Gerechtigkeitsprinzipien und ihre Formen
Chaim Perelman hat verschiedene Gerechtigkeitsprinzipien formuliert, die uns helfen, Gerechtigkeit zu verstehen:
-
Jedem gemäß seinem Rang
- Ältestes Prinzip in Staaten
- Menschen werden als von Geburt an ungleich betrachtet
- War in Antike, Mittelalter und sogar in unserem Jahrhundert verbreitet
- Thomas von Aquin: Rang bestimmt durch Reichtum, Macht, Freiheit
-
Jedem gemäß seinen Verdiensten
- Lebensführung ist ausschlaggebend
- Unterscheidung: Zählt nur der gute Wille (Kant) oder der Erfolg?
- Biblisches Beispiel: Die Guten haben anderen zu essen gegeben
-
Jedem nach seinem Einsatz
- Nur der Wille zählt
- Beispiel: Ein fleißiger, aber schwacher Schüler bekommt gute Noten
-
Jedem gemäß seinen Werken
- Nur das Resultat zählt (utilitaristischer Ansatz)
- Das Ergebnis muss der Gesellschaft nützen
-
Jedem nach seiner Leistung
- Berücksichtigt Resultat und externe Effekte
- Grundpfeiler vieler Gesellschaftsordnungen
-
Jedem gemäß seinen Bedürfnissen
- Marxistischer Ansatz
- Jeder bekommt, was er benötigt
-
Jedem das Gleiche
-
Jedem gemäß dem ihm durch das Gesetz Zugeteilten
- Gerechtigkeit wird durch Gesetze definiert
- Moderner Ansatz, der viele Formeln vereint
John Rawls: Gerechtigkeit als Fairness
John Rawls entwickelte eine Theorie der Gerechtigkeit, die auf Fairness basiert:
- Naturzustand: Grundvereinbarungen werden fair ausgehandelt
- Schleier des Nichtwissens: Niemand kennt seinen Platz in der Gesellschaft
- Gleichheitsprinzip: Alle haben gleiche Rechte und Grundfreiheiten
- Differenzprinzip: Ungleichheiten sind nur zu jedermanns Vorteil zulässig
Formen der Gerechtigkeit
| Form | Erklärung | Beispiel |
|---|---|---|
| Soziale Gerechtigkeit | Staatliche Unterstützung für Einkommensschwache | Hartz IV |
| Leistungsgerechtigkeit | Lohn nach Leistung | Akkordarbeit |
| Chancengerechtigkeit | Angemessene Chancen für alle | Bildungszugang |
| Verteilungsgerechtigkeit | Gerechte Verteilung von Lasten | Progressive Steuern |
| Generationengerechtigkeit | Gerechter Ausgleich zwischen Generationen | Nachhaltige Politik |
| Strafgerechtigkeit | Gerechte Bestrafung | Angemessene Strafen |
| Gleichberechtigung | Gleiche Rechte für alle | Gleiches Gehalt |
Aristoteles' Gerechtigkeitskonzept:
-
Distributive Gerechtigkeit (austeilende Gerechtigkeit)
- Gleiche bekommen Gleiches, Ungleiche Ungleiches
- Angemessene Verteilung
-
Kommunikative Gerechtigkeit (ausgleichende Gerechtigkeit)
- Ausgleich von Verlusten/Schäden
- Strafrecht
Recht und Gerechtigkeit
Es gibt drei Ebenen von Normen:
- Moralnormen - freiwillig einzuhalten, nicht strafbar
- Rechtsnormen - müssen eingehalten werden, sonst Strafe
- Verfassungsnormen - Rechtsnormen der höchsten Stufe (Grundgesetz)
Wichtiger Begriff: Der Schleier des Nichtwissens ist ein Gedankenexperiment von John Rawls. Es besagt, dass Menschen faire Gerechtigkeitsprinzipien aufstellen würden, wenn sie nicht wüssten, welche Position sie selbst in der Gesellschaft einnehmen werden. Dies fördert Entscheidungen, die für alle vorteilhaft sind, nicht nur für privilegierte Gruppen.



































