Saša Stanišićs autobiographische Erzählung zeigt euch, wie ein junger Mann... Mehr anzeigen
Herkunft von Saša Stanišić - Buchbesprechung











Saša Stanišić - Der Anfang einer Reise
Stell dir vor, du müsstest einen handgeschriebenen Lebenslauf bei der Ausländerbehörde abgeben, um die deutsche Staatsbürgerschaft zu bekommen - genau das macht Saša 2008. Geboren 1987 in Višegrad an der Drina, wächst er bei seiner Großmutter Kristina auf, während seine Eltern arbeiten und studieren.
Seine Kindheit ist geprägt von Großvater Pero, einem überzeugten Kommunisten. Die unschuldigen Momente wie das Schlittenfahren mit seinem Freund Huso werden brutal zerstört - 1992 wird Huso in seinem Haus angeschossen und verschwindet für immer.
Wichtig zu wissen: Diese persönlichen Verluste zeigen, wie der Krieg konkrete Gesichter und Namen hat - es geht nicht nur um abstrakte Politik, sondern um echte Menschen.
An die Ausländerbehörde schreibt Saša nur ein Wort: "Jugo" - ein kleines Wort, das eine ganze zerstörte Welt zusammenfasst.

Spiel, Ich und Krieg - Als die Welt zerbrach
1991 interessiert sich der junge Saša noch für Sportspiele und träumt davon, bei seinem Lieblingsfußballverein Crvena Zvezda (Roter Stern Belgrad) zu spielen. Die Mannschaft ist sein Stolz - drei Meistertitel in fünf Jahren Ende der 80er.
Doch während er noch vom Fußball träumt, verändert sich alles um ihn herum. Der Sozialismus wird müde, der Nationalismus erwacht. Am 26. Juni 1991 beginnen die ersten Kriegshandlungen in Slowenien - die Alpenrepublik erklärt sich unabhängig von Jugoslawien.
Seine Großmütter auf beiden Seiten prägen ihn: Kristina väterlicherseits und Nena Majrema mütterlicherseits. Der Großvater mütterlicherseits ist ein freundlicher Mann, der gerne angelt.
Merke dir: Saša beschreibt sich als "Kind des Vielvölkerstaats" - diese Identität wird ihm durch den Krieg brutal genommen.
Die kroatische Unabhängigkeitserklärung folgt - aus dem bunten Jugoslawien wird ein Schlachtfeld verschiedener Nationen.

Oskoruša - Ein Dorf voller Erinnerungen
2009 besucht Saša zum ersten Mal das Bergdorf Oskoruša im Osten von Višegrad - nur noch 13 Bewohner leben dort. Stevo fährt ihn und Großmutter Kristina dorthin, um die Wurzeln der Familie zu erkunden.
Hier wurde Großvater Pero geboren, der 1986 vor dem Fernseher in Višegrad starb. Die Dorfbewohner haben alle ihre Geschichten: Gavrilo ist einer der Ältesten, Andrej arbeitet als Polizist.
Besonders faszinierend ist Großtante Zagorka, die ein abenteuerliches Leben führte. Sie lernte im Banat fliegen, verliebte sich in einen ungarischen Piloten, putzte in Wien und lernte nebenbei Russisch. 2006 starb sie.
Familiengeschichte live: Auf dem Friedhof essen alle zusammen Räucherfleisch und Brot - so werden Erinnerungen lebendig gehalten.
Die Gräber der Schwiegereltern besucht die Großmutter, während Marija und andere Dorfbewohner Geschichten aus vergangenen Zeiten erzählen.

Zwei Leben in einer Person
Heute lebt Saša in Hamburg mit deutschem Pass. Zweimal pro Woche läuft er an der Elbe, ist Anhänger des Hamburger Sportvereins und besitzt eine Mietswohnung, ein Rennrad und hat einen dreijährigen Sohn.
Seit dem 24. August 1992 - einem Regentag - lebt er in Deutschland. Dieser Kontrast zwischen seinem neuen Leben und der Vergangenheit wird in der Kapitelüberschrift "Lost in the Strange, dimly lit cave of time" deutlich.
Seine letzten Erinnerungen an die Heimat sind ein Fest auf der Veranda. Die Eltern waren zärtlicher miteinander als mit ihm, der Vater war oft wütend, obwohl er eigentlich ein ruhiger Mann war.
Symbolischer Moment: Die Eltern tanzten ein letztes Mal vor dem Krieg - dieses Bild steht für das Ende einer Welt.
Diese Erinnerung zeigt, wie normale Familienmomente durch den Krieg für immer verloren gehen.

Zwischen Vergangenheit und Zukunft
Bei einem Spaziergang zur Ruine des Großelternhauses sprechen Großmutter und Gavrilo über Vergangenheit und Gegenwart. Sretoje, Gavrilos Bruder, hat eine besondere Aufgabe: Er "füttert die Drachen im Gebirge" - eine poetische Umschreibung für sein Leben in den Bergen.
Saša ist zum Weltreisenden geworden - USA, Mexiko, Kolumbien, Indien, Australien. Diese Reisen sind Teil seiner neuen Identität. Doch er bekommt den Auftrag, über die Familiengeschichte zu schreiben: Vorfahren, Nachfahren, Lebende, Gräber, Tischdecken, Wiedergänger.
Die "Drachenbrüder Stanišić" - so nennt er wohl seine Familie. Ratko hat sich das Bein am Feuerfelsen auf dem Vijarac gebrochen, sie sammeln Brombeeren - das normale Leben geht weiter.
Schreibauftrag: Die Familie erwartet von ihm, dass er ihre Geschichte festhält - Literatur als Erinnerungsarbeit.
Andrej kommt zu Besuch und verbindet die verschiedenen Welten miteinander.

Großmutter und die Soldaten zweier Kriege
Die Großmutter will zum Metzger, aber der ist seit 10 Jahren weg. Polizist Andrej und andere Nachbarn kaufen für sie ein, seit sich ihr Gesundheitszustand verschlechtert hat. Sie wundert sich, warum alle Soldaten verschwunden sind - früher waren die Kriege immer bei ihr.
Den Zweiten Weltkrieg erlebte sie in Staniševac, dem Dorf ihrer Kindheit, den Bosnienkrieg in Višegrad. Anfang 2000 machte sie ihre einzige große Reise - Besuch bei Sašas Eltern in den USA, die Deutschland verlassen mussten.
1944 kamen Wehrmachtssoldaten nach Staniševac. Alle hatten Angst, mussten raus aus den Häusern mit Händen über dem Kopf, während die Deutschen mit Waffen in die Häuser gingen. Sie boten Wasser an, aber die Soldaten tranken lieber aus ihren Feldflaschen.
Kriegsrealität: "Jeden Tag hingen Menschen vom Baum oder erstochen im Bett" - so beschreibt sie die brutale Realität.
Offizier Georg kam bei ihrer Familie unter, trank jeden Tag Milch und bekreuzigte sich davor - menschliche Gesten inmitten des Grauens.

Identität ohne festen Ort
Miroslav Stanišić, der frischeste Tote von Oskoruša 2009, hatte seinen eigenen Tod vorhergesagt und seine Schafherde monatelang aufs Überleben trainiert. Eine skurrile, aber berührende Geschichte über Vorbereitung auf das Unvermeidliche.
Bei Passkontrollen dauert es bei Saša länger als bei seiner deutschen Freundin Petra. Die Häkchen im Namen und der Vermerk "Aufenthalt zum Zweck eines Studiums erlaubt" machen ihn sichtbar anders.
In Heidelberg erlebt er seine erste Polizeikontrolle, erste Liebe, richtet sich mit Sperrmüllmöbeln ein. Heidelberg wird Flucht und Neubeginn zugleich.
Heimat definiert er neu: Nicht als konkreten Ort, sondern als Ort, "wo man sich am wenigsten vormachen muss" (Weltbummler Mo). Für ihn ist Heimat das, worüber er schreibt - seine Großmütter.
Neue Definition: Heimat ist kein Ort auf der Landkarte, sondern ein Gefühl von Zugehörigkeit und Authentizität.
In Oskoruša wird er als Tourist betrachtet - selbst im Dorf seiner Vorfahren ist er ein Fremder geworden.

Familie über alle Grenzen hinweg
Die Familie ist über die ganze Welt verstreut: Seine Cousine lebt in Montpellier, Frankreich mit zwei Kindern, ihr Mann ist Arzt. Herkunft definiert Saša als Netzwerk von Menschen: Großmutter, Gavrilo, Nana, aber auch Hamburg.
Die Fluchtroute führte 1992 über Serbien, Ungarn, Kroatien nach Deutschland. Ankunft in Heidelberg am 24. August 1992. Der Vater kam nicht mit wegen seiner Mutter, brachte beide zur serbischen Grenze und folgte ein halbes Jahr später.
Seine Eltern mussten beruflich neu anfangen: Die Mutter von Politologin zur Großwäscherei-Arbeiterin, der Vater vom Betriebswirt zum Bauarbeiter. 1998 Auswanderung nach Florida, um der Abschiebung nach Višegrad zu entkommen.
Sie wohnen in einem Bungalow in Heidelberg mit Tante Lula, der Schwester der Mutter. Ein Onkel lebte zeitweise in Salzburg und trug Zeitungen aus.
Überlebensstrategie: Jeder in der Familie macht das Beste aus seiner Situation - Anpassung wird zur Überlebenskunst.
Herkunft sind für ihn die "süß-bitteren Zufälle", die bestimmen, wo er heute steht. Der Krieg ist Teil seiner Herkunft geworden.

Schweigen und Erinnerung
In Višegrad wird seit dem Krieg nicht mehr darüber gesprochen - das Schweigen ist Teil der Bewältigungsstrategie. Großvater Muhamed war Bremser und ging in Frührente. 1995 kam er mit Hilfe von Nana nach Heidelberg, lernte aber kein Deutsch und schaute viel Fernsehen.
Die Großmutter zeigt Anzeichen von Demenz und erzählt die gleiche Kennlerngeschichte mehrmals pro Woche: Sie und Großvater lernten sich im Reigen in Oskoruša kennen, er hakte sich bei ihr ein und trat ihr auf den Fuß.
Einen Tag nach dem Anruf bei der Großmutter landete sie mit einer Lungenentzündung im Krankenhaus. Saša blieb in Hamburg und schrieb über sie - das Schreiben wird zur Art, mit der Entfernung umzugehen.
Schreiben als Brücke: Wenn man körperlich nicht da sein kann, können Worte die Verbindung aufrechterhalten.
Die sich wiederholenden Geschichten der Großmutter werden zu einem Ritual, das Vergangenheit und Gegenwart verbindet.

Das Ende einer Welt
Die Eltern fahren zur Großmutter nach Višegrad und sind seit einem Monat bei ihr - es ist der 7. März 2018. Großmutters Mann Petar Stanišić starb 1986, sein Klingelschild durfte nach seinem Tod nicht entfernt werden - ein Symbol für die Weigerung loszulassen.
Saša ist geboren "in einem Land, welches es nicht mehr gibt" - Jugoslawien. Der 29. November war der Tag der sozialistischen föderativen Republik Jugoslawien, an dem alle Jugoslawen sich an jugoslawischen Orten trafen.
Es gab Chöre als Abendunterhaltung, Lämmer wurden auf dem Igman gegrillt, alle sangen zusammen. Diese Bilder zeigen ein Land im Gemeinschaftsgefühl.
1992 wurden jugoslawische Sportmannschaften aufgelöst - der Sport, der die Völker einte, wurde getrennt. Im August 1992 massakrierte die Republika Srpska Armee ein Dorf von Višegrad.
Bittere Ironie: Während Saša als "Halbblut" die jugoslawische Vielfalt verkörpert, wird genau diese Vielfalt durch den Krieg zerstört.
Die Gewinne jugoslawischer Sportvereine gehören der Vergangenheit an - wie das ganze Land, das ihn geprägt hat.
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Herkunft von Saša Stanišić - Buchbesprechung
Saša Stanišićs autobiographische Erzählung zeigt euch, wie ein junger Mann zwischen verschiedenen Welten navigiert - vom Kriegsausbruch in Jugoslawien bis zum Leben als deutscher Staatsbürger in Hamburg. Diese Geschichte macht die komplexe Realität von Flucht, Identität und dem Suchen nach... Mehr anzeigen

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Saša Stanišić - Der Anfang einer Reise
Stell dir vor, du müsstest einen handgeschriebenen Lebenslauf bei der Ausländerbehörde abgeben, um die deutsche Staatsbürgerschaft zu bekommen - genau das macht Saša 2008. Geboren 1987 in Višegrad an der Drina, wächst er bei seiner Großmutter Kristina auf, während seine Eltern arbeiten und studieren.
Seine Kindheit ist geprägt von Großvater Pero, einem überzeugten Kommunisten. Die unschuldigen Momente wie das Schlittenfahren mit seinem Freund Huso werden brutal zerstört - 1992 wird Huso in seinem Haus angeschossen und verschwindet für immer.
Wichtig zu wissen: Diese persönlichen Verluste zeigen, wie der Krieg konkrete Gesichter und Namen hat - es geht nicht nur um abstrakte Politik, sondern um echte Menschen.
An die Ausländerbehörde schreibt Saša nur ein Wort: "Jugo" - ein kleines Wort, das eine ganze zerstörte Welt zusammenfasst.

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Spiel, Ich und Krieg - Als die Welt zerbrach
1991 interessiert sich der junge Saša noch für Sportspiele und träumt davon, bei seinem Lieblingsfußballverein Crvena Zvezda (Roter Stern Belgrad) zu spielen. Die Mannschaft ist sein Stolz - drei Meistertitel in fünf Jahren Ende der 80er.
Doch während er noch vom Fußball träumt, verändert sich alles um ihn herum. Der Sozialismus wird müde, der Nationalismus erwacht. Am 26. Juni 1991 beginnen die ersten Kriegshandlungen in Slowenien - die Alpenrepublik erklärt sich unabhängig von Jugoslawien.
Seine Großmütter auf beiden Seiten prägen ihn: Kristina väterlicherseits und Nena Majrema mütterlicherseits. Der Großvater mütterlicherseits ist ein freundlicher Mann, der gerne angelt.
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Oskoruša - Ein Dorf voller Erinnerungen
2009 besucht Saša zum ersten Mal das Bergdorf Oskoruša im Osten von Višegrad - nur noch 13 Bewohner leben dort. Stevo fährt ihn und Großmutter Kristina dorthin, um die Wurzeln der Familie zu erkunden.
Hier wurde Großvater Pero geboren, der 1986 vor dem Fernseher in Višegrad starb. Die Dorfbewohner haben alle ihre Geschichten: Gavrilo ist einer der Ältesten, Andrej arbeitet als Polizist.
Besonders faszinierend ist Großtante Zagorka, die ein abenteuerliches Leben führte. Sie lernte im Banat fliegen, verliebte sich in einen ungarischen Piloten, putzte in Wien und lernte nebenbei Russisch. 2006 starb sie.
Familiengeschichte live: Auf dem Friedhof essen alle zusammen Räucherfleisch und Brot - so werden Erinnerungen lebendig gehalten.
Die Gräber der Schwiegereltern besucht die Großmutter, während Marija und andere Dorfbewohner Geschichten aus vergangenen Zeiten erzählen.

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Heute lebt Saša in Hamburg mit deutschem Pass. Zweimal pro Woche läuft er an der Elbe, ist Anhänger des Hamburger Sportvereins und besitzt eine Mietswohnung, ein Rennrad und hat einen dreijährigen Sohn.
Seit dem 24. August 1992 - einem Regentag - lebt er in Deutschland. Dieser Kontrast zwischen seinem neuen Leben und der Vergangenheit wird in der Kapitelüberschrift "Lost in the Strange, dimly lit cave of time" deutlich.
Seine letzten Erinnerungen an die Heimat sind ein Fest auf der Veranda. Die Eltern waren zärtlicher miteinander als mit ihm, der Vater war oft wütend, obwohl er eigentlich ein ruhiger Mann war.
Symbolischer Moment: Die Eltern tanzten ein letztes Mal vor dem Krieg - dieses Bild steht für das Ende einer Welt.
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Bei einem Spaziergang zur Ruine des Großelternhauses sprechen Großmutter und Gavrilo über Vergangenheit und Gegenwart. Sretoje, Gavrilos Bruder, hat eine besondere Aufgabe: Er "füttert die Drachen im Gebirge" - eine poetische Umschreibung für sein Leben in den Bergen.
Saša ist zum Weltreisenden geworden - USA, Mexiko, Kolumbien, Indien, Australien. Diese Reisen sind Teil seiner neuen Identität. Doch er bekommt den Auftrag, über die Familiengeschichte zu schreiben: Vorfahren, Nachfahren, Lebende, Gräber, Tischdecken, Wiedergänger.
Die "Drachenbrüder Stanišić" - so nennt er wohl seine Familie. Ratko hat sich das Bein am Feuerfelsen auf dem Vijarac gebrochen, sie sammeln Brombeeren - das normale Leben geht weiter.
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Großmutter und die Soldaten zweier Kriege
Die Großmutter will zum Metzger, aber der ist seit 10 Jahren weg. Polizist Andrej und andere Nachbarn kaufen für sie ein, seit sich ihr Gesundheitszustand verschlechtert hat. Sie wundert sich, warum alle Soldaten verschwunden sind - früher waren die Kriege immer bei ihr.
Den Zweiten Weltkrieg erlebte sie in Staniševac, dem Dorf ihrer Kindheit, den Bosnienkrieg in Višegrad. Anfang 2000 machte sie ihre einzige große Reise - Besuch bei Sašas Eltern in den USA, die Deutschland verlassen mussten.
1944 kamen Wehrmachtssoldaten nach Staniševac. Alle hatten Angst, mussten raus aus den Häusern mit Händen über dem Kopf, während die Deutschen mit Waffen in die Häuser gingen. Sie boten Wasser an, aber die Soldaten tranken lieber aus ihren Feldflaschen.
Kriegsrealität: "Jeden Tag hingen Menschen vom Baum oder erstochen im Bett" - so beschreibt sie die brutale Realität.
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Identität ohne festen Ort
Miroslav Stanišić, der frischeste Tote von Oskoruša 2009, hatte seinen eigenen Tod vorhergesagt und seine Schafherde monatelang aufs Überleben trainiert. Eine skurrile, aber berührende Geschichte über Vorbereitung auf das Unvermeidliche.
Bei Passkontrollen dauert es bei Saša länger als bei seiner deutschen Freundin Petra. Die Häkchen im Namen und der Vermerk "Aufenthalt zum Zweck eines Studiums erlaubt" machen ihn sichtbar anders.
In Heidelberg erlebt er seine erste Polizeikontrolle, erste Liebe, richtet sich mit Sperrmüllmöbeln ein. Heidelberg wird Flucht und Neubeginn zugleich.
Heimat definiert er neu: Nicht als konkreten Ort, sondern als Ort, "wo man sich am wenigsten vormachen muss" (Weltbummler Mo). Für ihn ist Heimat das, worüber er schreibt - seine Großmütter.
Neue Definition: Heimat ist kein Ort auf der Landkarte, sondern ein Gefühl von Zugehörigkeit und Authentizität.
In Oskoruša wird er als Tourist betrachtet - selbst im Dorf seiner Vorfahren ist er ein Fremder geworden.

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Familie über alle Grenzen hinweg
Die Familie ist über die ganze Welt verstreut: Seine Cousine lebt in Montpellier, Frankreich mit zwei Kindern, ihr Mann ist Arzt. Herkunft definiert Saša als Netzwerk von Menschen: Großmutter, Gavrilo, Nana, aber auch Hamburg.
Die Fluchtroute führte 1992 über Serbien, Ungarn, Kroatien nach Deutschland. Ankunft in Heidelberg am 24. August 1992. Der Vater kam nicht mit wegen seiner Mutter, brachte beide zur serbischen Grenze und folgte ein halbes Jahr später.
Seine Eltern mussten beruflich neu anfangen: Die Mutter von Politologin zur Großwäscherei-Arbeiterin, der Vater vom Betriebswirt zum Bauarbeiter. 1998 Auswanderung nach Florida, um der Abschiebung nach Višegrad zu entkommen.
Sie wohnen in einem Bungalow in Heidelberg mit Tante Lula, der Schwester der Mutter. Ein Onkel lebte zeitweise in Salzburg und trug Zeitungen aus.
Überlebensstrategie: Jeder in der Familie macht das Beste aus seiner Situation - Anpassung wird zur Überlebenskunst.
Herkunft sind für ihn die "süß-bitteren Zufälle", die bestimmen, wo er heute steht. Der Krieg ist Teil seiner Herkunft geworden.

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Schweigen und Erinnerung
In Višegrad wird seit dem Krieg nicht mehr darüber gesprochen - das Schweigen ist Teil der Bewältigungsstrategie. Großvater Muhamed war Bremser und ging in Frührente. 1995 kam er mit Hilfe von Nana nach Heidelberg, lernte aber kein Deutsch und schaute viel Fernsehen.
Die Großmutter zeigt Anzeichen von Demenz und erzählt die gleiche Kennlerngeschichte mehrmals pro Woche: Sie und Großvater lernten sich im Reigen in Oskoruša kennen, er hakte sich bei ihr ein und trat ihr auf den Fuß.
Einen Tag nach dem Anruf bei der Großmutter landete sie mit einer Lungenentzündung im Krankenhaus. Saša blieb in Hamburg und schrieb über sie - das Schreiben wird zur Art, mit der Entfernung umzugehen.
Schreiben als Brücke: Wenn man körperlich nicht da sein kann, können Worte die Verbindung aufrechterhalten.
Die sich wiederholenden Geschichten der Großmutter werden zu einem Ritual, das Vergangenheit und Gegenwart verbindet.

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Saša ist geboren "in einem Land, welches es nicht mehr gibt" - Jugoslawien. Der 29. November war der Tag der sozialistischen föderativen Republik Jugoslawien, an dem alle Jugoslawen sich an jugoslawischen Orten trafen.
Es gab Chöre als Abendunterhaltung, Lämmer wurden auf dem Igman gegrillt, alle sangen zusammen. Diese Bilder zeigen ein Land im Gemeinschaftsgefühl.
1992 wurden jugoslawische Sportmannschaften aufgelöst - der Sport, der die Völker einte, wurde getrennt. Im August 1992 massakrierte die Republika Srpska Armee ein Dorf von Višegrad.
Bittere Ironie: Während Saša als "Halbblut" die jugoslawische Vielfalt verkörpert, wird genau diese Vielfalt durch den Krieg zerstört.
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