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Klassenarbeiten/Lyrik (D-Abi/BW) mit Anforderungsprofil plus visualisierter Lösung

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www.KlausSchenck.de / Deutsch / Beispielaufsatz: Gedichtvergleich / Liebeslyrik
Goethe: "Willkommen und Abschied” u. Günderrode: "Kuss im
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Klassenarbeiten/Lyrik (D-Abi/BW) mit Anforderungsprofil plus visualisierter Lösung

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Klaus Schenck

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Ausarbeitung

1. Anforderungsprofil (Aufbau, Strategie, visualisierte Lösung und Zeitplan), 2. Klassenarbeit: Werkvergleich/Liebeslyrik, 3. Klassenarbeit: Werkvergleich/Naturlyrik

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1 www.KlausSchenck.de / Deutsch / Beispielaufsatz: Gedichtvergleich / Liebeslyrik Goethe: "Willkommen und Abschied” u. Günderrode: "Kuss im Traume” / S. 1 von 7 5 Gedicht-Texte 10 15 Gedichtvergleich / Liebeslyrik 20 Aufgabenstellung: Interpretiere und vergleiche die Gedichte. Johann Wolfgang von Goethe: Willkommen und Abschied Erste Fassung (1771) Mir schlug das Herz. Geschwind, zu Pferde! Und fort, wild wie ein Held zur Schlacht. Der Abend wiegte schon die Erde, Und an den Bergen hing die Nacht. Schon stund im Nebelkleid die Eiche Wie ein getürmter Riese da, Wo Finsternis aus dem Gesträuche Mit hundert schwarzen Augen sah. Der Mond von einem Wolkenhügel Sah schläfrig aus dem Duft hervor, Die Winde schwangen leise Flügel, Umsausten schauerlich mein Ohr. Die Nacht schuf tausend Ungeheuer, Doch tausendfacher war mein Mut, Mein Geist war ein verzehrend Feuer, Mein ganzes Herz zerfloss in Glut. Ich sah dich, und die milde Freude Floß aus dem süßen Blick auf mich. Ganz war mein Herz an deiner Seite, Und jeder Atemzug für dich. Ein rosenfarbes Frühlingswetter Lag auf dem lieblichen Gesicht 5 Karoline von Günderrode: Der Kuss im Traume Es hat ein Kuss mir Leben eingehaucht, Gestillet meines Busens tiefstes Schmachten. Komm, Dunkelheit! mich traulich zu umnachten, Dass neue Wonne meine Lippe saugt. 13 14 In Träume war solch Leben eingetaucht, Drum leb' ich, ewig Träume zu betrachten, Kann aller andern Freuden Glanz verachten, Weil nur die Nacht so süßen Balsam haucht. Der Tag ist karg an liebesüßen Wonnen, 10 Es schmerzt mich seines Lichtes eitles Prangen Und...

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mich verzehren seiner Sonne Gluthen. 12 Drum birg dich Aug' dem Glanze irrd' scher Sonnen! Hüll' dich in Nacht, sie stillet dein Verlangen Und heilt den Schmerz, wie Lethes kühle Fluten. Epochendarstellung, Reimschema, Lösungsstrategien, Aufbau des Abi-Gedichtvergleichs finden sich in: Abitur 2018 Baden-Württemberg Deutsch / Bange-Verlag / 12,99€ www.KlausSchenck.de / Deutsch / Beispielaufsatz: Gedichtvergleich / Liebeslyrik Goethe: "Willkommen und Abschied" u. Günderrode: “Kuss im Traume” / S. 2 von 7 25 30 Und Zärtlichkeit für mich, ihr Götter, Ich hofft' es, ich verdient' es nicht. Der Abschied, wie bedrängt, wie trübe! Aus deinen Blicken sprach dein Herz. In deinen Küssen welche Liebe, O welche Wonne, welcher Schmerz! Du gingst, ich stund und sah zur Erden Und sah dir nach mit nassem Blick. Und doch, welch Glück! geliebt zu werden, Und lieben, Götter, welch ein Glück! 1. Einleitung zum Gedichtvergleich Sehnsucht ist der rote Faden der Liebesgedichte „Willkommen und Abschied" (Erstfassung) von Johann Wolfgang von Goethe und „Der Kuss im Traume“ von Karoline von Günderrode. Nach Liebe sehnen sich beide lyrischen Ichs, nur die Erfüllung kann unterschiedlicher kaum gedacht werden: Goethe bei seiner Geliebten in Sessenheim, von Günderrode ausschließlich in nächtlichen Phantasien. Damit ist auch in Blick auf die Epochenzuordnung eine Richtung gewiesen: Sturm und Drang bei Goethe und die Epoche der Romantik bei Günderrode. 2. Gedichtinterpretation ,,Willkommen und Abschied" 2.1 Einleitung Das Goethe-Gedicht „Willkommen und Abschied", geschrieben 1771 in vierfüßigem Jambus mit Kreuzreim, atmet schon im Titel das Gegensätzliche: Ankunft und Abschied. Das lyrische Ich, das mit Goethe zu identifizieren ist, reitet nachts zu seiner Geliebten, verbringt die Nacht bei ihr und nimmt am Morgen unter Tränen Abschied. Zeitlich, sprachlich und inhaltlich ist das Gedicht der Epoche „Sturm und Drang" zuzuordnen. 2.2 Inhaltsangabe Kurz entschlossen reitet das lyrische Ich durch den angsteinflößenden nächtlichen Wald zu seiner Geliebten und empfindet es beglückend in ihrer sanften Nähe zu sein. Am Morgen nimmt das lyrische Ich unter Tränen von ihr Abschied, wobei es das Glück über die Liebe in seinem Herzen bewahrt. Epochendarstellung, Reimschema, Lösungsstrategien, Aufbau des Abi-Gedichtvergleichs finden sich in: Abitur 2018 Baden-Württemberg Deutsch / Bange-Verlag / 12,99€ www.KlausSchenck.de / Deutsch / Beispielaufsatz: Gedichtvergleich / Liebeslyrik Goethe: "Willkommen und Abschied” u. Günderrode: "Kuss im Traume” / S. 3 von 7 2.3 Interpretation (besonders der Vergleichspunkte) Schon zu Beginn des Gedichtes dominiert das konkrete Tun, das zielorientierte Vorgehen: „Mir schlug das Herz. Geschwind, zu Pferde!“ (Z. 1). Zunächst wird der hereinbrechende Abend fast mütterlich als Wiegen der Erde geschildert, um sehr bald das Ängstigende der „Finsternis (…..), [die] [m]it hundert schwarzen Augen sah“ (Z. 8), zu betonen. Dieses Spiel zwischen sanfter und dann beängstigender Nachtschilderung durchzieht auch die zweite Strophe. „Die Nacht, [die] tausend Ungeheuer [schuf]“ (Z. 13), wird als Herausforderung für das lyrische Ich aufgebaut, sie ist eine ihm feindlich gesinnte Welt, der er nur mit „tausendfache[m]“ (Z. 14) Mut trotzen kann. Was ihn vorantreibt, ist „Feuer“ (Z. 15) und „Glut“ (Z. 16) für die Geliebte. Es folgt dann in der dritten Strophe der Wechsel von den eher männlich dominierten Begriffen von „Schlacht“ (Z. 2), „Nacht“ (Z. 4) und „Mut“ Z. 14) zu „milde[r] Freude“ (Z. 17), „süße[m] Blick“ (Z. 18) und „liebliche[m] Gesicht“ (Z. 22). Die Begegnung mit der Geliebten verändert das lyrische Ich, denn „milde Freude / Floß aus dem süßen Blick auf mich" (Z. 17f.). Die erfahrene Vereinigung mit ihr in der „Zärtlichkeit“ (Z. 23) erfüllt sein,Hoffen' (vgl. Z. 24). Der zu frühe Abschied in der letzten Strophe spiegelt das Herz der Geliebten in ihren Blicken, denen dann Küsse folgen, die in der Triade (Z. 27f.) „Liebe“, „Wonne" und "Schmerz" gefasst werden. Auch wenn das lyrische Ich „mit nassem Blick“ (Z. 30) der Geliebten nachsieht, so bleibt in ihm über den Abschied hinaus jubelnd die Erkenntnis: ,,Und doch, welch Glück! Geliebt zu werden, / Und lieben, Götter, welch ein Glück!" (Z. 32). 3. Gedichtinterpretation ,,Der Kuss im Träume" 3.1 Einleitung In dem in Sonettform verfassten Gedicht „Der Kuss im Traume“ von Karoline von Günderrode findet die Liebessehnsucht nur in der Nacht die vom lyrischen Ich sich erträumte Erfüllung, während der Tag die Realität sichtbar macht und folglich abgelehnt wird. Das Gedicht ist im fünfhebigen Jambus ohne Mittelzäsur verfasst, im umschließenden Reim die Quartette, im verschränkten Reim die Terzette. Die Betonung der Nacht, verbunden mit Todessehnsucht und Allverbundenheit im Reich der Phantasie, verortet das Gedicht in die Epoche der Romantik. 3.2 Inhaltsangabe Das lyrische Ich scheint wie in Trance sich einer Liebessehnsucht hinzugeben, die nur im Traum, also in der Nacht, gestillt werden kann. Folglich wird auch die Nacht aufgefordert, den Rahmen für die Traumwelt zu schaffen. Der Nacht wird der Tag antithetisch gegenübergestellt, also in seiner lichten Klarheit negativ beleuchtet und Epochendarstellung, Reimschema, Lösungsstrategien, Aufbau des Abi-Gedichtvergleichs finden sich in: Abitur 2018 Baden-Württemberg Deutsch / Bange-Verlag / 12,99€ www.KlausSchenck.de / Deutsch / Beispielaufsatz: Gedichtvergleich / Liebeslyrik Goethe: "Willkommen und Abschied” u. Günderrode: "Kuss im Traume” / S. 4 von 7 abgelehnt, um dann als Abrundung nochmals die Nacht als Schmerzensstillerin deutlich hervorzuheben. 3.3 Interpretation (besonders der Vergleichspunkte) „Es hat ein Kuss mir Leben eingehaucht“ (Z. 1), eine Metapher, die sofort antithetisch Tod und Leben andeutet. ,,Eingehaucht" erinnert an den biblischen Schöpfungsbericht, als Gott Adam den Lebensodem einhaucht und ihn damit erst lebensfähig macht. Vorher war er ein Nichts ohne die entscheidende Lebendigkeit, der Kuss erhält hier fast göttliche Funktion, nur er ermöglicht angemessenes Leben, stillt des „Busens tiefstes Schmachten“ (Z. 2), wobei der Superlativ „tiefst“ und „Schmachten" die Intensität der Liebessehnsucht sehr nachdrücklich fassen. Den Rahmen zu dieser inneren Befriedigung kann nur die „Dunkelheit“ (Z. 3) schenken, die personifizierend aufgefordert wird zu kommen. Dieser Mantel der Dunkelheit ist dem lyrischen Ich vertraut, worauf das Adverb „traulich“ (Z. 3) hinweist. Im zweiten Quartett werden Traum und Nacht als Einheit weiter vertieft. Ausschließlich im Traum ist das vom lyrischen Ich angestrebte Leben „eingetaucht" (Z. 5) und der Sinn des Lebens besteht im Betrachten der „Träume“ (Z. 6), wobei das Adverb ,ewig" (Z. 6) das Betrachten mit der Unendlichkeit verbindet. Nur in der Entrückung ist Erfüllung möglich, nur dafür lohnt es sich zu leben, während das reale Leben diese Lebendigkeit, diese Befriedigung der Liebessehnsucht nicht schenkt. Genau das deckt sich mit der Biografie von Karoline von Günderrode: Unglück in der Liebe bei gleichzeitig ins Extrem gehender Liebessehnsucht, dazu die moralischen Einschränkungen eines Stiftfräuleins, so „[haucht] nur die Nacht so süßen Balsam" (Z. 8). Die folgenden zwei Terzette stellen der Beglückung schenkenden Nacht den alles durchleuchtenden Tag gegenüber. Die Assonanz „Tag“ und „karg“ in der Zeile 10 kontrastiert zu „liebesüßen Wonnen“ (Z. 10). Das alles durchleuchtende Licht „schmerzt“ (Z. 10), wobei das Licht durch „eitles Prangen“ (Z. 10), was für Vergänglichkeit steht, näher definiert wird. Erfüllung am Tag finden zu wollen ist vergebliche Liebesmüh. Wurde in der ersten Strophe noch die Dunkelheit als traulicher Mantel für erfüllte Wonnen angerufen, ist es nun die Nacht, die „dein Verlangen“ (Z. 13) stillt „[u]nd den Schmerz [heilt]“ (Z. 14), eine Intensivierung also, die gestützt wird durch den Vergleich zu „Lethes kühle Fluten“ (Z. 14), was aus der Nacht die ewige Nacht, den Tod, macht. Die dauerhafte Beglückung, aus der es kein Erwachen in eine unglücklich erlebte Realität gibt, ist nur im Tod möglich. Epochendarstellung, Reimschema, Lösungsstrategien, Aufbau des Abi-Gedichtvergleichs finden sich in: Abitur 2018 Baden-Württemberg Deutsch / Bange-Verlag / 12,99€ www.KlausSchenck.de / Deutsch / Beispielaufsatz: Gedichtvergleich / Liebeslyrik Goethe: "Willkommen und Abschied” u. Günderrode: "Kuss im Traume” / S. 5 von 7 4. Vergleich beider Gedichte 4.1 Einleitung Ein lyrisches Ich sehnt sich in dem jeweiligen Gedicht nach erfüllender Liebe, die in ihrer Sehnsuchtskraft intensiv geschildert wird. Zwei lyrische Ichs, eine Begierde, zwei Wege und ein komplett unterschiedlicher Schluss, das ist auf den ersten Blick der rote Faden des Vergleichs. Da beide Gedichte sich biografisch verorten lassen, wird im Vergleich das lyrische Ich jeweils mit dem Dichter gleich gesetzt. 4.2 Konkreter Vergleich an ausgesuchten Aspekten Tatenmensch gegen Traummensch: „Mir schlug das Herz. Geschwind, zu Pferde" (Z. 1) bei Goethe, „[e]s hat ein Kuß mir Leben eingehaucht“ (Z. 1) bei Günderrode. Sie präzisiert ihre Aussage näher: nur „[i]n Träume war solch Leben eingetaucht“ (Z. 5). Während Goethe der Geliebten entgegen reitet, getrieben von Liebes-Feuer und Glut, das Ich also dem Du zueilt, Nacht und Wald nur die Probe darstellen, bei der der Held seine Entschlossenheit beweisen kann, „[d]och tausendfacher war mein Mut" (Z. 14), wird Günderrode nur auf sich zurück gewiesen. In ihr selbst spiegelt sich Sehnsucht und Erfüllung. Dies ist bei Goethe auf zwei Personen verteilt. Ihm bleiben deshalb beglückende Erinnerungen: „In deinen Küssen welche Liebe, / 0 welche Wonne, welcher Schmerz!“ (Z. 27f.). Günderrode dagegen lebt nur, „ewig Träume zu betrachten“ (Z. 6), sie kann folglich aller andern Freuden Glanz verachten" (Z. 7). Sie kommt in der Wirklichkeit nie an, da für sie Leben und Traum die ihr einzig mögliche Lebensform darstellen, der Traum, ihr eigener, wird ihr zum Du, den sie als Ich wie im Kino betrachtet. Wir haben hier eine Verschmelzung von Ich und Du im eigenen Inneren, wie es nur in romantischen Vorstellungen möglich und erstrebenswert ist. Der nächste Unterschied erweist sich als zwingend notwendig: die Stellung von Nacht und Dunkelheit. Gerade das Traumhafte, Unscharfe, Unstrukturierte, durch keine Tagesklarheit Eingeschränkte erfordert die Dunkelheit, Günderrode „traulich zu umnachten" (Z. 3). In dem Verb „umnachten" steckt schon die Vorstellung der Ummantelung, des Schutzes durch die Nacht. „Umnachten“ steht für Realitätsferne, Bezugslosigkeit zur Wirklichkeit der anderen. In diesem Verb steckt eigentlich die gesamte Vorstellung der Romantik und damit der Günderrode, die antithetisch dem überschwänglich positiv besetzten Begriff der Nacht den des Tages entgegensetzt: „Der Tag ist karg an liebesüßen Wonnen" (Z. 9). Wonne, Traum, Nacht bilden eine unauflösbare Einheit, während bei Goethe die Wonne an erfahrener Beglückung durch die Geliebte gekoppelt ist, „[i]n deinen Küssen welche Liebe“ (Z. 27). An dieser Stelle wird bei Goethe die Nacht gar nicht erwähnt. Die Tageszeit der Küsse kann man sich als Leser nur denken. Jedoch wird die Nacht sehr klar geschildert als die Stunden der Gefährdung, der „tausend Ungeheuer“ (Z. 13), der Herausforderung, die Epochendarstellung, Reimschema, Lösungsstrategien, Aufbau des Abi-Gedichtvergleichs finden sich in: Abitur 2018 Baden-Württemberg Deutsch / Bange-Verlag / 12,99€ www.KlausSchenck.de / Deutsch-Abi-Training: Lyrik / S. 1 von 25 Klasse 11-12/13 Mi jiy KÖNIGS FITNESS Analysieren und Interpretieren: Lyrik Mit Aufsatzbeispielen aus realen Klassenarbeiten Deutsch Jambus Textinterpretation / Lyrik (Aufgabe II) Übungsmaterial zu Grammatik, Stilfiguren, Metrum: http://www.klausschenck.de/ks/deutsch/lyrik/uebungen- loesungen-grammatik-stilfiguren-metrum/index.html Zu Grammatik und Stilfiguren liegen Kopiervorlagen und Links zu Sendungen vor. Wir starten nun mit Metrum und Reim: Ausführliche Tabellen sind in meinem Lyrik-Band, erschienen beim Bange-Verlag (5. Aufl. 2018), ISBN: 978-3-8044-1538-6 Metrum Ich nenne dir zunächst den Namen, dann die Betonung und erste Interpretationsansätze. HBUYQXYEWmrrV&index=2 Getan X X unbetont / betont Es schlug mein Herz х Х х Х Vers beginnt mit einer oder mehreren unbetonten Silben (siehe oben) Im Deutschen meist Beginn mit Einsilbern (Artikel etc.), also Jambus Steiger, Beginn: Senkung Wirkt weich, gleitend Bei erzählenden + betrachtenden Gedichten Manuskript: Klaus Schenck: „Deutsch-Abitur-Training/Baden-Württemberg“. Bange-Verlag FT-Sendung/YouTube-Kanal (Skip: 5.15): https://www.youtube.com/watch?v=wHVdyrSUZrl&list=PLgGIkOSOO sv1496XLU- www.KlausSchenck.de/ Deutsch-Abi-Training: Lyrik / S. 2 von 25 Blankvers: Durch diese hohle Gasse muss er kommen х Х х Хх Хх Х X X (x) Klassischer Dramenvers, fünffüßiger Jambus ohne Reim, wirkt pathetisch, leicht dahinplätschernd humorvoll Knittelvers: Habe nun ach ^ Philosophie X x x X Ххх Х Paarweise gereimter Vierheber mit freien Senkungen und freiem Auftakt, unstrophig, gilt als bieder, volkstümlich, oft in Balladen So, auf zum nächsten Schritt, dem Reim. Reim Wir starten mit den Reimarten (Versschlüssen / Kadenzen) Männlicher Reim: einsilbig, auf eine Hebung endend, letzte Silbe = betont Wirkt fest und bestimmt, Ende mit sinntragender Silbe (Gestalt) Tod/Not Weiblicher Reim: zweisilbig, aus einer Hebung und einer Senkung, letzte Silbe = unbetont weich, Tonlosigkeit am Schluss (so die meisten deutschen Zweisilber) (werden, Worte) Singen / klingen Vertiefung: Endreim / Klang Allein damit, dass du statistisch männliche und weibliche Kadenzen (Reime) auflistest, ist noch nicht viel gewonnen. Du musst deine Kenntnis in Bezug zur Interpretation setzen, also, wie kannst du dein Fachwissen zur Interpretation nutzen: Du verbindest die Reimwörter, die natürlich durch mehrere Zeilen getrennt sein können, miteinander und überlegst, ob sich nicht so ein Interpretationsansatz für dich ergibt. Entscheidend für den Reim ist der Klang, nicht das Druckbild. Hier nochmals die unterschiedlichen Begriffe: Manuskript: Klaus Schenck: „Deutsch-Abitur-Training/Baden-Württemberg“. Bange-Verlag FT-Sendung/YouTube-Kanal (Skip: 5.15): https://www.youtube.com/watch?v=wHVdyrSUZrl&list=PLgGIkOSOO HBUYQXYEWmrrV&index=2 sv1496XLU- www.KlausSchenck.de/ Deutsch-Abi-Training: Lyrik / S. 3 von 25 ➤ Reim: gereimt oder reimlos ➤ Versfüllung: Metrum (Wechsel von Hebung und Senkung) ➤ Verslänge: Anzahl der Hebungen pro Vers (Zeile) ➤ Versschluss: männlich / weiblich Versteilung: mit oder ohne Zäsur (Einschnitt) Jetzt kommt der nächste Schritt, die Reimordnungen: Wir beginnen mit der Unterscheidung nach der Stellung des Reims, also Anfangsreim, Binnenreim, Endreim. Anfangsreim: Die ersten Silben zweier aufeinanderfolgender Zeilen reimen sich. Krieg! Ist das Losungswort Sieg! Und so klingt es fort. Jetzt willst du natürlich wissen, wie der Aufbau einer Gedichtinterpretation aussieht, zunächst einmal ohne Gedichtvergleich! Übersichtlich der Aufbau einer Gedichtinterpretation: ▸ Einleitung Inhaltsangabe ➤ Interpretation o äußere Form o Zeilen-Interpretation O Gesamtschau o Biografie o Epoche Schluss Manuskript: Klaus Schenck: „Deutsch-Abitur-Training/Baden-Württemberg“. Bange-Verlag FT-Sendung/YouTube-Kanal (Skip: 5.15): https://www.youtube.com/watch?v=wHVdyrSUZrl&list=PLgGIkOSOO HBUYQXYEWmrrV&index=2 sv1496XLU- www.KlausSchenck.de / Deutsch-Abi-Training: Lyrik / S. 4 von 25 Ich tue jetzt mal so, als wärest du mein Schüler und würdest bei mir eine Klassenarbeit / Lyrik schreiben. Du weißt, es kommt nur ein Gedicht dran, und die Aufsatzzeit beträgt vier Schulstunden plus Pausen. Vermutlich ist das auch die Realität bei einer Lyrik-Arbeit bei dir. Hier Übersicht, Zeitplan und Seitenvorschläge, wie ich sie meinen Schülern vor der Klassenarbeit gab: Aufsatz-Teil Vorbereitung der Gedichtinterpretation 1. Einleitung (danach: 2 Zeilen frei) 2. Inhaltsangabe (danach: 2 Zeilen frei) 3. Interpretation ● formaler Aufbau / äußere Form (1 Zeile frei) Interpretation / Zeile für Zeile (1 Zeile frei) Interpretation / Gesamtüberblick (1 Zeile frei) Biografie / Bezug zum Gedicht (1 Zeile frei) Epoche / Bezug zum Gedicht (2 Zeilen frei) 4. Schluss 5. Durchlesen auf Fehler Minuten 60 5-10 15 90 HBUYQXYEWmrrV&index=2 10 10 Seiten 1/4-1/2 12-1 5-8 Ich habe für dich die Teile der Interpretation fett markiert, die auf jeden Fall in der Interpretation drin sein müssen, die anderen zwei setzen Kenntnisse voraus, die man meist nicht hat. sv1496XLU- 12-1 Manuskript: Klaus Schenck: „Deutsch-Abitur-Training/Baden-Württemberg“. Bange-Verlag FT-Sendung/YouTube-Kanal (Skip: 5.15): https://www.youtube.com/watch?v=wHVdyrSUZrl&list=PLgGIkOSOO www.KlausSchenck.de/ Deutsch-Abi-Training: Lyrik / S. 5 von 25 ● ● ● Gedicht-Interpretation Erstes Durchlesen des Gedichtes ⇒ mehrfach durchlesen! noch kein Unterstreichen → ein Bild in sich entstehen lassen Wo spielt das Gedicht? Wer tritt auf? ● Aufgabenstellung immer: Interpretieren Sie das Gedicht! Wer hat es geschrieben? Wie heißt die Überschrift? Was kann ich wohl erwarten? Landschaft / Jahreszeit / Tageszeit / polit. Ereignis / Gegensätze / spez. Situation / wie verhält sich das Ende zum Anfang? Nochmals in Ruhe durchlesen passt alles zu meinem Gedicht? → was passt nicht? Grund? → Bild in Ruhe überprüfen Form sich anschauen / erste Eindrücke Wie viel Strophen? Gibt es ein Zentrum? (Mittelstrophe) Haben die Strophen alle die gleiche Zeilenzahl? Manuskript: Klaus Schenck: „Deutsch-Abitur-Training/Baden-Württemberg“. Bange-Verlag FT-Sendung/YouTube-Kanal (Skip: 5.15): https://www.youtube.com/watch?v=wHVdyrSUZrl&list=PLgGIkOSOO HBUYQXYEWmrrV&index=2 sv1496XLU- www.KlausSchenck.de / Deutsch / sechsstündige Klassenarbeit: Gedichtvergleich Eichendorff: "Stimmen der Nacht” u. Bachmann: “Entfremdung" / S. 1 von 7 Gedichtvergleich: Eichendorff: „Stimmen der Nacht" und Bachmann: „Entfremdung" Gesamt-Einleitung Die äußere, friedvolle Nacht bei Eichendorffs ,,Stimmen der Nacht" kontrastiert die innere, verzweifelte Nacht in Bachmanns „Entfremdung“. Ihr wird das Ver- traute fremd, während Eichendorff dem Vertrauten in Offenheit begegnet. Eine ähnliche Umgebung wird durch den jeweiligen Wahrnehmungs-Filter des Individuums, durch dessen Gestimmtsein zu zwei antithetischen Gedichten, was dann besonders im Vergleich deutlich werden wird. Joseph von Eichendorff (1788-1857) Stimmen der Nacht 1. Weit tiefe, bleiche, stille Felder - O wie mich das freut, Über alle, alle Täler, Wälder Die prächtige Einsamkeit! 5 Aus der Stadt nur schlagen die Glocken Über die Wipfel herein, Ein Reh hebt den Kopf erschrocken Und schlummert gleich wieder ein. Der Wald aber rühret die Wipfel 10 Im Schlaf von der Felsenwand, Denn der Herr geht über die Gipfel Und segnet das stille Land. Joseph von Eichendorff: Sämtliche Gedichte und Versepen. Hrsg. von Hartwig Schultz. Frankfurt am Main und Leipzig: Insel 2007, S. 359. Einleitung Das Gedicht "Stimmen der Nacht" von Joseph von Eichendorff, das in Eichen- dorffs "Sämtliche Gedichte und Versepen" veröffentlicht wurde, spiegelt die Ruhe und Einsamkeit wider, die der Dichter nachts in der Natur, genauer im Wald, empfindet. Das Gedicht ist durchzogen von einer sanften Melancholie, die jedoch sehr friedlich wirkt. Inhalt Dem Titel zu entnehmen ist, dass die erzählten Augenblicke bei Nacht wahrgenommen werden. Zunächst beschreibt der Dichter die "prächtige Epochendarstellung, Reimschema, Lösungsstrategien, Aufbau zum Abi-Gedichtvergleich finden sich in: Abitur 2018 Baden-Württemberg Deutsch / Bange-Verlag / 12,99€ www.KlausSchenck.de / Deutsch / sechsstündige Klassenarbeit: Gedichtvergleich Eichendorff: "Stimmen der Nacht” u. Bachmann: “Entfremdung" / S. 2 von 7 Einsamkeit" (Z.4), die sich über die Natur legt und die als sehr positiv wahrge- nommen wird. Aus der Ferne sind Glocken, vermutlich Kirchenglocken, zu vernehmen, die kurz ein Reh aufschrecken lassen, welches jedoch sogleich wieder "einschlummert" (vgl. Z.8). In der dritten Strophe stellt der Autor einen Bezug zu Gott her, indem er durch dessen Segen die Baumwipfel sich rühren lässt. Die angesprochene Ruhe zieht sich als roter Faden durch das gesamte Gedicht, wirkt jedoch nicht trostlos, sondern als überaus friedlich. Äußere Form Das Gesicht ist in drei Strophen gegliedert, die jeweils vier Verse umfassen. Ein durchgängig gleichmäßiges Metrum lässt sich nicht erkennen, der Kreuzreim, der nur im zweiten und vierten Vers unterbrochen wird, unterstützt jedoch die ruhige, unaufgeregte Stimmung des Gedichts. Strophen-Interpretation Der Titel "Stimmen der Nacht" gibt einen Hinweis darauf, zu welcher Tageszeit der Autor die beschriebene Situation wahrnimmt. Dass er sich dabei auf die “Stimmen” (Titel) konzentriert, es ist jedoch nur die innere Stimme – von außen nicht wahrnehmbar, zeigt, wie sehr er in der Naturbetrachtung aufgeht, indem er sich ganz seinem Umfeld hingibt. Im ersten Vers erweckt er beim Leser ein Gefühl von Einsamkeit. "Weite tiefe, bleiche, stille Felder" (Z.1), die zunächst als traurig und leer wahrgenommen werden. Doch schon im nächsten Vers zerstreut er diesen Eindruck, indem er beteuert, wie sehr ihn dies "freu[e]" (Z.2), was durch das vorangeschobene "O" (Z.2) noch unterstützt wird. Diese "prächtige Einsamkeit” (Z.4), die zunächst antithetisch und widersprüchlich wirkt, jedoch gekonnt glaubwürdig vom Autor vermittelt wird, zieht sich per "alle, alle Täler, Wälder" (Z.3). Diese Doppelung verstärkt das Bild der weiten, leeren Landschaft. In der zweiten Strophe nimmt er eine weitere "Stimme der Nacht" wahr: Glockenklang aus der Stadt dringen in den Wald vor. "Ein Reh hebt den Kopf erschrocken" (Z.7). Das Adverb „erschrocken“ am Ende betont den Schrecken des Rehs, welcher in der nächsten Zeile sogleich in das Gegenteil gewandelt wird, das Reh "schlummert gleich wieder ein” (Z.8). Die zweite Strophe gleicht der ersten in ihrer Stille und Ruhe, jedoch ist die Beschreibung hier weniger allgemein, sondern konkret auf die Glocken und das Reh bezogen. Dass der Dichter ein so sanftes Tier wie das Reh betrachtet, verstärkt diesen Eindruck noch. Auch mit Hilfe seiner Wortwahl lässt er beim Leser eindrucksvolle, der Stimmung entsprechende Bilder entstehen: Gegen das ruhige, sanfte Schlum- mern des Rehs wirkt das "Schlagen der Glocken" (Z.5) schon fast grob, nicht ins Bild passend. In der dritten Strophe greift der Autor den Glockenschlag nochmals auf. Im Gegensatz zum Reh, das sogleich zu seiner Ruhe zurückfindet, "rühret der Wald die Wipfel” (vgl. Z.9). In der nächsten Zeile steht der friedliche, ruhige, sanfte "Schlaf" (Z.10) der kalten, harten "Felsenwand" (Z.10) gegenüber, diese kurz angehauchte Unruhe inmitten der stillen Umgebung wird in der nächsten Zeile durch den Bezug zu Gott relativiert. Es wird ersichtlich, dass die Glocken aus Strophe 2, die vermutlich Kirchenglocken sind und schon einen ersten Bezug zu Gott herstellen, das Einzige sind, das diese vollkommene Ruhe und Epochendarstellung, Reimschema, Lösungsstrategien, Aufbau zum Abi-Gedichtvergleich finden sich in: Abitur 2018 Baden-Württemberg Deutsch / Bange-Verlag / 12,99€ www.KlausSchenck.de / Deutsch / sechsstündige Klassenarbeit: Gedichtvergleich Eichendorff: "Stimmen der Nacht” u. Bachmann: “Entfremdung” / S. 3 von 7 Einsamkeit in Bewegung bringt, jedoch auf keine störende Weise. "Der Herr geht über die Gipfel" (Z.11) und macht mit seinem 'Segen' die Harmonie noch vollkommener. Das Gedicht endet abrundend mit dem Ausdruck "stille[s] Land" (Z.12), der den vom Dichter eingefangenen Augenblicke der Naturbetrachtung zusammenfassend auf den Punkt bringt. Gesamtüberblick Als roter Faden durch das Gedicht zieht sich die immer wieder genannte Stille, Einsamkeit und Ruhe. Der Autor bezieht sich selbst nur ein einziges Mal ein, als er beteuerte, wie er sich an dieser Stimmung 'erfreue' (vgl.Z.2). Schluss Trotz der um ihn herum herrschenden Einsamkeit und der weiten, stillen Landschaft fühlt er sich nicht verloren, sondern scheint ganz in dieser Stim- mung aufzugehen. Die in der ersten Strophe leicht angedeutete Melancholie weicht einem Bild von Harmonie und Geborgenheit. Dass der Autor inmitten dieser Stille einen Bezug zu Gott herstellt, unterstreicht den Eindruck von innerer Ruhe und Gelassenheit. Alles in allem stellt es einen Moment voller Frieden dar. Ingeborg Bachmann (1926-1973) Entfremdung In den Bäumen kann ich keine Bäume mehr sehen. Die Äste haben nicht die Blätter, die sie in den Wind halten. Die Früchte sind süß, aber ohne Liebe. Sie sättigen nicht einmal. s Was soll nur werden? Vor meinen Augen flieht der Wald, vor meinem Ohr schließen die Vögel den Mund, für mich wird keine Wiese zum Bett. Ich bin satt vor der Zeit 10 und hungre nach ihr. Was soll nur werden? Auf den Bergen werden nachts die Feuer brennen. Soll ich mich aufmachen, mich allem wieder nähern? Ich kann in keinem Weg mehr einen Weg sehen. I. B.: Werke. Hrsg. v. Christine Koschel, Inge von Weidenbaum, Clemens Münster. Erster Band. München: Piper 1978, S. 13. Einleitung Das Gedicht "Entfremdung" von Ingeborg Bachmann, das 1978 veröffentlicht wurde, schildert die innere Unruhe und Zerrüttung der Dichterin inmitten der Natur. Sie nimmt ihre Umgebung als etwas ihr Fremdes wahr, zu dem sie kei- Epochendarstellung, Reimschema, Lösungsstrategien, Aufbau zum Abi-Gedichtvergleich finden sich in: Abitur 2018 Baden-Württemberg Deutsch / Bange-Verlag / 12,99€ www.KlausSchenck.de / Deutsch / sechsstündige Klassenarbeit: Gedichtvergleich Eichendorff: "Stimmen der Nacht” u. Bachmann: “Entfremdung” / S. 4 von 7 nen Zugang findet. Nach und nach beginnt sie, Hoffnung zu schöpfen, lässt das Gedicht jedoch pessimistisch enden. Inhalt Zunächst richtet sich die Betrachtung der Autorin auf die Bäume, in denen sie "keine Bäume mehr sehen (kann)" (Z.1). Die Äste trügen keine Blätter und die Früchte sättigten nicht. Die Autorin fragt sich, was nur werden solle (Z.5). In der folgenden Beschreibung der Natur wird ersichtlich, dass sie zu ihrer Umge- bung, die sie zwar fähig ist wahrzunehmen, keinen Zugang findet. In ihrem Empfinden "schließen die Vögel den Mund" (Z.7) vor ihr, der Wald fliehe. Anschließend fragte sie sich, ob sie sich allem wieder nähern solle, bringt daraufhin jedoch ihre Ziellosigkeit und Hoffnungslosigkeit zum Ausdruck. Äußere Form Die äußere Form des Gedichts spiegelt die inneren Empfindungen der Autorin wider. Metrum und Reimschema fallen weg, auch ist keine klare Gliederung in Strophen erkennbar. Innerlich fühlt sich die Autorin genauso unruhig und rastlos, wie sie es durch die fehlende Form des Gedichts darstellt. Strophen-Interpretation Dem Titel des Gedichts gewinnt der Leser einen ersten Eindruck ab Entfremdung. Schon hier wird deutlich, wie wenig zugehörig sich die Autorin der Welt fühlt. Dieser Eindruck zieht sich durch das komplette Gedicht und wird gleich im ersten Vers durch die Worte: "In den Bäumen kann ich keine Bäume mehr sehen" (Z.1) veranschaulicht. Die Aussage wirkt wirr und sinnlos, wird jedoch im Folgenden erklärt: "Die Äste haben nicht die Blätter, die sie in den Wind halten" (Z. 2-3). Es entsteht sogleich ein Bild von Kahlheit und Leere beim Leser. Die Autorin beschreibt jedoch nicht einfach nur die kahlen Äste, die keine Blätter tragen, sondern kreiert mit ihrem Nachschub "die sie in den Wind halten" (Z. 2-3) ein Bild von Schönheit, wodurch das Fehlen dieser noch intensi- viert wird. Auch die Wahl des Wortes ‘nicht' (Z.2) wirkt mächtig und absolut. Sie stellt also anhand der Äste und der fehlenden Blätter einen Zustand dar, der positiv ist und sein könnte, jedoch nicht ist. Dass die Äste die Blätter in den Wind "halten" (Z.3) würden, personifiziert die Äste, gleichzeitig wird ihnen je- doch durch das Fehlen der Blätter die Wärme und Menschlichkeit genommen. Anschließend geht die Autorin auf die Früchte des Baumes ein. Ihrer Süße steht ihre Lieblosigkeit gegenüber (süß, aber ohne Liebe" (Z.3). “Sie sättigen nicht einmal" (Z.4). Die Worte der Autorin wirken bitter, verzweifelt, enttäuscht. Sind die Früchte schon nicht liebevoll, wobei ihnen genau wie den Ästen die fehlende Menschlichkeit zugeschrieben wird, so sollen sie zumindest sättigen, doch auch in dieser Erwartung wird die Dichterin enttäuscht. Die hoffnungslose, negative Betrachtung der Umwelt gipfelt in der verzweifelten Frage: "Was soll nur werden?" (Z.5). Hier wird deutlich, dass es der Autorin um viel mehr geht als die trostlose Natur, dass sie von großem Leid erfüllt ist, welches sich in der Naturentfremdung widerspiegelt. In den nächsten beiden Zeilen wird die Natur personifiziert: "Vor meinen Augen flieht der Wald, vor meinen Ohren schließen die Vögel ihren Mund” (Z.6-7). Auch hier wird ein positiver, schöner Zustand beschrieben, der sie nicht er- Epochendarstellung, Reimschema, Lösungsstrategien, Aufbau zum Abi-Gedichtvergleich finden sich in: Abitur 2018 Baden-Württemberg Deutsch / Bange-Verlag / 12,99€ www.KlausSchenck.de / Deutsch / sechsstündige Klassenarbeit: Gedichtvergleich Eichendorff: “Stimmen der Nacht” u. Bachmann: “Entfremdung” / S. 5 von 7 reicht. Dass sie in ihrer Beschreibung betont, dass sich diese vor ihr ver- schließt, vor ihr flieht und nicht allgemein gilt, lässt vermuten, wie ungerecht sie es empfindet, dass jedem anderen diese Schönheit scheinbar verfügbar ist und verdeutlicht noch einmal, wie sehr ihr inneres Leid, ihre Wahrnehmung der Umwelt steuert und bestimmt. Dass für sie "keine Wiese zum Bett" (Z.8) wird, macht deutlich, wie fehl am Platz sie sich auf der Erde fühlt und nicht weiß, wo sie Geborgenheit und innere Ruhe finden kann. Die folgende Antithese: "Ich bin satt von der Zeit und hungre nach ihr" (Z.9-10) stellt ihre innere Zerrissenheit dar. Einerseits fühlt sie sich unglücklich, hoffnungslos und leer, andererseits sehnt sie sich nach Freude und 'Lebenshunger'. Die gegensätzliche Worte "satt" (Z.9) und "hungre” (Z.10) unterstreichen die Antithetik und wirken beide jeweils sehr ausdrucksstark. Es scheint, als sei die Dichterin gefangen in ihrer Taubheit, der Hoffnungslosigkeit steht die leise Ahnung gegenüber, dass das Leben auch schöne "Zeiten" (Z.9) bereithält. Die wiederholte Frage "Was soll nur werden?" (Z.11) macht deutlich, dass die Trostlosigkeit überwiegt. Nach einem Absatz folgt ein leicht verändertes Bild: "Auf den Bergen werden nachts die Feuer brennen" (Z.12), begleitet von der Frage, ob sie sich allem wieder nähern solle. Was genau auf den Bergen stattfindet, erläutert sie nicht, das Feuer jedoch, welches einen Eindruck von Stärke, Intensität und Lebendig- keit vermittelt, stellt einen Zustand dar, dem sie sich 'entfremdet' hat – vielleicht dem Feuer einer vergangenen Liebe oder dem Feuer als Richtungsgeber. Dass dies "nachts" (Z.12) und “auf den Bergen” (Z.12) geschieht, verdeutlicht, wie weit entfernt sie von ihrem Glück ist. Die zögerliche Frage "Soll ich (...) mich allem wieder nähern?" (Z.13) wird daher gleich darauf zerschlagen von der ernüchternden, hoffnungslosen Aussage: “Ich kann in keinem Weg mehr einen Weg sehen" (Z.18). Gesamtüberblick + Schluss Als roter Faden zieht sich die Zerrissenheit und Ratlosigkeit der Autorin durch das Gedicht. Worunter sie so sehr leidet, lässt sie im Unklaren, doch der andauernde Zustand von tiefem Unglück und Verzweiflung, der aus jeder Zeile hervorgeht, erweckt eine unruhige Stimmung beim Leser, welche durch den geschickten Gebrauch der Rhetorik noch untermauert wird. Die wiederkeh- rende Antithetik veranschaulicht die widersprüchlichen Mächte, die in ihr zu wüten scheinen und denen sie sich hilflos ausgeliefert fühlt. Es lässt sich erahnen, dass tief in ihrem Inneren eine leise Hoffnung keimt, ihr Gemütszu- stand könne sich ändern, jedoch wagt sie kaum, daran zu glauben. Dass sie "in keinem Weg mehr einen Weg sehen" (Z.14) kann, lässt das Gedicht mit der gleichen Hoffnungslosigkeit enden, wie es begonnen hat. Epochendarstellung, Reimschema, Lösungsstrategien, Aufbau zum Abi-Gedichtvergleich finden sich in: Abitur 2018 Baden-Württemberg Deutsch / Bange-Verlag / 12,99€

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Goethe: "Willkommen und Abschied” u. Günderrode: "Kuss im

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1 www.KlausSchenck.de / Deutsch / Beispielaufsatz: Gedichtvergleich / Liebeslyrik Goethe: "Willkommen und Abschied” u. Günderrode: "Kuss im Traume” / S. 1 von 7 5 Gedicht-Texte 10 15 Gedichtvergleich / Liebeslyrik 20 Aufgabenstellung: Interpretiere und vergleiche die Gedichte. Johann Wolfgang von Goethe: Willkommen und Abschied Erste Fassung (1771) Mir schlug das Herz. Geschwind, zu Pferde! Und fort, wild wie ein Held zur Schlacht. Der Abend wiegte schon die Erde, Und an den Bergen hing die Nacht. Schon stund im Nebelkleid die Eiche Wie ein getürmter Riese da, Wo Finsternis aus dem Gesträuche Mit hundert schwarzen Augen sah. Der Mond von einem Wolkenhügel Sah schläfrig aus dem Duft hervor, Die Winde schwangen leise Flügel, Umsausten schauerlich mein Ohr. Die Nacht schuf tausend Ungeheuer, Doch tausendfacher war mein Mut, Mein Geist war ein verzehrend Feuer, Mein ganzes Herz zerfloss in Glut. Ich sah dich, und die milde Freude Floß aus dem süßen Blick auf mich. Ganz war mein Herz an deiner Seite, Und jeder Atemzug für dich. Ein rosenfarbes Frühlingswetter Lag auf dem lieblichen Gesicht 5 Karoline von Günderrode: Der Kuss im Traume Es hat ein Kuss mir Leben eingehaucht, Gestillet meines Busens tiefstes Schmachten. Komm, Dunkelheit! mich traulich zu umnachten, Dass neue Wonne meine Lippe saugt. 13 14 In Träume war solch Leben eingetaucht, Drum leb' ich, ewig Träume zu betrachten, Kann aller andern Freuden Glanz verachten, Weil nur die Nacht so süßen Balsam haucht. Der Tag ist karg an liebesüßen Wonnen, 10 Es schmerzt mich seines Lichtes eitles Prangen Und...

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mich verzehren seiner Sonne Gluthen. 12 Drum birg dich Aug' dem Glanze irrd' scher Sonnen! Hüll' dich in Nacht, sie stillet dein Verlangen Und heilt den Schmerz, wie Lethes kühle Fluten. Epochendarstellung, Reimschema, Lösungsstrategien, Aufbau des Abi-Gedichtvergleichs finden sich in: Abitur 2018 Baden-Württemberg Deutsch / Bange-Verlag / 12,99€ www.KlausSchenck.de / Deutsch / Beispielaufsatz: Gedichtvergleich / Liebeslyrik Goethe: "Willkommen und Abschied" u. Günderrode: “Kuss im Traume” / S. 2 von 7 25 30 Und Zärtlichkeit für mich, ihr Götter, Ich hofft' es, ich verdient' es nicht. Der Abschied, wie bedrängt, wie trübe! Aus deinen Blicken sprach dein Herz. In deinen Küssen welche Liebe, O welche Wonne, welcher Schmerz! Du gingst, ich stund und sah zur Erden Und sah dir nach mit nassem Blick. Und doch, welch Glück! geliebt zu werden, Und lieben, Götter, welch ein Glück! 1. Einleitung zum Gedichtvergleich Sehnsucht ist der rote Faden der Liebesgedichte „Willkommen und Abschied" (Erstfassung) von Johann Wolfgang von Goethe und „Der Kuss im Traume“ von Karoline von Günderrode. Nach Liebe sehnen sich beide lyrischen Ichs, nur die Erfüllung kann unterschiedlicher kaum gedacht werden: Goethe bei seiner Geliebten in Sessenheim, von Günderrode ausschließlich in nächtlichen Phantasien. Damit ist auch in Blick auf die Epochenzuordnung eine Richtung gewiesen: Sturm und Drang bei Goethe und die Epoche der Romantik bei Günderrode. 2. Gedichtinterpretation ,,Willkommen und Abschied" 2.1 Einleitung Das Goethe-Gedicht „Willkommen und Abschied", geschrieben 1771 in vierfüßigem Jambus mit Kreuzreim, atmet schon im Titel das Gegensätzliche: Ankunft und Abschied. Das lyrische Ich, das mit Goethe zu identifizieren ist, reitet nachts zu seiner Geliebten, verbringt die Nacht bei ihr und nimmt am Morgen unter Tränen Abschied. Zeitlich, sprachlich und inhaltlich ist das Gedicht der Epoche „Sturm und Drang" zuzuordnen. 2.2 Inhaltsangabe Kurz entschlossen reitet das lyrische Ich durch den angsteinflößenden nächtlichen Wald zu seiner Geliebten und empfindet es beglückend in ihrer sanften Nähe zu sein. Am Morgen nimmt das lyrische Ich unter Tränen von ihr Abschied, wobei es das Glück über die Liebe in seinem Herzen bewahrt. Epochendarstellung, Reimschema, Lösungsstrategien, Aufbau des Abi-Gedichtvergleichs finden sich in: Abitur 2018 Baden-Württemberg Deutsch / Bange-Verlag / 12,99€ www.KlausSchenck.de / Deutsch / Beispielaufsatz: Gedichtvergleich / Liebeslyrik Goethe: "Willkommen und Abschied” u. Günderrode: "Kuss im Traume” / S. 3 von 7 2.3 Interpretation (besonders der Vergleichspunkte) Schon zu Beginn des Gedichtes dominiert das konkrete Tun, das zielorientierte Vorgehen: „Mir schlug das Herz. Geschwind, zu Pferde!“ (Z. 1). Zunächst wird der hereinbrechende Abend fast mütterlich als Wiegen der Erde geschildert, um sehr bald das Ängstigende der „Finsternis (…..), [die] [m]it hundert schwarzen Augen sah“ (Z. 8), zu betonen. Dieses Spiel zwischen sanfter und dann beängstigender Nachtschilderung durchzieht auch die zweite Strophe. „Die Nacht, [die] tausend Ungeheuer [schuf]“ (Z. 13), wird als Herausforderung für das lyrische Ich aufgebaut, sie ist eine ihm feindlich gesinnte Welt, der er nur mit „tausendfache[m]“ (Z. 14) Mut trotzen kann. Was ihn vorantreibt, ist „Feuer“ (Z. 15) und „Glut“ (Z. 16) für die Geliebte. Es folgt dann in der dritten Strophe der Wechsel von den eher männlich dominierten Begriffen von „Schlacht“ (Z. 2), „Nacht“ (Z. 4) und „Mut“ Z. 14) zu „milde[r] Freude“ (Z. 17), „süße[m] Blick“ (Z. 18) und „liebliche[m] Gesicht“ (Z. 22). Die Begegnung mit der Geliebten verändert das lyrische Ich, denn „milde Freude / Floß aus dem süßen Blick auf mich" (Z. 17f.). Die erfahrene Vereinigung mit ihr in der „Zärtlichkeit“ (Z. 23) erfüllt sein,Hoffen' (vgl. Z. 24). Der zu frühe Abschied in der letzten Strophe spiegelt das Herz der Geliebten in ihren Blicken, denen dann Küsse folgen, die in der Triade (Z. 27f.) „Liebe“, „Wonne" und "Schmerz" gefasst werden. Auch wenn das lyrische Ich „mit nassem Blick“ (Z. 30) der Geliebten nachsieht, so bleibt in ihm über den Abschied hinaus jubelnd die Erkenntnis: ,,Und doch, welch Glück! Geliebt zu werden, / Und lieben, Götter, welch ein Glück!" (Z. 32). 3. Gedichtinterpretation ,,Der Kuss im Träume" 3.1 Einleitung In dem in Sonettform verfassten Gedicht „Der Kuss im Traume“ von Karoline von Günderrode findet die Liebessehnsucht nur in der Nacht die vom lyrischen Ich sich erträumte Erfüllung, während der Tag die Realität sichtbar macht und folglich abgelehnt wird. Das Gedicht ist im fünfhebigen Jambus ohne Mittelzäsur verfasst, im umschließenden Reim die Quartette, im verschränkten Reim die Terzette. Die Betonung der Nacht, verbunden mit Todessehnsucht und Allverbundenheit im Reich der Phantasie, verortet das Gedicht in die Epoche der Romantik. 3.2 Inhaltsangabe Das lyrische Ich scheint wie in Trance sich einer Liebessehnsucht hinzugeben, die nur im Traum, also in der Nacht, gestillt werden kann. Folglich wird auch die Nacht aufgefordert, den Rahmen für die Traumwelt zu schaffen. Der Nacht wird der Tag antithetisch gegenübergestellt, also in seiner lichten Klarheit negativ beleuchtet und Epochendarstellung, Reimschema, Lösungsstrategien, Aufbau des Abi-Gedichtvergleichs finden sich in: Abitur 2018 Baden-Württemberg Deutsch / Bange-Verlag / 12,99€ www.KlausSchenck.de / Deutsch / Beispielaufsatz: Gedichtvergleich / Liebeslyrik Goethe: "Willkommen und Abschied” u. Günderrode: "Kuss im Traume” / S. 4 von 7 abgelehnt, um dann als Abrundung nochmals die Nacht als Schmerzensstillerin deutlich hervorzuheben. 3.3 Interpretation (besonders der Vergleichspunkte) „Es hat ein Kuss mir Leben eingehaucht“ (Z. 1), eine Metapher, die sofort antithetisch Tod und Leben andeutet. ,,Eingehaucht" erinnert an den biblischen Schöpfungsbericht, als Gott Adam den Lebensodem einhaucht und ihn damit erst lebensfähig macht. Vorher war er ein Nichts ohne die entscheidende Lebendigkeit, der Kuss erhält hier fast göttliche Funktion, nur er ermöglicht angemessenes Leben, stillt des „Busens tiefstes Schmachten“ (Z. 2), wobei der Superlativ „tiefst“ und „Schmachten" die Intensität der Liebessehnsucht sehr nachdrücklich fassen. Den Rahmen zu dieser inneren Befriedigung kann nur die „Dunkelheit“ (Z. 3) schenken, die personifizierend aufgefordert wird zu kommen. Dieser Mantel der Dunkelheit ist dem lyrischen Ich vertraut, worauf das Adverb „traulich“ (Z. 3) hinweist. Im zweiten Quartett werden Traum und Nacht als Einheit weiter vertieft. Ausschließlich im Traum ist das vom lyrischen Ich angestrebte Leben „eingetaucht" (Z. 5) und der Sinn des Lebens besteht im Betrachten der „Träume“ (Z. 6), wobei das Adverb ,ewig" (Z. 6) das Betrachten mit der Unendlichkeit verbindet. Nur in der Entrückung ist Erfüllung möglich, nur dafür lohnt es sich zu leben, während das reale Leben diese Lebendigkeit, diese Befriedigung der Liebessehnsucht nicht schenkt. Genau das deckt sich mit der Biografie von Karoline von Günderrode: Unglück in der Liebe bei gleichzeitig ins Extrem gehender Liebessehnsucht, dazu die moralischen Einschränkungen eines Stiftfräuleins, so „[haucht] nur die Nacht so süßen Balsam" (Z. 8). Die folgenden zwei Terzette stellen der Beglückung schenkenden Nacht den alles durchleuchtenden Tag gegenüber. Die Assonanz „Tag“ und „karg“ in der Zeile 10 kontrastiert zu „liebesüßen Wonnen“ (Z. 10). Das alles durchleuchtende Licht „schmerzt“ (Z. 10), wobei das Licht durch „eitles Prangen“ (Z. 10), was für Vergänglichkeit steht, näher definiert wird. Erfüllung am Tag finden zu wollen ist vergebliche Liebesmüh. Wurde in der ersten Strophe noch die Dunkelheit als traulicher Mantel für erfüllte Wonnen angerufen, ist es nun die Nacht, die „dein Verlangen“ (Z. 13) stillt „[u]nd den Schmerz [heilt]“ (Z. 14), eine Intensivierung also, die gestützt wird durch den Vergleich zu „Lethes kühle Fluten“ (Z. 14), was aus der Nacht die ewige Nacht, den Tod, macht. Die dauerhafte Beglückung, aus der es kein Erwachen in eine unglücklich erlebte Realität gibt, ist nur im Tod möglich. Epochendarstellung, Reimschema, Lösungsstrategien, Aufbau des Abi-Gedichtvergleichs finden sich in: Abitur 2018 Baden-Württemberg Deutsch / Bange-Verlag / 12,99€ www.KlausSchenck.de / Deutsch / Beispielaufsatz: Gedichtvergleich / Liebeslyrik Goethe: "Willkommen und Abschied” u. Günderrode: "Kuss im Traume” / S. 5 von 7 4. Vergleich beider Gedichte 4.1 Einleitung Ein lyrisches Ich sehnt sich in dem jeweiligen Gedicht nach erfüllender Liebe, die in ihrer Sehnsuchtskraft intensiv geschildert wird. Zwei lyrische Ichs, eine Begierde, zwei Wege und ein komplett unterschiedlicher Schluss, das ist auf den ersten Blick der rote Faden des Vergleichs. Da beide Gedichte sich biografisch verorten lassen, wird im Vergleich das lyrische Ich jeweils mit dem Dichter gleich gesetzt. 4.2 Konkreter Vergleich an ausgesuchten Aspekten Tatenmensch gegen Traummensch: „Mir schlug das Herz. Geschwind, zu Pferde" (Z. 1) bei Goethe, „[e]s hat ein Kuß mir Leben eingehaucht“ (Z. 1) bei Günderrode. Sie präzisiert ihre Aussage näher: nur „[i]n Träume war solch Leben eingetaucht“ (Z. 5). Während Goethe der Geliebten entgegen reitet, getrieben von Liebes-Feuer und Glut, das Ich also dem Du zueilt, Nacht und Wald nur die Probe darstellen, bei der der Held seine Entschlossenheit beweisen kann, „[d]och tausendfacher war mein Mut" (Z. 14), wird Günderrode nur auf sich zurück gewiesen. In ihr selbst spiegelt sich Sehnsucht und Erfüllung. Dies ist bei Goethe auf zwei Personen verteilt. Ihm bleiben deshalb beglückende Erinnerungen: „In deinen Küssen welche Liebe, / 0 welche Wonne, welcher Schmerz!“ (Z. 27f.). Günderrode dagegen lebt nur, „ewig Träume zu betrachten“ (Z. 6), sie kann folglich aller andern Freuden Glanz verachten" (Z. 7). Sie kommt in der Wirklichkeit nie an, da für sie Leben und Traum die ihr einzig mögliche Lebensform darstellen, der Traum, ihr eigener, wird ihr zum Du, den sie als Ich wie im Kino betrachtet. Wir haben hier eine Verschmelzung von Ich und Du im eigenen Inneren, wie es nur in romantischen Vorstellungen möglich und erstrebenswert ist. Der nächste Unterschied erweist sich als zwingend notwendig: die Stellung von Nacht und Dunkelheit. Gerade das Traumhafte, Unscharfe, Unstrukturierte, durch keine Tagesklarheit Eingeschränkte erfordert die Dunkelheit, Günderrode „traulich zu umnachten" (Z. 3). In dem Verb „umnachten" steckt schon die Vorstellung der Ummantelung, des Schutzes durch die Nacht. „Umnachten“ steht für Realitätsferne, Bezugslosigkeit zur Wirklichkeit der anderen. In diesem Verb steckt eigentlich die gesamte Vorstellung der Romantik und damit der Günderrode, die antithetisch dem überschwänglich positiv besetzten Begriff der Nacht den des Tages entgegensetzt: „Der Tag ist karg an liebesüßen Wonnen" (Z. 9). Wonne, Traum, Nacht bilden eine unauflösbare Einheit, während bei Goethe die Wonne an erfahrener Beglückung durch die Geliebte gekoppelt ist, „[i]n deinen Küssen welche Liebe“ (Z. 27). An dieser Stelle wird bei Goethe die Nacht gar nicht erwähnt. Die Tageszeit der Küsse kann man sich als Leser nur denken. Jedoch wird die Nacht sehr klar geschildert als die Stunden der Gefährdung, der „tausend Ungeheuer“ (Z. 13), der Herausforderung, die Epochendarstellung, Reimschema, Lösungsstrategien, Aufbau des Abi-Gedichtvergleichs finden sich in: Abitur 2018 Baden-Württemberg Deutsch / Bange-Verlag / 12,99€ www.KlausSchenck.de / Deutsch-Abi-Training: Lyrik / S. 1 von 25 Klasse 11-12/13 Mi jiy KÖNIGS FITNESS Analysieren und Interpretieren: Lyrik Mit Aufsatzbeispielen aus realen Klassenarbeiten Deutsch Jambus Textinterpretation / Lyrik (Aufgabe II) Übungsmaterial zu Grammatik, Stilfiguren, Metrum: http://www.klausschenck.de/ks/deutsch/lyrik/uebungen- loesungen-grammatik-stilfiguren-metrum/index.html Zu Grammatik und Stilfiguren liegen Kopiervorlagen und Links zu Sendungen vor. Wir starten nun mit Metrum und Reim: Ausführliche Tabellen sind in meinem Lyrik-Band, erschienen beim Bange-Verlag (5. Aufl. 2018), ISBN: 978-3-8044-1538-6 Metrum Ich nenne dir zunächst den Namen, dann die Betonung und erste Interpretationsansätze. HBUYQXYEWmrrV&index=2 Getan X X unbetont / betont Es schlug mein Herz х Х х Х Vers beginnt mit einer oder mehreren unbetonten Silben (siehe oben) Im Deutschen meist Beginn mit Einsilbern (Artikel etc.), also Jambus Steiger, Beginn: Senkung Wirkt weich, gleitend Bei erzählenden + betrachtenden Gedichten Manuskript: Klaus Schenck: „Deutsch-Abitur-Training/Baden-Württemberg“. Bange-Verlag FT-Sendung/YouTube-Kanal (Skip: 5.15): https://www.youtube.com/watch?v=wHVdyrSUZrl&list=PLgGIkOSOO sv1496XLU- www.KlausSchenck.de/ Deutsch-Abi-Training: Lyrik / S. 2 von 25 Blankvers: Durch diese hohle Gasse muss er kommen х Х х Хх Хх Х X X (x) Klassischer Dramenvers, fünffüßiger Jambus ohne Reim, wirkt pathetisch, leicht dahinplätschernd humorvoll Knittelvers: Habe nun ach ^ Philosophie X x x X Ххх Х Paarweise gereimter Vierheber mit freien Senkungen und freiem Auftakt, unstrophig, gilt als bieder, volkstümlich, oft in Balladen So, auf zum nächsten Schritt, dem Reim. Reim Wir starten mit den Reimarten (Versschlüssen / Kadenzen) Männlicher Reim: einsilbig, auf eine Hebung endend, letzte Silbe = betont Wirkt fest und bestimmt, Ende mit sinntragender Silbe (Gestalt) Tod/Not Weiblicher Reim: zweisilbig, aus einer Hebung und einer Senkung, letzte Silbe = unbetont weich, Tonlosigkeit am Schluss (so die meisten deutschen Zweisilber) (werden, Worte) Singen / klingen Vertiefung: Endreim / Klang Allein damit, dass du statistisch männliche und weibliche Kadenzen (Reime) auflistest, ist noch nicht viel gewonnen. Du musst deine Kenntnis in Bezug zur Interpretation setzen, also, wie kannst du dein Fachwissen zur Interpretation nutzen: Du verbindest die Reimwörter, die natürlich durch mehrere Zeilen getrennt sein können, miteinander und überlegst, ob sich nicht so ein Interpretationsansatz für dich ergibt. Entscheidend für den Reim ist der Klang, nicht das Druckbild. Hier nochmals die unterschiedlichen Begriffe: Manuskript: Klaus Schenck: „Deutsch-Abitur-Training/Baden-Württemberg“. Bange-Verlag FT-Sendung/YouTube-Kanal (Skip: 5.15): https://www.youtube.com/watch?v=wHVdyrSUZrl&list=PLgGIkOSOO HBUYQXYEWmrrV&index=2 sv1496XLU- www.KlausSchenck.de/ Deutsch-Abi-Training: Lyrik / S. 3 von 25 ➤ Reim: gereimt oder reimlos ➤ Versfüllung: Metrum (Wechsel von Hebung und Senkung) ➤ Verslänge: Anzahl der Hebungen pro Vers (Zeile) ➤ Versschluss: männlich / weiblich Versteilung: mit oder ohne Zäsur (Einschnitt) Jetzt kommt der nächste Schritt, die Reimordnungen: Wir beginnen mit der Unterscheidung nach der Stellung des Reims, also Anfangsreim, Binnenreim, Endreim. Anfangsreim: Die ersten Silben zweier aufeinanderfolgender Zeilen reimen sich. Krieg! Ist das Losungswort Sieg! Und so klingt es fort. Jetzt willst du natürlich wissen, wie der Aufbau einer Gedichtinterpretation aussieht, zunächst einmal ohne Gedichtvergleich! Übersichtlich der Aufbau einer Gedichtinterpretation: ▸ Einleitung Inhaltsangabe ➤ Interpretation o äußere Form o Zeilen-Interpretation O Gesamtschau o Biografie o Epoche Schluss Manuskript: Klaus Schenck: „Deutsch-Abitur-Training/Baden-Württemberg“. Bange-Verlag FT-Sendung/YouTube-Kanal (Skip: 5.15): https://www.youtube.com/watch?v=wHVdyrSUZrl&list=PLgGIkOSOO HBUYQXYEWmrrV&index=2 sv1496XLU- www.KlausSchenck.de / Deutsch-Abi-Training: Lyrik / S. 4 von 25 Ich tue jetzt mal so, als wärest du mein Schüler und würdest bei mir eine Klassenarbeit / Lyrik schreiben. Du weißt, es kommt nur ein Gedicht dran, und die Aufsatzzeit beträgt vier Schulstunden plus Pausen. Vermutlich ist das auch die Realität bei einer Lyrik-Arbeit bei dir. Hier Übersicht, Zeitplan und Seitenvorschläge, wie ich sie meinen Schülern vor der Klassenarbeit gab: Aufsatz-Teil Vorbereitung der Gedichtinterpretation 1. Einleitung (danach: 2 Zeilen frei) 2. Inhaltsangabe (danach: 2 Zeilen frei) 3. Interpretation ● formaler Aufbau / äußere Form (1 Zeile frei) Interpretation / Zeile für Zeile (1 Zeile frei) Interpretation / Gesamtüberblick (1 Zeile frei) Biografie / Bezug zum Gedicht (1 Zeile frei) Epoche / Bezug zum Gedicht (2 Zeilen frei) 4. Schluss 5. Durchlesen auf Fehler Minuten 60 5-10 15 90 HBUYQXYEWmrrV&index=2 10 10 Seiten 1/4-1/2 12-1 5-8 Ich habe für dich die Teile der Interpretation fett markiert, die auf jeden Fall in der Interpretation drin sein müssen, die anderen zwei setzen Kenntnisse voraus, die man meist nicht hat. sv1496XLU- 12-1 Manuskript: Klaus Schenck: „Deutsch-Abitur-Training/Baden-Württemberg“. Bange-Verlag FT-Sendung/YouTube-Kanal (Skip: 5.15): https://www.youtube.com/watch?v=wHVdyrSUZrl&list=PLgGIkOSOO www.KlausSchenck.de/ Deutsch-Abi-Training: Lyrik / S. 5 von 25 ● ● ● Gedicht-Interpretation Erstes Durchlesen des Gedichtes ⇒ mehrfach durchlesen! noch kein Unterstreichen → ein Bild in sich entstehen lassen Wo spielt das Gedicht? Wer tritt auf? ● Aufgabenstellung immer: Interpretieren Sie das Gedicht! Wer hat es geschrieben? Wie heißt die Überschrift? Was kann ich wohl erwarten? Landschaft / Jahreszeit / Tageszeit / polit. Ereignis / Gegensätze / spez. Situation / wie verhält sich das Ende zum Anfang? Nochmals in Ruhe durchlesen passt alles zu meinem Gedicht? → was passt nicht? Grund? → Bild in Ruhe überprüfen Form sich anschauen / erste Eindrücke Wie viel Strophen? Gibt es ein Zentrum? (Mittelstrophe) Haben die Strophen alle die gleiche Zeilenzahl? Manuskript: Klaus Schenck: „Deutsch-Abitur-Training/Baden-Württemberg“. Bange-Verlag FT-Sendung/YouTube-Kanal (Skip: 5.15): https://www.youtube.com/watch?v=wHVdyrSUZrl&list=PLgGIkOSOO HBUYQXYEWmrrV&index=2 sv1496XLU- www.KlausSchenck.de / Deutsch / sechsstündige Klassenarbeit: Gedichtvergleich Eichendorff: "Stimmen der Nacht” u. Bachmann: “Entfremdung" / S. 1 von 7 Gedichtvergleich: Eichendorff: „Stimmen der Nacht" und Bachmann: „Entfremdung" Gesamt-Einleitung Die äußere, friedvolle Nacht bei Eichendorffs ,,Stimmen der Nacht" kontrastiert die innere, verzweifelte Nacht in Bachmanns „Entfremdung“. Ihr wird das Ver- traute fremd, während Eichendorff dem Vertrauten in Offenheit begegnet. Eine ähnliche Umgebung wird durch den jeweiligen Wahrnehmungs-Filter des Individuums, durch dessen Gestimmtsein zu zwei antithetischen Gedichten, was dann besonders im Vergleich deutlich werden wird. Joseph von Eichendorff (1788-1857) Stimmen der Nacht 1. Weit tiefe, bleiche, stille Felder - O wie mich das freut, Über alle, alle Täler, Wälder Die prächtige Einsamkeit! 5 Aus der Stadt nur schlagen die Glocken Über die Wipfel herein, Ein Reh hebt den Kopf erschrocken Und schlummert gleich wieder ein. Der Wald aber rühret die Wipfel 10 Im Schlaf von der Felsenwand, Denn der Herr geht über die Gipfel Und segnet das stille Land. Joseph von Eichendorff: Sämtliche Gedichte und Versepen. Hrsg. von Hartwig Schultz. Frankfurt am Main und Leipzig: Insel 2007, S. 359. Einleitung Das Gedicht "Stimmen der Nacht" von Joseph von Eichendorff, das in Eichen- dorffs "Sämtliche Gedichte und Versepen" veröffentlicht wurde, spiegelt die Ruhe und Einsamkeit wider, die der Dichter nachts in der Natur, genauer im Wald, empfindet. Das Gedicht ist durchzogen von einer sanften Melancholie, die jedoch sehr friedlich wirkt. Inhalt Dem Titel zu entnehmen ist, dass die erzählten Augenblicke bei Nacht wahrgenommen werden. Zunächst beschreibt der Dichter die "prächtige Epochendarstellung, Reimschema, Lösungsstrategien, Aufbau zum Abi-Gedichtvergleich finden sich in: Abitur 2018 Baden-Württemberg Deutsch / Bange-Verlag / 12,99€ www.KlausSchenck.de / Deutsch / sechsstündige Klassenarbeit: Gedichtvergleich Eichendorff: "Stimmen der Nacht” u. Bachmann: “Entfremdung" / S. 2 von 7 Einsamkeit" (Z.4), die sich über die Natur legt und die als sehr positiv wahrge- nommen wird. Aus der Ferne sind Glocken, vermutlich Kirchenglocken, zu vernehmen, die kurz ein Reh aufschrecken lassen, welches jedoch sogleich wieder "einschlummert" (vgl. Z.8). In der dritten Strophe stellt der Autor einen Bezug zu Gott her, indem er durch dessen Segen die Baumwipfel sich rühren lässt. Die angesprochene Ruhe zieht sich als roter Faden durch das gesamte Gedicht, wirkt jedoch nicht trostlos, sondern als überaus friedlich. Äußere Form Das Gesicht ist in drei Strophen gegliedert, die jeweils vier Verse umfassen. Ein durchgängig gleichmäßiges Metrum lässt sich nicht erkennen, der Kreuzreim, der nur im zweiten und vierten Vers unterbrochen wird, unterstützt jedoch die ruhige, unaufgeregte Stimmung des Gedichts. Strophen-Interpretation Der Titel "Stimmen der Nacht" gibt einen Hinweis darauf, zu welcher Tageszeit der Autor die beschriebene Situation wahrnimmt. Dass er sich dabei auf die “Stimmen” (Titel) konzentriert, es ist jedoch nur die innere Stimme – von außen nicht wahrnehmbar, zeigt, wie sehr er in der Naturbetrachtung aufgeht, indem er sich ganz seinem Umfeld hingibt. Im ersten Vers erweckt er beim Leser ein Gefühl von Einsamkeit. "Weite tiefe, bleiche, stille Felder" (Z.1), die zunächst als traurig und leer wahrgenommen werden. Doch schon im nächsten Vers zerstreut er diesen Eindruck, indem er beteuert, wie sehr ihn dies "freu[e]" (Z.2), was durch das vorangeschobene "O" (Z.2) noch unterstützt wird. Diese "prächtige Einsamkeit” (Z.4), die zunächst antithetisch und widersprüchlich wirkt, jedoch gekonnt glaubwürdig vom Autor vermittelt wird, zieht sich per "alle, alle Täler, Wälder" (Z.3). Diese Doppelung verstärkt das Bild der weiten, leeren Landschaft. In der zweiten Strophe nimmt er eine weitere "Stimme der Nacht" wahr: Glockenklang aus der Stadt dringen in den Wald vor. "Ein Reh hebt den Kopf erschrocken" (Z.7). Das Adverb „erschrocken“ am Ende betont den Schrecken des Rehs, welcher in der nächsten Zeile sogleich in das Gegenteil gewandelt wird, das Reh "schlummert gleich wieder ein” (Z.8). Die zweite Strophe gleicht der ersten in ihrer Stille und Ruhe, jedoch ist die Beschreibung hier weniger allgemein, sondern konkret auf die Glocken und das Reh bezogen. Dass der Dichter ein so sanftes Tier wie das Reh betrachtet, verstärkt diesen Eindruck noch. Auch mit Hilfe seiner Wortwahl lässt er beim Leser eindrucksvolle, der Stimmung entsprechende Bilder entstehen: Gegen das ruhige, sanfte Schlum- mern des Rehs wirkt das "Schlagen der Glocken" (Z.5) schon fast grob, nicht ins Bild passend. In der dritten Strophe greift der Autor den Glockenschlag nochmals auf. Im Gegensatz zum Reh, das sogleich zu seiner Ruhe zurückfindet, "rühret der Wald die Wipfel” (vgl. Z.9). In der nächsten Zeile steht der friedliche, ruhige, sanfte "Schlaf" (Z.10) der kalten, harten "Felsenwand" (Z.10) gegenüber, diese kurz angehauchte Unruhe inmitten der stillen Umgebung wird in der nächsten Zeile durch den Bezug zu Gott relativiert. Es wird ersichtlich, dass die Glocken aus Strophe 2, die vermutlich Kirchenglocken sind und schon einen ersten Bezug zu Gott herstellen, das Einzige sind, das diese vollkommene Ruhe und Epochendarstellung, Reimschema, Lösungsstrategien, Aufbau zum Abi-Gedichtvergleich finden sich in: Abitur 2018 Baden-Württemberg Deutsch / Bange-Verlag / 12,99€ www.KlausSchenck.de / Deutsch / sechsstündige Klassenarbeit: Gedichtvergleich Eichendorff: "Stimmen der Nacht” u. Bachmann: “Entfremdung” / S. 3 von 7 Einsamkeit in Bewegung bringt, jedoch auf keine störende Weise. "Der Herr geht über die Gipfel" (Z.11) und macht mit seinem 'Segen' die Harmonie noch vollkommener. Das Gedicht endet abrundend mit dem Ausdruck "stille[s] Land" (Z.12), der den vom Dichter eingefangenen Augenblicke der Naturbetrachtung zusammenfassend auf den Punkt bringt. Gesamtüberblick Als roter Faden durch das Gedicht zieht sich die immer wieder genannte Stille, Einsamkeit und Ruhe. Der Autor bezieht sich selbst nur ein einziges Mal ein, als er beteuerte, wie er sich an dieser Stimmung 'erfreue' (vgl.Z.2). Schluss Trotz der um ihn herum herrschenden Einsamkeit und der weiten, stillen Landschaft fühlt er sich nicht verloren, sondern scheint ganz in dieser Stim- mung aufzugehen. Die in der ersten Strophe leicht angedeutete Melancholie weicht einem Bild von Harmonie und Geborgenheit. Dass der Autor inmitten dieser Stille einen Bezug zu Gott herstellt, unterstreicht den Eindruck von innerer Ruhe und Gelassenheit. Alles in allem stellt es einen Moment voller Frieden dar. Ingeborg Bachmann (1926-1973) Entfremdung In den Bäumen kann ich keine Bäume mehr sehen. Die Äste haben nicht die Blätter, die sie in den Wind halten. Die Früchte sind süß, aber ohne Liebe. Sie sättigen nicht einmal. s Was soll nur werden? Vor meinen Augen flieht der Wald, vor meinem Ohr schließen die Vögel den Mund, für mich wird keine Wiese zum Bett. Ich bin satt vor der Zeit 10 und hungre nach ihr. Was soll nur werden? Auf den Bergen werden nachts die Feuer brennen. Soll ich mich aufmachen, mich allem wieder nähern? Ich kann in keinem Weg mehr einen Weg sehen. I. B.: Werke. Hrsg. v. Christine Koschel, Inge von Weidenbaum, Clemens Münster. Erster Band. München: Piper 1978, S. 13. Einleitung Das Gedicht "Entfremdung" von Ingeborg Bachmann, das 1978 veröffentlicht wurde, schildert die innere Unruhe und Zerrüttung der Dichterin inmitten der Natur. Sie nimmt ihre Umgebung als etwas ihr Fremdes wahr, zu dem sie kei- Epochendarstellung, Reimschema, Lösungsstrategien, Aufbau zum Abi-Gedichtvergleich finden sich in: Abitur 2018 Baden-Württemberg Deutsch / Bange-Verlag / 12,99€ www.KlausSchenck.de / Deutsch / sechsstündige Klassenarbeit: Gedichtvergleich Eichendorff: "Stimmen der Nacht” u. Bachmann: “Entfremdung” / S. 4 von 7 nen Zugang findet. Nach und nach beginnt sie, Hoffnung zu schöpfen, lässt das Gedicht jedoch pessimistisch enden. Inhalt Zunächst richtet sich die Betrachtung der Autorin auf die Bäume, in denen sie "keine Bäume mehr sehen (kann)" (Z.1). Die Äste trügen keine Blätter und die Früchte sättigten nicht. Die Autorin fragt sich, was nur werden solle (Z.5). In der folgenden Beschreibung der Natur wird ersichtlich, dass sie zu ihrer Umge- bung, die sie zwar fähig ist wahrzunehmen, keinen Zugang findet. In ihrem Empfinden "schließen die Vögel den Mund" (Z.7) vor ihr, der Wald fliehe. Anschließend fragte sie sich, ob sie sich allem wieder nähern solle, bringt daraufhin jedoch ihre Ziellosigkeit und Hoffnungslosigkeit zum Ausdruck. Äußere Form Die äußere Form des Gedichts spiegelt die inneren Empfindungen der Autorin wider. Metrum und Reimschema fallen weg, auch ist keine klare Gliederung in Strophen erkennbar. Innerlich fühlt sich die Autorin genauso unruhig und rastlos, wie sie es durch die fehlende Form des Gedichts darstellt. Strophen-Interpretation Dem Titel des Gedichts gewinnt der Leser einen ersten Eindruck ab Entfremdung. Schon hier wird deutlich, wie wenig zugehörig sich die Autorin der Welt fühlt. Dieser Eindruck zieht sich durch das komplette Gedicht und wird gleich im ersten Vers durch die Worte: "In den Bäumen kann ich keine Bäume mehr sehen" (Z.1) veranschaulicht. Die Aussage wirkt wirr und sinnlos, wird jedoch im Folgenden erklärt: "Die Äste haben nicht die Blätter, die sie in den Wind halten" (Z. 2-3). Es entsteht sogleich ein Bild von Kahlheit und Leere beim Leser. Die Autorin beschreibt jedoch nicht einfach nur die kahlen Äste, die keine Blätter tragen, sondern kreiert mit ihrem Nachschub "die sie in den Wind halten" (Z. 2-3) ein Bild von Schönheit, wodurch das Fehlen dieser noch intensi- viert wird. Auch die Wahl des Wortes ‘nicht' (Z.2) wirkt mächtig und absolut. Sie stellt also anhand der Äste und der fehlenden Blätter einen Zustand dar, der positiv ist und sein könnte, jedoch nicht ist. Dass die Äste die Blätter in den Wind "halten" (Z.3) würden, personifiziert die Äste, gleichzeitig wird ihnen je- doch durch das Fehlen der Blätter die Wärme und Menschlichkeit genommen. Anschließend geht die Autorin auf die Früchte des Baumes ein. Ihrer Süße steht ihre Lieblosigkeit gegenüber (süß, aber ohne Liebe" (Z.3). “Sie sättigen nicht einmal" (Z.4). Die Worte der Autorin wirken bitter, verzweifelt, enttäuscht. Sind die Früchte schon nicht liebevoll, wobei ihnen genau wie den Ästen die fehlende Menschlichkeit zugeschrieben wird, so sollen sie zumindest sättigen, doch auch in dieser Erwartung wird die Dichterin enttäuscht. Die hoffnungslose, negative Betrachtung der Umwelt gipfelt in der verzweifelten Frage: "Was soll nur werden?" (Z.5). Hier wird deutlich, dass es der Autorin um viel mehr geht als die trostlose Natur, dass sie von großem Leid erfüllt ist, welches sich in der Naturentfremdung widerspiegelt. In den nächsten beiden Zeilen wird die Natur personifiziert: "Vor meinen Augen flieht der Wald, vor meinen Ohren schließen die Vögel ihren Mund” (Z.6-7). Auch hier wird ein positiver, schöner Zustand beschrieben, der sie nicht er- Epochendarstellung, Reimschema, Lösungsstrategien, Aufbau zum Abi-Gedichtvergleich finden sich in: Abitur 2018 Baden-Württemberg Deutsch / Bange-Verlag / 12,99€ www.KlausSchenck.de / Deutsch / sechsstündige Klassenarbeit: Gedichtvergleich Eichendorff: “Stimmen der Nacht” u. Bachmann: “Entfremdung” / S. 5 von 7 reicht. Dass sie in ihrer Beschreibung betont, dass sich diese vor ihr ver- schließt, vor ihr flieht und nicht allgemein gilt, lässt vermuten, wie ungerecht sie es empfindet, dass jedem anderen diese Schönheit scheinbar verfügbar ist und verdeutlicht noch einmal, wie sehr ihr inneres Leid, ihre Wahrnehmung der Umwelt steuert und bestimmt. Dass für sie "keine Wiese zum Bett" (Z.8) wird, macht deutlich, wie fehl am Platz sie sich auf der Erde fühlt und nicht weiß, wo sie Geborgenheit und innere Ruhe finden kann. Die folgende Antithese: "Ich bin satt von der Zeit und hungre nach ihr" (Z.9-10) stellt ihre innere Zerrissenheit dar. Einerseits fühlt sie sich unglücklich, hoffnungslos und leer, andererseits sehnt sie sich nach Freude und 'Lebenshunger'. Die gegensätzliche Worte "satt" (Z.9) und "hungre” (Z.10) unterstreichen die Antithetik und wirken beide jeweils sehr ausdrucksstark. Es scheint, als sei die Dichterin gefangen in ihrer Taubheit, der Hoffnungslosigkeit steht die leise Ahnung gegenüber, dass das Leben auch schöne "Zeiten" (Z.9) bereithält. Die wiederholte Frage "Was soll nur werden?" (Z.11) macht deutlich, dass die Trostlosigkeit überwiegt. Nach einem Absatz folgt ein leicht verändertes Bild: "Auf den Bergen werden nachts die Feuer brennen" (Z.12), begleitet von der Frage, ob sie sich allem wieder nähern solle. Was genau auf den Bergen stattfindet, erläutert sie nicht, das Feuer jedoch, welches einen Eindruck von Stärke, Intensität und Lebendig- keit vermittelt, stellt einen Zustand dar, dem sie sich 'entfremdet' hat – vielleicht dem Feuer einer vergangenen Liebe oder dem Feuer als Richtungsgeber. Dass dies "nachts" (Z.12) und “auf den Bergen” (Z.12) geschieht, verdeutlicht, wie weit entfernt sie von ihrem Glück ist. Die zögerliche Frage "Soll ich (...) mich allem wieder nähern?" (Z.13) wird daher gleich darauf zerschlagen von der ernüchternden, hoffnungslosen Aussage: “Ich kann in keinem Weg mehr einen Weg sehen" (Z.18). Gesamtüberblick + Schluss Als roter Faden zieht sich die Zerrissenheit und Ratlosigkeit der Autorin durch das Gedicht. Worunter sie so sehr leidet, lässt sie im Unklaren, doch der andauernde Zustand von tiefem Unglück und Verzweiflung, der aus jeder Zeile hervorgeht, erweckt eine unruhige Stimmung beim Leser, welche durch den geschickten Gebrauch der Rhetorik noch untermauert wird. Die wiederkeh- rende Antithetik veranschaulicht die widersprüchlichen Mächte, die in ihr zu wüten scheinen und denen sie sich hilflos ausgeliefert fühlt. Es lässt sich erahnen, dass tief in ihrem Inneren eine leise Hoffnung keimt, ihr Gemütszu- stand könne sich ändern, jedoch wagt sie kaum, daran zu glauben. Dass sie "in keinem Weg mehr einen Weg sehen" (Z.14) kann, lässt das Gedicht mit der gleichen Hoffnungslosigkeit enden, wie es begonnen hat. Epochendarstellung, Reimschema, Lösungsstrategien, Aufbau zum Abi-Gedichtvergleich finden sich in: Abitur 2018 Baden-Württemberg Deutsch / Bange-Verlag / 12,99€