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Theorien zum Untergang des römischen Reich laut Heather und Pohl // formale Analyse

Theorien zum Untergang des römischen Reich laut Heather und Pohl // formale Analyse

 Notizen - Theorien zum "Untergang" des Römischen Reiches
Klassische Theorien:
1. der Dekadenztheorie (innere Schwäche: politisch, wirtschaf

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Theorien zum Untergang des römischen Reich laut Heather und Pohl // formale Analyse

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Jacques

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Thema: Völkerwanderung

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Notizen - Theorien zum "Untergang" des Römischen Reiches Klassische Theorien: 1. der Dekadenztheorie (innere Schwäche: politisch, wirtschaftlich, gesellschaftlich), 2. der Katastrophentheorie (Einfälle der „Germanen"), 3. der sozioökonomischen Theorie (wirtschaftliche Verelendung, große Unterschiede zwischen Arm und Reich) oder 4. der Kontinuitätstheorie (kein Bruch, sondern ein allmählicher Wandel). S. 165-167 • M15 Walter Pohl • M16 Peter Heather M15 Der Historiker Walter Pohl über das Ende Roms und die Rolle der „Völkerwanderung" (2002) Starb Rom oder wurde es umgebracht? Eigentlich ist die Forschung inzwischen von derartigen zugespitz- ten, monokausalen Erklärungen abgekommen und sieht die Umwandlung der römischen Welt" als komplexen Prozess, in dem auch die Barbaren ihren 5 Platz hatten. [...] Nach der Liste der Einheiten in der Notitia Dignitatum¹ aus dem frühen 5. Jahrhundert er- gibt sich für das Westreich eine Sollstärke von 113000 Mann für die mobile Feldarmee (comitatenses), die entlang der Grenzen stationierten limitanei sollten 10 etwa 135000 umfassen. [...] Die tatsächlich einsetz- bare Armee des 4. und 5. Jahrhunderts hat freilich kaum diese Stärke erreicht. Römische Heere konnten aber bei Bedarf durch zusätzliche Rekrutierung rasch verstärkt werden [...]. Das setzte freilich Mittel für die 15 Versorgung und Besoldung der Soldaten voraus, für die ein Großteil der Steuereinnahmen [...] aufgewen- det wurde. [...] Am Ende der Regierungszeit Justini- ans, 565, war nach der [...] Schätzung Agathias² die Gesamtstärke der Armee auf etwa 150 000 zurückge- 20 gangen. Die Größe barbarischer Armeen...

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ist schwieri- ger zu schätzen, da viele Autoren ihre Anzahl und damit ihre Gefährlichkeit weit übertreiben. Nach der fundierten Schätzung von Herwig Wolfram brachten die Könige der Völkerwanderungszeit kaum je mehr 25 als 30000 Kämpfer ins Feld. Zudem waren die gut ausgebildeten und ausgerüsteten, disziplinierten rö- mischen Armeen, wenn sie professionell geführt wa- ren, ihren barbarischen Gegnern meist weit überle- gen. Wie war es dennoch möglich, dass im Westen 30 des Imperiums im Laufe des 5. Jahrhunderts Barba- renkönige die Macht übernahmen? Eine Beobachtung drängt sich gleich auf, gerade weil sie einer langen Tradition der Geschichtsschreibung über den Fall Roms" widerspricht: Wer die Herr- 35 schaft über die Provinzen des Westens übernahm, darüber entschieden nur selten große Schlachten zwischen römischen und barbarischen Heeren. [...] Verfolgt man in den zeitgenössischen Geschichts- werken die Ereignisse am Ende des 4. und am Beginn 40 des 5. Jahrhunderts, so sieht man sich mit einer er- müdenden Folge von Usurpationen, Hofintrigen, po- litischen Morden und Thronkämpfen konfrontiert. Jedes Mal, wenn zwischen den Rivalen um die Kaiser- würde die Waffen sprachen, wurden barbarische 45 Truppenteile und Verbündete aufgeboten; in Be- drängnis geratene Imperatoren waren zu fast allen Zugeständnissen bereit, um ihre Unterstützung zu finden. [...] Fast alle Machtgruppen, die in den fol 50 genden Jahrzehnten um die Kontrolle des Imperiums rangen, waren rivalisierende Allianzen von Römern und Rarharon Dia Kaicor die einander im 5 Jahrhun. Kernthese: • Ende Roms ist nicht einfach als Mord durch einfallende Barbaren oder langsames Dahinsiechen durch inneren Zerfall (+Dekadenz) erklärbar (z. 1-3) o stattdessen als komplexer, multikausaler Umwandlungsprozess des Römischen Reiches in den die Barbaren integriert waren. (Z. 4-6) Argument: • Stärke der römischen Armee schwindet (z. 6-21) o ist aber in Größe und Kampfkraft den barbarischen Armeen weiterhin überlegen (z. 21-30) Grundfrage: • Wieso haben die Barbaren im Westen die macht übernommen? (Z. 30-32) Argument: Interne Machtkämpfe mit Barbaren auf allen Seiten prägten das späte 4. und 5. Jhd. • Nicht große Schlachten zwischen Römern auf der einen und Barbaren auf der anderen Seite entschieden über die Herrschaft in den Provinzen (z. 35-38), o sondern interne Auseinandersetzungen (Intrigen/Usurpationen -> Bürgerkriege) mit barbarischen Truppen und Alliierten auf allen Seiten (z. 39-52) ▪ ohne diese waren diese internen Machtkämpfe nicht möglich und somit wurden ihnen/ihren Anführern immer größere Zugeständnisse gemacht (z. 46-49) Kaiser des (mittleren) 5. Jahrhunderts waren kaum mehr als Marionetten der (meist barbarischen) Heermeister finden. [...] Fast alle Machtgruppen, die in den fol 50 genden Jahrzehnten um die Kontrolle des Imperiums rangen, waren rivalisierende Allianzen von Römern und Barbaren. Die Kaiser, die einander im 5. Jahrhun- dert teils in rascher Folge abwechselten, waren Rö- mer; doch die militärische Macht geriet zunehmend 55 in die Hand barbarischer Heermeister, magistri mili- tum. [...] Die Usurpationen des späten 4. und frühen 5. Jahrhunderts entblößten große Teile des Westrei- ches von den dort stationierten Truppen. [...] Inner- halb des römischen politischen Systems war im Wes- 60 ten offenbar keine Stabilität mehr möglich. Gerade jene Balance der Macht, die selbst unter der autoritä- ren Kaiserherrschaft des Dominats [Kaisertum der Spätantike] für einen Interessenausgleich sorgen sollte, hatte nun dazu geführt, dass die Gewalten ein- 65 ander blockierten. Mächtige und reiche Senatoren, unter deren Kontrolle die Administration stand, leb- ten in scharfer Rivalität zueinander; zudem versuch- ten sie den Einfluss der Armee, deren halbbarbari- sche Offiziere sie verachteten, zurückzudrängen, und 70 stützten sich dabei auf ihre Privatarmeen aus barba- rischen Söldnern. [...] Die Rolle der Barbaren in diesem Prozess gesell- schaftlichen Wandels [...] ist widersprüchlich. Von „den Germanen", die ein dekadentes Römerreich hin- 75 wegfegten, bleibt in diesem Bild wenig. Überhaupt ist die „Völkerwanderung" als große Erzählung" der tra- ditionellen europäischen Geschichtsschreibung in all ihrer Dramatik schwer aufrechtzuerhalten; sie zerfällt in viele einzelne Erzählstränge. Sicherlich ga- 80 ben Barbareneinfälle seit dem 3. Jahrhundert den An- lass zu einer Erhöhung der Truppenstärke und insge- samt zur verstärkten Militarisierung des Imperiums. Doch standen Barbaren im „Kampf um Rom" immer auf beiden Seiten, und ohne seine barbarischen Kon- 85 tingente wäre das Imperium vielleicht schon früher gefallen. Andererseits waren es zum Großteil gerade diese Barbaren im Dienste Roms, die schließlich in den verschiedenen Teilen des Reiches die Macht übernahmen. Davor lag ein jahrhundertelanger 90 Lernprozess, in dem Barbaren Erfahrungen im und mit dem Römischen Reich sammelten. [...] Alle be- deutenden Reichsgründungen setzten zumindest eine Generation Aufenthalt in den römischen Provin- zen voraus: die Westgoten waren um 375 über die Do- 95 nau gegangen und errichteten 418 ihr tolosanisches Reich [...]. Die Integration der Zuwanderer und ein gewisser Ausgleich mit der einheimischen Bevölke- rungsmehrheit waren [...] eine Voraussetzung aller barbarischen Reichsgründungen auf römischem Bo- den. Walter Pohl, Die Völkerwanderung. Eroberung und Integration, Kohlhammer, Stuttgart 2002, S. 31-38.* 1 Notitia Dignitatum: röm. Staatshandbuch, vermutlich zwi- schen 425 und 433 entstanden 2 Agathias (ca. 536-582): oström. Historiker 106 M 16 Der britische Historiker Peter J. Heather über die Zerstörung der zentralen Romanitas als Ursache für den Untergang des Römischen Rei- ches (2007) Unter „Romanitas" versteht Heather die Gesamtheit kultureller Verhaltensmuster, die das Römische Reich prägten. Was 476 an sein Ende gelangte, waren jegliche Bemü- hungen, das Weströmische Reich als überwölbendes, überregionales politisches Gebilde zu erhalten. [...] Am einfachsten ausgedrückt bestand der römische Staat aus einem Entscheidungszentrum - Kaiser, Hof 5 und Verwaltung Insteimantan dan Stanarachahung Heermeister • diese internen Machtkämpfe waren Symptom aber auch eine Ursache des Verlustes der Stabilität des Westreichs o Konflikte der Senatorenschicht (Verwaltung) untereinander und mit dem Militär und seiner (oft halbbarbarischen) Offizierskaste (Z. 65-69) zerstört das politische Gleichgewicht (z. 59-65) ▪ auch hier stehen Barbaren auf beiden Seiten o Machtkämpfe führen zum Abzug von Truppen aus den Provinzen (Roms direkter Einfluss dort schwindet dementsprechend) (z. 56-58) Schlussfolgerung: "Die Barbaren/die Germanen" handelten in diesem Prozess nicht als eine kohärente Partei mit einem klaren gemeinsamen Plan (i.e. das Westreich zu stürzen und untereinander aufzuteilen) (2.72f) das klassische Narrativ der "Völkerwanderung" und der Eroberung Roms durch "die Germanen" ist nicht aufrechtzuerhalten (z.73-78): Zusammenfassung der Argumente: Zwar führten Barbareneinfälle seit dem 3. Jhd. zur Militarisierung des Reiches (z. 79-82), aber: ▪ Barbaren standen immer auf beiden Seiten, Rom war militärisch auf sie angewiesen (z. 83-86) o Zwar übernahmen Barbaren im Dienste Roms in den meisten Teilen des Westreiches die Macht (z. 86-89), aber: ▪ Kontakt und Annäherung zwischen Barbaren und Rom als jahrhundertealter Prozess (Z. 89-91) ▪ allen barbarischen Nachfolgereichen ging mindestens eine Generation Integration in die römischen Strukturen und Ausgleich der barbarischen Einwanderer mit der römischen Bevölkerungsmehrheit voraus (Z. 91-100) Grundannahme: • Der interne Zusammenhalt des Römischen Reiches hing nicht nur von seinen zentralen Organen ab: Kaiserhof, Verwaltung und Armee, sondern ebenso von der durch ihre Romanitas verbundenen Grundbesitzerschicht, die durch ihre Integration in überregionales politisches Gebilde zu erhalten. [...] Am einfachsten ausgedrückt bestand der römische Staat aus einem Entscheidungszentrum - Kaiser, Hof und Verwaltung -, Instrumenten der Steuererhebung und einem Berufsheer, dessen Macht sein Herr- schaftsgebiet bestimmte und verteidigte. Genauso wichtig waren die zentral geschaffenen Rechtsstruk- turen, die römischen Grundbesitzern in den Provin- 10 zen ihre Stellung verliehen und sie schützten. In den gesellschaftlichen Kreisen dieser Grundbesitzer gal- ten die meisten der kulturellen Normen, die das Phä- nomen der Romanitas ausmachten. Ihre Mitarbeit auf den höheren Ebenen der Bürokratie, des Hofs 15 und bis zu einem gewissen Maße auch der Armee hielten das Zentrum des Reichs und seine vielen ört- lichen Gemeinden zusammen. Nach 476 war es mit all dem vorbei. [D]ie entscheidenden zentralisieren- den Strukturen des Imperiums [waren] verschwun- 20 den. Es gab keinen einzelnen Gesetzgeber, dessen Autorität als maßgeblich anerkannt wurde. Kein zen- tral kontrolliertes Steuersystem garantierte eine zen- tral kontrollierte Berufsarmee [...]. Es gab also doch einen historisch bedeutsamen Prozess, der in der Ab- 25 setzung des letzten römischen Kaisers im Westen im September 476 seinen Höhepunkt fand. Mehr noch, die zentrale These dieses Buches lautet: Es gibt im Prozess der Desintegration des Reiches im Westen einen logischen Zusammenhang zwischen dem end- 30 gültigen Zusammenbruch und früheren Gebietsver- lusten. Dieser Zusammenhang ergibt sich aus der Überschneidung von drei Argumentationssträngen. Erstens waren die Angriffe von 376 und 405 bis 408 keine Zufallsereignisse, sondern zwei Krisenmomen- 35 te, die aus ein und derselben strategischen Revoluti- on hervorgingen: dem Aufstieg der Hunnenmacht in Zentral- und Osteuropa. Es ist vollkommen unstrit- 5 tig, dass das Auftauchen der Terwingen und Greu- 40 tungen an den Ufern der Donau im Sommer 376 von den Hunnen ausgelöst wurde. Dass diese auch für eine zweite Welle von Invasionen verantwortlich wa- ren, zu der es eine Generation später kam - Radagai- sus' Angriff auf Italien 405/06, die Rheinüberquerung 45 der Vandalen, Alanen und Sueben Ende 406 und we- nig später der Vorstoß der Burgunder nach Westen -, ist manchmal behauptet worden, aber nie auf einhel- lige Zustimmung gestoßen. [...] 376 drangen die Hun- nen nicht, wie oft angenommen, in großer Zahl weit 50 nach Westen bis zur Donaugrenze vor. Im nächsten Jahrzehnt waren es Goten - und nicht Hunnen -, die immer noch die größten Widersacher Roms waren; und selbst im Jahr 395 befanden sich die meisten Hunnen immer noch viel näher am Kaukasus. Spä- 55 testens jedoch um 420 [...] hatten sie sich in großer Zahl im Herzen Mitteleuropas niedergelassen, im Großen Ungarischen Tiefland. Keine schriftliche Quelle spricht explizit aus, dass die Hunnen diesen Schritt in den Jahren 405 bis 408 taten und damit die 60 zweite Invasionswelle auslösten [und dies] die „Schuld" für die Krise von 405 bis 408 darstellt. [...] Zweitens trennen zwar etwa 65 Jahre die Entthro- nung des Romulus Augustulus von der letzten dieser Invasionen, beide Phänomene hängen jedoch ur- 65 sächlich miteinander zusammen. Die verschiedenen Krisen, mit denen sich das Westreich in den Jahren dazwischen konfrontiert sah, waren nichts anderes als die langsame Herausarbeitung der politischen Konsequenzen der vorangegangenen Invasionen. Die 70 Schäden, die die weströmischen Provinzen durch lange sich hinziehende Kriegführung mit den Invaso- ren erlitten, führten gemeinsam mit den ständigen Gebietsverlusten zu massiven Rückgängen der Steu- ייייייי סיייי ~~ von seinen zentralen Organen ab: Kaiserhof, Verwaltung und Armee, sondern ebenso von der durch ihre Romanitas verbundenen Grundbesitzerschicht, die durch ihre Integration in alle Ebenen des Staates die Verbindung zwischen der lokalen und der imperialen Sphäre herstellte (Z. 1-24). o dieser interne Zusammenhalt endete im Westen 476 ▪ das Datum hat somit durchaus seine Bedeutung Kernthese: • Die Gebietsverluste durch die Völkerwanderung führten letztendlich zur Auflösung des römischen Westreichs (Z. 24-32) Argumentationsstränge: 1. Das Auftreten der Hunnen gab zwar den Anstoß zu den Einfälle germanischer Verbände (376 & 405-408), diese und nicht die Hunnen waren es aber, die mit ihren Invasionen zum größten Widersacher Roms wurden (Z. 34-61). 2. Die Invasionen der germanischen Verbände schnitt die Zentralmacht von wichtigen Steuereinnahmen aus den Provinzen ab und zwang die römischen Grundbesitzer (die ja an ihren Boden gebunden war) ihre Loyalität gegenüber der Zentralregierung zu Gunsten der neuen Herren aufzugeben (Z. 62-96). lange sich hinziehende Kriegführung mit den Invaso- ren erlitten, führten gemeinsam mit den ständigen Gebietsverlusten zu massiven Rückgängen der Steu- ereinnahmen für den Zentralstaat. Die Westgoten 75 richteten zum Beispiel in der Gegend um Rom in den Jahren 408 und 410 so schwere Schäden an, dass die- se Provinzen noch zehn Jahre später nur noch ein Siebtel ihrer normalen Steuern an die Staatskasse ab- lieferten. Nach 406 zogen auch die Vandalen, Alanen 80 und Sueben fünf Jahre lang eine Schneise der Zerstö- rung durch Gallien, bevor sie den größten Teil Hispa- niens der Herrschaft des Zentrums für fast zwei wei- tere Jahrzehnte entrissen. Es kam noch schlimmer: Die Vandalen und Alanen verlagerten den Schwer- 85 punkt ihrer Operationen nach Nordafrika. 439 be- mächtigten sie sich der reichsten Provinzen West- roms. [...] Während der römische Staat an Macht verlor, was nicht unbemerkt blieb, sahen sich die Grundbesitzereliten in den römischen Provinzen zu 90 verschiedenen Zeiten und an verschiedenen Orten einer unangenehmen neuen Realität gegenüber. [...]. Da sie sich durch den Boden definierten, auf dem sie standen, mussten selbst die Begriffsstutzigsten oder die Treuesten schließlich erkennen, dass ihren Inter- essen am besten durch Anpassung an die neuen herr- 95 schenden Mächte vor Ort gedient war. [...] Der dritte Argumentationsstrang betrifft die parado- xe Rolle, die die Hunnen bei diesen revolutionären Ereignissen nach 440 spielten [...]. Von weit größerer Bedeutung war der indirekte Einfluss der Hunnen auf 100 das Römische Reich in den vorangegangenen Gene- rationen, als die von ihnen ausgelöste Unsicherheit in Mittel- und Osteuropa verschiedene Barbarenvöl- ker über die römische Grenze zwang. Während Attila den Heeren des Reichs gewaltige Einzelniederlagen 105 beibrachte, drohte er nie einen großen Teil von Steu- erzahlern dem westlichen Reich zu entfremden. Doch genau das bewirkten die Gruppen, die bei den Krisen von 376 bis 378 und 405 bis 408 über die Gren- ze geflohen waren. [...] Bei all dem spielten bewaffne- 110 te Außenstehende, die auf römischem Territorium Krieg führten, die Hauptrolle. [...] Einigen der ersten Goten von 376 wurde der Donauübergang durch eine Vereinbarung mit Kaiser Valens gestattet, dies jedoch nur, weil sein Heer bereits in Kämpfe an der persi- 115 schen Grenze verwickelt war. Ansonsten verlief kein Schritt dieses Prozesses ohne Gewalt, selbst wenn dann irgendeine Art von diplomatischer Vereinba- rung folgte. Aber diese Vereinbarungen waren nicht mehr als eine Anerkennung der letzten durch Krieg 120 gemachten Gewinne [...]. Peter Heather, Der Untergang des römischen Weltreichs, aus dem Englischen von Klaus Kochmann, Klett-Cotta, Stuttgart 2007, S. 495-499.* 3. Im Gegensatz zu den Hunnen, die nie nach der Übernahme der direkten Herrschaft über Teile des Reiches strebten (Erläuterung: sondern Plünderung und Tributerpressung vorzogen), gelang dies den einfallenden germanischen Verbänden durch kriegerische Eroberung, die nur im Nachhinein teilweise von offiziell römischer Seite sanktioniert wurde (Z. 97-121). Walter Pohl Kernthese: • Ende Roms ist nicht einfach als Mord durch einfallende Barbaren oder langsames Dahinsiechen durch inneren Zerfall (+Dekadenz) erklärbar (Z. 1-3) o stattdessen als komplexer, multikausaler Umwandlungsprozess des Römischen Reiches in den die Barbaren integriert waren. (Z. 4-6) Grundfrage: • Wieso haben die Barbaren im Westen die macht übernommen? (Z. 30-32) Argument: Interne Machtkämpfe prägten das späte 4. und 5. Jhd. (Barbaren auf allen Seiten) • Nicht große Schlachten zwischen Römern auf der einen und Barbaren auf der anderen Seite entschieden über die Herrschaft in den Provinzen (Z. 35-38), o sondern interne Auseinandersetzungen (Intrigen/Usurpationen -> Bürgerkriege) mit barbarischen Truppen und Alliierten auf allen Seiten (Z. 39-52) ▪ohne diese waren diese internen Machtkämpfe nicht möglich und somit wurden ihnen/ihren Anführern immer größere Zugeständnisse gemacht (Z. 46-49) Kaiser des (mittleren) 5. Jahrhunderts waren kaum mehr als Marionetten der (meist barbarischen) Heermeister • diese internen Machtkämpfe waren Symptom aber auch eine Ursache des Verlustes der Stabilität des Westreichs o Konflikte der Senatorenschicht (Verwaltung) untereinander und mit dem Militär und seiner (oft halbbarbarischen) Offizierskaste (Z. 65-69) zerstört das politische Gleichgewicht (Z. 59-65) ▪ auch hier stehen Barbaren auf beiden Seiten o Machtkämpfe führen zum Abzug von Truppen aus den Provinzen (Roms direkter Einfluss dort schwindet dementsprechend) (Z. 56-58) Schlussfolgerung: • "Die Barbaren/die Germanen" handelten in diesem Prozess nicht als eine kohärente Partei mit em klaren gemeinsamen Plan (i.e. das Westreich zu stürzen und untereinander aufzuteilen) (Z.72f) → das klassische Narrativ der "Völkerwanderung" und der Eroberung Roms durch "die Germanen" ist nicht aufrechtzuerhalten (Z.73-78): Zusammenfassung der Argumente: o Zwar führten Barbareneinfälle seit dem 3. Jhd. zur Militarisierung des Reiches (Z. 79-82), aber: ▪ Barbaren standen immer auf beiden Seiten, Rom war militärisch auf sie angewiesen (Z. 83-86) o Zwar übernahmen Barbaren im Dienste Roms in den meisten Teilen des Westreiches die Macht (Z. 86-89), aber: ▪ Kontakt und Annäherung zwischen Barbaren und Rom als jahrhundertealter Prozess (Z. 89-91) ▪allen barbarischen Nachfolgereichen ging mindestens eine Generation Integration in die römischen Strukturen und Ausgleich der barbarischen Einwanderer mit der römischen Bevölkerungsmehrheit voraus (Z. 91-100) Peter Heather Kernthese: • Die Gebietsverluste an germanische Verbände durch die Völkerwanderung führten zur Zerstörung des internen Zusammenhalts und schließlich zur Auflösung des römischen Westreichs (Z. 24-32) Grundannahme: • Der interne Zusammenhalt des Römischen Reiches hing nicht nur von seinen zentralen Organen ab: Kaiserhof, Verwaltung und Armee, sondern ebenso von der durch ihre Romanitas verbundenen Grundbesitzerschicht, die durch ihre Integration in alle Ebenen des Staates die Verbindung zwischen der lokalen und der imperialen Sphäre herstellte (Z. 1-24). o dieser interne Zusammenhalt endete im Westen 476 ▪das Datum hat somit durchaus seine Bedeutung Argumentationsstränge: 1. Das Auftreten der Hunnen gab zwar den Anstoß zu den Einfälle germanischer Verbände (376 & 405-408), diese und nicht die Hunnen waren es aber, die mit ihren Invasionen zum größten Widersacher Roms wurden (Z. 34-61). 2. Die Invasionen der germanischen Verbände schnitt die Zentralmacht von wichtigen Steuereinnahmen aus den Provinzen ab und zwang die römischen Grundbesitzer (die ja an ihren Boden gebunden war) ihre Loyalität gegenüber der Zentralregierung zu Gunsten der neuen Herren aufzugeben (Z. 62-96). 3. Im Gegensatz zu den Hunnen, die nie nach der Übernahme der direkten Herrschaft über Teile des Reiches strebten (Erläuterung: sondern Plünderung und Tributerpressung vorzogen), gelang dies den einfallenden germanischen Verbänden durch kriegerische Eroberung, die nur im Nachhinein teilweise von offiziell römischer Seite sanktioniert wurde (Z. 97-121).

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So ein schöner Lernzettel 😍😍 super nützlich und hilfreich!

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Jahrhunderts, so sieht man sich mit einer er- müdenden Folge von Usurpationen, Hofintrigen, po- litischen Morden und Thronkämpfen konfrontiert. Jedes Mal, wenn zwischen den Rivalen um die Kaiser- würde die Waffen sprachen, wurden barbarische 45 Truppenteile und Verbündete aufgeboten; in Be- drängnis geratene Imperatoren waren zu fast allen Zugeständnissen bereit, um ihre Unterstützung zu finden. [...] Fast alle Machtgruppen, die in den fol 50 genden Jahrzehnten um die Kontrolle des Imperiums rangen, waren rivalisierende Allianzen von Römern und Rarharon Dia Kaicor die einander im 5 Jahrhun. Kernthese: • Ende Roms ist nicht einfach als Mord durch einfallende Barbaren oder langsames Dahinsiechen durch inneren Zerfall (+Dekadenz) erklärbar (z. 1-3) o stattdessen als komplexer, multikausaler Umwandlungsprozess des Römischen Reiches in den die Barbaren integriert waren. (Z. 4-6) Argument: • Stärke der römischen Armee schwindet (z. 6-21) o ist aber in Größe und Kampfkraft den barbarischen Armeen weiterhin überlegen (z. 21-30) Grundfrage: • Wieso haben die Barbaren im Westen die macht übernommen? (Z. 30-32) Argument: Interne Machtkämpfe mit Barbaren auf allen Seiten prägten das späte 4. und 5. Jhd. • Nicht große Schlachten zwischen Römern auf der einen und Barbaren auf der anderen Seite entschieden über die Herrschaft in den Provinzen (z. 35-38), o sondern interne Auseinandersetzungen (Intrigen/Usurpationen -> Bürgerkriege) mit barbarischen Truppen und Alliierten auf allen Seiten (z. 39-52) ▪ ohne diese waren diese internen Machtkämpfe nicht möglich und somit wurden ihnen/ihren Anführern immer größere Zugeständnisse gemacht (z. 46-49) Kaiser des (mittleren) 5. Jahrhunderts waren kaum mehr als Marionetten der (meist barbarischen) Heermeister finden. [...] Fast alle Machtgruppen, die in den fol 50 genden Jahrzehnten um die Kontrolle des Imperiums rangen, waren rivalisierende Allianzen von Römern und Barbaren. Die Kaiser, die einander im 5. Jahrhun- dert teils in rascher Folge abwechselten, waren Rö- mer; doch die militärische Macht geriet zunehmend 55 in die Hand barbarischer Heermeister, magistri mili- tum. [...] Die Usurpationen des späten 4. und frühen 5. Jahrhunderts entblößten große Teile des Westrei- ches von den dort stationierten Truppen. [...] Inner- halb des römischen politischen Systems war im Wes- 60 ten offenbar keine Stabilität mehr möglich. Gerade jene Balance der Macht, die selbst unter der autoritä- ren Kaiserherrschaft des Dominats [Kaisertum der Spätantike] für einen Interessenausgleich sorgen sollte, hatte nun dazu geführt, dass die Gewalten ein- 65 ander blockierten. Mächtige und reiche Senatoren, unter deren Kontrolle die Administration stand, leb- ten in scharfer Rivalität zueinander; zudem versuch- ten sie den Einfluss der Armee, deren halbbarbari- sche Offiziere sie verachteten, zurückzudrängen, und 70 stützten sich dabei auf ihre Privatarmeen aus barba- rischen Söldnern. [...] Die Rolle der Barbaren in diesem Prozess gesell- schaftlichen Wandels [...] ist widersprüchlich. Von „den Germanen", die ein dekadentes Römerreich hin- 75 wegfegten, bleibt in diesem Bild wenig. Überhaupt ist die „Völkerwanderung" als große Erzählung" der tra- ditionellen europäischen Geschichtsschreibung in all ihrer Dramatik schwer aufrechtzuerhalten; sie zerfällt in viele einzelne Erzählstränge. Sicherlich ga- 80 ben Barbareneinfälle seit dem 3. Jahrhundert den An- lass zu einer Erhöhung der Truppenstärke und insge- samt zur verstärkten Militarisierung des Imperiums. Doch standen Barbaren im „Kampf um Rom" immer auf beiden Seiten, und ohne seine barbarischen Kon- 85 tingente wäre das Imperium vielleicht schon früher gefallen. Andererseits waren es zum Großteil gerade diese Barbaren im Dienste Roms, die schließlich in den verschiedenen Teilen des Reiches die Macht übernahmen. Davor lag ein jahrhundertelanger 90 Lernprozess, in dem Barbaren Erfahrungen im und mit dem Römischen Reich sammelten. [...] Alle be- deutenden Reichsgründungen setzten zumindest eine Generation Aufenthalt in den römischen Provin- zen voraus: die Westgoten waren um 375 über die Do- 95 nau gegangen und errichteten 418 ihr tolosanisches Reich [...]. Die Integration der Zuwanderer und ein gewisser Ausgleich mit der einheimischen Bevölke- rungsmehrheit waren [...] eine Voraussetzung aller barbarischen Reichsgründungen auf römischem Bo- den. Walter Pohl, Die Völkerwanderung. Eroberung und Integration, Kohlhammer, Stuttgart 2002, S. 31-38.* 1 Notitia Dignitatum: röm. Staatshandbuch, vermutlich zwi- schen 425 und 433 entstanden 2 Agathias (ca. 536-582): oström. Historiker 106 M 16 Der britische Historiker Peter J. Heather über die Zerstörung der zentralen Romanitas als Ursache für den Untergang des Römischen Rei- ches (2007) Unter „Romanitas" versteht Heather die Gesamtheit kultureller Verhaltensmuster, die das Römische Reich prägten. Was 476 an sein Ende gelangte, waren jegliche Bemü- hungen, das Weströmische Reich als überwölbendes, überregionales politisches Gebilde zu erhalten. [...] Am einfachsten ausgedrückt bestand der römische Staat aus einem Entscheidungszentrum - Kaiser, Hof 5 und Verwaltung Insteimantan dan Stanarachahung Heermeister • diese internen Machtkämpfe waren Symptom aber auch eine Ursache des Verlustes der Stabilität des Westreichs o Konflikte der Senatorenschicht (Verwaltung) untereinander und mit dem Militär und seiner (oft halbbarbarischen) Offizierskaste (Z. 65-69) zerstört das politische Gleichgewicht (z. 59-65) ▪ auch hier stehen Barbaren auf beiden Seiten o Machtkämpfe führen zum Abzug von Truppen aus den Provinzen (Roms direkter Einfluss dort schwindet dementsprechend) (z. 56-58) Schlussfolgerung: "Die Barbaren/die Germanen" handelten in diesem Prozess nicht als eine kohärente Partei mit einem klaren gemeinsamen Plan (i.e. das Westreich zu stürzen und untereinander aufzuteilen) (2.72f) das klassische Narrativ der "Völkerwanderung" und der Eroberung Roms durch "die Germanen" ist nicht aufrechtzuerhalten (z.73-78): Zusammenfassung der Argumente: Zwar führten Barbareneinfälle seit dem 3. Jhd. zur Militarisierung des Reiches (z. 79-82), aber: ▪ Barbaren standen immer auf beiden Seiten, Rom war militärisch auf sie angewiesen (z. 83-86) o Zwar übernahmen Barbaren im Dienste Roms in den meisten Teilen des Westreiches die Macht (z. 86-89), aber: ▪ Kontakt und Annäherung zwischen Barbaren und Rom als jahrhundertealter Prozess (Z. 89-91) ▪ allen barbarischen Nachfolgereichen ging mindestens eine Generation Integration in die römischen Strukturen und Ausgleich der barbarischen Einwanderer mit der römischen Bevölkerungsmehrheit voraus (Z. 91-100) Grundannahme: • Der interne Zusammenhalt des Römischen Reiches hing nicht nur von seinen zentralen Organen ab: Kaiserhof, Verwaltung und Armee, sondern ebenso von der durch ihre Romanitas verbundenen Grundbesitzerschicht, die durch ihre Integration in überregionales politisches Gebilde zu erhalten. [...] Am einfachsten ausgedrückt bestand der römische Staat aus einem Entscheidungszentrum - Kaiser, Hof und Verwaltung -, Instrumenten der Steuererhebung und einem Berufsheer, dessen Macht sein Herr- schaftsgebiet bestimmte und verteidigte. Genauso wichtig waren die zentral geschaffenen Rechtsstruk- turen, die römischen Grundbesitzern in den Provin- 10 zen ihre Stellung verliehen und sie schützten. In den gesellschaftlichen Kreisen dieser Grundbesitzer gal- ten die meisten der kulturellen Normen, die das Phä- nomen der Romanitas ausmachten. Ihre Mitarbeit auf den höheren Ebenen der Bürokratie, des Hofs 15 und bis zu einem gewissen Maße auch der Armee hielten das Zentrum des Reichs und seine vielen ört- lichen Gemeinden zusammen. Nach 476 war es mit all dem vorbei. [D]ie entscheidenden zentralisieren- den Strukturen des Imperiums [waren] verschwun- 20 den. Es gab keinen einzelnen Gesetzgeber, dessen Autorität als maßgeblich anerkannt wurde. Kein zen- tral kontrolliertes Steuersystem garantierte eine zen- tral kontrollierte Berufsarmee [...]. Es gab also doch einen historisch bedeutsamen Prozess, der in der Ab- 25 setzung des letzten römischen Kaisers im Westen im September 476 seinen Höhepunkt fand. Mehr noch, die zentrale These dieses Buches lautet: Es gibt im Prozess der Desintegration des Reiches im Westen einen logischen Zusammenhang zwischen dem end- 30 gültigen Zusammenbruch und früheren Gebietsver- lusten. Dieser Zusammenhang ergibt sich aus der Überschneidung von drei Argumentationssträngen. Erstens waren die Angriffe von 376 und 405 bis 408 keine Zufallsereignisse, sondern zwei Krisenmomen- 35 te, die aus ein und derselben strategischen Revoluti- on hervorgingen: dem Aufstieg der Hunnenmacht in Zentral- und Osteuropa. Es ist vollkommen unstrit- 5 tig, dass das Auftauchen der Terwingen und Greu- 40 tungen an den Ufern der Donau im Sommer 376 von den Hunnen ausgelöst wurde. Dass diese auch für eine zweite Welle von Invasionen verantwortlich wa- ren, zu der es eine Generation später kam - Radagai- sus' Angriff auf Italien 405/06, die Rheinüberquerung 45 der Vandalen, Alanen und Sueben Ende 406 und we- nig später der Vorstoß der Burgunder nach Westen -, ist manchmal behauptet worden, aber nie auf einhel- lige Zustimmung gestoßen. [...] 376 drangen die Hun- nen nicht, wie oft angenommen, in großer Zahl weit 50 nach Westen bis zur Donaugrenze vor. Im nächsten Jahrzehnt waren es Goten - und nicht Hunnen -, die immer noch die größten Widersacher Roms waren; und selbst im Jahr 395 befanden sich die meisten Hunnen immer noch viel näher am Kaukasus. Spä- 55 testens jedoch um 420 [...] hatten sie sich in großer Zahl im Herzen Mitteleuropas niedergelassen, im Großen Ungarischen Tiefland. Keine schriftliche Quelle spricht explizit aus, dass die Hunnen diesen Schritt in den Jahren 405 bis 408 taten und damit die 60 zweite Invasionswelle auslösten [und dies] die „Schuld" für die Krise von 405 bis 408 darstellt. [...] Zweitens trennen zwar etwa 65 Jahre die Entthro- nung des Romulus Augustulus von der letzten dieser Invasionen, beide Phänomene hängen jedoch ur- 65 sächlich miteinander zusammen. Die verschiedenen Krisen, mit denen sich das Westreich in den Jahren dazwischen konfrontiert sah, waren nichts anderes als die langsame Herausarbeitung der politischen Konsequenzen der vorangegangenen Invasionen. Die 70 Schäden, die die weströmischen Provinzen durch lange sich hinziehende Kriegführung mit den Invaso- ren erlitten, führten gemeinsam mit den ständigen Gebietsverlusten zu massiven Rückgängen der Steu- ייייייי סיייי ~~ von seinen zentralen Organen ab: Kaiserhof, Verwaltung und Armee, sondern ebenso von der durch ihre Romanitas verbundenen Grundbesitzerschicht, die durch ihre Integration in alle Ebenen des Staates die Verbindung zwischen der lokalen und der imperialen Sphäre herstellte (Z. 1-24). o dieser interne Zusammenhalt endete im Westen 476 ▪ das Datum hat somit durchaus seine Bedeutung Kernthese: • Die Gebietsverluste durch die Völkerwanderung führten letztendlich zur Auflösung des römischen Westreichs (Z. 24-32) Argumentationsstränge: 1. Das Auftreten der Hunnen gab zwar den Anstoß zu den Einfälle germanischer Verbände (376 & 405-408), diese und nicht die Hunnen waren es aber, die mit ihren Invasionen zum größten Widersacher Roms wurden (Z. 34-61). 2. Die Invasionen der germanischen Verbände schnitt die Zentralmacht von wichtigen Steuereinnahmen aus den Provinzen ab und zwang die römischen Grundbesitzer (die ja an ihren Boden gebunden war) ihre Loyalität gegenüber der Zentralregierung zu Gunsten der neuen Herren aufzugeben (Z. 62-96). lange sich hinziehende Kriegführung mit den Invaso- ren erlitten, führten gemeinsam mit den ständigen Gebietsverlusten zu massiven Rückgängen der Steu- ereinnahmen für den Zentralstaat. Die Westgoten 75 richteten zum Beispiel in der Gegend um Rom in den Jahren 408 und 410 so schwere Schäden an, dass die- se Provinzen noch zehn Jahre später nur noch ein Siebtel ihrer normalen Steuern an die Staatskasse ab- lieferten. Nach 406 zogen auch die Vandalen, Alanen 80 und Sueben fünf Jahre lang eine Schneise der Zerstö- rung durch Gallien, bevor sie den größten Teil Hispa- niens der Herrschaft des Zentrums für fast zwei wei- tere Jahrzehnte entrissen. Es kam noch schlimmer: Die Vandalen und Alanen verlagerten den Schwer- 85 punkt ihrer Operationen nach Nordafrika. 439 be- mächtigten sie sich der reichsten Provinzen West- roms. [...] Während der römische Staat an Macht verlor, was nicht unbemerkt blieb, sahen sich die Grundbesitzereliten in den römischen Provinzen zu 90 verschiedenen Zeiten und an verschiedenen Orten einer unangenehmen neuen Realität gegenüber. [...]. Da sie sich durch den Boden definierten, auf dem sie standen, mussten selbst die Begriffsstutzigsten oder die Treuesten schließlich erkennen, dass ihren Inter- essen am besten durch Anpassung an die neuen herr- 95 schenden Mächte vor Ort gedient war. [...] Der dritte Argumentationsstrang betrifft die parado- xe Rolle, die die Hunnen bei diesen revolutionären Ereignissen nach 440 spielten [...]. Von weit größerer Bedeutung war der indirekte Einfluss der Hunnen auf 100 das Römische Reich in den vorangegangenen Gene- rationen, als die von ihnen ausgelöste Unsicherheit in Mittel- und Osteuropa verschiedene Barbarenvöl- ker über die römische Grenze zwang. Während Attila den Heeren des Reichs gewaltige Einzelniederlagen 105 beibrachte, drohte er nie einen großen Teil von Steu- erzahlern dem westlichen Reich zu entfremden. Doch genau das bewirkten die Gruppen, die bei den Krisen von 376 bis 378 und 405 bis 408 über die Gren- ze geflohen waren. [...] Bei all dem spielten bewaffne- 110 te Außenstehende, die auf römischem Territorium Krieg führten, die Hauptrolle. [...] Einigen der ersten Goten von 376 wurde der Donauübergang durch eine Vereinbarung mit Kaiser Valens gestattet, dies jedoch nur, weil sein Heer bereits in Kämpfe an der persi- 115 schen Grenze verwickelt war. Ansonsten verlief kein Schritt dieses Prozesses ohne Gewalt, selbst wenn dann irgendeine Art von diplomatischer Vereinba- rung folgte. Aber diese Vereinbarungen waren nicht mehr als eine Anerkennung der letzten durch Krieg 120 gemachten Gewinne [...]. Peter Heather, Der Untergang des römischen Weltreichs, aus dem Englischen von Klaus Kochmann, Klett-Cotta, Stuttgart 2007, S. 495-499.* 3. Im Gegensatz zu den Hunnen, die nie nach der Übernahme der direkten Herrschaft über Teile des Reiches strebten (Erläuterung: sondern Plünderung und Tributerpressung vorzogen), gelang dies den einfallenden germanischen Verbänden durch kriegerische Eroberung, die nur im Nachhinein teilweise von offiziell römischer Seite sanktioniert wurde (Z. 97-121). Walter Pohl Kernthese: • Ende Roms ist nicht einfach als Mord durch einfallende Barbaren oder langsames Dahinsiechen durch inneren Zerfall (+Dekadenz) erklärbar (Z. 1-3) o stattdessen als komplexer, multikausaler Umwandlungsprozess des Römischen Reiches in den die Barbaren integriert waren. (Z. 4-6) Grundfrage: • Wieso haben die Barbaren im Westen die macht übernommen? (Z. 30-32) Argument: Interne Machtkämpfe prägten das späte 4. und 5. Jhd. (Barbaren auf allen Seiten) • Nicht große Schlachten zwischen Römern auf der einen und Barbaren auf der anderen Seite entschieden über die Herrschaft in den Provinzen (Z. 35-38), o sondern interne Auseinandersetzungen (Intrigen/Usurpationen -> Bürgerkriege) mit barbarischen Truppen und Alliierten auf allen Seiten (Z. 39-52) ▪ohne diese waren diese internen Machtkämpfe nicht möglich und somit wurden ihnen/ihren Anführern immer größere Zugeständnisse gemacht (Z. 46-49) Kaiser des (mittleren) 5. Jahrhunderts waren kaum mehr als Marionetten der (meist barbarischen) Heermeister • diese internen Machtkämpfe waren Symptom aber auch eine Ursache des Verlustes der Stabilität des Westreichs o Konflikte der Senatorenschicht (Verwaltung) untereinander und mit dem Militär und seiner (oft halbbarbarischen) Offizierskaste (Z. 65-69) zerstört das politische Gleichgewicht (Z. 59-65) ▪ auch hier stehen Barbaren auf beiden Seiten o Machtkämpfe führen zum Abzug von Truppen aus den Provinzen (Roms direkter Einfluss dort schwindet dementsprechend) (Z. 56-58) Schlussfolgerung: • "Die Barbaren/die Germanen" handelten in diesem Prozess nicht als eine kohärente Partei mit em klaren gemeinsamen Plan (i.e. das Westreich zu stürzen und untereinander aufzuteilen) (Z.72f) → das klassische Narrativ der "Völkerwanderung" und der Eroberung Roms durch "die Germanen" ist nicht aufrechtzuerhalten (Z.73-78): Zusammenfassung der Argumente: o Zwar führten Barbareneinfälle seit dem 3. Jhd. zur Militarisierung des Reiches (Z. 79-82), aber: ▪ Barbaren standen immer auf beiden Seiten, Rom war militärisch auf sie angewiesen (Z. 83-86) o Zwar übernahmen Barbaren im Dienste Roms in den meisten Teilen des Westreiches die Macht (Z. 86-89), aber: ▪ Kontakt und Annäherung zwischen Barbaren und Rom als jahrhundertealter Prozess (Z. 89-91) ▪allen barbarischen Nachfolgereichen ging mindestens eine Generation Integration in die römischen Strukturen und Ausgleich der barbarischen Einwanderer mit der römischen Bevölkerungsmehrheit voraus (Z. 91-100) Peter Heather Kernthese: • Die Gebietsverluste an germanische Verbände durch die Völkerwanderung führten zur Zerstörung des internen Zusammenhalts und schließlich zur Auflösung des römischen Westreichs (Z. 24-32) Grundannahme: • Der interne Zusammenhalt des Römischen Reiches hing nicht nur von seinen zentralen Organen ab: Kaiserhof, Verwaltung und Armee, sondern ebenso von der durch ihre Romanitas verbundenen Grundbesitzerschicht, die durch ihre Integration in alle Ebenen des Staates die Verbindung zwischen der lokalen und der imperialen Sphäre herstellte (Z. 1-24). o dieser interne Zusammenhalt endete im Westen 476 ▪das Datum hat somit durchaus seine Bedeutung Argumentationsstränge: 1. Das Auftreten der Hunnen gab zwar den Anstoß zu den Einfälle germanischer Verbände (376 & 405-408), diese und nicht die Hunnen waren es aber, die mit ihren Invasionen zum größten Widersacher Roms wurden (Z. 34-61). 2. Die Invasionen der germanischen Verbände schnitt die Zentralmacht von wichtigen Steuereinnahmen aus den Provinzen ab und zwang die römischen Grundbesitzer (die ja an ihren Boden gebunden war) ihre Loyalität gegenüber der Zentralregierung zu Gunsten der neuen Herren aufzugeben (Z. 62-96). 3. Im Gegensatz zu den Hunnen, die nie nach der Übernahme der direkten Herrschaft über Teile des Reiches strebten (Erläuterung: sondern Plünderung und Tributerpressung vorzogen), gelang dies den einfallenden germanischen Verbänden durch kriegerische Eroberung, die nur im Nachhinein teilweise von offiziell römischer Seite sanktioniert wurde (Z. 97-121).