sehr eingeschränkt sei und dies falsche Berichterstattungen zur Folge hat (vgl. Z. 17 f.). Wels bestreitet den Nationalsozialisten das Recht, von einer "nationalen Revolution" (Z. 23) zu sprechen, da sie sich nicht dem Volk verpflichten, und erörtert dann das Wort Sozialismus detailnah. Dies macht er vermutlich, da die SPD den Begriff im Namen trägt, und um die Sozialdemokraten von den Nationalsozialisten abzugrenzen. Er wirft ihnen auch die “Zerstörung von Bestehendem” (Z. 31) vor, die seiner Meinung nach nicht im Sinne einer Revolution ist. Dabei greift er die Prinzipien des Sozialismus auf, dass das Volk positive Leistungen erwarte (vgl. Z. 31 f.) und die Politiker dem Volk verpflichtet seien. Dies bildet einen Gegensatz zu den Nationalsozialisten, wobei seine vorherige Abgrenzung von Sozialisten und Nationalsozialisten zum Tragen kommt. Weiter erläutert Wels die Leistungen der SPD in der Vergangenheit, wobei er wieder antithetisch arbeitet. Er zeigt den Kontrast zwischen den vorher aufgeführten negativen Folgen der Regierung der NSDAP und den positiven Folgen der Regierung der SPD nach dem 1. Weltkrieg. Dadurch wird sowohl die eigene Partei aufgewertet, als auch die NSDAP erneut deutlich abgegrenzt. Dies drückt er auch sprachlich aus, indem er "die Herren von der Nationalsozialistischen Partei" (Z. 22, 27) von denen der SPD abgrenzt, für welche er repräsentativ durch "Wir Sozialdemokraten" (Z. 34, 42) spricht. Durch den generell vermehrten Gebrauch des Personal pronomens "wir” (Z. 45, 46, 47) erzeugt Wels unter den SPD-Politikern ein Einheitsgefühl, das ihnen vielleicht Hoffnung spendet das Ermächtigungsgesetz doch noch verhindern zu können. Gleichzeitig demonstriert er damit den Nationalsozialisten, dass sie noch nicht gewonnen haben und es Gegenwind von Seiten der SPD gibt. Da das Verhältnis von der SPD zur NSDAP zur Zeit der Rede sehr schwierig war, ist diese klare Abgrenzung verständlich. Die Sozialdemokraten waren eine Fraktion im Reichstag und auch parlamentarisch mit den Nationalsozialisten verbunden, während sie gleichzeitig von ihnen verfolgt wurden (vgl. Z. 1 ff.). Wels stellt einen Appell an das Volk, da dessen Rechtsbewusstsein eine politische Macht sei (vgl. Z. 44 f.), wodurch er jedem einzelnen deutschen Staatsbürger eine politische Verantwortung gegenüber der Gesellschaft zuschreibt. Das ist gleichzeitig ein Appell aktiv zu werden, statt wie vorher nur passiver Mitläufer zu sein. Dadurch, dass er sich im Namen der SPD zu den "Grundsätzen der Menschlichkeit und der Gerechtigkeit, der Freiheit und des Sozialismus” (Z. 49) bekennt, drückt er in diesem Kontext aus, dass das Ermächtigungsgesetz und damit auch die Ideologie des Nationalsozialismus gegen diese Grundsätze gehen würde. Im darauffolgenden und letzten Abschnitt stellt der einen Widerspruch in der Logik der Nationalsozialisten heraus, weil sich diese selbst zum Sozialismus bekannt hätten (vgl. Z. 51), das Ermächtigungsgesetz die Macht verleiht auch die Prinzipien des Sozialismus auszusetzen und Wels ein Ziel der "nationale[n] Revolution” (Z. 22) darin sieht, die sozialdemokratische Bewegung zu vernichten. Die Rede hat Wels mit Selbstsicherheit und Bestimmtheit vorgetragen, was ihn als Person auch sicher erscheinen lässt. Dies erweckt mehr Unterstützung von Parteimitgliedern, Vertrauen beim Volk und zeigt den Nationalsozialisten, dass sie keine volle Zustimmung haben und sich die Meinung von Einigen nicht so leicht beeinflussen lässt, wie es für sie von großem Vorteil wäre. Abschließend kann ich sagen, dass ich die Rede von Otto Wels zum Ermächtigungsgesetz gut finde. Er hat in der damaligen aussichtslosen Situation der SPD die Hoffnung nicht aufgegeben und seine Meinung vertreten; seine Motivation zur Rede ist lobenswert. Inhaltlich ist er immer bei der Sache und sachlich geblieben und hat seinen Argumentationsgang verständlich erklärt, was bei den Nationalsozialisten leider nicht auf viel Anerkennung stößt. Sprachlich hat er sich gut ausgedrückt und passende Personalpronomen wiederholt eingesetzt. Insgesamt hat er sich und die SPD durch Antithetik deutlich von den Nationalsozialisten abgegrenzt und der Rede zusätzlich einen appellativen Charakter verliehen, was bei einer Rede sehr sinnvoll ist.