1. Aufzug, 3. Auftritt: Der Derwisch als Schatzmeister
Nathan ist erstaunt, seinen alten Freund Al-Hafi in prächtiger Kleidung zu sehen. Obwohl Al-Hafi als Derwisch eigentlich in Armut leben sollte, akzeptiert Nathan ihn weiterhin als Freund, solange er "im Herzen ein Derwisch geblieben sei".
Al-Hafi berichtet, dass er Schatzmeister beim Sultan Saladin geworden ist. Er beschreibt den Sultan als großzügig, aber verschwenderisch – in der Staatskasse herrsche "praktisch immer Ebbe". Der Schatzmeister schlägt vor, dass der reiche Nathan dem Sultan Geld leihen könnte, aber Nathan lehnt ab.
Besonders interessant ist Al-Hafis zunehmende Unzufriedenheit mit seiner Position: "Es sei unsinnig erst hunderttausende finanziell auszuquetschen, um dann einigen wenigen auf 'großzügige' Weise Geldgeschenke zu überreichen." Er befürchtet, durch diese Heuchelei bald seine Menschlichkeit zu verlieren.
Nathan rät ihm, bald in sein ursprüngliches Leben zurückzukehren, woraufhin Al-Hafi ankündigt, zum Ganges (nach Indien) ziehen zu wollen.
Wichtig für die Prüfung: Diese Szene verdeutlicht die Spannung zwischen materiellen Werten und moralischer Integrität – ein wiederkehrendes Thema in Nathan der Weise.
Zu spät fällt Nathan ein, dass er Al-Hafi noch nach dem Tempelherrn hätte fragen können, da dieser vom Sultan begnadigt wurde.