Analyse einer Schlüsselszene (S. 60-64)
In dieser wichtigen Textstelle aus "Der Trafikant" wurde die Trafik mit Tierblut beschmiert: "SCHLEICH DICH, JUDENFREUND". Die Figurenkonstellation zeigt Otto Trsnjek als mutigen Widerständler gegen die nationalsozialistische Ideologie. Der etwa 60-jährige Trafikant, der im Ersten Weltkrieg sein Bein verloren hat, nimmt hier eine Mentorrolle für Franz ein.
Die Beziehung zwischen Franz und Otto ist von Respekt geprägt. Otto spricht zwar rau mit Franz ("Mach halt die Augen auf!"), fungiert aber als wichtiges Vorbild. Er lehrt Franz, kritisch zu denken und sich eine eigene politische Meinung zu bilden. Otto Trsnjek zeigt Zivilcourage, indem er dem Metzger, den er für die Schmiererei verantwortlich macht, direkt konfrontiert.
Der auktoriale Erzähler schildert die Ereignisse aus Franz' Perspektive mit bildhafter Sprache. Seethalers Schreibstil ist reich an Metaphern und detaillierten Beschreibungen – die Schmierereien werden als "eklig", "trocken", "verkrustet" beschrieben. Diese Unmittelbarkeit der Darstellung ermöglicht es dem Leser, sich in Franz' Lage hineinzuversetzen.
Achtung! Diese Szene ist besonders wichtig für die Charakterisierung von Otto Trsnjek. Er ist mehr als nur Franz' Arbeitgeber – er verkörpert den Mut zum Widerstand in einer Zeit zunehmender Repression. Ottos Warnung, dass "bis jetzt" nur Tierblut vergossen wurde, ist eine düstere Vorausdeutung auf kommende Ereignisse im Roman.