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literarische Erörterung Besuch der alten Dame/Medea

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literarische Erörterung Besuch der alten Dame/Medea

 Martha Rötzer
Übung literarische Erörterung: Ist Claire eine Medea?
Verrat, Rache und Gerechtigkeit sind seit jeher beliebte Motive für lit

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literarische Erörterung zum Thema "Ist Claire Zachanassian eine Medea?"

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Martha Rötzer Übung literarische Erörterung: Ist Claire eine Medea? Verrat, Rache und Gerechtigkeit sind seit jeher beliebte Motive für literarische Werke. Schon im antiken Werk ,Medea" von Euripides wurden diese aufgegriffen. Doch auch zweitausend Jahre später scheinen sie noch aktuell zu sein, denn mit „Besuch der alten Dame" liegt ein modernes Werk vor, welches sich ebenfalls mit den Motiven des Verrats, Rache und Gerechtigkeit auseinandersetzt. Die Tragikkomödie wurde 1956 von Friedrich Dürrenmatt veröffentlicht und handelt von Claire Zachanassian, die in ihrer Jugend von ihrem Freund Alfred III verraten worden ist und nun in ihre Heimatstadt zurückkehrt, um sich an ihm zu rächen. Sie bietet den Bürgern der verarmten Kleinstadt Güllen eine Million Euro dafür, dass jemand Alfred III tötet. In dem vorliegenden Zitat aus dem dritten Akt des Werkes vergleicht der Lehrer Claire Zachanassian mit „einer Heldin der Antike [...], eine Medea" (Z.2) Bevor er diese Aussage tätigt versuchen er und der Arzt, Claire von ihrem geplanten Mord abzubringen. Dabei stellt sich allerdings heraus, dass sie diesen von langer Hand geplant hatte und den Mord als Gerechtigkeit für das Leid erachtet, was ihr in ihrer Jugend von Alfred III angetan wurde. Sie war damals schwanger von ihm, er stritt dies jedoch erfolgreich vor Gericht ab und manipulierte sogar den Prozess. Daraufhin wurde sie in der Stadt als...

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Hure verachtet und musste sie verlassen, was sie in die Prostitution trieb. Ihr tragisches Schicksal und ihr Wunsch nach Rache verleiten den Lehrer zu seinem Vergleich mit Medea. Der Ausruf „Frau Zachanassian!” (Z.1) des Lehrers zeigt, dass er von Claires Schicksal schockiert und ergriffen zu sein scheint. Auffällig ist auch, dass er Claires Mordplan nicht als Rache, sondern als „absolute Gerechtigkeit" (Z.2) betitelt. Dass der Lehrer Claire mit Medea, der Protagonistin des nach ihr benannten antiken Dramas von Euripides, vergleicht, scheint nicht abwegig. Medea wurde bekanntlich ebenfalls von ihrem Freund Jason betrogen. Sie mordete sogar für ihn, trotz dessen und trotz zwei gemeinsamer Kinder betrog er sie mit einer anderen Frau, der Tochter des Königs. Daraufhin tötete sie aus Rache seine neue Freundin und dessen Vater sowie ihre beiden gemeinsamen Kinder, um Jason Schmerz zuzufügen. Ob sich die beiden Frauen wirklich so sehr ähneln, dass sich Claire als Medea bezeichnen lässt, soll im Folgenden erörtert werde. Betrachtet man die Unterschiede zwischen den beiden Frauen wiegt wohl am schwersten, dass sich ihre Morde recht stark unterscheiden. Zum einen wählen sie einen anderen Weg, um Rache zu nehmen und ihrem Geliebten Schmerz zuzufügen. Medea ermordet alle Menschen, denen Jason nahesteht und die er liebt, um ihn so leiden zu Martha Rötzer lassen. Claire hingegen lässt ihren Jugendfreund direkt umbringen. Die beiden Frauen verfolgen also das gleiche Ziel, die Rache für das ihnen angetane Unheil, wählen dafür allerdings unterschiedliche Herangehensweisen. Des Weiteren ist anzumerken, dass Claire den Mord im Gegensatz zu Medea nicht selbst durchführt. Die neue Freundin von Jason und ihren Vater ermordet Medea zwar nicht in direkter Konfrontation, sondern mit vergifteten Geschenken, den Mord an ihren Kindern allerdings führt sie selbst durch. Claire hingegen will sich ihre Gerechtigkeit erkaufen. Sie macht sich nicht selbst die Hände schmutzig, sondern bietet den Güllener Bürgern Geld für den Mord. Dieser Unterschied ist vielleicht auch mit der unterschiedlichen gesellschaftliche Stellung der beiden Frauen zu begründen. Medea ist zwar nicht schlecht angesehen, Claire hat anders als sie jedoch durch ihren Reichtum sehr viel Macht. Diese Macht, die sie im Werk gegenüber den Güllener Bürgern ausspielt, ermöglicht es ihr, Rache zu nehmen, ohne Alfred III selbst ermorden zu müssen. Die beiden Frauen unterscheiden sich außerdem charakterlich. Medea ist viel emotionaler, was sich vor allem in direkten Konfrontationen mit ihrem Geliebten Jason zeigt. Sie beschuldigt und beleidigt ihn, nennt ihn ,,Erzbösewicht" und scheint emotional instabil zu sein. Claire dagegen wirkt sehr bedacht und, würde man ihre Anstiftung zum Mord außen vor lassen, eigentlich wie eine höfliche Dame. Sogar in Konfrontationen mit Alfred III, den sie aus Rache ermorden lässt, reden die beiden über die guten alten Zeiten und ihrerseits ist kein bisschen Wut zu erkennen. Obwohl Claire, genau wie Medea, radikal Rache an ihrem Jugendfreund üben will, so wirkt sie doch vor allem in ihrem äußerlichen Auftreten um einiges rationaler. Zudem erlitten zwar beide Frauen tragische Schicksale, allerdings hat Medea an ihrem einen deutlich größeren Eigenanteil. Nach dem Mord an ihrem Bruder und ihrem Landesverrat lässt sie sich keinesfalls als unschuldige, verletzte Frau darstellen. Claire hingegen wurde von Alfred III in ihr Schicksal getrieben, indem er die Vaterschaft ihres gemeinsamen Kindes vor Gericht abstritt und dafür sogar zu Manipulation griff. Damit zerstörte er ihren Ruf und ihr bisheriges Leben, Claire selbst hatte sich aber nichts zu Schulden kommen lassen. Ein offensichtlicher Unterschied, der ganz klar gegen die These des Lehrers spricht, ist die Tatsache, dass die beiden Frauen in einer völlig anderen Zeit und damit auch einem völlig anderen Sozialkontext leben. Medea lebt im antiken Griechenland, Claire hingegen 2000 Jahre später im modernen Deutschland des 20. Jahrhunderts. Trotz dieser teils erheblichen Unterschiede, haben die beiden Frauen auch viel gemeinsam. Zum Einen ist hier die Tatsache zu nennen, dass beide Frauen sehr entschlossen und stark sind. Deswegen werden sie auch von ihren Mitmenschen respektiert, zumindest teilweise. Medea genießt, wie im Werk durch Jason beschrieben, wegen ihrer Klugheit einen bescheidenen Ruhm in Griechenland. Auch Claire ist, vor allem wegen ihres Vermögens, berühmt und wird von den Güllener Bürgern respektiert. Dies zeigt sich unter anderem an dem feierlichen Empfang, der ihr Martha Rötzer zuliebe veranstaltet werden soll. Aufgrund ihrer Willensstärke und ihrem Selbstbewusstsein entsprechen die beiden Frauen überhaupt nicht den Frauenbildern ihrer Zeit, laut denen die Frau sich ihrem Mann unterordnen zu hatte. Zudem teilen beide Frauen die Erfahrung, durch ihren Geliebten verraten zu werden. Medea, die alles für ihren Freund Jason geopfert hat, wird von ihm trotz gemeinsamer Kinder mit einer anderen Frau betrogen und von deren Vater auch noch des Landes verwiesen, es wird also ihre ganze Existenz zerstört. Claire wurde in ihrer Jugend von ihrem damaligen Freund, von dem sie schwanger war, abgewiesen und verraten, sodass sie die Stadt verlassen musste und sich prostituierte. Obwohl die Schicksale in gewisser Weise unterschiedlich sind, so eint die beiden Frauen doch der Verrat und auch die Zerstörung ihrer Existenz durch den Geliebten. Bei solchen Erfahrungen verwundert es nicht, dass sie Rache üben wollen. Hier zeigt sich die nächste Gemeinsamkeit: beide Frauen planen einen Mord aus Rache. Sowohl Claire als auch Medea wurden zutiefst verletzt und verspüren nun starke Wut. Natürlich unterscheiden sich die Vergehen in ihrer Durchführung, ihr Motiv für den Mord ist jedoch das selbe. Die Person, die sie verriet, soll nun dafür bezahlen. Dieses radikale, subjektive Gerechtigkeitsempfinden ist wohl die größte Gemeinsamkeit der beiden Frauen. Beide planen ihre Tat nach dem Motto ,,Auge um Auge, Zahn um Zahn": Gleiches soll mit gleichem bestraft werden. Jason soll für seine Tat bezahlen, indem Medea ihm das nimmt, was er am meisten liebt. Zu diesem Zweck tötet sie erst Jasons neue Freundin und deren Vater und anschließend ihre gemeinsamen Kinder. Claire möchte sich die gerechte Strafe für ihren ehemaligen Geliebten Alfred III erkaufen. Sie bietet den Güllenern 1 Million Euro für seinen Tod, ihr Plan geht letztendlich auch auf und III wird umgebracht. Diese Rache ist für die beiden Frauen die einzige gerechte Strafe, die ihr Geliebter aufgrund seines Verrats verdient hat. Abschließend lässt sich feststellen, dass es sowohl erhebliche Unterschiede als auch deutliche Gemeinsamkeiten zwischen Medea und Claire Zachanassian gibt. Die beiden Frauen unterscheiden sich charakterlich und ihre Tat, der Mord aus Rache, führen beide unterschiedlich durch. Ihre Motive sind dabei jedoch die gleichen, sie wollen Rache üben und ihre sehr subjektive Gerechtigkeit durchsetzen. Aufgrund starker Argumente für beide Seiten ist es schwer, eine endgültige Feststellung zu treffen, ob sich Claire wirklich mit Medea vergleichen lässt. Die grundsätzlichen Ähnlichkeiten der beiden Vergehen und vor allem das gleiche Motiv der Rache und Gerechtigkeit wiegen aber meiner Meinung nach stärker als die Unterschiede, weshalb dem Zitat des Lehrers, das Claire eine Medea ist, zuzustimmen ist.

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Cool, mit dem Lernzettel konnte ich mich richtig gut auf meine Klassenarbeit vorbereiten. Danke 👍👍

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Ob sich die beiden Frauen wirklich so sehr ähneln, dass sich Claire als Medea bezeichnen lässt, soll im Folgenden erörtert werde. Betrachtet man die Unterschiede zwischen den beiden Frauen wiegt wohl am schwersten, dass sich ihre Morde recht stark unterscheiden. Zum einen wählen sie einen anderen Weg, um Rache zu nehmen und ihrem Geliebten Schmerz zuzufügen. Medea ermordet alle Menschen, denen Jason nahesteht und die er liebt, um ihn so leiden zu Martha Rötzer lassen. Claire hingegen lässt ihren Jugendfreund direkt umbringen. Die beiden Frauen verfolgen also das gleiche Ziel, die Rache für das ihnen angetane Unheil, wählen dafür allerdings unterschiedliche Herangehensweisen. Des Weiteren ist anzumerken, dass Claire den Mord im Gegensatz zu Medea nicht selbst durchführt. Die neue Freundin von Jason und ihren Vater ermordet Medea zwar nicht in direkter Konfrontation, sondern mit vergifteten Geschenken, den Mord an ihren Kindern allerdings führt sie selbst durch. Claire hingegen will sich ihre Gerechtigkeit erkaufen. Sie macht sich nicht selbst die Hände schmutzig, sondern bietet den Güllener Bürgern Geld für den Mord. Dieser Unterschied ist vielleicht auch mit der unterschiedlichen gesellschaftliche Stellung der beiden Frauen zu begründen. Medea ist zwar nicht schlecht angesehen, Claire hat anders als sie jedoch durch ihren Reichtum sehr viel Macht. Diese Macht, die sie im Werk gegenüber den Güllener Bürgern ausspielt, ermöglicht es ihr, Rache zu nehmen, ohne Alfred III selbst ermorden zu müssen. Die beiden Frauen unterscheiden sich außerdem charakterlich. Medea ist viel emotionaler, was sich vor allem in direkten Konfrontationen mit ihrem Geliebten Jason zeigt. Sie beschuldigt und beleidigt ihn, nennt ihn ,,Erzbösewicht" und scheint emotional instabil zu sein. Claire dagegen wirkt sehr bedacht und, würde man ihre Anstiftung zum Mord außen vor lassen, eigentlich wie eine höfliche Dame. Sogar in Konfrontationen mit Alfred III, den sie aus Rache ermorden lässt, reden die beiden über die guten alten Zeiten und ihrerseits ist kein bisschen Wut zu erkennen. Obwohl Claire, genau wie Medea, radikal Rache an ihrem Jugendfreund üben will, so wirkt sie doch vor allem in ihrem äußerlichen Auftreten um einiges rationaler. Zudem erlitten zwar beide Frauen tragische Schicksale, allerdings hat Medea an ihrem einen deutlich größeren Eigenanteil. Nach dem Mord an ihrem Bruder und ihrem Landesverrat lässt sie sich keinesfalls als unschuldige, verletzte Frau darstellen. Claire hingegen wurde von Alfred III in ihr Schicksal getrieben, indem er die Vaterschaft ihres gemeinsamen Kindes vor Gericht abstritt und dafür sogar zu Manipulation griff. Damit zerstörte er ihren Ruf und ihr bisheriges Leben, Claire selbst hatte sich aber nichts zu Schulden kommen lassen. Ein offensichtlicher Unterschied, der ganz klar gegen die These des Lehrers spricht, ist die Tatsache, dass die beiden Frauen in einer völlig anderen Zeit und damit auch einem völlig anderen Sozialkontext leben. Medea lebt im antiken Griechenland, Claire hingegen 2000 Jahre später im modernen Deutschland des 20. Jahrhunderts. Trotz dieser teils erheblichen Unterschiede, haben die beiden Frauen auch viel gemeinsam. Zum Einen ist hier die Tatsache zu nennen, dass beide Frauen sehr entschlossen und stark sind. Deswegen werden sie auch von ihren Mitmenschen respektiert, zumindest teilweise. Medea genießt, wie im Werk durch Jason beschrieben, wegen ihrer Klugheit einen bescheidenen Ruhm in Griechenland. Auch Claire ist, vor allem wegen ihres Vermögens, berühmt und wird von den Güllener Bürgern respektiert. Dies zeigt sich unter anderem an dem feierlichen Empfang, der ihr Martha Rötzer zuliebe veranstaltet werden soll. Aufgrund ihrer Willensstärke und ihrem Selbstbewusstsein entsprechen die beiden Frauen überhaupt nicht den Frauenbildern ihrer Zeit, laut denen die Frau sich ihrem Mann unterordnen zu hatte. Zudem teilen beide Frauen die Erfahrung, durch ihren Geliebten verraten zu werden. Medea, die alles für ihren Freund Jason geopfert hat, wird von ihm trotz gemeinsamer Kinder mit einer anderen Frau betrogen und von deren Vater auch noch des Landes verwiesen, es wird also ihre ganze Existenz zerstört. Claire wurde in ihrer Jugend von ihrem damaligen Freund, von dem sie schwanger war, abgewiesen und verraten, sodass sie die Stadt verlassen musste und sich prostituierte. Obwohl die Schicksale in gewisser Weise unterschiedlich sind, so eint die beiden Frauen doch der Verrat und auch die Zerstörung ihrer Existenz durch den Geliebten. Bei solchen Erfahrungen verwundert es nicht, dass sie Rache üben wollen. Hier zeigt sich die nächste Gemeinsamkeit: beide Frauen planen einen Mord aus Rache. Sowohl Claire als auch Medea wurden zutiefst verletzt und verspüren nun starke Wut. Natürlich unterscheiden sich die Vergehen in ihrer Durchführung, ihr Motiv für den Mord ist jedoch das selbe. Die Person, die sie verriet, soll nun dafür bezahlen. Dieses radikale, subjektive Gerechtigkeitsempfinden ist wohl die größte Gemeinsamkeit der beiden Frauen. Beide planen ihre Tat nach dem Motto ,,Auge um Auge, Zahn um Zahn": Gleiches soll mit gleichem bestraft werden. Jason soll für seine Tat bezahlen, indem Medea ihm das nimmt, was er am meisten liebt. Zu diesem Zweck tötet sie erst Jasons neue Freundin und deren Vater und anschließend ihre gemeinsamen Kinder. Claire möchte sich die gerechte Strafe für ihren ehemaligen Geliebten Alfred III erkaufen. Sie bietet den Güllenern 1 Million Euro für seinen Tod, ihr Plan geht letztendlich auch auf und III wird umgebracht. Diese Rache ist für die beiden Frauen die einzige gerechte Strafe, die ihr Geliebter aufgrund seines Verrats verdient hat. Abschließend lässt sich feststellen, dass es sowohl erhebliche Unterschiede als auch deutliche Gemeinsamkeiten zwischen Medea und Claire Zachanassian gibt. Die beiden Frauen unterscheiden sich charakterlich und ihre Tat, der Mord aus Rache, führen beide unterschiedlich durch. Ihre Motive sind dabei jedoch die gleichen, sie wollen Rache üben und ihre sehr subjektive Gerechtigkeit durchsetzen. Aufgrund starker Argumente für beide Seiten ist es schwer, eine endgültige Feststellung zu treffen, ob sich Claire wirklich mit Medea vergleichen lässt. Die grundsätzlichen Ähnlichkeiten der beiden Vergehen und vor allem das gleiche Motiv der Rache und Gerechtigkeit wiegen aber meiner Meinung nach stärker als die Unterschiede, weshalb dem Zitat des Lehrers, das Claire eine Medea ist, zuzustimmen ist.