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"Prozess" / Kafka: S. 105 - 107 (Klassenarbeiten)

"Prozess" / Kafka: S. 105 - 107 (Klassenarbeiten)

 www.KlausSchenck.de / Deutsch/ Literatur/ 13.1/ S. 1 von 11
Abi-Aufgabe 2011 / BW / 6-stündige Klassenarbeit/ Franz Kafka: „Der Prozess"
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Klaus Schenck

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3 Klassenarbeiten direkt vor dem D-Abi, 6-stündig, Abi-Aufgabe, Vergleichsaufgabe zu "Kohlhaas"/Kleist

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www.KlausSchenck.de / Deutsch/ Literatur/ 13.1/ S. 1 von 11 Abi-Aufgabe 2011 / BW / 6-stündige Klassenarbeit/ Franz Kafka: „Der Prozess" Mit einem Vergleich zu Kleist: „Michael Kohlhaas" Aufgabenstellung: S. 105 / Zeile 41 – S. 107 / Zeile 22 (Hamburger Leseheft, Nr. 201) Fischer Taschenbuch (2006): S. 154-156 Reclam (2005): S. 134-136 ,,Sie sind wohl ein Vertrauensmann des Gerichtes?"" „Das ist ja die Hauptsache', sagte der Maler." 1. Legen Sie kurz dar, weshalb Josef K. den Maler Titorelli aufsucht. 2. Interpretieren Sie die Textstelle; beziehen Sie die sprachliche und erzäh- lerische Gestaltung ein. (Zeilenangaben der Textvorlage übernehmen!) 3. Kafkas Der Proceß und Kleists Michael Kohlhaas: Untersuchen Sie in ei- ner vergleichenden Betrachtung die Bedeutung der Helferfiguren Ihrer Wahl für Josef K. und Michael Kohlhaas. Hinweise: ● Alle Interpretationen müssen durch Zitate gesichert werden. Beachten Sie, dass die zweite und die dritte Teilaufgabe etwa gleichwertig gewichtet werden. Franz Kafkas bekanntester und meistzitierter Roman „Der Prozess“ stellt den Proku- risten Josef K. ins Zentrum, welcher aufgrund der eigenen Schuld am inneren Selbst einen erzwungenen Prozess in Form einer Psychoanalyse durchlaufen muss, wobei er auf eine absurde, lebensfeindliche und sich verselbstständigende Bürokratie, das Gericht, trifft. Josef K., der Prokurist einer großen Bank, wird am Morgen seines dreißigsten Ge- burtstages, ohne sich einer Schuld bewusst zu sein, verhaftet. Infolge dieser Verhaf- tung, welche K. allerdings in der Ausübung seines Berufs...

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nicht behindert, versucht K. vergeblich einen fassbaren Ankläger zu finden. Bei dem Versuch das Gericht, wel- ches ihn anklagt, jedoch gleichzeitig für ihn weder greifbar noch erkennbar ist, näher zu ergründen, gerät K. immer tiefer in die surreale Paradoxie des Gerichts. Seine Lage verschlechtert sich durch seine pedantische Vorgehensweise und seine frag- würdigen Frauenbeziehungen zunehmend, und so endet der Prozess von Josef K. mit dessen demütigender Hinrichtung, welche im autobiographischen Bezug zu Kaf- ka dessen Fortleben sichert. www.KlausSchenck.de / Deutsch/ Literatur/ 13.1/S. 2 von 11 Abi-Aufgabe 2011 / BW / 6-stündige Klassenarbeit/ Franz Kafka: „Der Prozess" Mit einem Vergleich zu Kleist: „Michael Kohlhaas" Die vorgelegte Textstelle thematisiert das hilfesuchende Vorgehen von Josef K., wel- cher nun zum ersten Mal die Möglichkeit erhält, sich unschuldig zu nennen. Dem- nach zeigt die Textstelle K.s Zeugnis der eigenen Unschuld, welches er freudig gibt, jedoch innerlich anzweifelt. Josef K., welcher am Morgen seines dreißigsten Geburtstages verhaftet wird, erkennt den Anlass dieser Verhaftung nicht, da er sich selbst keine Schuld einzugestehen hat. Nicht nur das Datum seiner Verhaftung, sondern auch die Tatsache, dass er trotzdem weiter seinem beruflichen Alltag nachgehen darf, sowie die Erscheinung der Wächter lassen K. an der Glaubwürdigkeit des Umstandes zweifeln. So zieht K. sei- ne Verhaftung sowie seinen beginnenden Prozess ins Lächerliche und ist nicht bereit dazu, diesen als solchen anzuerkennen. Bei seiner ersten Untersuchung wirkt sich diese arrogante Einstellung der Ignoranz der Ernsthaftigkeit negativ für K. aus, da sein herausforderndes Auftreten ihn des Vorteils beraubt, dem Prozess ein möglichst schnelles Ende zu geben. Auf der Schwelle von Ignoranz und Akzeptanz nimmt der Prozess K. immer mehr ein, wonach sich dieser stärker als gewollt mit ihm be- schäftigt. So beginnt K. damit, sich fremde Hilfe zu holen und wirbt Helfer für sich, da er annimmt, dadurch einen Vorteil in seinem Prozess zu haben, jedoch zeigt sich mit fortschreitender Handlung, dass diese Annahme falsch ist. Des Weiteren nimmt K. sich, auf das Drängen seines Onkels, welcher durch den Prozess die Familienehre bedroht sieht, einen Advokaten. K. beschäftigt sich nun mehr mit seinem Prozess und vernachlässigt deshalb seinen Beruf, welcher früher den höchsten Stellenwert in K.s Leben einnahm. Da K. erkennt, dass, seit er den Advokaten hat, immer noch kei- ne Besserung des Prozess eintrat, entschließt er sich zur Erstellung einer Eingabe, welche er zur eigenen Verteidigung zu nutzen gedenkt, jedoch verschiebt sich deren Erstellung durch den Besuch eines Fabrikanten in der Bank. Dieser ist ein hochan- gesehener Kunde der Bank und weiß zum Erstaunen von K. von dessen Prozess. Dieses Wissen hat der Fabrikant von einem Maler mit dem Namen Titorelli, welcher für das Gericht arbeite. Der Fabrikant, welcher Josef K. wohlgesinnt sei, empfiehlt K. diesen Maler aufzusuchen, da er mit dem Gericht bestens bekannt ist und so K. be- hilflich sein könnte. K. beschließt nach einigem Zaudern dem Rat des Fabrikanten zu www.KlausSchenck.de / Deutsch/ Literatur/ 13.1/ S. 3 von 11 Abi-Aufgabe 2011 / BW / 6-stündige Klassenarbeit/ Franz Kafka: „Der Prozess" Mit einem Vergleich zu Kleist: „Michael Kohlhaas" folgen und den Maler aufzusuchen, wofür er vom Fabrikanten ein Empfehlungs- schreiben erhält. So entfernt sich K. von seiner Arbeit, um den Maler zu besuchen, welcher ihm dabei behilflich sein könnte, seinen Prozess schnellstmöglich zu been- den. Die vorgelegte Textstelle zeigt die Begegnung des Protagonisten Josef K. mit dem Maler Titorelli, von welchem K. Hilfe erhofft, da er als Angestellter des Gerichts die- ses näher bestimmen könnte. Nachdem K. nun seine Arbeit verließ, findet er sich letztendlich bei dem besagten Maler wieder. Die Tatsache, dass K. seine Arbeit in der Bank liegen lässt, um den Maler aufzusuchen, zeigt die Verschiebung der Prioritäten in K.s Leben. So war zu Beginn der Handlung der Beruf K.s höchste Priorität, doch nun hat der Prozess im- mer mehr Besitz von K. genommen und tritt an die Stelle, an welcher vorher die be- rufliche Stellung war. Es zeigt sich nun also, dass mit fortschreitender Handlung K. immer tiefer in seinen Prozess verwickelt wird und dies, obwohl er anfänglich noch anmerkte, dass die Tat- sache seiner Verhaftung wohl nur ein „Spaß“ (S.6, Z.24) sein konnte. Nachdem K. sich durch belanglose Fragen über die Malerei dem Maler annäherte, fragt er nun geradeheraus, ob der Maler ,,wohl ein Vertrauensmann des Gerichts [sei]“ (Z.1). Die- ses eher forsche Nachfragen findet mehr Anklage bei Titorelli, da dieser mehr an ,der Wahrheit" (Z.4) interessiert sei als an belanglosem Gerede. Jedoch erkennt er, dass Josef K. ,nicht [davon] [wusste]" (Z.8), dass der Maler auf diese Art der Kommunika- tion lieber verzichtet. Dieses Verhalten spiegelt indirekt auch wieder das Wesen des Gerichts wider, welches mehr auf Fakten als auf lange Reden bedacht ist. Es ist demnach die Wahrheit, welche vom Gericht wie auch von Titorelli gefordert wird. Dies zeigt sich auch in der „scharf abwehrend[en]“ (Z.9) Geste Titorellis, als K. da- raufhin sein Tun verteidigen wollte, jedoch ist jede Verteidigung sowie jedes „selbst- ständige Eingreifen“ (S.127, Z.11) fehl am Platze. Titorelli gibt zu ein Teil des Ge- richts zu sein. Er zeigt sich verständnisvoll, als er K. erst „Zeit [lässt], [um] sich mit dieser Tatsache abzufinden“ (Z.14), da er annimmt, dass K. davon verwirrt sein könnte und ihn instinktiv als unwissend über grundlegende Kenntnisse des Gerichts und seines Aufbaus einschätzt. Josef K. schweift allerdings mit seinen Gedanken ab, www.KlausSchenck.de / Deutsch/ Literatur/ 13.1/ S. 4 von 11 Abi-Aufgabe 2011 / BW / 6-stündige Klassenarbeit/ Franz Kafka: „Der Prozess" Mit einem Vergleich zu Kleist: „Michael Kohlhaas" als er Geräusche „hinter der Tür“ (Z.14) vernimmt, welche wohl von den lauschenden Mädchen kommen. Es zeigt sich, dass K. durch das Auftreten von Frauen an Kon- zentration verliert und sich mit weniger Aufmerksamkeit dem Prozess widmet. So hegt er bei seiner ersten Untersuchung durch den Auftritt der Frau des Gerichtsdie- ners auch den Gedanken, seine Verteidigung zu stoppen, um zu ihr „[hinzulaufen}“ (S. 38, Z.23), jedoch wird er daran gehindert. Die Mädchen werden hier nun als neu- gierig und belästigend dargestellt, wonach sie K.s Frauenbild von verstandslosen Lustobjekten entsprechen. Demnach werden die Frauen im Roman klischeeartig in eine bestimmte Rolle gedrückt. K. nimmt des Weiteren an, dass man sie wohl auch „durch die Ritzen [im] Zimmer“ (Z.16) sehen könnte, womit er einen Bezug zum Ge- richt zulässt, welches sich eher schäbig und unprofessionell zeigt, da es sonntags und auch nachts seine Angeklagten vernimmt und auf Dachböden tagt. Das Gericht definiert sich nun auch durch seinen Schmutz, welches sich anhand der Erschei- nungsform seiner Angestellten erkennen lässt. K., welcher seine Unaufmerksamkeit bemerkt, scheut sich allerdings vor einer Entschuldigung, da er annimmt, diese wür- de den Maler „ablenken“ (Z18), jedoch will K. auch nicht, dass der Maler eine domi- nierende Stellung gegenüber ihm annimmt und für K. dadurch „unerreichbar" (Z.20) würde. Dieses Denken von K. zeigt seine Angst vor Fremdbestimmung, welche Rückschlüsse auf den Autor zulässt. K. ist davon abgeneigt, von anderen bestimmt zu werden. So zeigt er sich auch uneinsichtig seinen Prozess betreffend, da er ihn als Bedrohung seiner selbst definiert. So beengt ihn der Zustand der Verhaftung, auch wenn diese ihn im eigentlichen Sinne kaum behindert. Jedoch ist sie nicht von physischer, sondern von psychischer Gestalt. Dieses Einnehmen der Psyche des Angeklagten zeigt das Wesen des Prozesses, welcher den Angeklagten nicht nur am Schuldgeständnis, sondern auch zur Selbstergründung zwingt. Bereits bei seiner Verhaftung machte K. den Fehler, seinem Wächter mehr Macht zuzusprechen, als dieser es verdiente, indem er seine Handlungen offen legt und damit dem Wächter „ein Beaufsichtigungsrecht“ (S.5, Z.34f) erteilt. K. will einen solchen Fehler nicht noch einmal begehen, was zeigt, dass K. durchaus bereit ist aus Fehlern zu lernen, jedoch unfähig ist zu erkennen, dass die Tatsache der nicht gestellten Schuldfrage sein größter Fehler ist. Jedoch stoppt K.s Eingreifen in der Situation den Redefluss vom Maler. Dieses falsch gewählte Eingreifen ist K.s oft begangener Fehler, da er glaubt, www.KlausSchenck.de / Deutsch/ Literatur/ 13.1/ S. 5 von 11 Abi-Aufgabe 2011 / BW / 6-stündige Klassenarbeit/ Franz Kafka: „Der Prozess" Mit einem Vergleich zu Kleist: „Michael Kohlhaas" er kann nur durch aktives Handeln seinen Prozess beenden, jedoch „ist nicht [das Warten] nutzlos […] [,] nutzlos ist nur das selbstständige Eingreifen“ (S. 127, Z. 9/10). K. erkennt also nicht, dass er falsch handelt, wenn er so aktiv eingreift statt sich mit sich und seiner Schuld zu befassen. Auf diese Weise beraubt er sich selbst des Vor- teils, seinen Prozess weiterzubringen. Titorelli bemerkt nun auch, dass „derartige nicht anerkannte Stellungen einflußreicher als die anerkannten [sind]“ (Z.25), womit er das Gericht von normalen Gerichten abgrenzt. Des Weiteren zeigt sich, dass K. auf die Hilfe vom Fabrikanten angewiesen war, um Titorelli zu sprechen, was einen Widerspruch in K.s Vorgehensweise aufzeigt, da er sonst eher darauf bedacht ist, die Dinge selbst in die Hand zu nehmen. Der Maler erkennt die Verbundenheit von K. mit dessen Angelegenheit, welche „[ihm] ja sehr nahe [geht]“ (Z.30f), da K. „so bald" (Z.30) bei ihm erschienen ist. Es zeigt sich wiederholt, dass K. seinen Prozess immer ernster nimmt, obwohl er dennoch keinerlei Anstalten macht, die Ursache dieses Ver- fahrens gegen ihn, seine Schuld, näher zu ergründen. Er fragt demnach nur stets, wer ihn anklagt, jedoch nie warum. K. fühlt sich unwohl beim Maler, was zum einen an der „drückend[en] [Luft]“ (Z.34f), zum anderen an der Aufforderung „sich auf das Bett zu setzten“ (Z.47) liegt, da K. damit eine Grenze überschreitet, welche nicht seinem Gemüt entspricht. So stellt da Bett die Intimität einer Person dar und somit fühlt sich K., welcher eher distanziert ist und demnach nur oberflächlichen Kontakt zu seinen Mitmenschen pflegt, unwohl. Doch der Maler erkennt dies nicht und hilft sogar noch nach, K. richtig ins Bett zu setzen. K. wird nun also zu etwas, was er verab- scheut, der extremen Intimität, gezwungen, wie sein Prozess, welcher ihn dazu zwingt, in sich zu gehen und mit sich intim zu werden. Die plötzlich auftretende „Schwüle im Zimmer“ (Z.38), welche für K. „unerträglich“ (Z.38) ist, zeigt, dass die Nähe zum Gericht K.s Sinne benebelt und er demnach nicht mehr klar denken kann, obwohl darin seine Stärke besteht, da er als Bankangestellter stets darauf bedacht ist, die Dinge rational zu sehen. Diese Verhaltensweise, seine Schwäche, zeigt sich auch bei seinem Besuch in den Gerichtskanzleien sowie bei seiner Begegnung mit dem Gefängniskaplan. Bei beiden Ereignissen ist er nicht mehr Herr seiner Sinne und verliert den Überblick, wonach er den Ausgang nie findet. Innerhalb seines Pro- zesses bleibt ihm der Weg zu diesem Ausgang auch verwehrt. Das Gericht bedroht K.. Es ist lebensfeindlich, da es ihm die Luft zum „Atmen“ (Z.44) nimmt. Doch entge- www.KlausSchenck.de / Deutsch/ Literatur/ 13.1/ S. 1 von 8 Abi-Aufgabe 2011 / BW / 6-stündige Klassenarbeit / Franz Kafka: „Der Prozess" Mit einem Vergleich zu Kleist: „Michael Kohlhaas" Aufgabenstellung: S. 105 / Zeile 41 – S. 107/ Zeile 22 (Hamburger Leseheft, Nr. 201) Fischer Taschenbuch (2006): S. 154-156 Reclam (2005): S. 134-136 ,,Sie sind wohl ein Vertrauensmann des Gerichtes?" „Das ist ja die Hauptsache', sagte der Maler." 1. Legen Sie kurz dar, weshalb Josef K. den Maler Titorelli aufsucht. 2. Interpretieren Sie die Textstelle; beziehen Sie die sprachliche und erzählerische Gestaltung ein. (Zeilenangaben der Textvorlage übernehmen!) 3. Kafkas Der Proceß und Kleists Michael Kohlhaas: Untersuchen Sie in ei- ner vergleichenden Betrachtung die Bedeutung der Helferfiguren Ihrer Wahl für Josef K. und Michael Kohlhaas. Hinweise: ● Alle Interpretationen müssen durch Zitate gesichert werden. Beachten Sie, dass die zweite und die dritte Teilaufgabe etwa gleichwertig gewichtet werden. „Wer Einsicht hat“, sagt Dschuang Dsi, „der braucht sein inneres Auge, sein inneres Ohr, um die Dinge zu durchdringen und bedarf keines verständnismäßigen Erken- nens." Diese Einsicht bleibt Josef K., dem Protagonisten aus Franz Kafkas Roman „Der Prozess", aufgrund der Verdrängung seiner Schuldgefühle und der damit nicht sattfindenden „Begegnung mit sich selbst" nach C.G. Jung verwehrt. Josef K. wird an seinem dreißigsten Geburtstag von einer anonymen, undurchschau- baren Gerichtsinstanz verhaftet. Er kann sein Leben jedoch normal weiterführen, im Laufe der Handlung wird Josef K. allerdings immer mehr von seinem Prozess einge- nommen und zerstört. Die Schuldfrage bleibt auch nach dessen Hinrichtung offen. Durch den ,,Prozess" verarbeitet Franz Kafka die Entlobung von Felice Bauer und die Konflikte mit seinem Vater. Durch den Tod Josef K.s statt seiner selbst erlebt der Autor eine Art Katharsis. In der vorliegenden Textstelle thematisiert Kafka die Unfassbarkeit des Gerichtswe- sens und Frage der Schuld des Angeklagten. www.KlausSchenck.de / Deutsch/ Literatur/ 13.1/ S. 2 von 8 Abi-Aufgabe 2011 / BW / 6-stündige Klassenarbeit / Franz Kafka: „Der Prozess" Mit einem Vergleich zu Kleist: „Michael Kohlhaas" Josef K. wird am Morgen seines dreißigsten Geburtstags von zwei Wächtern des ihm unbekannten Gerichtes verhaftet. Anfangs hält er dies für einen Scherz anlässlich seines Geburtstages. Doch anstatt nach seiner Schuld, dem Anlass seiner Verhaf- tung zu fragen, beschäftigt K. die Frage nach dieser eigenartigen Gerichtsinstanz. Die Verhaftung hat nur die Folge, dass ihm drei Beamte aus der Bank zur Seite ge- stellt werden, die ihn beobachten sollen, ihn, den Prokuristen einer Bank. Josef K. kann ansonsten sein Leben gewohnt weiterführen, er wird telefonisch über den Ter- min seiner ersten Untersuchung unterrichtet. Diese findet an einem Sonntag statt, genaue Orts- und Zeitangaben werden nicht gemacht. Trotzdem findet Josef K. das verkommene Untersuchungszimmer des von der Schuld der Angeklagten angezoge- nen Gerichts. Hier kommt der Prokurist erstmals mit dem schmutzigen und grotesken Gerichtswesen in Kontakt und hinterlässt aufgrund seiner Überheblichkeit und Arro- ganz einen schlechten Eindruck für den Fortgang seines Prozesses. Josef K. wird immer mehr von seinem Prozess eingenommen, die Arbeit, die sonst für ihn sehr wichtig war, verliert an Stellenwert. Viele Bekannte aus der Bank sowie sein Onkel wissen von seinem Prozess, ohne dass Josef K. ihnen etwas darüber erzählt hätte. Auf den Rat seines Onkels hin nimmt er sich den Advokaten Huld zu seiner Verteidigung. Doch ist der extrem auf Ordnung und Fortschritt seines Prozesses orientierte Josef K. nicht zufrieden mit der Arbeit des Advokaten. Er verspürt mehr Sorgen und Arbeit um den Prozess als vor der Anstellung des Rechtsbeistands. Das Gerichtsverfahren behindert und verfolgt Josef K. immer stärker, auch in seinem Berufsleben, dergestalt, dass ein guter Kunde der Bank, ein Fabrikant, Josef K. auf seinen Prozess anspricht und ihm die Hilfe des Malers Titorelli anbietet. Diese Hilfe nimmt K. gerne wahr, da ihm seine meist weiblichen Helferinnen nicht viel gebracht haben. So besucht er den Maler in seinem Atelier, um von ihm Informationen über das Gericht zu bekommen. Die vorgelegte Textstelle beschreibt inhaltlich die Konversation über das Gerichtswe- sen mit der Frage des Prokuristen, ob der Maler „ein Vertrauensmann des Gerichtes" www.KlausSchenck.de / Deutsch/ Literatur/ 13.1/ S. 3 von 8 Abi-Aufgabe 2011 / BW / 6-stündige Klassenarbeit / Franz Kafka: „Der Prozess" Mit einem Vergleich zu Kleist: „Michael Kohlhaas" /Z.1) sei, hier zeigt sich deutlich die Neugierde nach der Institution, die ihn verhaften ließ, nicht jedoch die Frage seiner Schuld. Außerdem offenbart sich das Groteske des Gerichtes, da ein Maler als „Vertrauensmann“ (Z.1) zählt und ein Angeklagter auf diese Weise Informationen zu bekommen erhofft. Titorelli allerdings fühlt sich geehrt und stolz sich als „Vertrauensmann“ (Z.1) betiteln zu lassen, da er sich „[aufrichtet]“ (Z.2) und „die Hände" (Z.3) voller Tatendrang „an einander“ (Z.3) reibt. Sein ,Lächeln' (vgl. Z.4) zeigt, dass er sich geschmeichelt fühlt. Der Maler weiß jedoch, dass Josef K. „etwas über das Gericht erfahren“ (Z.4-5) will, was schon aus dem „Empfehlungs- schreiben" (Z.5-6) des Fabrikanten hervorgeht. Der Maler erklärt Josef K. deutlich, dass er seine Vorgehensweise, sich mittels des Gesprächs über seine Bilder einzu- schmeicheln und ihn für sich „zu gewinnen“ (Z.7), durchschaut hat. Der Prokurist wird von den Angestellten des Gerichts also schnell entlarvt. Genau diese Klarheit, die Situation richtig einzuschätzen und wahrzunehmen, fehlt Josef K. Er merkt somit nicht, dass seine Schmeicheleien „unangebracht“ (Z.8-9) sind. Da Josef K. etwas einwenden will, muss der Maler seinen Tonfall „scharf abwehrend“ (Z.9) wählen, um es K. deutlich zu machen. Durch die Bestätigung von Josef K.s Frage, ob er ein „Vertrauensmann des Gerichtes „(Z.11-12) sei, gibt der Maler dem Angeklagten kurz „Zeit“ (Z.13). In gewisser Weise behandelt er Josef K. wie einen Begriffsstutzigen, der er ja in Anbetracht des Gerichtes und deren Angestellten auch tatsächlich ist. Zusätzlich heben sich das Perverse und der Schmutz des Gerichts durch das weibli- che Geschlecht, hier den „Mädchen“ (Z.14) „hinter der Tür“ (Z.14), hervor. Diese „Mädchen" (Z.14), die „eine Mischung von Kindlichkeit und Verworfenheit" (S.101, Z.42-43) darstellen, zeigen die Schmutzigkeit des Gerichts. Da Josef K. die Situation nicht richtig einschätzen kann, versucht er durch seine Bankerlogik seine Haltung zu wahren. Deshalb will er sich nicht „entschuldigen“ (Z.17), damit sich Titorelli nicht „überhebe“ (Z.19) und so „unerreichbar“ (Z.20) für ihn werde. Dies erinnert sehr an Kafkas Vater, der für ihn übermächtig und „unerreichbar“ (Z.20) war. Diese negativen Erfahrungen versucht Josef K., der die Psyche Kafkas widerspiegelt, zu verhindern, um sich nicht wieder machtlos zu fühlen. Josef K. will Ordnung und Standhaftigkeit bewahren. So versucht er den Maler zu erniedrigen und ihn ebenbürtig zu machen, das kompensiert er über die Frage, ob sein Beruf eine „öffentliche anerkannte Stel- lung" (Z.21) sei. Verglichen mit seiner hohen und anerkannten Stellung als Prokurist einer Bank kann der Maler durch Verneinung von Josef K.s Frage nicht mithalten. Da www.KlausSchenck.de / Deutsch/ Literatur/ 13.1/ S. 4 von 8 Abi-Aufgabe 2011 / BW / 6-stündige Klassenarbeit / Franz Kafka: „Der Prozess" Mit einem Vergleich zu Kleist: „Michael Kohlhaas" er jedoch auf den Maler angewiesen ist, versucht er sich wieder einzuschmeicheln, indem er des Malers „nicht anerkannte Stellung“ (Z.24) als „einflussreicher“ (Z.24) denn einer anerkannten bezeichnet. Diese Aussage stimmt Titorelli zu und das wie- derum zeigt das Groteske des Gerichts. Die Tatsache, dass er sich „freue“ (Z.29) den Prokuristen zu sehen, könnte die Hoffnung sein, dass dieser sich nun mit seiner Schuld und seinem Prozess ernsthaft auseinander setzten will. Des Weiteren haben die Außenstehenden den Eindruck, Josef K. gehe „[d]ie Sache[…] sehr nahe“ (Z.30), was er jedoch abzustreiten versucht. Das Gericht, der Prozess und seine Schuld stellen Kafkas Unterbewusstsein dar. Im Unterbewusstsein steigt die Bedrohung in dem dem Maße, wie man sie verdrängt. Hier verdrängt Josef K. die Schuld, kommt aber mit dem Gericht immer intensiver in Berührung, was für ihn sehr unangenehm ist. „Die Luft" (Z.34) wirkt auf ihn „[b]edrückend“ (z.35), es bereitet ihm „Unbehagen" (Z.43). Er kann in den Räumen des Gerichts kaum „[a]tmen“ (Z.44), auch in anderen Räumlichkeiten des Gerichts, wie zum Beispiel auf dem Dachboden der Gerichts- kanzlei, hat er „Schwindel“ (S.55, Z.9) und findet den Weg nicht ohne fremde Hilfe hinaus. Im Unterbewusstsein hat der Mensch keinerlei Kontrolle, keinerlei Selbstbe- herrschung und die Schwäche von Josef K., diese Ohnmacht, äußert sich physisch, da er keinerlei Kontrolle über seinen Körper hat, sobald er sich in Räumlichkeiten des Gerichts befindet. Außerdem kommt er mit seiner Logik nicht weiter, was im Unterbe- wusstsein ebenfalls der Fall ist. Dass die Frage der Schuld bisher nie angesprochen wurde, zwang Josef K. zu keiner Aussage darüber. Der Maler ist der Erste, der K. „endlich“ (Z.53) „die erste sachliche Frage" (Z.53-54) stellt, und zwar die Frage nach der Unschuld, nicht nach der Schuld! Die Tatsache, dass die Frage, ob er „unschul- dig" (Z.55) sei, ihn „alles andere vergessen“ (Z.54) lässt, auch sein Unwohlsein, deutet auf die komplette Verdrängung er Schuld hin. „Die Beantwortung dieser Frage machte ihm geradezu Freude“ (Z.55-56), was deutlich zeigt, er ist froh sich nicht mehr mit einer möglichen Schuld befassen zu müssen und kann durch die Be- teuerung seiner Unschuld sich vor der Auseinandersetzung mit sich selbst verscho- nen. Die Frage, ob Schuld vorhanden sei, scheint eindeutig beantwortet, da er die Beantwortung nur gibt, da sie „ohne jede Verantwortung erfolgt" (Z.57-58). Würde er die Frage also anders beantworten, wenn er die „Verantwortung“ (Z.57) für seine Antwort tragen müsste? Um „diese Freude“ (Z.59), die Freude dem Unangenehmen entkommen zu sein, „auszukosten“ (Z.59), verwendet Josef K. fast schon den Su- www.KlausSchenck.de / Deutsch/ Literatur/ 13.1/ S. 5 von 8 Abi-Aufgabe 2011 / BW / 6-stündige Klassenarbeit / Franz Kafka: ,,Der Prozess" Mit einem Vergleich zu Kleist: „Michael Kohlhaas" perlativ „vollständig unschuldig“ (Z.59-60), um seine Aussage zu intensivieren. Die Antwort des Malers, „dann [sei] ja die Sache sehr einfach“ (Z.62/63), nimmt er nicht freudig auf, wie zu erwarten, wenn er wirklich unschuldig wäre, sondern sein „Blick trübte sich" (Z.63). Er zweifelt die Kompetenz des Maler Titorelli an und bezeichnet seine Rede, als würde sie von einem „unwissende[m] Kind“ (Z.65) stammen. Er ge- steht sich seine Schuld nicht ein, sondern beschuldigt das Gericht ihm Schuld zuzu- weisen. Der Maler nimmt diese Aussage eher als Nebensächlichkeit auf und beant- wortet sie mit einem flüchtigen „Ja, ja gewiß“ (Z.70), als hätte er diese Anschuldigung schon so oft gehört, dass er sich nicht mehr mit einer Klarstellung und daraus folgen- den Diskussionen auseinandersetzen will. Titorelli gibt Josef K. nochmal die Chance seine Schuld zuzugeben, doch dieser antwortet nur ein wenig kleinlaut „Nun ja“ (Z.72), er sei unschuldig. Somit ist Josef K. die Veränderung seiner Schuld gelungen und er musste seinen Schatten, seine Schuld, nicht integrieren und machte so kei- nen Individuationsprozess nach C.G. Jung durch. Bei dem Vergleich der Werke „Der Prozess“ (=P) von Franz Kafka und „Michael Kohlhaas" (=K) von Heinrich von Kleist in Bezug auf die Helferfiguren ergeben sich grundlegende Unterschiede. Die Hauptperson Josef K. von Kafka bräuchte andere Helfer, die ihn deutlicher auf seine Aufgabe, die Auseinandersetzung mit sich selbst, hinweisen. Denn nur er selbst hätte sich helfen können. Stattdessen wirbt er meist weibliche Helferinnen, wie „Fräulein Bürstner“ (P, S.19, Z.40), die bald als „Kanzlei- kraft in ein Advokatenbureau" (P, S.23, Z.36) arbeitet. Doch Josef K. betrachtet sie eher als Sexualobjekt, da er sie „wie ein durstiges Tier mit der Zunge“ (P, S.26, Z.32) küsst. Auch die Frau des Gerichtsdieners bietet Josef K. ihre Hilfe und ihren Körper an, er bezeichnet sie als „verdorben wie alle hier ringsherum“ (P, S.42, Z.16-17). Den größten Wert legt Josef K. aber auf die Hilfe und Einschätzung von Leni, der Pflege- rin seines Advokaten Huld. Sie drängt ihn zwar in die richtige Richtung ein „Geständ- nis“ (P, S.77, Z.6) zu machen, doch vorher müsste er sich mit seiner Schuld befas- sen. Leni gibt ihm Tipps, die ihn in Wirklichkeit weiterbringen würden, wenn er dar- über nachdenken würde, den Ratschlag, dass er zu „unnachgiebig“ (P, S.76, Z.43) sei, versteht er allerding nicht. Leni weist allerdings schon fast animalische Züge auf, wie zum Beispiel „das Verbindungshäutchen (P, S.78, Z.17) zwischen ihren Fingern, www.KlausSchenck.de / Deutsch/ Literatur/ 13.1/ S. 1 von 9 Abi-Aufgabe 2011 / BW / 6-stündige Klassenarbeit/ Franz Kafka: „Der Prozess" Mit einem Vergleich zu Kleist: „Michael Kohlhaas" Aufgabenstellung: S. 105 / Zeile 41 – S. 107 / Zeile 22 (Hamburger Leseheft, Nr. 201) Fischer Taschenbuch (2006): S. 154-156 Reclam (2005): S. 134-136 ,,Sie sind wohl ein Vertrauensmann des Gerichtes?" „Das ist ja die Hauptsache', sagte der Maler." 1. Legen Sie kurz dar, weshalb Josef K. den Maler Titorelli aufsucht. 2. Interpretieren Sie die Textstelle; beziehen Sie die sprachliche und erzählerische Gestaltung ein. (Zeilenangaben der Textvorlage übernehmen!) 3. Kafkas Der Proceß und Kleists Michael Kohlhaas: Untersuchen Sie in ei- ner vergleichenden Betrachtung die Bedeutung der Helferfiguren Ihrer Wahl für Josef K. und Michael Kohlhaas. Hinweise: Alle Interpretationen müssen durch Zitate gesichert werden. Beachten Sie, dass die zweite und die dritte Teilaufgabe etwa gleichwertig gewichtet werden. „Menschen werden schlecht und schuldig, weil sie reden und handeln, ohne die Fol- gen ihrer Worte und Taten vorauszusehen.“ Dieses Zitat Franz Kafkas thematisiert die Schuldfrage im Vater-Sohn-Konflikt in dessen realen Leben. Hermann Kafka, der Vater des Dichters, verkörperte stets einen ehrgeizigen, willensstarken und jähzorni- gen Mann, der sich der Tragweite seiner Worte und Taten nie bewusst war. Sogar die dadurch ausgelösten Selbstzweifel seines einzigen Sohnes schienen ihn nicht erreicht zu haben. Kafka sah daher seinen Vater als eine unerreichbare Überinstanz an, die er nie hatte zufriedenstellen können. Da sich Franz Kafka mit dem Protago- nisten Josef K. im „Prozess“ identifiziert, sind der Vater in Kafkas Leben und das all- gemein gegenwärtige Dachbodengericht in K.s Leben gleichzusetzen. Der Protagonist Josef K. wird am Tag seines dreißigsten Geburtstages, parallel zu Kafkas Verlobung mit Felice Bauer, von einer unbekannten Instanz verhaftet. Der Prokurist fühlt sich immer mehr zu der nicht klar definierten Gerichtsinstanz hingezo- gen und wird auf diese Weise zunehmend in seinen Prozess verwickelt. Die Schuld- frage im ,,Prozess" wird nie geklärt, dennoch fügt sich Josef K. am Ende seines Le- bens dem Gericht und wird schließlich am Vortag seines 31. Geburtstages hinge- www.KlausSchenck.de / Deutsch/ Literatur/ 13.1/ S. 2 von 9 Abi-Aufgabe 2011 / BW / 6-stündige Klassenarbeit/ Franz Kafka: „Der Prozess" Mit einem Vergleich zu Kleist: „Michael Kohlhaas" richtet. Hier ist wiederum eine biographisch Parallele zu Kafkas Leben ersichtlich, da sich dieser zu diesem Zeitpunkt von Felice Bauer trennte. Während des Schreibens unterzog sich Franz Kafka einer Katharsis seiner Seele, um die empfundene Schuld gegenüber Felice Bauer sowie die prägenden negativen Erlebnisse mit seinem Vater verarbeiten zu können. Um mit sich selbst ins Reine zu kommen, ließ Kafka den Hauptprotagonisten Josef K. anstelle seiner selbst einen Prozess durchleben. Thematisch kreist die vorgelegte Textstelle um K.s Hilfegesuch beim Maler Titorelli, K.s offene Beteuerung seiner Unschuld sowie dessen Unbehagen an den zu dem Gericht zugehörigen Wohnungen. Der Protagonist Josef K. ist ein anerkannter Prokurist einer großen Bank. Am Tag seines dreißigsten Geburtstages findet ein Wandel in dessen zuvor geregelten und geordneten Leben statt. Der Prokurist wird von zwei Wächtern eines unbekannten Gerichts ohne Angabe einer begangenen Schuld verhaftet. Zunächst glaubt er an einen Spaß, bis er einsehen muss, dass dem nicht so ist. Der Protagonist K. begibt sich widerwillig zur ersten Untersuchung, geht somit auf die Verhaftung ein. Im Laufe des Geschehens wird er zunehmend in seinen Prozess verwickelt, lernt so die Ge- richtskanzleien auf den Dachböden und den Advokaten Huld kennen, welcher ihn in seinem Fall vertreten soll. K.s Einstellung gegenüber dem Gericht und seinem Pro- zess wandelt von „dieser Fall sei als solcher nicht wichtig" (S.35/Z.9-10) bis zum Ein- geständnis seiner selbst, „[d]er Gedanke an den Prozess [verlasse] ihn nicht mehr" (S.80/Z.4). Aufgrund dieses Wandels hin zur Akzeptanz des Gerichtes nimmt er den Rat des Fabrikanten, welcher K. in dessen Büro aufsucht, an. Der Fabrikant emp- fiehlt K. den Maler Titorelli aufzusuchen, da dieser ihm in dessen Fall helfen könne und überreicht K. ein Empfehlungsschreiben diesbezüglich. Der Prokurist Josef K. sieht in diesem Besuch die Möglichkeit, den Prozess zu seinen Gunsten zu beein- flussen, indem er Vertrauenspersonen des Gerichtes, in diesem Fall der Maler Tito- relli, für sich gewinnt. www.KlausSchenck.de / Deutsch/ Literatur/ 13.1/ S. 3 von 9 Abi-Aufgabe 2011 / BW / 6-stündige Klassenarbeit/ Franz Kafka: „Der Prozess" Mit einem Vergleich zu Kleist: „Michael Kohlhaas" Der vorgelegt Auszug des „Prozesses“, K.s Gespräch mit dem Maler Titorelli, be- schreibt K.s Versuch diese zu dem Gericht gehörende Person von dessen Unschuld zu überzeugen sowie die Darstellung K.s Unwohlsein in Gerichtsräumen. Die Textstelle beginnt mit einer Frage seitens K.s, ob der Maler Titorelli „wohl ein Vertrauensmann des Gerichtes" (S.1/Z.1) sei. Diese Frage seitens K.s scheint über- flüssig, aus welchem Grund soll der Fabrikant ihn denn sonst zu diesem Maler ge- schickt. Auf diese Frage K.s hin „legte der Maler [sofort] die Stifte beiseite“ (S.1/Z.2), „rieb die Hände an einander und sah K. lächelnd an" (S.1/Z.2-3). Das Adverb „sofort" signalisiert eine plötzliche Reaktion des Malers auf das Ausgesprochene. Er beendet seine Arbeit auf der Stelle. Dessen Gestik und Mimik zu diesem Zeitpunkt deutet auf eine Freude seitens Titorellis hin, nun endlich mit der eigentlichen Arbeit, der Betreu- ung und Beratung K.s, beginnen zu können. Das „[Lächeln]“ (S.1/Z.3-4) kann ebenso auf Titorellis Stolz verweisen, über das Gericht sehr gut informiert zu sein. K. solle „immer gleich mit der Wahrheit heraus“ (S.1/Z.3-4). Doch dies ist nicht im Sinne K.s, da dieser taktisch klug, wie es seiner Auffassung entspricht, handeln möchte und den Maler für sich „zu gewinnen“(S.1/Z.7) beabsichtigt. Der „Vertrauensmann des Ge- richtes"(S.1/Z.11-12) durchschaut diese Taktik K.s und weist ihn zurück, das sei bei ihm „unangebracht" (S.1/Z.8-9) Den Einwand K.s wehrt der Maler „scharf [ab]" (S.7/Z.9). Das Adverb „scharf" weist auf eine gewisse Bestimmtheit hin, die Führung in diesem Gespräch übernehmen zu wollen. K. habe „vollständig recht" (S.1/Z.11) mit der Annahme, sein Gegenüber genieße das Vertrauen des anonymen Dachboden- gerichts. Die Mädchen, welche K. zuvor auf dem Weg zu Titorellis Wohnung belästi- gen, waren nun „wieder [zu hören]“ (S.1/Z.14), da sie sich „wahrscheinlich um das Schlüsselloch [drängten]“ (S.1/Z.14-15). Diese Mädchen gehören ebenfalls dem Ge- richt an, da sie, wie die anderen Gerichtspersonen, ein durchaus merkwürdiges Ver- halten an den Tag legen. Ihre Neugier ist derart groß, dass sie „[drängeln]“ (S.1/Z.14) und von überall ihre Informationen beziehen möchten. K.s Arroganz und Abneigung gegenüber dem Gericht ist darin festzumachen, dass er eine „[Entschuldigung]" (S.1/Z.17) aufgrund der vorangegangen, misslungenen Täuschung des Malers Tito- relli, in welcher er eine Beeinflussung des Gleichen zu erreichen beabsichtigte, „[un- terlässt]“ (S.1/Z.16-17). Ebenso K.s Eingeständnis nicht zulassen zu wollen, dass der Maler „auf diese Weise gewissermaßen unerreichbar“ (S.1/Z.19-20) werde, zeugt www.KlausSchenck.de / Deutsch/ Literatur/ 13.1/S. 4 von 9 Abi-Aufgabe 2011 / BW / 6-stündige Klassenarbeit/ Franz Kafka: „Der Prozess" Mit einem Vergleich zu Kleist: „Michael Kohlhaas" von K.s Stolz, welchen er gegenüber dem Gericht dennoch wahren möchte. An die- ser Stelle sei ein kleiner Exkurs über die psychoanalytischen Grundsätze Sigmund Freunds, genauer dessen Instanzenmodell, angebracht. Josef K. wurde sein bisheri- ges Leben stets von seinem rational denkenden Über-Ich geleitet. Alle Angelegen- heiten betrachtete K. nüchtern und beabsichtigte stets einflussreich zu sein und ein von Erfolg geprägtes Leben zu führen. Stehen nun aber Titorelli ebenso wie das all- gegenwärtige Dachbodengericht, über ihm, so kann er diesen Grundsätzen des ent- gegengesetzten nicht mehr folgen. Das Dachbodengericht stellt die Instanz des ES dar, da es lediglich auf dem Unterbewusstsein basiert. Da K. jedoch auf den Grund- sätzen des entgegengesetzten Über-Ichs sein Leben errichtet, ist er unfähig das Ge- richt, geschweige denn den Maler Titorelli, zu beeinflussen. Weiter stellt der vom ra- tionalen und nüchternen Über-Ich geleitete Prokurist Josef K. die Frage, ob der Maler dessen Position denn als „öffentlich anerkannte Stellung“ (S.1/Z.20-21) titulieren könne. Diese Frage verneint der Maler, dem es „die weitere Rede verschlagen" (S.1/Z.22) hat. Er scheint derart von der Unwissenheit des Angeklagten erschrocken, dass er bis auf ein kurzes „Nein“ (S.1/Z.21) keine Antwort geben kann. In dieser Frage K.s zeigt sich erneut die typische Bankerlogik, die er sein gesamtes Leben lang in sich trug. Ließe sich K. auf das Gericht ein, so müsste ihm die Tatsache be- reits ins Auge gesprungen sein, dass nichts, was mit dem Gericht zu tun hat, unse- rem Begriff von „öffentlich anerkannt [ ]“ (S.1/Z.20-21) entspricht. Das Gericht bewegt sich lediglich in dessen wohl erwählten Kreis an Vertrauenspersonen. K.s Einsicht, „oft [seien] derartige nicht anerkannte Stellungen einflußreicher als die anerkannten“ (S.1/Z.23-25), entspricht in diesem Fall vollkommen der Wahrheit, denn das Gericht in seiner Stellung genießt enormen Einfluss, wie dies am Beispiel K.s ersichtlich wird. Im Folgenden erläutert der Maler, mit „dem Fabrikanten über [K.s] Fall“ (S.1/Z.27) gesprochen und verständlich gemacht zu haben, „[K.] [könne] ja einmal zu ihm kom- men" (S.1/Z.28-29). Der Sachverhalt, der Angeklagte solle zum Gericht kommen, entspricht K.s Einladung zur ersten Untersuchung. K. kam „bald" (S.1/Z.30) darauf zu dem Maler, was dieser zum Anlass nimmt, K.s Gefühlswelt in Bezug auf den Prozess deuten zu wollen. Er ist der Meinung, K. gehe „[d]ie Sache [] sehr nahe" (S.1/Z.30). Der Maler Titorelli durchschaut Josef K. somit ein weiteres Mal und K. ist nicht dazu in der Lage ihn, womöglich sich selbst zudem, zu täuschen. Im Laufe des Gesprächs www.KlausSchenck.de / Deutsch/ Literatur/ 13.1/ S. 5 von 9 Abi-Aufgabe 2011 / BW / 6-stündige Klassenarbeit/ Franz Kafka: „Der Prozess" Mit einem Vergleich zu Kleist: „Michael Kohlhaas" verliert K. die Kontrolle über das Geschehen. Er ist sogar nicht mehr dazu in der Lage, sein Vorhaben, „nur ganz kurze Zeit [ ] bleiben“ (S.1/Z.33) zu wollen, durchzu- setzen. Nun schließt sich eine Begebenheit an, welche auf jeden anderen Raum des Gerichtes zutrifft. Der Angeklagte empfindet die „Luft im Zimmer [ ] drückend" (S.2/Z.1-2). Dieses typische Charakteristikum der Dachbodenräume des Gerichtes ist auf eine biographische Parallele in Kafkas Leben zurück zu führen. Kafka nahm die Wohnung seiner eigenen Familie stets als düstere, vom Kohlegeruch der Heizöfen „verseuchte" Aufenthaltsorte wahr. Um das Erscheinungsbild des Gerichts im Roman zu dramatisieren, wählte Kafka bewusst dieses Charakteristikum. K. kann aufgrund dieser Luft kaum mehr „[atmen]“ (S.2/Z.44). Dieser Aspekt stellt eine Kontrastierung der Gerichtswelt und K.s alltäglicher Welt dar. Die Gerichtspersonen verspüren Übel- keit an der frischen Luft der Außenwelt, wobei K. diese in den Gerichtsräumen ver- spürt (Vgl. S.57-58). Daher empfindet der Maler diese Atmosphäre in seinem Zimmer auch als „sehr behaglich" (S.2/Z.41). Der Prokurist Josef K. kann sich weiter „die Schwüle im Zimmer“ (S.2/Z.37-38) nicht erklären, da der „Eisenofen in der Ecke" (S.2/Z.37) „zweifellos nicht geheizt“ (S.2/Z.36-37) wurde. Dies weist erneut auf K. logisches Bankerdenken hin, wodurch ihm eine Schlussfolgerung verwehrt bleibt. Da in diesem Zimmer „schon lange nicht gelüftet" (S.2/Z.45) wurde und es sich um ein Dachbodenzimmer handelt, ist eine gewisse Schwüle durchaus verständlich. Doch K. muss bereits zu Beginn seines Prozesses zugeben, dass er in Gegenwart des Ge- richts nicht mehr klar denken könne (Vgl. S.7). Der Maler Titorelli bittet K. sich „auf das Bett zu setzen“ (S.2/Z.47), was bei diesem erneut „Unannehmlichkeit“ (S.2/Z.45- 46) aufblühen lässt. Das Bett stellt einen intimen Ort dar, den man insbesondere ge- genüber Fremden, wie Titorelli für K. ist, nicht berühren möchte. Doch diese Tatsa- che, dass die Intimität der einzelnen Personen nicht gewahrt werden muss, verdeut- licht erneut die gegensätzlichen Auffassungen der unbekannten Gerichtswelt und der Alltagswelt K.s. Parallel zu dieser Begebenheit wurde K. in dessen Bett verhaftet, was dessen Intimität einschränkte (Vgl. S5-6). Gerade wegen der Zurückhaltung K.s, der „nur am Bettrand bleibt" (S.2/Z.50), „drängte ihn“ (S.2/Z.52) der Maler „in die Betten und Pölster hinein“ (S.2/Z.52). Wie die Mädchen zuvor „drängt“ der Maler, wodurch er nahezu perfekt in das Bild des Gerichtes passt. „[E]ndlich“ (S:2/Z.53) stellt der Maler die entscheidende Frage, ob der Prokurist „unschuldig“ (S.2/Z.55) sei.

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"Prozess" / Kafka: S. 105 - 107 (Klassenarbeiten)

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Klaus Schenck  

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www.KlausSchenck.de / Deutsch/ Literatur/ 13.1/ S. 1 von 11 Abi-Aufgabe 2011 / BW / 6-stündige Klassenarbeit/ Franz Kafka: „Der Prozess" Mit einem Vergleich zu Kleist: „Michael Kohlhaas" Aufgabenstellung: S. 105 / Zeile 41 – S. 107 / Zeile 22 (Hamburger Leseheft, Nr. 201) Fischer Taschenbuch (2006): S. 154-156 Reclam (2005): S. 134-136 ,,Sie sind wohl ein Vertrauensmann des Gerichtes?"" „Das ist ja die Hauptsache', sagte der Maler." 1. Legen Sie kurz dar, weshalb Josef K. den Maler Titorelli aufsucht. 2. Interpretieren Sie die Textstelle; beziehen Sie die sprachliche und erzäh- lerische Gestaltung ein. (Zeilenangaben der Textvorlage übernehmen!) 3. Kafkas Der Proceß und Kleists Michael Kohlhaas: Untersuchen Sie in ei- ner vergleichenden Betrachtung die Bedeutung der Helferfiguren Ihrer Wahl für Josef K. und Michael Kohlhaas. Hinweise: ● Alle Interpretationen müssen durch Zitate gesichert werden. Beachten Sie, dass die zweite und die dritte Teilaufgabe etwa gleichwertig gewichtet werden. Franz Kafkas bekanntester und meistzitierter Roman „Der Prozess“ stellt den Proku- risten Josef K. ins Zentrum, welcher aufgrund der eigenen Schuld am inneren Selbst einen erzwungenen Prozess in Form einer Psychoanalyse durchlaufen muss, wobei er auf eine absurde, lebensfeindliche und sich verselbstständigende Bürokratie, das Gericht, trifft. Josef K., der Prokurist einer großen Bank, wird am Morgen seines dreißigsten Ge- burtstages, ohne sich einer Schuld bewusst zu sein, verhaftet. Infolge dieser Verhaf- tung, welche K. allerdings in der Ausübung seines Berufs...

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nicht behindert, versucht K. vergeblich einen fassbaren Ankläger zu finden. Bei dem Versuch das Gericht, wel- ches ihn anklagt, jedoch gleichzeitig für ihn weder greifbar noch erkennbar ist, näher zu ergründen, gerät K. immer tiefer in die surreale Paradoxie des Gerichts. Seine Lage verschlechtert sich durch seine pedantische Vorgehensweise und seine frag- würdigen Frauenbeziehungen zunehmend, und so endet der Prozess von Josef K. mit dessen demütigender Hinrichtung, welche im autobiographischen Bezug zu Kaf- ka dessen Fortleben sichert. www.KlausSchenck.de / Deutsch/ Literatur/ 13.1/S. 2 von 11 Abi-Aufgabe 2011 / BW / 6-stündige Klassenarbeit/ Franz Kafka: „Der Prozess" Mit einem Vergleich zu Kleist: „Michael Kohlhaas" Die vorgelegte Textstelle thematisiert das hilfesuchende Vorgehen von Josef K., wel- cher nun zum ersten Mal die Möglichkeit erhält, sich unschuldig zu nennen. Dem- nach zeigt die Textstelle K.s Zeugnis der eigenen Unschuld, welches er freudig gibt, jedoch innerlich anzweifelt. Josef K., welcher am Morgen seines dreißigsten Geburtstages verhaftet wird, erkennt den Anlass dieser Verhaftung nicht, da er sich selbst keine Schuld einzugestehen hat. Nicht nur das Datum seiner Verhaftung, sondern auch die Tatsache, dass er trotzdem weiter seinem beruflichen Alltag nachgehen darf, sowie die Erscheinung der Wächter lassen K. an der Glaubwürdigkeit des Umstandes zweifeln. So zieht K. sei- ne Verhaftung sowie seinen beginnenden Prozess ins Lächerliche und ist nicht bereit dazu, diesen als solchen anzuerkennen. Bei seiner ersten Untersuchung wirkt sich diese arrogante Einstellung der Ignoranz der Ernsthaftigkeit negativ für K. aus, da sein herausforderndes Auftreten ihn des Vorteils beraubt, dem Prozess ein möglichst schnelles Ende zu geben. Auf der Schwelle von Ignoranz und Akzeptanz nimmt der Prozess K. immer mehr ein, wonach sich dieser stärker als gewollt mit ihm be- schäftigt. So beginnt K. damit, sich fremde Hilfe zu holen und wirbt Helfer für sich, da er annimmt, dadurch einen Vorteil in seinem Prozess zu haben, jedoch zeigt sich mit fortschreitender Handlung, dass diese Annahme falsch ist. Des Weiteren nimmt K. sich, auf das Drängen seines Onkels, welcher durch den Prozess die Familienehre bedroht sieht, einen Advokaten. K. beschäftigt sich nun mehr mit seinem Prozess und vernachlässigt deshalb seinen Beruf, welcher früher den höchsten Stellenwert in K.s Leben einnahm. Da K. erkennt, dass, seit er den Advokaten hat, immer noch kei- ne Besserung des Prozess eintrat, entschließt er sich zur Erstellung einer Eingabe, welche er zur eigenen Verteidigung zu nutzen gedenkt, jedoch verschiebt sich deren Erstellung durch den Besuch eines Fabrikanten in der Bank. Dieser ist ein hochan- gesehener Kunde der Bank und weiß zum Erstaunen von K. von dessen Prozess. Dieses Wissen hat der Fabrikant von einem Maler mit dem Namen Titorelli, welcher für das Gericht arbeite. Der Fabrikant, welcher Josef K. wohlgesinnt sei, empfiehlt K. diesen Maler aufzusuchen, da er mit dem Gericht bestens bekannt ist und so K. be- hilflich sein könnte. K. beschließt nach einigem Zaudern dem Rat des Fabrikanten zu www.KlausSchenck.de / Deutsch/ Literatur/ 13.1/ S. 3 von 11 Abi-Aufgabe 2011 / BW / 6-stündige Klassenarbeit/ Franz Kafka: „Der Prozess" Mit einem Vergleich zu Kleist: „Michael Kohlhaas" folgen und den Maler aufzusuchen, wofür er vom Fabrikanten ein Empfehlungs- schreiben erhält. So entfernt sich K. von seiner Arbeit, um den Maler zu besuchen, welcher ihm dabei behilflich sein könnte, seinen Prozess schnellstmöglich zu been- den. Die vorgelegte Textstelle zeigt die Begegnung des Protagonisten Josef K. mit dem Maler Titorelli, von welchem K. Hilfe erhofft, da er als Angestellter des Gerichts die- ses näher bestimmen könnte. Nachdem K. nun seine Arbeit verließ, findet er sich letztendlich bei dem besagten Maler wieder. Die Tatsache, dass K. seine Arbeit in der Bank liegen lässt, um den Maler aufzusuchen, zeigt die Verschiebung der Prioritäten in K.s Leben. So war zu Beginn der Handlung der Beruf K.s höchste Priorität, doch nun hat der Prozess im- mer mehr Besitz von K. genommen und tritt an die Stelle, an welcher vorher die be- rufliche Stellung war. Es zeigt sich nun also, dass mit fortschreitender Handlung K. immer tiefer in seinen Prozess verwickelt wird und dies, obwohl er anfänglich noch anmerkte, dass die Tat- sache seiner Verhaftung wohl nur ein „Spaß“ (S.6, Z.24) sein konnte. Nachdem K. sich durch belanglose Fragen über die Malerei dem Maler annäherte, fragt er nun geradeheraus, ob der Maler ,,wohl ein Vertrauensmann des Gerichts [sei]“ (Z.1). Die- ses eher forsche Nachfragen findet mehr Anklage bei Titorelli, da dieser mehr an ,der Wahrheit" (Z.4) interessiert sei als an belanglosem Gerede. Jedoch erkennt er, dass Josef K. ,nicht [davon] [wusste]" (Z.8), dass der Maler auf diese Art der Kommunika- tion lieber verzichtet. Dieses Verhalten spiegelt indirekt auch wieder das Wesen des Gerichts wider, welches mehr auf Fakten als auf lange Reden bedacht ist. Es ist demnach die Wahrheit, welche vom Gericht wie auch von Titorelli gefordert wird. Dies zeigt sich auch in der „scharf abwehrend[en]“ (Z.9) Geste Titorellis, als K. da- raufhin sein Tun verteidigen wollte, jedoch ist jede Verteidigung sowie jedes „selbst- ständige Eingreifen“ (S.127, Z.11) fehl am Platze. Titorelli gibt zu ein Teil des Ge- richts zu sein. Er zeigt sich verständnisvoll, als er K. erst „Zeit [lässt], [um] sich mit dieser Tatsache abzufinden“ (Z.14), da er annimmt, dass K. davon verwirrt sein könnte und ihn instinktiv als unwissend über grundlegende Kenntnisse des Gerichts und seines Aufbaus einschätzt. Josef K. schweift allerdings mit seinen Gedanken ab, www.KlausSchenck.de / Deutsch/ Literatur/ 13.1/ S. 4 von 11 Abi-Aufgabe 2011 / BW / 6-stündige Klassenarbeit/ Franz Kafka: „Der Prozess" Mit einem Vergleich zu Kleist: „Michael Kohlhaas" als er Geräusche „hinter der Tür“ (Z.14) vernimmt, welche wohl von den lauschenden Mädchen kommen. Es zeigt sich, dass K. durch das Auftreten von Frauen an Kon- zentration verliert und sich mit weniger Aufmerksamkeit dem Prozess widmet. So hegt er bei seiner ersten Untersuchung durch den Auftritt der Frau des Gerichtsdie- ners auch den Gedanken, seine Verteidigung zu stoppen, um zu ihr „[hinzulaufen}“ (S. 38, Z.23), jedoch wird er daran gehindert. Die Mädchen werden hier nun als neu- gierig und belästigend dargestellt, wonach sie K.s Frauenbild von verstandslosen Lustobjekten entsprechen. Demnach werden die Frauen im Roman klischeeartig in eine bestimmte Rolle gedrückt. K. nimmt des Weiteren an, dass man sie wohl auch „durch die Ritzen [im] Zimmer“ (Z.16) sehen könnte, womit er einen Bezug zum Ge- richt zulässt, welches sich eher schäbig und unprofessionell zeigt, da es sonntags und auch nachts seine Angeklagten vernimmt und auf Dachböden tagt. Das Gericht definiert sich nun auch durch seinen Schmutz, welches sich anhand der Erschei- nungsform seiner Angestellten erkennen lässt. K., welcher seine Unaufmerksamkeit bemerkt, scheut sich allerdings vor einer Entschuldigung, da er annimmt, diese wür- de den Maler „ablenken“ (Z18), jedoch will K. auch nicht, dass der Maler eine domi- nierende Stellung gegenüber ihm annimmt und für K. dadurch „unerreichbar" (Z.20) würde. Dieses Denken von K. zeigt seine Angst vor Fremdbestimmung, welche Rückschlüsse auf den Autor zulässt. K. ist davon abgeneigt, von anderen bestimmt zu werden. So zeigt er sich auch uneinsichtig seinen Prozess betreffend, da er ihn als Bedrohung seiner selbst definiert. So beengt ihn der Zustand der Verhaftung, auch wenn diese ihn im eigentlichen Sinne kaum behindert. Jedoch ist sie nicht von physischer, sondern von psychischer Gestalt. Dieses Einnehmen der Psyche des Angeklagten zeigt das Wesen des Prozesses, welcher den Angeklagten nicht nur am Schuldgeständnis, sondern auch zur Selbstergründung zwingt. Bereits bei seiner Verhaftung machte K. den Fehler, seinem Wächter mehr Macht zuzusprechen, als dieser es verdiente, indem er seine Handlungen offen legt und damit dem Wächter „ein Beaufsichtigungsrecht“ (S.5, Z.34f) erteilt. K. will einen solchen Fehler nicht noch einmal begehen, was zeigt, dass K. durchaus bereit ist aus Fehlern zu lernen, jedoch unfähig ist zu erkennen, dass die Tatsache der nicht gestellten Schuldfrage sein größter Fehler ist. Jedoch stoppt K.s Eingreifen in der Situation den Redefluss vom Maler. Dieses falsch gewählte Eingreifen ist K.s oft begangener Fehler, da er glaubt, www.KlausSchenck.de / Deutsch/ Literatur/ 13.1/ S. 5 von 11 Abi-Aufgabe 2011 / BW / 6-stündige Klassenarbeit/ Franz Kafka: „Der Prozess" Mit einem Vergleich zu Kleist: „Michael Kohlhaas" er kann nur durch aktives Handeln seinen Prozess beenden, jedoch „ist nicht [das Warten] nutzlos […] [,] nutzlos ist nur das selbstständige Eingreifen“ (S. 127, Z. 9/10). K. erkennt also nicht, dass er falsch handelt, wenn er so aktiv eingreift statt sich mit sich und seiner Schuld zu befassen. Auf diese Weise beraubt er sich selbst des Vor- teils, seinen Prozess weiterzubringen. Titorelli bemerkt nun auch, dass „derartige nicht anerkannte Stellungen einflußreicher als die anerkannten [sind]“ (Z.25), womit er das Gericht von normalen Gerichten abgrenzt. Des Weiteren zeigt sich, dass K. auf die Hilfe vom Fabrikanten angewiesen war, um Titorelli zu sprechen, was einen Widerspruch in K.s Vorgehensweise aufzeigt, da er sonst eher darauf bedacht ist, die Dinge selbst in die Hand zu nehmen. Der Maler erkennt die Verbundenheit von K. mit dessen Angelegenheit, welche „[ihm] ja sehr nahe [geht]“ (Z.30f), da K. „so bald" (Z.30) bei ihm erschienen ist. Es zeigt sich wiederholt, dass K. seinen Prozess immer ernster nimmt, obwohl er dennoch keinerlei Anstalten macht, die Ursache dieses Ver- fahrens gegen ihn, seine Schuld, näher zu ergründen. Er fragt demnach nur stets, wer ihn anklagt, jedoch nie warum. K. fühlt sich unwohl beim Maler, was zum einen an der „drückend[en] [Luft]“ (Z.34f), zum anderen an der Aufforderung „sich auf das Bett zu setzten“ (Z.47) liegt, da K. damit eine Grenze überschreitet, welche nicht seinem Gemüt entspricht. So stellt da Bett die Intimität einer Person dar und somit fühlt sich K., welcher eher distanziert ist und demnach nur oberflächlichen Kontakt zu seinen Mitmenschen pflegt, unwohl. Doch der Maler erkennt dies nicht und hilft sogar noch nach, K. richtig ins Bett zu setzen. K. wird nun also zu etwas, was er verab- scheut, der extremen Intimität, gezwungen, wie sein Prozess, welcher ihn dazu zwingt, in sich zu gehen und mit sich intim zu werden. Die plötzlich auftretende „Schwüle im Zimmer“ (Z.38), welche für K. „unerträglich“ (Z.38) ist, zeigt, dass die Nähe zum Gericht K.s Sinne benebelt und er demnach nicht mehr klar denken kann, obwohl darin seine Stärke besteht, da er als Bankangestellter stets darauf bedacht ist, die Dinge rational zu sehen. Diese Verhaltensweise, seine Schwäche, zeigt sich auch bei seinem Besuch in den Gerichtskanzleien sowie bei seiner Begegnung mit dem Gefängniskaplan. Bei beiden Ereignissen ist er nicht mehr Herr seiner Sinne und verliert den Überblick, wonach er den Ausgang nie findet. Innerhalb seines Pro- zesses bleibt ihm der Weg zu diesem Ausgang auch verwehrt. Das Gericht bedroht K.. Es ist lebensfeindlich, da es ihm die Luft zum „Atmen“ (Z.44) nimmt. Doch entge- www.KlausSchenck.de / Deutsch/ Literatur/ 13.1/ S. 1 von 8 Abi-Aufgabe 2011 / BW / 6-stündige Klassenarbeit / Franz Kafka: „Der Prozess" Mit einem Vergleich zu Kleist: „Michael Kohlhaas" Aufgabenstellung: S. 105 / Zeile 41 – S. 107/ Zeile 22 (Hamburger Leseheft, Nr. 201) Fischer Taschenbuch (2006): S. 154-156 Reclam (2005): S. 134-136 ,,Sie sind wohl ein Vertrauensmann des Gerichtes?" „Das ist ja die Hauptsache', sagte der Maler." 1. Legen Sie kurz dar, weshalb Josef K. den Maler Titorelli aufsucht. 2. Interpretieren Sie die Textstelle; beziehen Sie die sprachliche und erzählerische Gestaltung ein. (Zeilenangaben der Textvorlage übernehmen!) 3. Kafkas Der Proceß und Kleists Michael Kohlhaas: Untersuchen Sie in ei- ner vergleichenden Betrachtung die Bedeutung der Helferfiguren Ihrer Wahl für Josef K. und Michael Kohlhaas. Hinweise: ● Alle Interpretationen müssen durch Zitate gesichert werden. Beachten Sie, dass die zweite und die dritte Teilaufgabe etwa gleichwertig gewichtet werden. „Wer Einsicht hat“, sagt Dschuang Dsi, „der braucht sein inneres Auge, sein inneres Ohr, um die Dinge zu durchdringen und bedarf keines verständnismäßigen Erken- nens." Diese Einsicht bleibt Josef K., dem Protagonisten aus Franz Kafkas Roman „Der Prozess", aufgrund der Verdrängung seiner Schuldgefühle und der damit nicht sattfindenden „Begegnung mit sich selbst" nach C.G. Jung verwehrt. Josef K. wird an seinem dreißigsten Geburtstag von einer anonymen, undurchschau- baren Gerichtsinstanz verhaftet. Er kann sein Leben jedoch normal weiterführen, im Laufe der Handlung wird Josef K. allerdings immer mehr von seinem Prozess einge- nommen und zerstört. Die Schuldfrage bleibt auch nach dessen Hinrichtung offen. Durch den ,,Prozess" verarbeitet Franz Kafka die Entlobung von Felice Bauer und die Konflikte mit seinem Vater. Durch den Tod Josef K.s statt seiner selbst erlebt der Autor eine Art Katharsis. In der vorliegenden Textstelle thematisiert Kafka die Unfassbarkeit des Gerichtswe- sens und Frage der Schuld des Angeklagten. www.KlausSchenck.de / Deutsch/ Literatur/ 13.1/ S. 2 von 8 Abi-Aufgabe 2011 / BW / 6-stündige Klassenarbeit / Franz Kafka: „Der Prozess" Mit einem Vergleich zu Kleist: „Michael Kohlhaas" Josef K. wird am Morgen seines dreißigsten Geburtstags von zwei Wächtern des ihm unbekannten Gerichtes verhaftet. Anfangs hält er dies für einen Scherz anlässlich seines Geburtstages. Doch anstatt nach seiner Schuld, dem Anlass seiner Verhaf- tung zu fragen, beschäftigt K. die Frage nach dieser eigenartigen Gerichtsinstanz. Die Verhaftung hat nur die Folge, dass ihm drei Beamte aus der Bank zur Seite ge- stellt werden, die ihn beobachten sollen, ihn, den Prokuristen einer Bank. Josef K. kann ansonsten sein Leben gewohnt weiterführen, er wird telefonisch über den Ter- min seiner ersten Untersuchung unterrichtet. Diese findet an einem Sonntag statt, genaue Orts- und Zeitangaben werden nicht gemacht. Trotzdem findet Josef K. das verkommene Untersuchungszimmer des von der Schuld der Angeklagten angezoge- nen Gerichts. Hier kommt der Prokurist erstmals mit dem schmutzigen und grotesken Gerichtswesen in Kontakt und hinterlässt aufgrund seiner Überheblichkeit und Arro- ganz einen schlechten Eindruck für den Fortgang seines Prozesses. Josef K. wird immer mehr von seinem Prozess eingenommen, die Arbeit, die sonst für ihn sehr wichtig war, verliert an Stellenwert. Viele Bekannte aus der Bank sowie sein Onkel wissen von seinem Prozess, ohne dass Josef K. ihnen etwas darüber erzählt hätte. Auf den Rat seines Onkels hin nimmt er sich den Advokaten Huld zu seiner Verteidigung. Doch ist der extrem auf Ordnung und Fortschritt seines Prozesses orientierte Josef K. nicht zufrieden mit der Arbeit des Advokaten. Er verspürt mehr Sorgen und Arbeit um den Prozess als vor der Anstellung des Rechtsbeistands. Das Gerichtsverfahren behindert und verfolgt Josef K. immer stärker, auch in seinem Berufsleben, dergestalt, dass ein guter Kunde der Bank, ein Fabrikant, Josef K. auf seinen Prozess anspricht und ihm die Hilfe des Malers Titorelli anbietet. Diese Hilfe nimmt K. gerne wahr, da ihm seine meist weiblichen Helferinnen nicht viel gebracht haben. So besucht er den Maler in seinem Atelier, um von ihm Informationen über das Gericht zu bekommen. Die vorgelegte Textstelle beschreibt inhaltlich die Konversation über das Gerichtswe- sen mit der Frage des Prokuristen, ob der Maler „ein Vertrauensmann des Gerichtes" www.KlausSchenck.de / Deutsch/ Literatur/ 13.1/ S. 3 von 8 Abi-Aufgabe 2011 / BW / 6-stündige Klassenarbeit / Franz Kafka: „Der Prozess" Mit einem Vergleich zu Kleist: „Michael Kohlhaas" /Z.1) sei, hier zeigt sich deutlich die Neugierde nach der Institution, die ihn verhaften ließ, nicht jedoch die Frage seiner Schuld. Außerdem offenbart sich das Groteske des Gerichtes, da ein Maler als „Vertrauensmann“ (Z.1) zählt und ein Angeklagter auf diese Weise Informationen zu bekommen erhofft. Titorelli allerdings fühlt sich geehrt und stolz sich als „Vertrauensmann“ (Z.1) betiteln zu lassen, da er sich „[aufrichtet]“ (Z.2) und „die Hände" (Z.3) voller Tatendrang „an einander“ (Z.3) reibt. Sein ,Lächeln' (vgl. Z.4) zeigt, dass er sich geschmeichelt fühlt. Der Maler weiß jedoch, dass Josef K. „etwas über das Gericht erfahren“ (Z.4-5) will, was schon aus dem „Empfehlungs- schreiben" (Z.5-6) des Fabrikanten hervorgeht. Der Maler erklärt Josef K. deutlich, dass er seine Vorgehensweise, sich mittels des Gesprächs über seine Bilder einzu- schmeicheln und ihn für sich „zu gewinnen“ (Z.7), durchschaut hat. Der Prokurist wird von den Angestellten des Gerichts also schnell entlarvt. Genau diese Klarheit, die Situation richtig einzuschätzen und wahrzunehmen, fehlt Josef K. Er merkt somit nicht, dass seine Schmeicheleien „unangebracht“ (Z.8-9) sind. Da Josef K. etwas einwenden will, muss der Maler seinen Tonfall „scharf abwehrend“ (Z.9) wählen, um es K. deutlich zu machen. Durch die Bestätigung von Josef K.s Frage, ob er ein „Vertrauensmann des Gerichtes „(Z.11-12) sei, gibt der Maler dem Angeklagten kurz „Zeit“ (Z.13). In gewisser Weise behandelt er Josef K. wie einen Begriffsstutzigen, der er ja in Anbetracht des Gerichtes und deren Angestellten auch tatsächlich ist. Zusätzlich heben sich das Perverse und der Schmutz des Gerichts durch das weibli- che Geschlecht, hier den „Mädchen“ (Z.14) „hinter der Tür“ (Z.14), hervor. Diese „Mädchen" (Z.14), die „eine Mischung von Kindlichkeit und Verworfenheit" (S.101, Z.42-43) darstellen, zeigen die Schmutzigkeit des Gerichts. Da Josef K. die Situation nicht richtig einschätzen kann, versucht er durch seine Bankerlogik seine Haltung zu wahren. Deshalb will er sich nicht „entschuldigen“ (Z.17), damit sich Titorelli nicht „überhebe“ (Z.19) und so „unerreichbar“ (Z.20) für ihn werde. Dies erinnert sehr an Kafkas Vater, der für ihn übermächtig und „unerreichbar“ (Z.20) war. Diese negativen Erfahrungen versucht Josef K., der die Psyche Kafkas widerspiegelt, zu verhindern, um sich nicht wieder machtlos zu fühlen. Josef K. will Ordnung und Standhaftigkeit bewahren. So versucht er den Maler zu erniedrigen und ihn ebenbürtig zu machen, das kompensiert er über die Frage, ob sein Beruf eine „öffentliche anerkannte Stel- lung" (Z.21) sei. Verglichen mit seiner hohen und anerkannten Stellung als Prokurist einer Bank kann der Maler durch Verneinung von Josef K.s Frage nicht mithalten. Da www.KlausSchenck.de / Deutsch/ Literatur/ 13.1/ S. 4 von 8 Abi-Aufgabe 2011 / BW / 6-stündige Klassenarbeit / Franz Kafka: „Der Prozess" Mit einem Vergleich zu Kleist: „Michael Kohlhaas" er jedoch auf den Maler angewiesen ist, versucht er sich wieder einzuschmeicheln, indem er des Malers „nicht anerkannte Stellung“ (Z.24) als „einflussreicher“ (Z.24) denn einer anerkannten bezeichnet. Diese Aussage stimmt Titorelli zu und das wie- derum zeigt das Groteske des Gerichts. Die Tatsache, dass er sich „freue“ (Z.29) den Prokuristen zu sehen, könnte die Hoffnung sein, dass dieser sich nun mit seiner Schuld und seinem Prozess ernsthaft auseinander setzten will. Des Weiteren haben die Außenstehenden den Eindruck, Josef K. gehe „[d]ie Sache[…] sehr nahe“ (Z.30), was er jedoch abzustreiten versucht. Das Gericht, der Prozess und seine Schuld stellen Kafkas Unterbewusstsein dar. Im Unterbewusstsein steigt die Bedrohung in dem dem Maße, wie man sie verdrängt. Hier verdrängt Josef K. die Schuld, kommt aber mit dem Gericht immer intensiver in Berührung, was für ihn sehr unangenehm ist. „Die Luft" (Z.34) wirkt auf ihn „[b]edrückend“ (z.35), es bereitet ihm „Unbehagen" (Z.43). Er kann in den Räumen des Gerichts kaum „[a]tmen“ (Z.44), auch in anderen Räumlichkeiten des Gerichts, wie zum Beispiel auf dem Dachboden der Gerichts- kanzlei, hat er „Schwindel“ (S.55, Z.9) und findet den Weg nicht ohne fremde Hilfe hinaus. Im Unterbewusstsein hat der Mensch keinerlei Kontrolle, keinerlei Selbstbe- herrschung und die Schwäche von Josef K., diese Ohnmacht, äußert sich physisch, da er keinerlei Kontrolle über seinen Körper hat, sobald er sich in Räumlichkeiten des Gerichts befindet. Außerdem kommt er mit seiner Logik nicht weiter, was im Unterbe- wusstsein ebenfalls der Fall ist. Dass die Frage der Schuld bisher nie angesprochen wurde, zwang Josef K. zu keiner Aussage darüber. Der Maler ist der Erste, der K. „endlich“ (Z.53) „die erste sachliche Frage" (Z.53-54) stellt, und zwar die Frage nach der Unschuld, nicht nach der Schuld! Die Tatsache, dass die Frage, ob er „unschul- dig" (Z.55) sei, ihn „alles andere vergessen“ (Z.54) lässt, auch sein Unwohlsein, deutet auf die komplette Verdrängung er Schuld hin. „Die Beantwortung dieser Frage machte ihm geradezu Freude“ (Z.55-56), was deutlich zeigt, er ist froh sich nicht mehr mit einer möglichen Schuld befassen zu müssen und kann durch die Be- teuerung seiner Unschuld sich vor der Auseinandersetzung mit sich selbst verscho- nen. Die Frage, ob Schuld vorhanden sei, scheint eindeutig beantwortet, da er die Beantwortung nur gibt, da sie „ohne jede Verantwortung erfolgt" (Z.57-58). Würde er die Frage also anders beantworten, wenn er die „Verantwortung“ (Z.57) für seine Antwort tragen müsste? Um „diese Freude“ (Z.59), die Freude dem Unangenehmen entkommen zu sein, „auszukosten“ (Z.59), verwendet Josef K. fast schon den Su- www.KlausSchenck.de / Deutsch/ Literatur/ 13.1/ S. 5 von 8 Abi-Aufgabe 2011 / BW / 6-stündige Klassenarbeit / Franz Kafka: ,,Der Prozess" Mit einem Vergleich zu Kleist: „Michael Kohlhaas" perlativ „vollständig unschuldig“ (Z.59-60), um seine Aussage zu intensivieren. Die Antwort des Malers, „dann [sei] ja die Sache sehr einfach“ (Z.62/63), nimmt er nicht freudig auf, wie zu erwarten, wenn er wirklich unschuldig wäre, sondern sein „Blick trübte sich" (Z.63). Er zweifelt die Kompetenz des Maler Titorelli an und bezeichnet seine Rede, als würde sie von einem „unwissende[m] Kind“ (Z.65) stammen. Er ge- steht sich seine Schuld nicht ein, sondern beschuldigt das Gericht ihm Schuld zuzu- weisen. Der Maler nimmt diese Aussage eher als Nebensächlichkeit auf und beant- wortet sie mit einem flüchtigen „Ja, ja gewiß“ (Z.70), als hätte er diese Anschuldigung schon so oft gehört, dass er sich nicht mehr mit einer Klarstellung und daraus folgen- den Diskussionen auseinandersetzen will. Titorelli gibt Josef K. nochmal die Chance seine Schuld zuzugeben, doch dieser antwortet nur ein wenig kleinlaut „Nun ja“ (Z.72), er sei unschuldig. Somit ist Josef K. die Veränderung seiner Schuld gelungen und er musste seinen Schatten, seine Schuld, nicht integrieren und machte so kei- nen Individuationsprozess nach C.G. Jung durch. Bei dem Vergleich der Werke „Der Prozess“ (=P) von Franz Kafka und „Michael Kohlhaas" (=K) von Heinrich von Kleist in Bezug auf die Helferfiguren ergeben sich grundlegende Unterschiede. Die Hauptperson Josef K. von Kafka bräuchte andere Helfer, die ihn deutlicher auf seine Aufgabe, die Auseinandersetzung mit sich selbst, hinweisen. Denn nur er selbst hätte sich helfen können. Stattdessen wirbt er meist weibliche Helferinnen, wie „Fräulein Bürstner“ (P, S.19, Z.40), die bald als „Kanzlei- kraft in ein Advokatenbureau" (P, S.23, Z.36) arbeitet. Doch Josef K. betrachtet sie eher als Sexualobjekt, da er sie „wie ein durstiges Tier mit der Zunge“ (P, S.26, Z.32) küsst. Auch die Frau des Gerichtsdieners bietet Josef K. ihre Hilfe und ihren Körper an, er bezeichnet sie als „verdorben wie alle hier ringsherum“ (P, S.42, Z.16-17). Den größten Wert legt Josef K. aber auf die Hilfe und Einschätzung von Leni, der Pflege- rin seines Advokaten Huld. Sie drängt ihn zwar in die richtige Richtung ein „Geständ- nis“ (P, S.77, Z.6) zu machen, doch vorher müsste er sich mit seiner Schuld befas- sen. Leni gibt ihm Tipps, die ihn in Wirklichkeit weiterbringen würden, wenn er dar- über nachdenken würde, den Ratschlag, dass er zu „unnachgiebig“ (P, S.76, Z.43) sei, versteht er allerding nicht. Leni weist allerdings schon fast animalische Züge auf, wie zum Beispiel „das Verbindungshäutchen (P, S.78, Z.17) zwischen ihren Fingern, www.KlausSchenck.de / Deutsch/ Literatur/ 13.1/ S. 1 von 9 Abi-Aufgabe 2011 / BW / 6-stündige Klassenarbeit/ Franz Kafka: „Der Prozess" Mit einem Vergleich zu Kleist: „Michael Kohlhaas" Aufgabenstellung: S. 105 / Zeile 41 – S. 107 / Zeile 22 (Hamburger Leseheft, Nr. 201) Fischer Taschenbuch (2006): S. 154-156 Reclam (2005): S. 134-136 ,,Sie sind wohl ein Vertrauensmann des Gerichtes?" „Das ist ja die Hauptsache', sagte der Maler." 1. Legen Sie kurz dar, weshalb Josef K. den Maler Titorelli aufsucht. 2. Interpretieren Sie die Textstelle; beziehen Sie die sprachliche und erzählerische Gestaltung ein. (Zeilenangaben der Textvorlage übernehmen!) 3. Kafkas Der Proceß und Kleists Michael Kohlhaas: Untersuchen Sie in ei- ner vergleichenden Betrachtung die Bedeutung der Helferfiguren Ihrer Wahl für Josef K. und Michael Kohlhaas. Hinweise: Alle Interpretationen müssen durch Zitate gesichert werden. Beachten Sie, dass die zweite und die dritte Teilaufgabe etwa gleichwertig gewichtet werden. „Menschen werden schlecht und schuldig, weil sie reden und handeln, ohne die Fol- gen ihrer Worte und Taten vorauszusehen.“ Dieses Zitat Franz Kafkas thematisiert die Schuldfrage im Vater-Sohn-Konflikt in dessen realen Leben. Hermann Kafka, der Vater des Dichters, verkörperte stets einen ehrgeizigen, willensstarken und jähzorni- gen Mann, der sich der Tragweite seiner Worte und Taten nie bewusst war. Sogar die dadurch ausgelösten Selbstzweifel seines einzigen Sohnes schienen ihn nicht erreicht zu haben. Kafka sah daher seinen Vater als eine unerreichbare Überinstanz an, die er nie hatte zufriedenstellen können. Da sich Franz Kafka mit dem Protago- nisten Josef K. im „Prozess“ identifiziert, sind der Vater in Kafkas Leben und das all- gemein gegenwärtige Dachbodengericht in K.s Leben gleichzusetzen. Der Protagonist Josef K. wird am Tag seines dreißigsten Geburtstages, parallel zu Kafkas Verlobung mit Felice Bauer, von einer unbekannten Instanz verhaftet. Der Prokurist fühlt sich immer mehr zu der nicht klar definierten Gerichtsinstanz hingezo- gen und wird auf diese Weise zunehmend in seinen Prozess verwickelt. Die Schuld- frage im ,,Prozess" wird nie geklärt, dennoch fügt sich Josef K. am Ende seines Le- bens dem Gericht und wird schließlich am Vortag seines 31. Geburtstages hinge- www.KlausSchenck.de / Deutsch/ Literatur/ 13.1/ S. 2 von 9 Abi-Aufgabe 2011 / BW / 6-stündige Klassenarbeit/ Franz Kafka: „Der Prozess" Mit einem Vergleich zu Kleist: „Michael Kohlhaas" richtet. Hier ist wiederum eine biographisch Parallele zu Kafkas Leben ersichtlich, da sich dieser zu diesem Zeitpunkt von Felice Bauer trennte. Während des Schreibens unterzog sich Franz Kafka einer Katharsis seiner Seele, um die empfundene Schuld gegenüber Felice Bauer sowie die prägenden negativen Erlebnisse mit seinem Vater verarbeiten zu können. Um mit sich selbst ins Reine zu kommen, ließ Kafka den Hauptprotagonisten Josef K. anstelle seiner selbst einen Prozess durchleben. Thematisch kreist die vorgelegte Textstelle um K.s Hilfegesuch beim Maler Titorelli, K.s offene Beteuerung seiner Unschuld sowie dessen Unbehagen an den zu dem Gericht zugehörigen Wohnungen. Der Protagonist Josef K. ist ein anerkannter Prokurist einer großen Bank. Am Tag seines dreißigsten Geburtstages findet ein Wandel in dessen zuvor geregelten und geordneten Leben statt. Der Prokurist wird von zwei Wächtern eines unbekannten Gerichts ohne Angabe einer begangenen Schuld verhaftet. Zunächst glaubt er an einen Spaß, bis er einsehen muss, dass dem nicht so ist. Der Protagonist K. begibt sich widerwillig zur ersten Untersuchung, geht somit auf die Verhaftung ein. Im Laufe des Geschehens wird er zunehmend in seinen Prozess verwickelt, lernt so die Ge- richtskanzleien auf den Dachböden und den Advokaten Huld kennen, welcher ihn in seinem Fall vertreten soll. K.s Einstellung gegenüber dem Gericht und seinem Pro- zess wandelt von „dieser Fall sei als solcher nicht wichtig" (S.35/Z.9-10) bis zum Ein- geständnis seiner selbst, „[d]er Gedanke an den Prozess [verlasse] ihn nicht mehr" (S.80/Z.4). Aufgrund dieses Wandels hin zur Akzeptanz des Gerichtes nimmt er den Rat des Fabrikanten, welcher K. in dessen Büro aufsucht, an. Der Fabrikant emp- fiehlt K. den Maler Titorelli aufzusuchen, da dieser ihm in dessen Fall helfen könne und überreicht K. ein Empfehlungsschreiben diesbezüglich. Der Prokurist Josef K. sieht in diesem Besuch die Möglichkeit, den Prozess zu seinen Gunsten zu beein- flussen, indem er Vertrauenspersonen des Gerichtes, in diesem Fall der Maler Tito- relli, für sich gewinnt. www.KlausSchenck.de / Deutsch/ Literatur/ 13.1/ S. 3 von 9 Abi-Aufgabe 2011 / BW / 6-stündige Klassenarbeit/ Franz Kafka: „Der Prozess" Mit einem Vergleich zu Kleist: „Michael Kohlhaas" Der vorgelegt Auszug des „Prozesses“, K.s Gespräch mit dem Maler Titorelli, be- schreibt K.s Versuch diese zu dem Gericht gehörende Person von dessen Unschuld zu überzeugen sowie die Darstellung K.s Unwohlsein in Gerichtsräumen. Die Textstelle beginnt mit einer Frage seitens K.s, ob der Maler Titorelli „wohl ein Vertrauensmann des Gerichtes" (S.1/Z.1) sei. Diese Frage seitens K.s scheint über- flüssig, aus welchem Grund soll der Fabrikant ihn denn sonst zu diesem Maler ge- schickt. Auf diese Frage K.s hin „legte der Maler [sofort] die Stifte beiseite“ (S.1/Z.2), „rieb die Hände an einander und sah K. lächelnd an" (S.1/Z.2-3). Das Adverb „sofort" signalisiert eine plötzliche Reaktion des Malers auf das Ausgesprochene. Er beendet seine Arbeit auf der Stelle. Dessen Gestik und Mimik zu diesem Zeitpunkt deutet auf eine Freude seitens Titorellis hin, nun endlich mit der eigentlichen Arbeit, der Betreu- ung und Beratung K.s, beginnen zu können. Das „[Lächeln]“ (S.1/Z.3-4) kann ebenso auf Titorellis Stolz verweisen, über das Gericht sehr gut informiert zu sein. K. solle „immer gleich mit der Wahrheit heraus“ (S.1/Z.3-4). Doch dies ist nicht im Sinne K.s, da dieser taktisch klug, wie es seiner Auffassung entspricht, handeln möchte und den Maler für sich „zu gewinnen“(S.1/Z.7) beabsichtigt. Der „Vertrauensmann des Ge- richtes"(S.1/Z.11-12) durchschaut diese Taktik K.s und weist ihn zurück, das sei bei ihm „unangebracht" (S.1/Z.8-9) Den Einwand K.s wehrt der Maler „scharf [ab]" (S.7/Z.9). Das Adverb „scharf" weist auf eine gewisse Bestimmtheit hin, die Führung in diesem Gespräch übernehmen zu wollen. K. habe „vollständig recht" (S.1/Z.11) mit der Annahme, sein Gegenüber genieße das Vertrauen des anonymen Dachboden- gerichts. Die Mädchen, welche K. zuvor auf dem Weg zu Titorellis Wohnung belästi- gen, waren nun „wieder [zu hören]“ (S.1/Z.14), da sie sich „wahrscheinlich um das Schlüsselloch [drängten]“ (S.1/Z.14-15). Diese Mädchen gehören ebenfalls dem Ge- richt an, da sie, wie die anderen Gerichtspersonen, ein durchaus merkwürdiges Ver- halten an den Tag legen. Ihre Neugier ist derart groß, dass sie „[drängeln]“ (S.1/Z.14) und von überall ihre Informationen beziehen möchten. K.s Arroganz und Abneigung gegenüber dem Gericht ist darin festzumachen, dass er eine „[Entschuldigung]" (S.1/Z.17) aufgrund der vorangegangen, misslungenen Täuschung des Malers Tito- relli, in welcher er eine Beeinflussung des Gleichen zu erreichen beabsichtigte, „[un- terlässt]“ (S.1/Z.16-17). Ebenso K.s Eingeständnis nicht zulassen zu wollen, dass der Maler „auf diese Weise gewissermaßen unerreichbar“ (S.1/Z.19-20) werde, zeugt www.KlausSchenck.de / Deutsch/ Literatur/ 13.1/S. 4 von 9 Abi-Aufgabe 2011 / BW / 6-stündige Klassenarbeit/ Franz Kafka: „Der Prozess" Mit einem Vergleich zu Kleist: „Michael Kohlhaas" von K.s Stolz, welchen er gegenüber dem Gericht dennoch wahren möchte. An die- ser Stelle sei ein kleiner Exkurs über die psychoanalytischen Grundsätze Sigmund Freunds, genauer dessen Instanzenmodell, angebracht. Josef K. wurde sein bisheri- ges Leben stets von seinem rational denkenden Über-Ich geleitet. Alle Angelegen- heiten betrachtete K. nüchtern und beabsichtigte stets einflussreich zu sein und ein von Erfolg geprägtes Leben zu führen. Stehen nun aber Titorelli ebenso wie das all- gegenwärtige Dachbodengericht, über ihm, so kann er diesen Grundsätzen des ent- gegengesetzten nicht mehr folgen. Das Dachbodengericht stellt die Instanz des ES dar, da es lediglich auf dem Unterbewusstsein basiert. Da K. jedoch auf den Grund- sätzen des entgegengesetzten Über-Ichs sein Leben errichtet, ist er unfähig das Ge- richt, geschweige denn den Maler Titorelli, zu beeinflussen. Weiter stellt der vom ra- tionalen und nüchternen Über-Ich geleitete Prokurist Josef K. die Frage, ob der Maler dessen Position denn als „öffentlich anerkannte Stellung“ (S.1/Z.20-21) titulieren könne. Diese Frage verneint der Maler, dem es „die weitere Rede verschlagen" (S.1/Z.22) hat. Er scheint derart von der Unwissenheit des Angeklagten erschrocken, dass er bis auf ein kurzes „Nein“ (S.1/Z.21) keine Antwort geben kann. In dieser Frage K.s zeigt sich erneut die typische Bankerlogik, die er sein gesamtes Leben lang in sich trug. Ließe sich K. auf das Gericht ein, so müsste ihm die Tatsache be- reits ins Auge gesprungen sein, dass nichts, was mit dem Gericht zu tun hat, unse- rem Begriff von „öffentlich anerkannt [ ]“ (S.1/Z.20-21) entspricht. Das Gericht bewegt sich lediglich in dessen wohl erwählten Kreis an Vertrauenspersonen. K.s Einsicht, „oft [seien] derartige nicht anerkannte Stellungen einflußreicher als die anerkannten“ (S.1/Z.23-25), entspricht in diesem Fall vollkommen der Wahrheit, denn das Gericht in seiner Stellung genießt enormen Einfluss, wie dies am Beispiel K.s ersichtlich wird. Im Folgenden erläutert der Maler, mit „dem Fabrikanten über [K.s] Fall“ (S.1/Z.27) gesprochen und verständlich gemacht zu haben, „[K.] [könne] ja einmal zu ihm kom- men" (S.1/Z.28-29). Der Sachverhalt, der Angeklagte solle zum Gericht kommen, entspricht K.s Einladung zur ersten Untersuchung. K. kam „bald" (S.1/Z.30) darauf zu dem Maler, was dieser zum Anlass nimmt, K.s Gefühlswelt in Bezug auf den Prozess deuten zu wollen. Er ist der Meinung, K. gehe „[d]ie Sache [] sehr nahe" (S.1/Z.30). Der Maler Titorelli durchschaut Josef K. somit ein weiteres Mal und K. ist nicht dazu in der Lage ihn, womöglich sich selbst zudem, zu täuschen. Im Laufe des Gesprächs www.KlausSchenck.de / Deutsch/ Literatur/ 13.1/ S. 5 von 9 Abi-Aufgabe 2011 / BW / 6-stündige Klassenarbeit/ Franz Kafka: „Der Prozess" Mit einem Vergleich zu Kleist: „Michael Kohlhaas" verliert K. die Kontrolle über das Geschehen. Er ist sogar nicht mehr dazu in der Lage, sein Vorhaben, „nur ganz kurze Zeit [ ] bleiben“ (S.1/Z.33) zu wollen, durchzu- setzen. Nun schließt sich eine Begebenheit an, welche auf jeden anderen Raum des Gerichtes zutrifft. Der Angeklagte empfindet die „Luft im Zimmer [ ] drückend" (S.2/Z.1-2). Dieses typische Charakteristikum der Dachbodenräume des Gerichtes ist auf eine biographische Parallele in Kafkas Leben zurück zu führen. Kafka nahm die Wohnung seiner eigenen Familie stets als düstere, vom Kohlegeruch der Heizöfen „verseuchte" Aufenthaltsorte wahr. Um das Erscheinungsbild des Gerichts im Roman zu dramatisieren, wählte Kafka bewusst dieses Charakteristikum. K. kann aufgrund dieser Luft kaum mehr „[atmen]“ (S.2/Z.44). Dieser Aspekt stellt eine Kontrastierung der Gerichtswelt und K.s alltäglicher Welt dar. Die Gerichtspersonen verspüren Übel- keit an der frischen Luft der Außenwelt, wobei K. diese in den Gerichtsräumen ver- spürt (Vgl. S.57-58). Daher empfindet der Maler diese Atmosphäre in seinem Zimmer auch als „sehr behaglich" (S.2/Z.41). Der Prokurist Josef K. kann sich weiter „die Schwüle im Zimmer“ (S.2/Z.37-38) nicht erklären, da der „Eisenofen in der Ecke" (S.2/Z.37) „zweifellos nicht geheizt“ (S.2/Z.36-37) wurde. Dies weist erneut auf K. logisches Bankerdenken hin, wodurch ihm eine Schlussfolgerung verwehrt bleibt. Da in diesem Zimmer „schon lange nicht gelüftet" (S.2/Z.45) wurde und es sich um ein Dachbodenzimmer handelt, ist eine gewisse Schwüle durchaus verständlich. Doch K. muss bereits zu Beginn seines Prozesses zugeben, dass er in Gegenwart des Ge- richts nicht mehr klar denken könne (Vgl. S.7). Der Maler Titorelli bittet K. sich „auf das Bett zu setzen“ (S.2/Z.47), was bei diesem erneut „Unannehmlichkeit“ (S.2/Z.45- 46) aufblühen lässt. Das Bett stellt einen intimen Ort dar, den man insbesondere ge- genüber Fremden, wie Titorelli für K. ist, nicht berühren möchte. Doch diese Tatsa- che, dass die Intimität der einzelnen Personen nicht gewahrt werden muss, verdeut- licht erneut die gegensätzlichen Auffassungen der unbekannten Gerichtswelt und der Alltagswelt K.s. Parallel zu dieser Begebenheit wurde K. in dessen Bett verhaftet, was dessen Intimität einschränkte (Vgl. S5-6). Gerade wegen der Zurückhaltung K.s, der „nur am Bettrand bleibt" (S.2/Z.50), „drängte ihn“ (S.2/Z.52) der Maler „in die Betten und Pölster hinein“ (S.2/Z.52). Wie die Mädchen zuvor „drängt“ der Maler, wodurch er nahezu perfekt in das Bild des Gerichtes passt. „[E]ndlich“ (S:2/Z.53) stellt der Maler die entscheidende Frage, ob der Prokurist „unschuldig“ (S.2/Z.55) sei.