Der Roman "Heimsuchung" von Jenny Erpenbeck erzählt die Geschichte eines...
Heimsuchung von Jenny Erpenbeck – Zusammenfassungen und Analysen fürs Abitur











Allgemeines zum Roman
"Heimsuchung" ist ein 2008 erschienener Roman, der die deutsche Geschichte des 20. Jahrhunderts durch die Schicksale verschiedener Bewohner eines Hauses am märkischen See widerspiegelt. Der Titel hat eine Doppelbedeutung: Einerseits die Suche nach Heimat, andererseits das "Heimgesuchtwerden" durch historische Ereignisse.
Der Roman ist ein typisches Werk der modernen Literatur mit ihren charakteristischen Grundgedanken. Die transzendentale Obdachlosigkeit – die Entfremdung des Einzelnen von der Welt und sich selbst – ist ein zentrales Motiv. Traditionelle Werte werden fragwürdig, was das Erzählen in einer fragmentierten Welt erschwert.
Die Erzähltechnik des Romans ist geprägt durch wechselnde Perspektiven und Erzählstile. Statt eines allwissenden Erzählers präsentiert Erpenbeck die Handlung durch fragmentarische Perspektiven verschiedener Figuren. Diese subjektiven Ausschnitte können kein vollständiges Gesamtbild mehr ergeben und verdeutlichen das Fehlen einer gemeinsamen Realität.
💡 Besonders interessant ist, wie Erpenbeck drei verschiedene Erzählperspektiven nutzt: auktorial (allwissender Erzähler), personal (aus Sicht einer Figur) und neutral (wertungsfrei wie eine Kamera). Dieser Wechsel verstärkt das Gefühl der Heimatlosigkeit.

Einordnung in die moderne Literatur
"Heimsuchung" zeigt typische Merkmale moderner Literatur sowohl in seinen Themen als auch in seiner Erzählstruktur. Der Roman behandelt den Verlust von Heimat und die Suche nach Stabilität in einer Welt im ständigen Wandel. Er versucht, die deutsche Geschichte – insbesondere die traumatischen Ereignisse des 20. Jahrhunderts – literarisch zu bewältigen.
Die Erfahrung der fundamentalen Entfremdung zieht sich durch das gesamte Werk. Die traditionelle Ordnung wird durch Ereignisse wie Krieg und politische Umwälzungen zweifelhaft. Dies spiegelt sich in der Erzähltechnik wider: Multiperspektivische Anlage, wechselnde Erzählperspektiven und fragmentarisches Erzählen prägen den Text.
Besonders auffällig ist die heterogene Textstruktur mit unvermittelten Einbettungen von Liedern, Gedichten und juristischen Texten. Innere Monologe und erlebte Rede geben Einblick in das Seelenleben der Figuren. Die Verwendung des Präsens in Kombination mit Vergangenheitsformen verknüpft Erinnerung und Gegenwart – es ist "alles gleichzeitig da" (S.131).
Der Roman handelt von einem Haus am Scharmützelsee in Brandenburg und seinen wechselnden Bewohnern über ein Jahrhundert. In kurzen, nicht chronologisch angeordneten Episoden erzählt Erpenbeck Ausschnitte aus dem Leben der Figuren, die oft keine Eigennamen haben und daher als Typen zu verstehen sind.

Die Kapitel des Romans: Prolog bis Der Architekt
Im Prolog wird die geologische Formung des Gebiets in der Eiszeit beschrieben – bereits hier findet der erste Heimatverlust statt, als "Löwe, Gepard und Säbelzahnkatze in südlichere Gegenden vertrieben" werden.
Das Kapitel Der Großbauer und seine vier Töchter spielt Ende des 19. Jahrhunderts bis etwa 1934. Der patriarchalische Großbauer Wurrach lebt mit seinen vier Töchtern auf dem Grundstück am See. Er kontrolliert und unterdrückt seine Töchter rücksichtslos, was tragische Folgen hat: Die jüngste Tochter Klara begeht Selbstmord im See. Sein Heimatkonzept basiert auf Erbe und Tradition, doch es scheitert, da keine seiner Töchter heiratet und für männliche Erben sorgen kann.
In Der Architekt erleben wir einen Mann, der am Neujahrstag ein letztes Mal durch sein selbst gebautes Haus geht, bevor er in den Westen fliehen muss. Mit großer Detailliebe nimmt er alles wahr und vergräbt Teile seines Hausrats im Garten. Für ihn ist Heimat an einen Ort gebunden, den er als Architekt gestaltet hat. Seine emotionale Bindung an das Haus wird durch Personifikationen deutlich: "ein kleines Fenster vom Strohdach beschattet wie ein Auge". Er sieht das Haus als seine "dritte Haut", deren Verlust ihn wie ein gebrochener Mann zurücklässt.
💡 Die Metapher des "Schneckenhauses" zeigt, wie stark Heimat für den Architekten an einen Ort gebunden ist. Der Verlust dieser Heimat ist für ihn wie ein gewaltsamer Akt – als würde er einen Teil von sich selbst verlieren.

Der Tuchfabrikant und sein Heimatkonzept
Das Kapitel über den jüdischen Tuchfabrikanten wechselt zwischen verschiedenen Zeiten und Orten. Ludwig, der mit seiner Frau Anna nach Kapstadt ausgewandert ist, um dem Nationalsozialismus zu entkommen, hat starke emotionale Bindungen zu seiner deutschen Heimat. Seine in Deutschland zurückgebliebenen Familienangehörige werden später von den Nazis ermordet.
Ludwigs Heimatkonzept ist vielschichtig: Es ist einerseits an den Ort Deutschland gebunden, andererseits an Sprache und Familie. Seine deutsche Heimat wird zärtlich und wehmütig beschrieben – der See "leckt immer nur schwach am Ufer, leckt an der Hand wie ein junger Hund". Die Diskrepanz zwischen seiner Verbundenheit zur Heimat und dem erzwungenen Leben in Afrika zeigt sich in seinem gebrochenen Englisch: "It is supposed to look as if der Baum in einem verschneiten Winterwald stünde".
Seine in Afrika geborene Tochter Elisabeth kennt diese Heimat nicht: "What is a verschneiter Winterwald?" Diese sprachliche und kulturelle Kluft symbolisiert den Verlust, den die Vertreibung mit sich bringt. Obwohl Ludwig sich ein neues Heim in Afrika geschaffen hat, bleibt seine Sehnsucht nach der verlorenen Heimat spürbar.
In der "Vertreibung ins Paradies" (S.55) liegt ein Widerspruch: Zwar hat Ludwig durch die Auswanderung sein Leben gerettet, doch in Südafrika wird er mit einer anderen Form der Diskriminierung – der Apartheid – konfrontiert. Er hat sein Leben über seine Heimat gestellt und dennoch einen Teil seiner Identität verloren.

Das Mädchen und ihre Heimatsuche
Das Mädchen ist Doris, die Nichte des Tuchfabrikanten, die von den Nationalsozialisten ermordet wird. Während sie in einer Kammer versteckt auf ihre Deportation wartet, schwelgt sie in Erinnerungen an glückliche Tage am See.
Für Doris ist Heimat eng mit Natur und Familie verbunden. Die Erinnerung an diese Heimat ist farbig und lebendig, während ihre gegenwärtige Situation von Dunkelheit geprägt ist: "Farbig ist nur noch das, woran sie sich erinnert, mitten in dieser Dunkelheit, die sie umgibt, deren Kern sie ist" (S.80). Die Weite des Sees kontrastiert mit der Enge ihrer Kammer, wo sie "mit dem Kopf gegen die Decke des Verstecks stößt" (S.81).
In ihrer Vorstellung existiert eine Stadt im See – ein symbolisches Bild ihres verschwundenen Lebens und gleichzeitig eine Hoffnung auf ein Leben nach dem Tod: "das stumme Gedränge all der gemeinsam mit ihrer Stadt versunkenen Bewohner, die sich, ohne atmen zu müssen, ganz natürlich im Wasser bewegten" (S.80).
Je aussichtsloser ihre Lage wird, desto mehr wandelt sich ihr Heimatkonzept von einem irdisch verankerten Bild (Familie, Natur) zu einem religiösen: "jetzt gehen alle für immer heim" (S.90). Kurz vor ihrer Hinrichtung fragt sie sich: "Ist sie tatsächlich nach Hause gekommen?" (S.91).
💡 Besonders tragisch ist, wie Doris' Identität durch die Nationalsozialisten ausgelöscht wird: "Sie würde gern irgendeinen Beweis dafür haben, dass sie da ist, aber es gibt keinen Beweis." (S.79). Durch die Widmung an Doris Kaplan widersetzt sich Erpenbeck dieser Auslöschung und bewahrt ihre Erinnerung.

Die Schriftstellerin und die politische Dimension von Heimat
Die Schriftstellerin ist eine jüdisch-kommunistische Autorin, die vor den Nationalsozialisten in die UdSSR floh und nach dem Krieg in die DDR zurückkehrte. Sie pachtet das Haus des geflohenen Architekten und lebt dort mit ihrer Familie.
Ihr Heimatkonzept ist politisch geprägt – sie versteht Heimat als einen zu gestaltenden gesellschaftlichen Lebensraum. Sie versucht, ihren Beitrag zum Aufbau einer neuen, gerechten Gesellschaft zu leisten, die niemanden ausgrenzt. Mit ihrer Schreibmaschine als "ihre Wand" (S.114) will sie die durch Hitler zu "Unmenschen" gewordenen Deutschen in gute Menschen zurückverwandeln.
Die Schriftstellerin erlebt jedoch eine tiefe Enttäuschung über die Realität in der DDR. Während ein regimetreuer Arzt problemlos ein Haus erwerben kann, wird ihr eigener Antrag, Eigentümerin des Hauses zu werden, nur unter der Bedingung genehmigt, dass sie dem Arzt einen Seezugang verschafft. Sie muss erkennen, dass echte Gleichheit auch im sozialistischen Staat nur auf dem Papier existiert.
Die Metapher des Kuckucks (S.119, 118, 113) zeigt, wie der Kommunismus als "Nest" in Ostdeutschland gesät wird, um nationalsozialistisches Gedankengut zu verdrängen: "Die neue Welt soll die alte fressen, die alte wehrt sich, das Neue und das Alte wohnen beieinander im selben Körper" (S.119). Dies verdeutlicht den inneren Konflikt der Schriftstellerin, die zwischen Idealismus und Desillusionierung schwankt.
Trotz ihres Engagements für eine neue Heimat bleibt ihr "der Zweifel für immer als Heimweh" (S.116), denn wer "vor ihrer eigenen Verwandlung ins Ungeheure aus der Heimat geflohen" war, ist "auf immer ins Unbehauste gestoßen" (S.116).

Die Besucherin und die Unterpächter
Die Besucherin ist die Großmutter der Ehefrau vom Sohn der Schriftstellerin. Sie floh einst mit ihren Enkeln aus ihrer polnischen Heimat vor dem polnisch-ukrainischen Krieg. Im Haus am See empfindet sie ein ständiges Gefühl des Fremdseins.
Ihr Heimatkonzept ist familienorientiert – Heimat liegt für sie in der Familie, nicht in Besitz oder einem bestimmten Ort: "Sie hat die Kinder gerettet, mehr gab es darauf nicht zu sagen" (S.136). Das einzige, was sie am See an ihre Heimat erinnert, ist das Schwimmen: "Schwimmen kann sie hier wie zu Hause" (S.132).
Die Besucherin fühlt sich "fremd in der Fremde" (S.135), da sie die örtlichen Kulturen und Umgangsformen nicht versteht. Sie wird zwar "sehr freundlich aufgenommen, aber immer gesiezt" (S.135). Für sie ist Heimat eine innere Vorstellung, die man in sich trägt – geprägt durch Erfahrungen, Erinnerungen und Aktivitäten wie das Schwimmen.
Die Unterpächter sind ein Ehepaar, das die Werkstatt am Wasser als Wochenendunterkunft nutzt. Der Mann erinnert sich an seinen gescheiterten Fluchtversuch aus der DDR, während die Frau erfährt, dass sie eine Schwester hat, mit der sie als Kind als Kriegsflüchtling aus dem Riesengebirge kam.
Ihr Heimatkonzept basiert auf Bewegung und Freiheit statt auf Eigentum und Sesshaftigkeit. Die gemeinsame Liebe zum Segeln symbolisiert diese Haltung: "Segeln ist eine schöne Sache" (S.144). Zahlreiche Wasser- und Segelmetaphern machen deutlich, dass es im Leben darum geht, sich von Sesshaftigkeit zu befreien. Die Unterpächter empfinden die Unsicherheit ihres Pachtverhältnisses nicht als Bedrohung, sondern als Teil ihres Lebensgefühls: "Das Glück wächst aus der Unordnung heraus" (S.153).
💡 Besonders faszinierend ist die Vorstellung der Besucherin, dass Vergangenheit und Gegenwart gleichzeitig existieren: "Während sie zurückschaut, verschwistert sich die Zeit mit sich selbst und wird flach" (S.131). Diese Zeitauffassung entspricht Erpenbecks Erzählstil, der oft verschiedene Zeitebenen miteinander verblendet.

Der Kinderfreund und die unberechtigte Eigenbesitzerin
Der Kinderfreund hat als Kind jeden Sommer mit der Enkelin der Schriftstellerin verbracht. Er blickt auf ihre enge Beziehung zurück, die für ihn eine große Liebe war, während sie für das Mädchen nur ein Zeitvertreib in den "Ferien" (S.165) blieb.
Sein Heimatkonzept ist an eine Person gebunden – an seine kindliche Liebe, die er im Erwachsenenalter nicht überwinden kann. Während er "vom Heiraten" (S.161) spricht und die Verbindung als "Versprechen" (S.162) begreift, sieht das Mädchen in ihm nur einen "Kinderfreund" (S.166). Diese unerfüllte Liebe und die traumatische Erfahrung, Zeuge einer Vergewaltigung geworden zu sein, ohne einzugreifen, prägen sein gesamtes Leben.
Die kindliche Heimatvorstellung wird für ihn zur Falle: "Immer noch lebt er dort, obgleich seine Hände beginnen, die Hände eines alten Mannes zu werden" (S.165). Sein Heimatkonzept scheitert, weil er sich nicht von seiner kindlichen Vorstellung lösen kann.
Die unberechtigte Eigenbesitzerin ist die erwachsene Enkelin der Schriftstellerin. Sie besucht in der Nachwendezeit das verlassene Haus am See, das nun den Erben der Frau des Architekten zurückübertragen werden soll.
Ihr Heimatkonzept ist an Erinnerungen geknüpft. Mit dem Abschied vom Haus nimmt sie Abschied von ihrer glücklichen Kindheit. Die juristischen Formulierungen kontrastieren mit ihren sentimentalen Erinnerungen. Sie erkennt, dass ihre "sehr glückliche Kindheit" dort ein "Gefängnis" bleibt, "das sie für immer einschließen würde" (S.183).
Als symbolischen Abschluss reinigt sie das Haus gründlich und schließt die Haustür ab, "obgleich sie nicht weiß, wie das möglich sein kann, weil alles, was sie da abschließt, so weit innen liegt, und der Teil der Welt, in den sie zurückweicht, so weit außen" (S.185). Mit dem Verlust des geliebten Hauses findet auch ein Teil ihrer Identität ein Ende.

Der Gärtner und die symbolische Dimension des Romans
Der Gärtner erscheint in mehreren kürzeren Kapiteln im Roman. Er ist eine mysteriöse, namenlose Figur, die im regelmäßigen Wechsel der Jahreszeiten die immer gleichen Tätigkeiten ausübt: Er gießt, beschneidet, düngt, mäht und repariert mit großer Kompetenz und unermüdlichem Fleiß.
Der Gärtner kommuniziert fast ausschließlich mit der Natur und zeigt kein Interesse an Eigentum. Er hat einen symbolischen, fast gottähnlichen Charakter – seine Herkunft bleibt völlig unklar. Anders als die Hauptfiguren des Romans, die oft hilflos äußeren Heimsuchungen ausgesetzt sind, lebt der Gärtner friedlich im Schutzraum der Natur.
Er stellt die gestörte Ordnung wieder her und lebt nach dem Prinzip des Bewahrens und Kultivierens. Als nicht-lineare Figur ist er nicht an Ort und Zeit gebunden. Er erinnert an romantische Motive: die menschliche Sehnsucht nach Harmonie mit der Natur. Als einzig wirklich glückliche Figur des Romans ist er in der Natur bereits zu Hause.
Ein wiederkehrendes Symbol im Roman ist der Kartoffelkäfer, der während des Zweiten Weltkriegs aus dem Westen kommt und ganz Deutschland befällt. Er wird wie ein feindliches Heer dargestellt: Die Käfer haben "längst die Oder überschritten" (S.77). Der Kartoffelkäfer ist eine Metapher für den Krieg, der sich ausbreitet und Zerstörung verursacht.
Interessant ist auch die Namensgebung im Roman: Figuren wie der Architekt, der Gärtner oder die Schriftstellerin bleiben namenlos – sie verkörpern Typen. Im Gegensatz dazu erhalten die Mitglieder der jüdischen Familie des Tuchfabrikanten persönliche Namen. Erpenbeck macht sie damit zu individuellen Menschen, die im Gedächtnis bleiben sollen, und gibt insbesondere Doris ihren Namen zurück, den die Nationalsozialisten ihr genommen haben.
💡 Das dem Roman vorangestellte Gedicht "Die Heimat" von Friedrich Hölderlin verstärkt die Thematik des Heimatverlusts und der Heimatsuche: "Froh kehrt der Schiffer heim an den stillen Strom / Von Inseln fernher, wenn er geerntet hat; / So käm' auch ich zur Heimat, hätt ich / Güter so viele, wie Leid, geerntet."

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Teil 4: die Unterpächter, der Kindheitsfreund, die unberechtigte Eigenbesitzerin (ich musste die Lernzettel aufteilen)
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Der Roman "Heimsuchung" von Jenny Erpenbeck erzählt die Geschichte eines Hauses am märkischen See und seiner wechselnden Bewohner über ein Jahrhundert deutscher Geschichte. Das Werk behandelt zentrale Themen wie Flucht, Vertreibung, Identität und die immerwährende Suche nach Heimat, wobei die...

Allgemeines zum Roman
"Heimsuchung" ist ein 2008 erschienener Roman, der die deutsche Geschichte des 20. Jahrhunderts durch die Schicksale verschiedener Bewohner eines Hauses am märkischen See widerspiegelt. Der Titel hat eine Doppelbedeutung: Einerseits die Suche nach Heimat, andererseits das "Heimgesuchtwerden" durch historische Ereignisse.
Der Roman ist ein typisches Werk der modernen Literatur mit ihren charakteristischen Grundgedanken. Die transzendentale Obdachlosigkeit – die Entfremdung des Einzelnen von der Welt und sich selbst – ist ein zentrales Motiv. Traditionelle Werte werden fragwürdig, was das Erzählen in einer fragmentierten Welt erschwert.
Die Erzähltechnik des Romans ist geprägt durch wechselnde Perspektiven und Erzählstile. Statt eines allwissenden Erzählers präsentiert Erpenbeck die Handlung durch fragmentarische Perspektiven verschiedener Figuren. Diese subjektiven Ausschnitte können kein vollständiges Gesamtbild mehr ergeben und verdeutlichen das Fehlen einer gemeinsamen Realität.
💡 Besonders interessant ist, wie Erpenbeck drei verschiedene Erzählperspektiven nutzt: auktorial (allwissender Erzähler), personal (aus Sicht einer Figur) und neutral (wertungsfrei wie eine Kamera). Dieser Wechsel verstärkt das Gefühl der Heimatlosigkeit.

Einordnung in die moderne Literatur
"Heimsuchung" zeigt typische Merkmale moderner Literatur sowohl in seinen Themen als auch in seiner Erzählstruktur. Der Roman behandelt den Verlust von Heimat und die Suche nach Stabilität in einer Welt im ständigen Wandel. Er versucht, die deutsche Geschichte – insbesondere die traumatischen Ereignisse des 20. Jahrhunderts – literarisch zu bewältigen.
Die Erfahrung der fundamentalen Entfremdung zieht sich durch das gesamte Werk. Die traditionelle Ordnung wird durch Ereignisse wie Krieg und politische Umwälzungen zweifelhaft. Dies spiegelt sich in der Erzähltechnik wider: Multiperspektivische Anlage, wechselnde Erzählperspektiven und fragmentarisches Erzählen prägen den Text.
Besonders auffällig ist die heterogene Textstruktur mit unvermittelten Einbettungen von Liedern, Gedichten und juristischen Texten. Innere Monologe und erlebte Rede geben Einblick in das Seelenleben der Figuren. Die Verwendung des Präsens in Kombination mit Vergangenheitsformen verknüpft Erinnerung und Gegenwart – es ist "alles gleichzeitig da" (S.131).
Der Roman handelt von einem Haus am Scharmützelsee in Brandenburg und seinen wechselnden Bewohnern über ein Jahrhundert. In kurzen, nicht chronologisch angeordneten Episoden erzählt Erpenbeck Ausschnitte aus dem Leben der Figuren, die oft keine Eigennamen haben und daher als Typen zu verstehen sind.

Die Kapitel des Romans: Prolog bis Der Architekt
Im Prolog wird die geologische Formung des Gebiets in der Eiszeit beschrieben – bereits hier findet der erste Heimatverlust statt, als "Löwe, Gepard und Säbelzahnkatze in südlichere Gegenden vertrieben" werden.
Das Kapitel Der Großbauer und seine vier Töchter spielt Ende des 19. Jahrhunderts bis etwa 1934. Der patriarchalische Großbauer Wurrach lebt mit seinen vier Töchtern auf dem Grundstück am See. Er kontrolliert und unterdrückt seine Töchter rücksichtslos, was tragische Folgen hat: Die jüngste Tochter Klara begeht Selbstmord im See. Sein Heimatkonzept basiert auf Erbe und Tradition, doch es scheitert, da keine seiner Töchter heiratet und für männliche Erben sorgen kann.
In Der Architekt erleben wir einen Mann, der am Neujahrstag ein letztes Mal durch sein selbst gebautes Haus geht, bevor er in den Westen fliehen muss. Mit großer Detailliebe nimmt er alles wahr und vergräbt Teile seines Hausrats im Garten. Für ihn ist Heimat an einen Ort gebunden, den er als Architekt gestaltet hat. Seine emotionale Bindung an das Haus wird durch Personifikationen deutlich: "ein kleines Fenster vom Strohdach beschattet wie ein Auge". Er sieht das Haus als seine "dritte Haut", deren Verlust ihn wie ein gebrochener Mann zurücklässt.
💡 Die Metapher des "Schneckenhauses" zeigt, wie stark Heimat für den Architekten an einen Ort gebunden ist. Der Verlust dieser Heimat ist für ihn wie ein gewaltsamer Akt – als würde er einen Teil von sich selbst verlieren.

Der Tuchfabrikant und sein Heimatkonzept
Das Kapitel über den jüdischen Tuchfabrikanten wechselt zwischen verschiedenen Zeiten und Orten. Ludwig, der mit seiner Frau Anna nach Kapstadt ausgewandert ist, um dem Nationalsozialismus zu entkommen, hat starke emotionale Bindungen zu seiner deutschen Heimat. Seine in Deutschland zurückgebliebenen Familienangehörige werden später von den Nazis ermordet.
Ludwigs Heimatkonzept ist vielschichtig: Es ist einerseits an den Ort Deutschland gebunden, andererseits an Sprache und Familie. Seine deutsche Heimat wird zärtlich und wehmütig beschrieben – der See "leckt immer nur schwach am Ufer, leckt an der Hand wie ein junger Hund". Die Diskrepanz zwischen seiner Verbundenheit zur Heimat und dem erzwungenen Leben in Afrika zeigt sich in seinem gebrochenen Englisch: "It is supposed to look as if der Baum in einem verschneiten Winterwald stünde".
Seine in Afrika geborene Tochter Elisabeth kennt diese Heimat nicht: "What is a verschneiter Winterwald?" Diese sprachliche und kulturelle Kluft symbolisiert den Verlust, den die Vertreibung mit sich bringt. Obwohl Ludwig sich ein neues Heim in Afrika geschaffen hat, bleibt seine Sehnsucht nach der verlorenen Heimat spürbar.
In der "Vertreibung ins Paradies" (S.55) liegt ein Widerspruch: Zwar hat Ludwig durch die Auswanderung sein Leben gerettet, doch in Südafrika wird er mit einer anderen Form der Diskriminierung – der Apartheid – konfrontiert. Er hat sein Leben über seine Heimat gestellt und dennoch einen Teil seiner Identität verloren.

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Das Mädchen ist Doris, die Nichte des Tuchfabrikanten, die von den Nationalsozialisten ermordet wird. Während sie in einer Kammer versteckt auf ihre Deportation wartet, schwelgt sie in Erinnerungen an glückliche Tage am See.
Für Doris ist Heimat eng mit Natur und Familie verbunden. Die Erinnerung an diese Heimat ist farbig und lebendig, während ihre gegenwärtige Situation von Dunkelheit geprägt ist: "Farbig ist nur noch das, woran sie sich erinnert, mitten in dieser Dunkelheit, die sie umgibt, deren Kern sie ist" (S.80). Die Weite des Sees kontrastiert mit der Enge ihrer Kammer, wo sie "mit dem Kopf gegen die Decke des Verstecks stößt" (S.81).
In ihrer Vorstellung existiert eine Stadt im See – ein symbolisches Bild ihres verschwundenen Lebens und gleichzeitig eine Hoffnung auf ein Leben nach dem Tod: "das stumme Gedränge all der gemeinsam mit ihrer Stadt versunkenen Bewohner, die sich, ohne atmen zu müssen, ganz natürlich im Wasser bewegten" (S.80).
Je aussichtsloser ihre Lage wird, desto mehr wandelt sich ihr Heimatkonzept von einem irdisch verankerten Bild (Familie, Natur) zu einem religiösen: "jetzt gehen alle für immer heim" (S.90). Kurz vor ihrer Hinrichtung fragt sie sich: "Ist sie tatsächlich nach Hause gekommen?" (S.91).
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Die Schriftstellerin und die politische Dimension von Heimat
Die Schriftstellerin ist eine jüdisch-kommunistische Autorin, die vor den Nationalsozialisten in die UdSSR floh und nach dem Krieg in die DDR zurückkehrte. Sie pachtet das Haus des geflohenen Architekten und lebt dort mit ihrer Familie.
Ihr Heimatkonzept ist politisch geprägt – sie versteht Heimat als einen zu gestaltenden gesellschaftlichen Lebensraum. Sie versucht, ihren Beitrag zum Aufbau einer neuen, gerechten Gesellschaft zu leisten, die niemanden ausgrenzt. Mit ihrer Schreibmaschine als "ihre Wand" (S.114) will sie die durch Hitler zu "Unmenschen" gewordenen Deutschen in gute Menschen zurückverwandeln.
Die Schriftstellerin erlebt jedoch eine tiefe Enttäuschung über die Realität in der DDR. Während ein regimetreuer Arzt problemlos ein Haus erwerben kann, wird ihr eigener Antrag, Eigentümerin des Hauses zu werden, nur unter der Bedingung genehmigt, dass sie dem Arzt einen Seezugang verschafft. Sie muss erkennen, dass echte Gleichheit auch im sozialistischen Staat nur auf dem Papier existiert.
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Die Besucherin ist die Großmutter der Ehefrau vom Sohn der Schriftstellerin. Sie floh einst mit ihren Enkeln aus ihrer polnischen Heimat vor dem polnisch-ukrainischen Krieg. Im Haus am See empfindet sie ein ständiges Gefühl des Fremdseins.
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Die Unterpächter sind ein Ehepaar, das die Werkstatt am Wasser als Wochenendunterkunft nutzt. Der Mann erinnert sich an seinen gescheiterten Fluchtversuch aus der DDR, während die Frau erfährt, dass sie eine Schwester hat, mit der sie als Kind als Kriegsflüchtling aus dem Riesengebirge kam.
Ihr Heimatkonzept basiert auf Bewegung und Freiheit statt auf Eigentum und Sesshaftigkeit. Die gemeinsame Liebe zum Segeln symbolisiert diese Haltung: "Segeln ist eine schöne Sache" (S.144). Zahlreiche Wasser- und Segelmetaphern machen deutlich, dass es im Leben darum geht, sich von Sesshaftigkeit zu befreien. Die Unterpächter empfinden die Unsicherheit ihres Pachtverhältnisses nicht als Bedrohung, sondern als Teil ihres Lebensgefühls: "Das Glück wächst aus der Unordnung heraus" (S.153).
💡 Besonders faszinierend ist die Vorstellung der Besucherin, dass Vergangenheit und Gegenwart gleichzeitig existieren: "Während sie zurückschaut, verschwistert sich die Zeit mit sich selbst und wird flach" (S.131). Diese Zeitauffassung entspricht Erpenbecks Erzählstil, der oft verschiedene Zeitebenen miteinander verblendet.

Der Kinderfreund und die unberechtigte Eigenbesitzerin
Der Kinderfreund hat als Kind jeden Sommer mit der Enkelin der Schriftstellerin verbracht. Er blickt auf ihre enge Beziehung zurück, die für ihn eine große Liebe war, während sie für das Mädchen nur ein Zeitvertreib in den "Ferien" (S.165) blieb.
Sein Heimatkonzept ist an eine Person gebunden – an seine kindliche Liebe, die er im Erwachsenenalter nicht überwinden kann. Während er "vom Heiraten" (S.161) spricht und die Verbindung als "Versprechen" (S.162) begreift, sieht das Mädchen in ihm nur einen "Kinderfreund" (S.166). Diese unerfüllte Liebe und die traumatische Erfahrung, Zeuge einer Vergewaltigung geworden zu sein, ohne einzugreifen, prägen sein gesamtes Leben.
Die kindliche Heimatvorstellung wird für ihn zur Falle: "Immer noch lebt er dort, obgleich seine Hände beginnen, die Hände eines alten Mannes zu werden" (S.165). Sein Heimatkonzept scheitert, weil er sich nicht von seiner kindlichen Vorstellung lösen kann.
Die unberechtigte Eigenbesitzerin ist die erwachsene Enkelin der Schriftstellerin. Sie besucht in der Nachwendezeit das verlassene Haus am See, das nun den Erben der Frau des Architekten zurückübertragen werden soll.
Ihr Heimatkonzept ist an Erinnerungen geknüpft. Mit dem Abschied vom Haus nimmt sie Abschied von ihrer glücklichen Kindheit. Die juristischen Formulierungen kontrastieren mit ihren sentimentalen Erinnerungen. Sie erkennt, dass ihre "sehr glückliche Kindheit" dort ein "Gefängnis" bleibt, "das sie für immer einschließen würde" (S.183).
Als symbolischen Abschluss reinigt sie das Haus gründlich und schließt die Haustür ab, "obgleich sie nicht weiß, wie das möglich sein kann, weil alles, was sie da abschließt, so weit innen liegt, und der Teil der Welt, in den sie zurückweicht, so weit außen" (S.185). Mit dem Verlust des geliebten Hauses findet auch ein Teil ihrer Identität ein Ende.

Der Gärtner und die symbolische Dimension des Romans
Der Gärtner erscheint in mehreren kürzeren Kapiteln im Roman. Er ist eine mysteriöse, namenlose Figur, die im regelmäßigen Wechsel der Jahreszeiten die immer gleichen Tätigkeiten ausübt: Er gießt, beschneidet, düngt, mäht und repariert mit großer Kompetenz und unermüdlichem Fleiß.
Der Gärtner kommuniziert fast ausschließlich mit der Natur und zeigt kein Interesse an Eigentum. Er hat einen symbolischen, fast gottähnlichen Charakter – seine Herkunft bleibt völlig unklar. Anders als die Hauptfiguren des Romans, die oft hilflos äußeren Heimsuchungen ausgesetzt sind, lebt der Gärtner friedlich im Schutzraum der Natur.
Er stellt die gestörte Ordnung wieder her und lebt nach dem Prinzip des Bewahrens und Kultivierens. Als nicht-lineare Figur ist er nicht an Ort und Zeit gebunden. Er erinnert an romantische Motive: die menschliche Sehnsucht nach Harmonie mit der Natur. Als einzig wirklich glückliche Figur des Romans ist er in der Natur bereits zu Hause.
Ein wiederkehrendes Symbol im Roman ist der Kartoffelkäfer, der während des Zweiten Weltkriegs aus dem Westen kommt und ganz Deutschland befällt. Er wird wie ein feindliches Heer dargestellt: Die Käfer haben "längst die Oder überschritten" (S.77). Der Kartoffelkäfer ist eine Metapher für den Krieg, der sich ausbreitet und Zerstörung verursacht.
Interessant ist auch die Namensgebung im Roman: Figuren wie der Architekt, der Gärtner oder die Schriftstellerin bleiben namenlos – sie verkörpern Typen. Im Gegensatz dazu erhalten die Mitglieder der jüdischen Familie des Tuchfabrikanten persönliche Namen. Erpenbeck macht sie damit zu individuellen Menschen, die im Gedächtnis bleiben sollen, und gibt insbesondere Doris ihren Namen zurück, den die Nationalsozialisten ihr genommen haben.
💡 Das dem Roman vorangestellte Gedicht "Die Heimat" von Friedrich Hölderlin verstärkt die Thematik des Heimatverlusts und der Heimatsuche: "Froh kehrt der Schiffer heim an den stillen Strom / Von Inseln fernher, wenn er geerntet hat; / So käm' auch ich zur Heimat, hätt ich / Güter so viele, wie Leid, geerntet."

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Beliebtester Inhalt: Persönliche Identität
9Teil 4: Abitur Lernzettel Heimsuchung
Teil 4: die Unterpächter, der Kindheitsfreund, die unberechtigte Eigenbesitzerin (ich musste die Lernzettel aufteilen)
Innerer Monolog Schreiben
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Medea. Stimmen von Christa Wolf
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