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Klaus Schenck

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7/8/9

Ausarbeitung

Tipps und Anforderungsprofil für anspruchsvolles kreatives Schreiben in der Mittelstufe / unterschiedliche Aufgabenstellungen mit einfallsreichen, oft spannenden Schüler-Lösungen (Klassenarbeiten) / das kreative Schreiben wurde systematisch geübt

Nichts passendes dabei? Erkunde andere Fachbereiche.

www.KlausSchenck.de / Deutsch / Berufsschule/Mittelstufe / kreatives Schreiben / / S. 1 von 5 2 Klassenarbeiten (90 Minuten) zu „Briefe von Polar" Aufgabenstellung: ● Schreiben Sie einen Antwortbrief an P. (Spitzname Polar) nach Italien. (Anlage 2) Schreiben Sie (im Namen Polars) einen weiteren, ausführlichen Brief nach Hause. (Anlage 2) oder ● Anlage 2 Ein Zettel auf dem Küchentisch Geschrieben am 20. Juni Bin ,,Zigaretten holen“. Polar Erste Postkarte Abgestempelt am 20. Juni in München, Deutschland Mach Dir keine Sorgen, es geht mir gut. 30 Grad im Schatten und ein kaltes Bier vor der Nase. Pflanzerlsemmeln* sind nicht vegetarisch. Bleib, wo Du bist. Versuche etwas herauszufinden. Polar P.S: Mein Telefon bleibt erstmal aus. Die Karte zeigt den Marienplatz, bevölkert mit in Trachten gekleideten Männern. Es wehen bayrische Fahnen. Erster Brief Abgestempelt am 28. Juni auf Ischia, Provinz Neapel, Italien, geschrieben auf der Rückseite des Restauranttischun- terlagenpapiers „Da Giovanni" Es ist Neumond, und ich sitze auf der Terrasse mit eiskaltem Weißwein. Habe hier für ein paar Tage ein Zimmer ge- mietet. Das Wetter ist herrlich. Das Meer ist tiefblau. Und, um die Standardauskünfte zu vervollständigen: Das Essen ist hervorragend. Alles fällt von mir ab, wie Laub von einem Baum im Herbst oder der Schwanz der Eidechse. (...) Einfaches kann so gut sein. Hört sich an wie ein Kalenderspruch und vielleicht ist es auch nicht nur kulinarisch ge- meint. Hier...

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sind die Zitronen groß wie Bauarbeiterfäuste. Riech mal, Polar P.S: Ich weiß, ich schulde Dir alles. Eine Erklärung. Eine Antwort. Ein Leben vielleicht. Dem Brief beigefügt: ein Blatt von einem Zitronenbaum, ein Rosmarinzweig, einige Salbeiblätter. Zweiter Brief Abgestempelt am 3. Juli in Ischia, Provinz Neapel, Italien Mein Herz, ich fuhr gewundene Straßen an der Küste entlang, die sich immer weiter in die Höhe schraubten, dem Monte Epomeo entgegen. Am Straßenrand sah ich, auch in den letzten Tagen schon und überall auf der Insel, Plakate mit Todes-, Geburts- und Hochzeitsanzeigen, oftmals auch mit einem Foto des Verstorbenen oder des Babys oder zwei Ringen als Symbol ... Ich dachte an uns und war auf einmal sehr traurig. Mache ich hier gerade alles kaputt? (...) Dein P. Worterklärungen: * Pflanzerlsemmeln = bayrischer Begriff für Frikadellen Auszug aus: Karen Köhler, „Polarkreis", in: Wir haben Raketen geangelt, Erzählungen, Carl Hanser Verlag, München 2014. www.KlausSchenck.de / Deutsch / Berufsschule/Mittelstufe / kreatives Schreiben / S. 2 von 5 2 Klassenarbeiten (90 Minuten) zu ,,Briefe von Polar" 1. Klassenarbeit – Brief von Polar Abgestempelt am 26.12.16 in Lohr am Main, Deutschland Mein Herz, es ist eine lange Zeit vergangen. Um genau zu sein, über sieben Monate. Ich habe lange nichts mehr von mir hören lassen. Ehrlich gesagt, bin ich mir nicht mal sicher, ob ich dir diesen Brief schreiben soll. Ich habe wirklich wahnsinnig lange darüber nachgedacht, ob ich diesen Schritt gehe und dir diesen Brief schreibe. Erst gestern war der 25.12. und du musst mir glauben, dieser Tag war die Hölle für mich. Ich muss ständig daran denken, an dem Tag, an dem 25.12., aber du bestimmt auch und genau deswegen muss ich dir auch heute diesen Brief schreiben. Aber alles erst einmal von ganz vorne. Gerne erinnere ich mich an den 02.03.2003. Genau, unser Hochzeitstag. Ich seh` schon, wie du jetzt anfängst zu lächeln. Immer, wenn ich an diesen Zeitpunkt zurückdenke, habe ich ein dickes Grinsen im Gesicht. Wir waren so glücklich, einfach perfekt. Doch du weißt genau, was dann passierte. Du warst meine große Liebe. Ich wollte nie eine Andere als dich haben. Für mich kam so etwas überhaupt nicht in Frage. Das, mein Herz, solltest du wissen und darfst du auch nie vergessen. Unser Glück schien so perfekt, als unsere Tochter Hanna im Jahr 2013 geboren wurde. Unser kleiner Sonnenschein, wie wir sie immer nannten. Die vielen schönen Momente, die wir mit unserer Hanna erlebten, waren so unglaub- lich und so bedeutend für mich. Ich weiß noch, wie sie es immer liebte mit mir Auto zu fahren. Sie lachte immer voller Glück und Stolz. Natürlich erinnere ich mich auch gerne an unseren ersten gemeinsamen Urlaub auf Ischia in Italien. Da war Hanna gerade mal ein Jahr gewesen und wir hatten beide gewusst, sie wird bestimmt mal eine „Wasserratte“, so wie ihr zusammen immer im Meer geplanscht habt. Oder als wir zu dritt im wunderschönen Restaurant im „Da Giovanni“ gemeinsam eine riesige, mega-große Margarita-Pizza gegessen haben. Diese Pizza ist wirklich bis heute die allerbeste. Da waren wir uns einig, Hanna stimmte uns mit einem Riesenlächeln im Gesicht und ihren funkelnden, großen Augen auf jeden Fall zu. Ich hoffe, diese Erin- nerungen waren auch für dich genauso schön wie auch für mich. Genau deshalb musste ich auch wieder an diesen magischen Ort zurück! Er hat meine Löcher ein Stück weit gefüllt. Verstehst du das? Ich musste zurück. Ich konnte nicht mehr zu Hause bleiben. Ständig diese leeren Blicke, voller Traurigkeit und Mitleid. Diese ständigen Blicke erinnerten mich nur genau an diesen Tag. An den eines Mittwochmorgens, den 25.12. Es war gerade mal 10:12 Uhr, als mein letzter Blick auf die Uhr am Armaturenbrett im Auto fiel. Ich schaute noch einmal in die Augen von Hanna und plötzlich war alles schwarz. So dunkel und kalt. Mein Kör- per hatte sich komplett verkrampft und meine Hände griffen nur zu unserer Tochter. Doch, das musst du mir glauben, ich habe alles versucht, wirklich alles versucht, um Hanna zu retten. Hanna war schon so voller Blut, übersät mit Kratzern und ihre Au- gen waren geschlossen. Ich hatte sie doch extra mit dem Kindersitz nach vorne sit- zen lassen, da du daheim das Mittagsessen vorbereiten wolltest. Sie liebte es doch www.KlausSchenck.de / Deutsch / Berufsschule/Mittelstufe / kreatives Schreiben / S. 3 von 5 2 Klassenarbeiten (90 Minuten) zu „Briefe von Polar" so sehr. Doch der Aufprall an der linken Seite des Autos war zu stark. Der Baum war zu robust. So etwas hätte man nicht überleben können, so auch die Rettungssanitä- ter. Doch ich, ich habe überlebt. Nur unsere Hanna nicht, sie ist gerade mal zwei Jahre alt geworden. Doch das, mein Herz, das weißt du alles. Wir haben beide sehr gelitten. Es waren sehr schwere Zeiten für uns. Doch jeder Tag nach Hannas Tod zog sich so dahin. Ich konnte so nicht mehr und ging an all die schönen Orte zurück. Ich wollte zurück, zu- rück nach Italien, die Zeit zurückdrehen. Doch meine Schuldgefühle wurde ich nicht los. Ich wollte Antworten suchen auf Fragen, die ich nicht mal kannte. Ich wollte den Sinn des Lebens finden. Doch, was ich fand, war die Erkenntnis. Die Erkenntnis, dir die Wahrheit zu sagen. Du sollst und musst das wissen. Du sagtest immer: „Schatz, es ist nicht deine Schuld. Es war glatt und du musstest Hanna das Spielzeug aus der Hand nehmen, da sie dies immer gerne verschluckte!" Doch, mein Herz, so war es nicht. Ich Idiot schaute nach links, links aus dem Fenster, da dort ein schönes Haus stand. Ein schönes Haus, ja, es war nur ein einfaches, schönes Haus und dann pas- sierte es. Ich konnte das Lenkrad nicht mehr rumreißen. Aber das weißt du ja schon. Ich habe viel Zeit dafür gebraucht, dies zu akzeptieren, dass ich einfach auf die Straße hätte schauen müssen. Ich weiß, meine Worte und dieser Brief können das nicht wieder gutmachen, was passiert ist. Mir war nur wichtig, dass du diesen letzten Brief von mir erhältst. Ich habe mich in eine Klinik einweisen lassen, um mit dem Ge- schehnis klar zu kommen. Mehr wollte ich dir nicht sagen. Ich will nur, dass du ein glückliches Leben führen kannst. Es tut mir wahnsinnig leid. In Liebe Polar 2. Klassenarbeit – Brief von Polar Dritter Brief Abgestempelt am 24. September in Indien Liebe Susan, ich weiß, ich bin dir so einiges schuldig. In meinem vorletzten Brief habe ich dir ge- schrieben, dass ich dir eine Erklärung schuldig bin. Dies ist bis heute so, aber nun habe ich endlich den Mut und die Kraft dazu. Ich weiß, wie enttäuscht du sein musst, so lange kein Lebenszeichen von mir bekommen zu haben. Wie gerne würde ich zu dir und unserer kleinen Maus zurückkommen, aber ich kann es nicht. Es vergeht keine Minute, in der ich nicht an dich oder Marie denke. Dennoch konnte ich nicht www.KlausSchenck.de / Deutsch / Berufsschule/Mittelstufe / kreatives Schreiben / S. 4 von 5 2 Klassenarbeiten (90 Minuten) zu „Briefe von Polar" zurück zu euch. Noch viel zu sehr schmerzte mich die Erinnerung. Ich weiß, dass es dir genauso geht, wenn du daran zurück denkst. Aber du hast etwas, für das ich dich bewundere. Egal, was passiert, du lässt nie den Kopf hängen, sondern suchst immer den Sinn in den hoffnungsvollen, positiven Momenten des Lebens. Noch heute bist du für mich wie der Äquator. Eine Linie, die weiß, wie die Welt sich dreht, immer auf demselben Platz. Ich erinnere mich noch genau an den Abend, an dem wir uns diese Spitznamen gegeben haben. Du sagtest zu mir, dass, wenn du der Äquator seist, ich ein Polar sein müsse. Du hast dich aber nie für einen der beiden entscheiden kön- nen. Auch heute ist es noch so. Während du zu Hause bei Marie geblieben bist, habe ich mich verdrückt. Bin nicht an einem Platz geblieben. Ich konnte dir damals aber auch nicht sagen, dass ich gehe. Feige habe ich dir den Zettel auf dem Kü- chentisch hinterlassen. Zu sehr war ich Gedanken, was letztes Jahr passiert war. Ich wusste nicht wohin mit meiner Wut, meiner Verzweiflung, meinem abgründigen Hass. Ich musste einfach raus. Raus aus Deutschland, raus aus Gelchsheim, raus aus un- serem Haus. Alles erinnert mich daran. Selbst die Blumen im Garten, die wir damals alle zusammen gepflanzt hatten, brachten Gefühle in mir hoch, mit denen ich nicht umgehen konnte. Als ich am 27. September das letzte Mal Blüten von diesem Strauch abgeschnitten hatte für die schlimmste Stunde meines Lebens, musste er weg. Ich habe noch genau deinen Gesichtsausdruck vor Augen, als du mir mit gro- Ben Augen zugesehen hast, als ich völlig aufgelöst und weinend den Strauch aus- grub und verbrannte. Inzwischen habe ich gelernt mit meinen Gefühlen umzugehen und auch Trauer zuzulassen. Du fragst dich mit Sicherheit auch, warum es mich nach Indien verschlagen hat. Ich habe mich immer bei dir gemeldet, damit du weißt, dass es mir gut geht. Seit einiger Zeit lebe ich nun bei Ray. Ray ist ein indischer Mönch, der sich viel mit dem Thema „Trauer“ befasst. Bei ihm konnte ich das erste Mal über alles reden, was passiert war. Ich konnte mich ihm öffnen und das tat mir gut. Ich erzählte ihm auch von den Blumen, die ich aufs Grab gelegt habe, da ihr die Blumen so sehr gefielen. Und davon, dass ich den Strauch danach vernichtet habe. Er erklärte mir, dass auch das eine Art der Trauerbewältigung sein kann. Wenn ich ehrlich mit mir bin, ging es mir danach auch ein klein wenig besser. Bis heute mache ich mir Vorwürfe. Wegen allem. Ich weiß, du hast oft zu mir gesagt, dass alles ein Unfall war und ich nichts dazu könne, aber ich gab mir die Schuld. Ich habe inzwi- schen verstanden, dass es Zufall, vielleicht aber auch Schicksal war. Dennoch hätte es nie passieren dürfen. Als ich in Italien war, überkam mich die Trauer. In jeder Zeitung, auf jedem Plakat, sah ich etwas, was mich an euch erinnerte. Bilder von glücklichen und unglücklichen Familien, Hochzeitsanzeigen, Todesanzeigen. Ich hatte mit mir zu kämpfen, um nicht einfach wieder nach Hause zu kommen, aber ich wusste ganz genau, dass, wenn ich das machen würde, meine ganze Reise erfolglos war. Ich hätte nicht so weiter leben können. Vielleicht hätte ich sogar irgendwann aus Hass auf mich selbst das Ganze beendet und wäre von der Bildfläche verschwun- den. Glaube mir, Susan, ich bin selbst vor meinen Gedanken erschrocken. Ich brauchte Hilfe und diese fand ich hier bei Ray. Familie ist für ihn das oberste Gut sei- ner Kultur. Er brachte mich wieder auf den richtigen Weg. Ein Weg aus der Ver- zweiflung und der Wut. Ich nahm das erste Mal wieder einen Ball in die Hand. Du www.KlausSchenck.de / Deutsch / Berufsschule/Mittelstufe / kreatives Schreiben / S. 5 von 5 2 Klassenarbeiten (90 Minuten) zu „Briefe von Polar" weißt, wie schwer mir das fiel. Ich glaube, ich bin nun bereit. Bereit wieder nach Hause zu kommen. Bereit um mit dem Tod von Anna abzuschließen. Bereit, um zu verstehen, dass sie in ihrer kindlichen Neugier und ihren kindlichen Gedanken nur den Ball holen wollte und noch zu klein war, um zu bemerken, dass ein Auto die Straße entlang kam. Bereit, um zu akzeptieren, dass sie nicht wegen meines schlecht geworfenen Balls auf die Straße gelaufen ist. Ich bin bereit, dir wieder ein guter Ehemann und Marie ein guter Vater zu sein. Ich liebe euch drei unendlich! Dennoch bin ich froh, diese Reise gemacht zu haben. Ohne sie hätten wir nie wieder eine intakte Familie sein können. Meine größte Angst war, dass du mich nicht mehr sehen möchtest. Dass ich zurück komme und wir keine Familie mehr sind. Ich bin so froh, dass du mir in deinem letzten Brief diese Angst genommen hast. Mein Flieger geht nächsten Dienstag um halb drei. Ich freu' mich euch wieder zu sehen und in die Arme schließen zu können und ich bin dankbar dafür, dass du mich verstanden hast. Dankbar, dass du nie gefragt hast, warum ich gegangen bin. Danke! In Liebe und freudiger Erwartung Dein Südpolar www.KlausSchenck.de / Deutsch / Berufsschule/Mittelstufe / kreatives Schreiben / S. 1 von 5 2 Klassenarbeiten (90 Minuten) zu: „Wer ist der Mann im Taxi?" Aufgabenstellung: Erzählen Sie die Geschichte weiter. (Anlage 2) Anlage 2 Wer ist der Mann im Taxi? Es war der letzte Schultag vor den Sommerferien, als ich meinen toten Vater in einem Taxi sah. Wie immer, wenn es Zeugnisse gab, konnten wir nach der zweiten Stunde gehen. Ich war noch durch die Stadt geschlendert. Hätte ich das nicht getan, wäre wahrscheinlich alles anders ge- kommen. Es war schon fast Mittag, als ich allein nach Hause fuhr. Der Bus ist um diese Zeit fast leer. Ich ergatterte sogar einen Fensterplatz. Ich sah hinaus, döste vor mich hin und grübelte da- rüber nach, was ich wohl in den Ferien tun würde. Urlaub war nicht angesagt. „Kein Geld", hatte Mama schlicht und ergreifend gemeint. An irgendeiner Ampel passierte es dann. Neben uns hielt ein Taxi. Auf dem Hintersitz saß ein Mann, der mir auf den ersten Blick bekannt vorkam, obwohl ich zunächst nur seinen Hinter- kopf sah. An das, was dann geschah, kann ich mich erinnern, als hätte es Stunden gedauert, obwohl höchstens eine oder zwei Minuten vergangen sein können. Der Mann im Taxi drehte sich um, sodass ich sein Profil sehen konnte. Es war ein Gefühl wie ein Faustschlag in den Magen. In dem Taxi saß Papa! Aber das konnte nicht sein! Papa war seit fast zwei Jahren tot. Quelle: Friedrich, Joachim: Ana-Lauras Tango, Thienemann, Stuttgart 1993, S. 7. 1. Klassenarbeit Es war ein Gefühl wie ein Faustschlag in den Magen. In dem Taxi saß Papa! Aber das konnte nicht sein! Papa war seit fast zwei Jahren tot. Ich war wie erstarrt. Tote können nicht wieder lebendig werden! Ich sah genauer hin. Ganz eindeutig: Das war mein vor zwei Jahren bei einem Autounfall ums Leben ge- kommener Vater. Er war auf einer Geschäftsreise, als sein Auto Feuer fing. Papa ist verbrannt. Man hat nur noch seine Uhr gefunden. Die hatte ich ihm zum Geburtstag geschenkt. Mir war ganz schlecht. Ich wusste nicht, was da gerade passiert war. Zwei Jahre war ich nun schon ohne Vater und da tauchte er plötzlich aus dem Reich der Toten in einem Taxi wieder auf. Ich war immer noch schockiert und überlegte mir, wie das sein konnte, dass Papa so aus dem Nichts auftauchen konnte. Die Ampel schaltete auf Grün. Das Taxi fuhr an, der Bus ebenso. Für einen kurzen Moment überlegte ich mir, ob ich den Busfahrer sagen sollte, er solle bitte anhalten. Ich wollte aussteigen und das Taxi verfolgen, um sicherzugehen, ob der Mann im Taxi auch mein Papa war. Soweit kam es zum Glück nicht. Der Bus www.KlausSchenck.de / Deutsch / Berufsschule/Mittelstufe / kreatives Schreiben / S. 2 von 5 2 Klassenarbeiten (90 Minuten) zu: „Wer ist der Mann im Taxi?" hielt am Marktplatz und der Doppelgänger von Papa, oder Papa selbst, stieg auch am Marktplatz aus dem Taxi. Ich hatte Hunger und wollte eigentlich heim, aber die Neugierde war zu groß. Was, wenn es wirklich mein toter Vater war? Ich nahm also die Verfolgungsjagd auf. Erst ging er zum Frisör, dann in einen Uhrenladen. Da kaufte er sich eine Uhr. Das konnte doch kein Zufall sein! Es war genau die gleiche, die ich Papa damals geschenkt hatte. Ich war noch mehr verwirrt als vorher! Solche Zufälle konnte es schon mal geben. Das war ja auch eine schöne Uhr. Dann ging Papa weiter und stoppte an einem großen Gebäude. Das Gebäude sah aus, wie die Firma, wo Papa früher gearbeitet hatte. Er war Au- Bendienstmitarbeiter gewesen und dann kam der Unfall in Italien auf der Auto-bahn. Also, das konnte ja kein Zufall sein! Es war tatsächlich Papas alte Firma. Was war hier nur los? Wenn der Mann, der Papa so ähnlich sieht, wirklich Papa war, dann müssten die Mitarbeiter ihn doch auch kennen. Ich heftete mich also weiter an seine Fersen. Er fuhr mit dem Aufzug, ich nahm die Treppe. So nah auf nah konnte ich ihm nicht kommen. Ich hatte viel zu viel Angst. Der Aufzug war natürlich schneller als ich. Glücklicherweise war ich im Schulsport eine der besten Läuferinnen. Ich rannte, so schnell es nur ging. Im dritten Stock blieb der Aufzug halten. Mein tot geglaubter Papa steuerte auf ein Büro zu. Ich versteckte mich hinter einem großen Blumenkü- bel. Fehlten nur noch die Lupe und die Sherlock-Holmes-Mütze, dachte ich mir. Die Tür zum Büro fiel ins Schloss. Jetzt hatte ich, in Gedanken versunken, nicht bemerkt, wo Papa hingelaufen war. Da es aber nur zwei Büros auf diesem Stockwerk gab, musste es eines von beiden sein. Vielleicht das rechte Büro? Ich schaute auf das Türschild. Der zweite Faustschlag in den Magen fühlte sich noch schlimmer an. Da stand ganz klar und deutlich der Vorname meines Vaters. Nur der Nachname passte nicht so ganz. Ich hatte schon viele Krimiserien geschaut. Da war es schon oft vorgekommen, dass ein Vater ein Doppelleben führte. Hat Papa womöglich Mama und mich gehabt und noch eine andere Familie mit dem Nachnamen am Türschild? Vielleicht hat er seinen Tod nur vorgetäuscht, um endlich bei seiner anderen Familie bleiben zu kön- nen. Nein, ich hatte eindeutig zu viel Fernsehkonsum. So schätzte ich Papa nicht ein. Es musste eine andere Erklärung für den abweichenden Nachnamen geben. Aber welche? Während ich so grübelte, öffnete sich die Türe und mein angeblich wieder aufge- tauchter Vater kam heraus. Mir rutschte das Herz in die Hose. Jetzt stand ich ihm genau in Augenhöhe. Ich fürchtete, ich würde ohnmächtig werden. Papa sah noch aus wie vor zwei Jahren. Lediglich die Haare waren etwas grauer geworden. Seine Augen waren grün und funkelten mich an. Wie ich diese Augen vermisst habe. Papa riss mich aus meinen Gedanken, indem er mich freundlich begrüßte und mich fragte, ob ich die neue Praktikantin sei. Wie? Er erkannte mich nicht als seine eigene Tochter? Ohne meine Antwort abzu- warten forderte er mich auf, ihm in sein Büro zu folgen. Ich folgte geistesabwesend. www.KlausSchenck.de / Deutsch / Berufsschule/Mittelstufe / kreatives Schreiben / S. 3 von 5 2 Klassenarbeiten (90 Minuten) zu: „Wer ist der Mann im Taxi?" Papa erklärte mir irgendwas, ich hörte nur mit einem Ohr hin. Ich spekulierte, viel- leicht hatte er bei dem Autounfall sein Gedächtnis verloren und entkam den Flam- men. Es ist ja schließlich schon öfter vorgekommen, dass ein Unfallgeschädigter nichts mehr von seinem früheren Leben wusste und unter anderer Identität weiter- lebte. Aber wie kann es sein, dass er seinen Vornamen noch wusste? Da fiel es mir wieder ein. Ich hatte in die Uhr seinen Namen eingravieren lassen. Vielleicht hat er diesen als seinen entschlüsselt. Aber das konnte nicht sein. Die Uhr lag ja bei mir zuhause. Sie war beim Brand als einziges verschont geblieben. Papa war am Ende mit seiner Ansprache. Er gab mir die Hand und entgegnete, dass er sich auf morgen freue zu meinem ersten Arbeitstag. Diese Hände! Ich konnte mich noch gut daran erinnern, wie er mich, als ich klein war, an die Hand nahm. Ich war tief in Sehnsucht nach warmen Händen, grünen Augen und der Nähe zu Papa ver- sunken, als plötzlich mich jemand am Arm stupste. Ich schreckte auf. Es war der Busfahrer, der mir mitteilte, dass ich an der Endstation aussteigen müsste. Ich war gerade doch noch bei Papa in der Firma. Dann fiel es mir wie Schuppen von den Augen: Ich hatte vor mich hingedöst, bin wohl eingeschlafen und hatte von Papa ge- träumt, der in Wirklichkeit gar nicht im Taxi saß. Es war vor zwei Jahren, als Papa ums Leben kam. Ich vermisste ihn gewaltig. In der letzten Zeit wünschte ich mir, ich könnte in seine grünen Augen sehen, seine warmen Hände berühren und seine beruhigende Stimme hören. Ich lächelte. Es war ein schöner Traum. Auch wenn Papa nicht mehr da war, so lebte er in meinen Träumen weiter. Vor allem aber blieb er nicht vergessen, weil Mama und ich ihn im Herzen trugen. Ich lief glücklich nach Hause. 2. Klassenarbeit Der Mann im Taxi drehte sich um, sodass ich sein Profil sehen konnte. Es war ein Gefühl wie ein Faustschlag in den Magen. In dem Taxi saß Papa! Aber das konnte nicht sein! Papa war seit fas zwei Jahren tot. Mit weit aufgerissenen Augen starre ich hinein in das Taxi und auf Papa. Mein Herz beginnt zu pochen, das Blut rauscht in meinen Ohren und in Sekundenschnelle schießen tausende Bilder und Gedanken an meinen Augen vorbei. Das kann nicht Papa sein, das ist unmöglich. In meinem Kopf spielt sich der gleiche Film ab wie schon so oft nach Papas Tod. Ich weiß noch genau, wie es vor zwei Jahren war. Es war ein Tag gewesen wie heute, genauso heiß und sonnig. Wir hatten Zeugnisse bekommen und durften wie heute früh aus der Schule in die Sommerferien gehen. Ich war wahnsinnig aufgeregt gewesen. Mein Zeugnis war besser als erwartet und draußen vor der Schule sollte Papa auf mich warten. Wir wollten in den Urlaub nach Italien fahren. Direkt nach der Schule sollte es losgehen Ein eiskalter Schauer läuft mir über den Rücken, jetzt ge- nauso wie damals. Vor zwei Jahren lief ich freudestrahlend die Stufen der Schultreppe hinunter auf den Parkplatz, um Papa um den Hals zu fallen. Doch er war nicht da gewesen. Mit den Augen suchte ich den Parkplatz ab und sagte zu mir www.KlausSchenck.de / Deutsch / Berufsschule/Mittelstufe / kreatives Schreiben / S. 4 von 5 2 Klassenarbeiten (90 Minuten) zu: „Wer ist der Mann im Taxi?" schmunzelnd, dass Papa bestimmt noch einen Abstecher zu meiner Lieblingseisdiele eingelegt hatte. Innerlich freute ich mich und konnte das Erdbeereis schon auf der Zunge schmecken. Ich beschloss zu warten. Ich wartete lange, sehr lange. Papa hatte mit Sicherheit vergessen, dass er mich abholen wollte. Grummelig und ent- täuscht habe ich mich damals auf den Weg zum Bus gemacht und mich ans Fenster gesetzt, genauso wie heute. Vor zwei Jahren war mir zu diesem Zeitpunkt nicht klar gewesen, was zu Hause auf mich warten würde. Es waren nicht wie erwartet die vielen Koffer, ein vollgepacktes Urlaubsauto und meine lachende Mama gewesen. Nein. Vielmehr war es die Hölle gewesen. Ich kann mich an jedes kleine Detail erinnern. Ich weiß noch genau, wie es war, als ich das Haus betrat. Ich wollte es Papa verzeihen, dass er vergessen hatte mich abzuholen und lief glücklich hinein, bereit sie beide in den Arm zu nehmen. Doch es kam anders. Weinend saß meine Mama am Küchentisch, um sie herum aufgebaut die halbgepackten Koffer und unser winselnder Hund. Danach ging alles ganz schnell. Wie im Zeitraffer prasselten damals die furchtbaren Dinge auf mich ein. Papa war bei einem Autounfall gestorben, man konnte ihn und das Auto nicht mehr retten, Beerdigung, Tränen... Einsamkeit. Mir stockt der Atem. Ich werde aus meinen Gedanken gerissen, sehe mich um und merke, dass die Ampel wieder auf Grün ge- schalten hat und der Bus langsam Fahrt aufnimmt. Das Anfahren des Busses reißt mich endgültig aus der Vergangenheit. Papa! Ich presse beide Hände und mein Ge- sicht gegen die Scheibe und blicke mit weit aufgerissenen Augen nach draußen. Das Taxi ist weg. Angst und Panik steigen in mir auf. Mit den Augen suche ich die Stra- Ben ab, doch nichts, keine Spur. Hatte ich mir das alles nur eingebildet? Nein, das musste Papa gewesen sein. Ich springe auf, schnappe meine Tasche, drücke den Halteknopf und verlasse an der nächsten Haltestelle den Bus. Ein Sommerwind weht mir um die Nase, auf einmal ist es stechend heiß. Ich laufe ein paar Schritte, um meine Gedanken zu sortieren. Das kann nicht sein. Das kann nicht Papa gewesen sein. Die Beerdigung, all die Tränen, schlaflosen Nächte und die einsame Mama... alles umsonst? Wäre ich heute doch nur nicht durch die Stadt geschlendert, dann hätte ich Papa nie dort im Taxi sitzen sehen. Meinen toten Papa. Ich drehe mich einmal in jede Richtung. Mein Herz klopft und mein Kopf zerspringt fast, als ich das Taxi etwa hundert Meter entfernt in einer Seitenstraße parken sehe. Als mein Kopf noch überlegt, was er tun soll, beginnen meine Füße bereits zu laufen. Papa! Mein Kopf ist brechend voll und bodenleer, Papa ist doch tot, das kann nicht wahr sein. Ich sehe, wie Papa aus dem Auto steigt und in ein Gebäude am Straßenrand geht. Ich laufe immer schneller. Mir bleibt fast die Luft weg, als ich das Taxi und das Ge- bäude erreiche. Das Blut rauscht in meinen Ohren. Wie oft habe ich mich danach gesehnt ihn wiederzusehen, wie oft konnte ich nachts nicht schlafen, weil Mama ge- weint hatte, wie oft wollte ich ihn einfach in den Arm nehmen, wie oft machte ich mir Vorwürfe, dass alles meine Schuld gewesen war. Ich hätte damals gleich mit dem Bus fahren sollen. Hätte Papa mich nicht mit dem Auto abholen wollen, wäre das alles nicht passiert. Doch Papa lebt, er ist hier. Mit rasendem Herzen blicke ich auf das Gebäude, in das Papa gegangen ist. Es ist ein Café. Im großen Fenster sehe ich, wie Papa mit dem Rücken zu mir sitzend etwas bei der Bedienung bestellt. Ich www.KlausSchenck.de / Deutsch / Berufsschule/Mittelstufe / kreatives Schreiben / S. 5 von 5 2 Klassenarbeiten (90 Minuten) zu: „Wer ist der Mann im Taxi?" habe Angst, doch ich will unbedingt zu ihm. Endlich hat all der Schmerz ein Ende, er ist wieder hier. Ich betrete das Café und gehe langsam zu dem Tisch, an dem Papa sitzt. „Papa“, bringe ich kam hörbar hervor. Er dreht sich um. „Hallo, was kann ich denn für dich tun, junge Dame?" Ich lächle und entschuldige mich bei dem Mann für die Störung. Als ich hinausgehe, ist mein Körper tonnenschwer. Es war ein Gefühl wie ein Faustschlag in den Magen. Es konnte nicht sein. Papa war seit fast zwei Jah- ren tot. www.KlausSchenck.de / Deutsch / Berufsschule/Mittelstufe / kreatives Schreiben / S. 1 von 4 2 Klassenarbeiten (90 Minuten) zu Botho Strauß: „Über Liebe“ (Restaurantbesuch) Aufgabenstellung: Erzählen Sie die Geschichte weiter oder verfassen Sie einen Tagebucheintrag. In einem Restaurant erhebt sich eine größere Runde von jungen Männern und Frauen. Es ist bezahlt worden, und alle streben in lebhafter Unterhaltung dem Ausgang zu. Doch eine Frau ist sitzen geblieben am Tisch und sinnt dem nach, was eben an Ungeheuerlichem einer gesagt hat. Die anderen stehen bereits im Windfang des Lokals, da kommt ihr Mann zurück. Er hat, kurz vor dem Aus- gang, bemerkt, daß ihm die Frau fehlt. Aber da steht sie auch schon auf und geht an ihm vorbei durch beide Türen. Aus: Botho Strauß, Über Liebe, Geschichten und Bruchstücke, Universal-Bibliothek Nr. 8621, Stuttgart 1989, S. 12. Hinweis: Die Schreibweise des Textes entspricht der verwendeten Vorlage. 1. Klassenarbeit (Fortsetzung) Sie kann es nicht fassen, was sie da gehört hat. Traut man ihr nichts zu? Sie war doch immer die Strebsame gewesen, die Ehrgeizige. Sie war schon in der Schule diejenige gewesen, die mit geringem Aufwand hervorragende Leistungen erzielt hatte. Diejenige, der man Potenzial nachsagte. Potenzial zu Großem. Beruflicher Erfolg wurde ihr beinahe zugesichert. Das war auch immer ihr Plan ge- wesen. Die Bestätigung in der eigenen Karriere zu finden. Nie konnte sie sich vor- stellen zu Hause zu bleiben, die Kinder zu hüten, die Wäsche zu bügeln, das Essen zu kochen. Doch wird es alles so kommen? Soll sie all das in Zukunft tun? Alles für den Mann, der soeben gesagt hatte, dass eben diese Aufgaben die Aufgaben einer Frau seien? Diese Aufgaben, die sie schon immer verabscheut hat? Soll sie in Zu- kunft all diese Aufgaben sorgsam erledigen, für ihren Mann? Welcher gerade eben noch gesagt hatte, dass sie nach der Elternzeit sowieso niemand mehr einstellen würde? Welcher ihre Hoffnung und Pläne zu ruinieren schien? Ihre Freundinnen und Freunde, mit denen sie zu Abend gegessen hatte, scheint das nicht zu interessieren. Laut lachend stehen sie noch am Ausgang des Restaurants. Noch während die gekränkte Frau wegläuft, kann sie die Anderen hören. Die Ande- ren, welche sie nicht zu verstehen scheinen. Und sie kann schnelle Schritte hören. Sie werden immer lauter. Und ein Rufen. Die Aufforderung stehen zu bleiben. Sie bleibt nicht stehen. Erst, als ihr Mann ihr den Weg versperrt, hält sie an und starrt voller Wut und Trauer auf den Boden. Er fragt sie, was mit ihr los sei. Kann es offen- sichtlich nicht verstehen. Warum kann er sie nicht verstehen? Gedanken schießen ihr durch den Kopf. So viele Gedanken, dass sie gar nicht antworten kann. Sie will aber auch nicht antworten und geht an ihm vorbei. Er sieht mittlerweile genervt aus. Hat er das Recht dazu? Jetzt verkündet er auch noch, dass er zurück zu den gemeinsamen Freunden geht, und dass sie nach Hause soll, sich beruhigen, sich ausruhen. Das geht ihr zu weit. Sie bricht in Tränen aus, geht durch die dunkle Gasse, die zum Rand des Flusses führt, der die Stadt in zwei Hälften teilt. Sie nimmt Platz auf einer www.KlausSchenck.de / Deutsch / Berufsschule/Mittelstufe / kreatives Schreiben / S. 2 von 4 2 Klassenarbeiten (90 Minuten) zu Botho Strauß: „Über Liebe“ (Restaurantbesuch) Sitzbank. Kann nun endlich laut weinen. Das ist sie nicht gewohnt. Andere durften sie noch nie weinen sehen. Sie ist doch eine starke Frau. Während sie da so sitzt, bemerkt sie einen jungen Mann. Er muss gehört haben, dass sie geweint hat. Ein unangenehmes Gefühl für die sonst nach außen stark wir- kende Frau. Sie erschreckt leicht, als er sie im Vorbeigehen plötzlich fragt, ob denn alles in Ordnung sei. Er bleibt stehen. Sie erwidert, dass alles bestens sei. Dem jun- gen Mann erscheint das nicht glaubhaft und er setzt sich zu ihr. Zündet sich eine Zi- garette an. Fragt sie, ob sie auch gerne eine hätte. Sie raucht nicht. Ihr fällt auf, dass er eine sehr beruhigende Stimme hat. Dass er überhaupt Ruhe ausstrahlt. Er wirkt sogar beruhigend auf ihr verstörtes Gemüt. Mit der Zeit schildert sie ihm ihr Erlebnis. Sie ist völlig perplex, als er auf einmal laut zu lachen anfängt. Es ist kein Auslachen. Es ist vielmehr ein beruhigendes Lachen. Ein schönes Lachen, dem er hinzufügt, dass das alles Quatsch sei. Er ist von dem, was er sagt, überzeugt. Bemängelt das altmodische Denken, welches seiner Meinung nach in zu vielen Köpfen noch haust. Er fängt an Beispiele aufzuzählen. Beispiele von Frauen, die all den Aussagen ge- trotzt haben, welche ihnen an den Kopf geworfen wurden. Und schlagartig geht es ihr besser. Missverständnisse geschehen, niemand kann die Zukunft deuten und vieles ist möglich. Sie hat neuen Mut geschöpft. Der freundliche, offenherzige Mann steht auf, verabschiedet sich und geht. Sie kann ihn nicht einmal fragen, wie er heißt. Sie ist sprachlos. Er ist ihr wie ein Engel erschienen. 2. Klassenarbeit (Tagebuch) Heute, den 14.02.2013, saßen wir - wie jeden Samstag - im Restaurant „Carella's". Alle waren da. Mike mit Claudia, Markus mit Susanne und Andreas mit Heike. Ich konnte die beiden ja nie großartig leiden. Aber was soll ich machen, es sind eben gute Freunde von Martin. Als wir gegessen hatten, ich hatte Bandnudeln mit Lachs- sahnesauce, bestellten Andreas und Heike für alle eine Runde Wein. Sie meinten, sie hätten eine „großartige Neuigkeit" zu berichten. Und dann kam auch schon der Satz: „Ihr werdet es kaum glauben. Wir bekommen ein Baby!" Es traf mich wie ein Schlag ins Gesicht. Ich wollte lachen und weinen gleichzeitig. Ich wusste absolut nicht, wie ich reagieren sollte. Es war schrecklich. Ich habe genau gemerkt, wie sich ein riesiger Kloß in meinem Hals gebildet hatte. Zum Glück waren in dem Moment alle Blicke auf die beiden gerichtet, sonst hätte man womöglich noch die Träne in meinen Augen gesehen. Ich wollte am liebsten flüchten, weg von diesem Tisch, raus aus dem Raum. Aber das wäre unangebracht gewesen, das weiß ich selbst. Ich musste in dem Moment - mal wieder - stark sein. Ich brachte also ein Lächeln auf meine Lippen und beglückwünschte die beiden. Als ich sah, wie sich alle anderen für sie freuten, wurde mein Kloß noch größer und ich verspürte wieder diese Wut in mei- nem Bauch. Warum muss diese Welt denn nur so ungerecht sein. Warum nur? www.KlausSchenck.de / Deutsch / Berufsschule/Mittelstufe / kreatives Schreiben / S. 3 von 4 2 Klassenarbeiten (90 Minuten) zu Botho Strauß: „Über Liebe“ (Restaurantbesuch) Seit meiner Fehlgeburt vor einem halben Jahr ist einfach alles anders. Ich denke an- ders über das Leben, die Welt, die Menschen. Es ist so unfair. Ich habe es mir doch so sehr gewünscht. Ich wollte es doch unbedingt. Mein Lebenstraum. Alles, wofür ich gelebt habe - in nur einer Sekunde vorbei. Von jetzt auf gleich, ohne jegliche Vor- warnung. Es tut so weh. Ich leide so sehr unter der Situation, dass ich anderen Mit- menschen nicht einmal deren Glück gönne. Wieso kann jeder auf dieser Welt ein Baby bekommen außer mir? Es ist ein Geschenk Gottes, wieso darf ausgerechnet mir so etwas Wunderbares nicht widerfahren? Ich war doch immer gut zu allen. Ich habe immer zu Gott gebetet. Es war mein einziger Wunsch. Ich wollte eine glückliche Familie. Heute in zwei Monaten ist der errechnete Geburtstermin. Ich fühle mich so allein. Martin ist ja nie da. Unter der Woche ist er auf Geschäftsreise und am Wo- chenende macht er lieber was mit seinen Kumpels. Ich brauche doch nur ein kleines bisschen Halt. Ein klein wenig Unterstützung. Ich möchte mal wieder gefragt werden: „Wie geht es dir, Schatz?" Ich vermisse diese zärtlichen Berührungen. Seit der Fehl- geburt haben wir uns so sehr auseinander gelebt. Wie wäre es nur, wenn ich jetzt mit einem dicken Schwangerschaftsbauch hier sitzen würde? Wäre es dann anders? Bestimmt! Wir hatten uns beide so auf unser Kind gefreut. Wir haben uns schon die Zukunft ganz bunt ausgemalt. Da war dieses kleine Einfamilienhaus an der Ostsee. Mit großem Garten, Sandkasten und Rutsche für unsere drei Kinder. Direkt am Strand. Es hätte alles so wunderbar werden können. Aber jetzt? Wir haben uns nicht mehr viel zu erzählen. Ihm ist vorhin ja nicht mal aufgefallen, wie sehr mich diese „Babyankündigung" mitgenommen hat. Er hat nicht bemerkt, dass ich noch am Tisch saß, als er mit anderen schon auf dem Weg zum Ausgang war. Er achtet einfach nicht mehr auf mich. Das macht mich unheimlich traurig. Wir waren immer ein einge- spieltes Team. Manch einer nannte uns „Traumpaar des Jahrhunderts." Diese Zeiten waren so schön. Ich vermisse sie. Und vor allem vermisse ich Martin. Seine Nähe, seinen Duft. Einfach alles. Ich liebe ihn wie am ersten Tag. Aber es hat sich eben alles grundlegend verändert. Ich bin mir sicher, dass das an der Fehlgeburt liegt. Er hat es sich doch auch so sehr gewünscht. Aber ich kann ihm diesen Wunsch leider nie wieder erfüllen. Ich kann keine Kinder mehr bekommen. Es tut so weh. Ich denke oft - sehr oft - darüber nach, wie es wohl wäre ein fremdes Kind großzuziehen. Wäre es das Gleiche wie ein eigenes Kind? Könnte man ihm so viel Liebe, Kraft und Ener- gie schenken wie einem Kind, das sein eigen Fleisch und Blut ist? Ich weiß es nicht. Ich kann es mir einfach nicht vorstellen. Wie soll das funktionieren? Ich habe solche Kopfschmerzen vom vielen Nachdenken. Ich weiß nicht mehr, was ich tun soll. Ich wollte doch unbedingt diese kleinen, leuchtenden Kinderaugen aufwachsen sehen. Den ersten Kindergartentag, erster Schultag, die erste schlechte Schulnote, die ers- ten Bekanntschaften, die erste Ausbildung. Das alles wollte ich hautnah miterleben. Doch dieser Traum ist geplatzt wie eine Seifenblase. Ich kann einfach nicht mehr. Sollten Martin und ich tatsächlich über eine Adoption nachdenken? Wäre das eine gute Option für uns? Wie läuft das Ganze überhaupt ab? Wollen wir ein deutsches Kind oder doch lieber ein Kind aus dem Ausland, dem wir hier in Deutschland even- tuell ein besseres Leben bieten können? So viele Fragen. Ich habe Angst, nein, www.KlausSchenck.de / Deutsch / Berufsschule/Mittelstufe / kreatives Schreiben / S. 4 von 4 2 Klassenarbeiten (90 Minuten) zu Botho Strauß: „Über Liebe“ (Restaurantbesuch) Respekt davor mit Martin darüber zu reden. Wir sind zwar schon seit über fünf Jah- ren zusammen, aber das ist eben doch ein sehr umfangreiches und kompliziertes Thema. Wir würden uns auf völligem Neuland befinden. Niemand in unseren Fami- lien oder im Freundeskreis hat ein adoptiertes Kind. Würden sie uns dann noch ak- zeptieren? Oder würden sie uns abstoßen wie ein vergammeltes Stück Fleisch? So viele Fragen, aber keine Antworten. Ich werde wohl in den nächsten Tagen mit Martin darüber sprechen müssen, denn so wie es jetzt ist, kann es definitiv nicht weitergehen. Ich versuche jetzt ein wenig zu schlafen, um das Geschehene zu ver- arbeiten. Gute Nacht! www.KlausSchenck.de/ Berufsschule / Mittelstufe / Deutsch / Schenck / S. 1 von 3 Tipps und Strategien: kreatives Schreiben Prüfung: kreatives Schreiben Geschichte fortsetzen O Geschichte verstehen, sich ganz konkret vorstellen, sich in jede Person einfühlen, sich dafür entsprechend Zeit nehmen Sich überlegen, wie die Geschichte weitergehen könnte O O O O O O In Stichworten ein Mindmap oder eine logische Verbindungskette mit Einzel-Wörtern, aber nicht mehr Sich überlegen, wie es ausgehen könnte und was man braucht (Gegenstände, z.B. Waffen usw., Gespräche, Treffen, Begeg- nungen mit anderen Personen usw.), um zu diesem Schluss zu kommen. Ein überraschender Schluss ist zentral, hier muss die Pointe liegen, hier muss man sich wirklich etwas einfallen las- sen! Im Schreibfluss wird sich sowieso noch vieles verändern, neue Ideen entstehen, auch für diese offen sein! Sich die Namen (richtig schreiben!) der Personen auf einen Zettel notie- ren mit Alter, kurzer Charakteristik, Beziehung zu anderen, sich an die- sem Zettel beim Auftreten der Personen orientieren. Beim Aufsatzbeginn: Die letzten zwei bis drei Sätze der Geschichte ab- schreiben, um sich in Schreibstil, Zeit (meist Präteritum) einzustimmen. Sich dann alles genau vorstellen, genau beschreiben, sodass der Leser sich alles genau vorstellen, ein Bild der Situation malen kann. Die Ge- fühle der Hauptperson beschreiben, in ihr Inneres blicken, besonders bei Ich-Erzählungen. Ansonsten die Hauptperson in den Mittelpunkt stellen, bei ihr ihr Denken und Fühlen beschreiben, aber nicht bei den anderen Personen, also personale Erzählperspektive mit inneren Mo- nologen. ■ Dialoge einbauen, die aber sprachlich stimmig sein müssen! Keine Gossensprache benutzen, auch wenn es in der Situation möglich wäre! Nicht zu viel verraten, manches nur andeuten, was dann später einer Lösung zugeführt werden wird, das muss aber geschehen. Es geht nicht, anzudeuten, dann sich aber um die Lösung zu drücken! Es kann nicht sein, den Schluss offen zu lassen, weil einem nichts mehr einfällt oder man ganz einfach keine Idee für einen tollen Schluss hat und fertig werden will. Es muss eine klare, komplett überraschende Lösung geben! www.KlausSchenck.de / Berufsschule / Mittelstufe / Deutsch / Schenck / S. 2 von 3 Tipps und Strategien: kreatives Schreiben O In der Prüfung (120 Minuten) kann ein sprachl-trainierter, kreativer Schüler gut um die zehn Seiten schreiben. > Perspektive wechseln O Die Geschichte sehr gut verstehen, dank Unterstreichen und Markieren die Geschichte komplett inhaltlich beherrschen. Sich extrem gut in diese Geschichte hineindenken, Ort, Zeit, Stimmung, Atmosphäre usw. Sich genau die Person vorstellen, aus deren Perspektive man die Ge- schichte neu schreiben soll. In dem vorliegenden Text alle Teile streichen, die die zentrale Person nicht kennen kann und ohne Bedeutung für sie sind, die also keine Rolle spielen dürfen, sonst ist die Aufgabe an diesem Punkt nicht erfüllt! O O O Aus der Perspektive dieser Person die Geschichte neu schreiben, sich auf ihre Gefühle konzentrieren, also mit inneren Monologen arbeiten. Sich „Leerstellen" in der Geschichte überlegen, die man aus der Perspektive der Person füllen könnte, sodass die Geschichte in ihrem Aufbau erhalten bleibt, jedoch durch die Perspektive der anderen Per- son erweitert wird. Hier bieten sich meist innere Monologe an. o Aufpassen, wenn man weitere Personen einführt, dies muss innerhalb des vorgegebenen Rahmens möglich sein, sonst geht es nicht! O Eine Sprache benutzen, die der Person entspricht, z.B. Jugendsprache, aber keine Gossensprache, auch wenn sie stimmig wäre! Die Seitenzahl dürfte deutlich geringer als bei der Fortsetzungsge- schichte sein, bei 120 Minuten um die 5-6 Seiten. O ■ ➤ Brief schreiben O O O Sich exakt in die Geschichte einlesen, einfühlen. Die für die Briefe ent- scheidende Person in einem selbst als klares und differenziertes Bild entstehen lassen. Sich genau überlegen, wer schickt warum an wen welchen Brief. Der Inhalt muss passen, die Anrede, besonders der Inhalt (Bitte, Ziele, Le- benserklärungen, Hoffnungen, Liebesschwüre, Angriffe usw.) und na- türlich der Abschluss-Gruß. Sich vorher ein paar Stichworte zum Inhalt notieren. Sich genau überlegen, wer ist der Adressat, wie ist sein Verhältnis zum Absender. Der Brief muss dem Adressaten Rechnung tragen, muss also angemessen sein. Da es sich meist um private Briefe handelt, bedarf es der Formen eines Geschäftsbriefes nicht, also Datum, Ort, aber keine Adresse, schon gar kein Betreff und der Gruß dürfte auch nicht sein: „Mit freundlichen Grü- Ben". www.KlausSchenck.de / Berufsschule / Mittelstufe / Deutsch / Schenck / S. 3 von 3 Tipps und Strategien: kreatives Schreiben O Die Brieflänge bewegt sich im Durchschnitt um vier, fünf Seiten. > Tagebuch schreiben O O O Es ist die persönlichste Form, die man sich beim kreativen Schreiben vorstellen kann. Im Zentrum stehen das Ich und seine innersten Ge- fühle, die in emotionaler Deutlichkeit zu Papier gebracht werden. Ir- gendwelche Rücksichten auf andere Personen gibt es von der Auf- satzform her nicht. Sich inhaltlich klare Gedanken vorher machen: Was sind meine Ge- fühle in Blick auf das Thema, welche überraschende Lösung, welchen überraschenden Grund vertraue ich dem Tagebuch an. Die Sprache ist eine sehr emotionale, dennoch niemanden in Gossen- sprache beschimpfen, es auch mit der Emotionalität sprachlich nicht übertreiben, letztendlich ist es ein Aufsatz, den mindestens eine andere Person liest, in der Prüfungssituation sogar zwei. o Übliche Länge: vier bis sechs Seiten O Sich emotional auf den Text, die Situation einlassen, innerlich voll zum Tagebuchschreiber werden - mit allen Gefühlen! Keine Anrede „Liebes Tagebuch", macht an sich auch keinen Sinn, auch wenn es die Schüler lieben. Am besten mit einem Datum oder nur mit einem oben genannten Wochentag begin- nen, kurz die vorausgegangene Situation sprachlich skizzieren, zwei, drei Sätze, aber nicht mehr. Dann die eigene Position, die eigene Verteidigung, die eigene Begründung. Am Schluss auch nicht mit vielen Dank, liebes Tagebuch!“ enden, sondern viel- leicht benennen, wie erleichternd es ist, es niedergeschrieben zu haben. Klaus Schenck, OSR. a.D. Fächer: Deutsch, Religion, Psychologie (Wahlfach) Drei Internet-Kanäle: Schul-Material: www.KlausSchenck.de Schüler-Artikel: www.schuelerzeitung-tbb.de Schul-Sendungen: https://www.youtube.com/user/financialtaime ,,Vom Engagement-Lehrer zum Lehrer-Zombie"/Bange-Verlag 2020: Info-Flyer: http://www.klausschenck.de/ks/downloads/f02-werbeflyer-buch- entwurf-2020-11-26.pdf NEU! IN the Se Te Ha U KLAUS SCHENGE LEHRER VON ENGAGEMENT Das Power-Buch von Klaus Schenck P -7UM LEHRER-ZOMBIE www.KlausSchenck.de / Deutsch / Berufsschule/Mittelstufe / kreatives Schreiben / S. 1 von 5 2 Klassenarbeiten (90 Minuten) zum Umzug ins Möbelhaus Aufgabenstellung: Aufgabentyp 2 Kreatives Schreiben Wählen Sie eine der beiden Aufgaben. (Anlage 2) • Schildern Sie den Ablauf des ganzen Tages aus der Sicht der Mutter. Gehen Sie dabei auf deren Gefühle und Beweggründe ein. Oder • Sie sind Mitarbeiter bzw. Mitarbeiterin des Möbelgeschäfts und haben den "Einzug" hautnah miterlebt. Am Abend erzählen Sie Ihrer Freundin/Ihrem Freund möglichst genau von den Geschehnissen des Tages. Anlage 2 Umzug ins Möbelhaus London (dpa) - Aus Protest gegen eine ausgebliebene Möbellieferung ist eine Mutter mit ihrer dreijährigen Tochter in Cambridge kurzerhand ins Möbelgeschäft gezogen. Die 30-Jährige hängte ihre Kleidung in einen Schrank, legte sich mit ihrer Tochter auf ein Bett und las ihr aus einem Buch vor. Die Frau hatte seit Anfang September auf dem Fußboden übernachten müssen, weil das Möbelgeschäft nur einen Teil eines Schlafzimmers geliefert hatte, das sie bereits im Juli gekauft hatte. Mehrere Beschwerden waren ohne Erfolg geblieben. Quelle: Esslinger Zeitung vom 03.11.2008, S. 1 1. Klassenarbeit – Sicht der Mutter Auf das leise Knacken des Babyphones folgt ein Wimmern. Ich wache auf. Mit den Fingern taste ich nach dem Lichtschalter und blicke auf die Uhr: Sechs Uhr morgens. Ich klaube meinen müden Körper vom Boden auf, fluche und tapse hinüber ins Kin- derzimmer, wo mich meine dreijährige Tochter Emma weinend auf dem Sofa stehend empfängt. Ich nehme sie auf den Arm und begebe mich hinüber zur Haustüre unse- rer Wohnung. Ich stolpere über einen liegen gebliebenen Bauklotz und fluche so er- neut. Wenigstens weint Emma jetzt nicht mehr. Ich setze die Kleine in den Kinderwa- gen, der momentan noch als Hochstuhl dient, gebe ihr einen Keks in die Hand und gehe zur Küche. Auf dem Weg dorthin bemerke ich einen bunten Brief, der direkt unter dem Postschlitz liegt. Ich weiß genau, wo dieser Brief herkommt. Das ver- fluchte Möbelhaus. Ich hebe den Brief auf, reiße ihn auf und bin auf einmal wutent- brannt, als ich den Text überfliege. ,,Liebe Frau Baron, es tut uns Leid Ihnen mitteilen zu müssen, dass sich die Lieferung Ihres Schlafzimmers um weitere 14 Tage verzögert. Für Ihre Geduld haben wir Ihnen einen 5€ - Wertgutschein unseres Möbelhauses beigelegt." Unfassbar. Ich merke, wie die Wut der ganzen letzten Wochen in mir aufsteigt und das Blut in meine Ohren zu rauschen beginnt. Als hätten die ganzen Demütigungen der letzten Monate kein Ende. Erst mein Ex-Mann, der mir nach fünf Jahren Ehe und gemeinsamem Kind eröffnet, dass er sich neu und unsterblich in eine 20-jährige Tänzerin verliebt hat. Die darauf folgende Scheidung und der Auszug aus der ge- meinsamen Wohnung. Der Gedanke daran trifft mich wie ein Stich ins Herz. Wie konnte er mich und Emma nach so langer gemeinsamer Zeit verlassen und raus- werfen. Noch wütender macht es mich, wenn ich daran denke, dass er jetzt mit sei- ner neuen Liebschaft in meinem liebevoll eingerichteten Zuhause sitzt und ich jetzt hier mit Emma in einer kaum eingerichteten, kleinen Wohnung zwischen Umzugs- kartons lebe. Als ich den Blick wieder auf den Brief des Möbelhauses in meiner Hand richte, trifft es mich wie ein Schlag in den Magen! Kurz nach dem Auszug und der Scheidung hatte ich bei Möbelhaus ein neues Schlafzimmer mit Bett und Schrank www.KlausSchenck.de / Deutsch / Berufsschule/Mittelstufe / kreatives Schreiben / S. 2 von 5 2 Klassenarbeiten (90 Minuten) zum Umzug ins Möbelhaus bestellt, um auch hier Emma ein Zuhause bieten zu können. Das Möbelhaus hatte mir damals im Juli versichert, dass die Möbel rechtzeitig zum Bezug der neuen Woh- nung geliefert würden. Dieses Versprechen ist jetzt bereits über zwei Monate her und es ist nichts geschehen. Seit dem Einzug in die Wohnung schlafe ich notdürftig auf übereinander gelegten Handtüchern, habe meine Sachen in den Umzugskartons und Emma schläft auf einem kleinen Sofa. Ich bin stink-wütend. Seit Wochen ist Emma, so wie heute, jeden Morgen wach und weint, weil sie kein richtiges Bett zum Schlafen hat. Ich bin ebenfalls immer müde, schlapp und traurig. Ja, die Traurigkeit über die Trennung und den Zustand hier ist wohl das Schlimmste. Ich merke, wie Tränen in mir aufsteigen und sich ein Kloß in meinem Hals bildet. Das darf doch nicht wahr sein. Wie kann dieses Möbelhaus nur so unzuverlässig sein und selbst nach zahlrei- chen Beschwerden so dreist sein, mir statt meines Schlafzimmers einen Gutschein zu senden. Jetzt ist Schluss mit den Demütigungen. Was mein Ex-Mann angefangen hat, muss dieses Möbelhaus nicht fortführen. Ein Weinen reißt mich aus den Gedanken. Ich schaue zu Emma hinüber und sehe, dass sie über die wenige Aufmerksamkeit der letzten Minuten wohl gar nicht glücklich ist. Ich begebe mich hinüber, nehme sie aus dem Kinderwagen und flüstere ihr zu: „So, jetzt ist Schluss, Emma, wir machen einen Ausflug." Ich ziehe Emma an, packe eine Tasche mit Kleidung, setze Emma in den Kinderwagen, ziehe die Wohnungstür hinter mir zu und atme tief durch. Jetzt ist end- lich Schluss. Ich nehme all meinen Mut zusammen und mache mich auf den Weg zum Möbelhaus. Mein Herz pocht immer schneller, als ich mich zu Fuß mit Kinder- wagen dem Möbelhaus nähere. Emma ist inzwischen eingeschlafen. Ich betrete das Möbelhaus und werde von der üblichen Gute-Laune-Musik empfangen. Doch heute nicht, nicht mit mir. Ich bin sauer, traurig und aufgebracht zugleich, als ich mich auf den Weg Richtung Schlafzimmerabteilung mache. Schluss mit den ganzen Demüti- gungen. Ich fasse nochmals allen Mut und den letzten Rest Würde, den mir mein Ex- Mann gelassen hat, zusammen und gehe zu dem aufgebauten Schlafzimmer, das schon längst in meiner Wohnung hätte stehen sollen. Ich merke, wie einige Leute mich bereits anschauen. Sollen sie doch, die haben ja keine Ahnung, was ich und Emma durchgemacht haben. Ich stelle den Kinderwagen neben dem Bett ab, nehme Emma heraus, lege sie in das große Bett, packe die Kleidung aus meiner Tasche in den großen Kleiderschrank und lege mich mit einem Buch neben Emma in das Bett und lese ihr eine Geschichte vor. Ich merke, wie sich immer mehr Menschen um uns ansammeln, tuscheln und mit dem Finger auf uns zeigen. Das ist mir alles egal. Ich bin genug gedemütigt worden und habe auf dem Boden geschlafen, weil das Möbel- haus es nicht für eilig erachtet hat, mir genau dieses Schlafzimmer zu liefern. Ganze zwei Monate hatte ich Geduld, doch genug ist genug. Ich sehe aus dem Augenwin- kel, dass zwei aufgebrachte Mitarbeiter auf mich zukommen. Mit wilden Gesten for- dern sich mich dazu auf das Bett und den Schrank zu räumen. Ich merke, wie Emma aufwacht und lese weiter vor. Nach mehrmaligem Auffordern der Mitarbeiter klappe ich das Buch schließlich zu und erzähle ihnen mit zitternder Stimme von meiner Ge- schichte und dem Vorfall. Sollte das Schlafzimmer nach etlichen Bitten nicht zu mir kommen, kommen ich und Emma eben zu ihm. Ich werde nicht nachgeben, auch wenn alle Menschen um mich herum lachen und tuscheln. Der Rest des Tages geht wie im Zeitraffer an mir vorbei. Erst Möbelhaus, dann Büro des Chefs, Zuhause, Mö- bellieferung. Am nächsten Morgen wache ich auf und gehe zum Briefschlitz, hole die Tageszeitung und schlage die erste Seite auf. Was ich dort lese, bringt mich voll zum Schmunzeln. www.KlausSchenck.de / Deutsch / Berufsschule/Mittelstufe / kreatives Schreiben / S. 3 von 5 2 Klassenarbeiten (90 Minuten) zum Umzug ins Möbelhaus ,,London (dpa) - Aus Protest gegen eine ausgebliebene Möbellieferung ist eine Mut- ter mit ihrer dreijährigen Tochter in Cambridge kurzerhand ins Möbelgeschäft gezo- gen. ..." Stolz klappe ich die Zeitung zu und blicke hinüber auf mein neu erkämpftes Schlaf- zimmer, in dessen Bett meine Emma immer noch schläft. 2. Klassenarbeit – Sicht des Mitarbeiters ,,Hallo Schatz! Na, wie war dein Tag heute?“ Wie immer kam Martin gutgelaunt nach Hause. „Ach, der reinste Wahnsinn! Die Leute werden immer verrückter. Auf welche Ideen die kommen, das glaubt man gar nicht. Aber die Aktion heute hat echt alles getoppt. Ich war gerade in der Abteilung mit Schlafzimmern, als plötzlich eine Frau mit ihrer kleinen Tochter und einem großen Reisekoffer unser Möbelhaus betrat. Ich fand es zwar sehr komisch, aber habe mir keine weiteren Gedanken gemacht. Viel- leicht ist sie ja auf der Durchreise und braucht noch etwas. Schließlich habe ich sie auch aus den Augen verloren. Ein paar Minuten später kam dann mein Termin, ein junges Ehepaar, zu mir. Mit denen hatte ich Großes vor, schließlich möchten sie ihr komplettes Haus einrichten. Nach der Begrüßung wollte ich zuerst mit ihnen durch die Abteilung der Schlafzimmer. Doch, als wir zum dritten Schlafzimmer um die Ecke gingen, dachte ich, mich trifft der Schlag. Die Frau, die mit ihrem Kind und dem Rei- sekoffer heute Morgen kam, saß mit ihrer Tochter auf dem Bett und las ihr aus einem Buch vor. Das musst du dir mal vorstellen! Total wahnsinnig! Die Frau ließ sich von uns auch überhaupt nicht beirren und du kannst dir vorstellen, dass das Ehepaar ganz schön blöd aus der Wäsche geschaut hat. Ich wusste selbst nicht, ob ich wei- nen oder lachen sollte. Der Koffer lag offen auf dem Boden und ich habe mich natür- lich gefragt, was die Frau denn darin hatte. Eine schlimme Befürchtung hatte ich be- reits, die sich schließlich auch bewahrheitete. Ich ging zu einem der Kleiderschränke und öffnete ihn vorsichtig. Die Frau hatte doch tatsächlich ihre und die Kleider ihrer Tochter sorgfältig auf die Bügel in den Schrank gehängt. Das war echt zu viel für mich, doch trotzdem bat ich sie freundlich darum, ihre Kleider wieder in ihren Reise- koffer zu packen und das Möbelhaus zu verlassen. Bevor die Frau nur irgendetwas sagen konnte, schnappte ich mir das junge Ehepaar und ging zu den nächsten Schlafzimmern und ich muss sagen, es lief echt gut - trotz des Zwischenfalls. Als wir dann bei den Schlafzimmern fertig waren, gingen wir zu den Bädern. Auf dem Weg dorthin habe ich unauffällig einen Blick in das Schlafzimmer geworfen, in dem eine halbe Stunde zuvor noch die Frau war. Ich hätte es zwar nie geglaubt, aber sie war wirklich nicht mehr da und ich konnte aufatmen. Doch ich freute mich zu früh. Wir besichtigten die Badezimmer und das Ehepaar war so glücklich, weil die Eheleute genau das Richtige gefunden hatten. Trotzdem wollten sie den Rest auch noch se- hen. Ein großer Fehler! Denn, als wir weiter gingen, riss es uns allen den Boden un- ter den Füßen weg. Da saß die Tochter dieser Frau auf einer Toilette! Und sie war da nicht zum Spaß, das kannst du mir glauben. Nur blöd, dass die Toiletten nicht funkti- onieren. In dem Moment kam natürlich auch noch der Chef um die Ecke. Aber der nahm das alles sehr lässig. Er meinte nur, dass das ja mal passieren kann und ich die Kleine jetzt auf die richtige Toilette bringen soll. Also brachte ich meinen Kunden in eine ruhige Ecke und servierte ihnen einen Kaffee. Ich hatte so Angst, dass sie gleich gehen würden. Danach führte ich den kleinen Giftzwerg dann zu unserer rich- tigen Toilette. Anschließend wollte ich sie zu ihrer Mutter bringen, doch die war nir- www.KlausSchenck.de / Deutsch / Berufsschule/Mittelstufe / kreatives Schreiben / S. 4 von 5 2 Klassenarbeiten (90 Minuten) zum Umzug ins Möbelhaus gends zu finden. Mir kam dann aber die schlaue Idee, die Kleine in unser Kinderpa- radies zu geben. Ich ging wieder nach oben zu meinen Kunden, die aber nicht mehr so glücklich waren. Ich traute mich auch zuerst nicht mehr mit ihnen das Haus zu besichtigen und beschloss zuerst, das Schlaf- und Badezimmer Geschäft fest zu ma- chen. Es dauerte etwa neunzig Minuten, bis ich alle Wünsche und Träume berück- sichtigt hatte. Aber das war schon mal eine große Erleichterung für mich. Das Ehe- paar wollte als nächstes eine Küche kaufen, also gingen wir zum Küchenstudio. Aber der Schreck saß mir noch tief in den Knochen und ich hatte meine Augen überall. Wir waren schon fast am Ende, als ich plötzlich ein lautes Klirren hörte. Ich rannte sofort los und hatte richtig Angst. Ich wusste nicht, was mich erwartete. Als ich in die Küche kam, wollte ich schon losbrüllen, doch da schaute mich nur unser neuer Auszubil- dender ganz verängstigt an. Ich musste sogar anfangen zu lachen. Er hatte nur eine Glasschüssel beim Einrichten fallen gelassen. Beruhigt ging ich wieder zurück und erzählte sogar den Kunden die Geschichte. Auf dem Weg zur letzten Küche atmete ich schon auf. Doch da blieb mir wieder die Spucke weg. Die Frau war immer noch da! Sie war gerade dabei, einen Fleischbrocken in den Backofen zu schieben! Zur Bemerkung: Der Backofen funktioniert nicht. Damit hatte sie den Bogen echt über- spannt. Ich ging zu unserem Chef und holte ihn zu dem Geschehen. Er glaubte auch nicht, was er da sah. In einem netten Ton bat er die Frau hinaus. Nebenbei erzählte ich ihm dann noch die Geschichte mit dem Schlafzimmer und auch, dass das Kind auch ihr gehört. Er war fassungslos und dann eskalierte die Situation. Die Frau fing an zu schreien, dass sie seit September auf dem Fußboden schlafen müsse, weil wir ihr nur einen Teil des Schlafzimmers geliefert hätten, das sie schon im Juli gekauft hatte. Der Chef versuchte sie zu beruhigen, doch es war zwecklos. Ich wusste nicht, was ich tun sollte. Die Frau war so aufgebracht, dass ich echt Angst bekam. Schließ- lich rief ich die Polizei, die sich aber ganz schön Zeit ließ. Ich brachte zuerst noch meine Kunden dort weg, bevor sie es sich anders überlegten. Mir blieb auch nichts anderes übrig, als sie in unser Restaurant einzuladen. Sonst wären sie mir nie im Leben da geblieben. Während dem Essen konnte ich beobachten, wie sie die Frau sogar mit Handschellen abführten. Das war echt heftig! Die muss sich ja gefühlt ha- ben wie eine Schwerverbrecherin. Mein Chef schaute nach oben und winkte mich bei. Ich entschuldigte mich bei den Kunden und ging hinunter. Er wollte wissen, wo das Mädchen stecke. Zusammen gingen wir zum Kinderparadies, doch da war sie nicht mehr. Ich glaube, uns beiden war die Panik ins Gesicht geschrieben. Wir hatten noch zwei Kollegen und teilten uns auf. Einer ins Küchenstudio, der Chef zu den Schlaf- und Esszimmern, einer zu den Toiletten und Bädern und ich zu den Wohn- du Kinderzimmern. Wie von einer Tarantel gestochen liefen wir los. Nach ein paar Minuten trafen wir uns wieder. Doch keiner hatte sie gefunden. Wir wussten nicht, wo wir noch suchen sollten. Der Chef ging in sein Büro und kurze Zeit später hörte ich nur einen lauten Schrei. Das war der Chef! Ich rannte zu ihm ins Büro, wo die halbe Belegschaft bereits versammelt war. Da saß das kleine Mädchen auf dem Boden mit der Keksdose vom Chef in der Hand. Um sie herum lagen die ganzen Ordner und Blätter verstreut. Und überall waren Krümel. Aber so unschuldig, wie sie uns ansah, konnte man ihr überhaupt nicht böse sein. Ich nahm sie dann auf den Arm und brachte sie zum Polizeiauto, in dem schon ihre Mutter war. Sie ist jetzt noch einmal mit einer Verwarnung davon gekommen. Das Schlafzimmer wird dann vollständig in den nächsten Tagen geliefert und wahrscheinlich bekommt sie sogar noch eine Ent- schädigung von uns. Jetzt im Nachhinein kann ich sogar darüber lachen, aber vorhin fand ich es überhaupt nicht mehr lustig. Ich kann dir sagen, das war der schlimmste Tag für mich und ich werde nie mehr in Ruhe Kunden durch unser Möbelhaus führen können! Aber wenigstens sind mir meine Kunden trotzdem treu geblieben!" www.KlausSchenck.de / Deutsch / Berufsschule/Mittelstufe / kreatives Schreiben / S. 1 von 5 2 Klassenarbeiten (90 Minuten) zu: ein Obdachloser in der Uni-Bibliothek Aufgabe: Erzähle aus der Sicht des Obdachlosen seine Erlebnisse in der Bibliothek! (Quelle: FN, 1.3.2013) Universität: Obdachloser wohnt wochenlang in einer Bibliothek der geschichtsträchtigen Universität Cambridge onica stuen. Schlummern unter dicken Schmökern Von unserer Korrespondentin Jasmin Fischer LONDON. Ganz viel Interesse an di- cken Schmökern vorgaukeln, aber heimlich hinterm Bücherstapel ein Nickerchen halten: Mit diesem Trick hat es ein Obdachloser geschafft, die kalten Januartage in der Bibliothek der Elite-Universität Cambridge zu überwintern. Ganz kluge Köpfe haben dort schon, an den schönen Erkerfens- tern im St. John's College mit Blick auf das Flüsschen Cam, gesessen und gepaukt - neun Nobelpreisträ- ger, sechs Premierminister, drei Hei- lige und zwei Prinzen. In diese illus- tre Runde von VIP-Gelehrten darf sich der Namenlose ohne Obdach ab sofort einreihen: Sein Show-Talent hat ihn nämlich im ganzen König- reich bekannt gemacht. Thema ,,Identität und Religion" Seit Silvester soll der Mann in der an- genehm beheizten College-Büche- rei gewohnt haben. Die Abteilung mit den Geschichtsschmökern hatte es ihm nach Angaben von Studenten offenbar besonders angetan. Die Sit- ze bei den Historikern gelten als be- quem, das Ambiente als strikt stö- rungsfrei. Der Dauer-Gast wurde dort gesehen, wie er durch Bücher blätterte, ab und an eine E-Mail vom Gemeinschaftsrechner abschickte und im Großen und Ganzen so tat, als wäre er ziemlich beschäftigt. Mit Gruppen von Studenten hat der Mann sich immer wieder in sein apartes Domizil geschmuggelt. Nö- tig ist für den Zutritt eine Magnet- Karte; zum Lernen und Lesen ist das historische Gebäude aus dem Jahr 1511 rund um die Uhr geöffnet. Er habe weder streng gerochen noch abgerissen ausgesehen, berichten Studenten. Auf Nachfrage habe er vorgegeben, über „Identität und Re- ligion" zu forschen. Sein Essen hat er sich in Plastiktüten mit in die exklu- siven Räumlichkeiten gebracht. Aufgefallen ist der Mann Mitte 30 nur, weil er tagein, tagaus dieselben Sachen getragen und sein Schnar- chen die echten Studenten gestört hat. Misstrauische Reporter der Campus-Zeitung stellten ihn zur Rede. Als er sich nicht als Uni-Mit- glied ausweisen konnte, beförderte ein Portier den ungebetenen Haus- gast nach draußen. Dort verliert sich seine Spur. Bei 31 Colleges, die die Universität Cambridge in der Kleinstadt unterhält, hat ,,Dr. Myste- ry" sicher längst einen neuen Unter- schlupf gefunden. 1. Klassenarbeit Das neue Jahr hat wieder begonnen. Wieder ein weiteres Jahr auf der Straße. Wie- der die Kälte besiegen. Wieder alleine kämpfen. Ich wusste nicht wohin. Alle Ob- dachlosenheime waren überfüllt. Am Bahnhof gab es ein Tonnenfeuer, an dem man sich wärmen konnte. Ich wollte aber nicht bei den anderen sein. Ich wollte nicht als ,,Alki" bezeichnet werden. Ich wollte nicht als „Penner“ zählen. Also hielt ich mich von den anderen fern. Ich mied das Feuer und diese Art von Zusammenkunft. Ich hatte mit etwas Geld durch das Sammeln von Pfandflaschen dazu verdient. Also ging ich in das Café um die Ecke. Ich bestellte mir einen Kaffee und habe ihn sehr langsam getrunken, damit ich ein Recht darauf hatte zu bleiben. Doch die Besitzer kannten mich vom Sehen. Sie gaben mir oftmals ein belegtes Brot mit auf den Weg oder so- gar ein süßes Stückchen. Das packten sie mir dann in eine Plastiktüte, damit ich es wo anders essen konnte. Sie hatten Mitleid mit mir. Zwar nicht so viel, dass mein Aufenthalt in dem Café erwünscht war, aber immerhin durfte ich mich dort für ca. eine halbe Stunde aufhalten, bis mein Kaffee leer war. Dann gaben sie mir freundli- cherweise (ohne eine Gegenleistung zu erwarten) mein Essen. Es war nett, aber be- stimmt. Das Essen zu erhalten war ein deutliches Zeichen für: „Du kannst jetzt ge- hen, bis morgen!" Beim Verlassen des Cafés fiel mir eine Gruppe Jugendlicher auf, die gerade gemeinsam lernten. Einer schlug dem anderen vor in die Bücherei zu ge- hen, denn da sei mehr Platz. Die Karte habe er bei sich, sie müssten also nicht mehr zurück in ihren Wohnblock. Ich ging vor die Türe und hatte mir ernsthaft überlegt, ob ich nicht doch zum Feuer gehen solle. Das Obdachlosenheim hätte erst in vier Stun- den aufgemacht. So ungern ich dort auch hingegangen wäre, dort hätte ich mich zu- mindest (wie jeden 2. Tag) für 15 Minuten unter die heiße Dusche stellen können. Als ich noch am Überlegen war, kam die Gruppe Studenten aus dem Café und zeit- gleich kam mir die Idee. Hatte der große Blonde nicht erwähnt, dass er seine Karte dabei hat und WIR deshalb vorher nicht mehr zurück in den Wohnblock mussten? War das ein Wink vom Schicksal? Eine geniale Idee meinerseits? Oder einfach nur www.KlausSchenck.de / Deutsch / Berufsschule/Mittelstufe / kreatives Schreiben / S. 2 von 5 2 Klassenarbeiten (90 Minuten) zu: ein Obdachloser in der Uni-Bibliothek irre und bekloppt? Ich tappte der Gruppe mit einem Sicherheitsabstand von ca. drei Metern hinterher. Nach zehn Minuten waren wir schon da. Das ging schnell, ich wusste ja nicht, zu welcher Bücherei sie gehen. In dieser Stadt gibt es unzählig viele davon. Ich hatte mir noch keinen Plan ausgedacht, wie ich es rein schaffen sollte. „In einer Gruppe von vier Leuten falle ich bestimmt auf“, schoss es mir durch den Kopf. Hinter mir kamen weitere Leute und „meine“ Gruppe verschwand in der Eingangs- halle. Die hinteren Leute schoben mich nach vorne, hielten ihre Magnetkarten an die Wand und gingen rein. Plötzlich stand ich in dieser riesigen Eingangshalle. Ich be- wunderte den Raum, die Gestaltung, den Boden. Bis ich eins bemerkte: Ich hatte es geschafft! Ich stand tatsächlich schon in dem Gebäude. Ich freute mich so sehr dar- über, bis der nächste Gedanke kam: Was jetzt? Ich sah mich um und sah einen Mann inmitten der Studenten, der mir sofort auffiel. Er hatte ein schwarzes Jackett an, unterhielt sich mit einer Studentin und zeigte in eine Richtung zur Treppe. „Bloß nicht auffallen", dachte ich mir, als ich im „Windschatten" einer Gruppe die Treppe auf der gegenüberliegenden Seite erreicht habe. Ich ging hoch und sah sehr viele Studenten, die über irgendetwas debattierten, von dem ich nicht einmal eine Ahnung hatte. Jeder in dem kleinen Raum schien von dem Thema eine Ahnung zu haben und jeder sagte etwas dazu. Also ging ich ein Stockwerk höher. Hier war es still. Sehr still. Es wurde nur geflüstert, ab und zu hörte man Blätter rascheln und die Stifte über das Papier kratzen. Ich erinnerte mich daran, wie mein Lehrer immer gesagt hat, er wolle eine Stecknadel auf den Boden fallen hören, so still solle es doch bitte sein. Ich griff wahllos in das Regal, nahm ein Buch und setzte mich an einen Tisch am Fens- ter. Mein Puls beruhigte sich langsam, denn ich hatte es geschafft. Wie jedes Jahr war mit etwas eingefallen, wie jedes Jahr hatte ich Unmögliches möglich gemacht. Ich war unerlaubt in eine Bücherei eingedrungen. Meine bisher größte Straftat. Bis- her wurde ich nur von Plätzen weggeschickt oder bekam eine Rüge aufgrund des Bettelns. Ich war immer ein aufrichtiger Bürger. Wo genau befand ich mich? In wel- che Bücherei war ich eingedrungen? An der Wand stand in großen Lettern in der Ferne „Elite-Universität Cambridge“ und darunter waren zwanzig Bilder von irgend- welchen Menschen aufgehängt. Als die nächsten vereinzelten Studenten vorbei gin- gen, schlug ich schnell mein Buch auf. Hauptsache, ich konnte in der Wärme sitzen. Ich saß dort, blätterte in dem Buch, dessen Name ich nicht einmal kannte und schlug somit die Zeit tot. Doch nach einigen Stunden in der Wärme wurde ich unglaublich müde. Ich durfte jedoch nicht einschlafen, sonst würden sie mich bestimmt 'raus in die Kälte werfen. Also stand ich sehr leise auf, ging zum nächsten Regal, stellte mein Buch hinein, nahm ein neues, damit ich mich in diesem über interessante Dinge in- formieren konnte. Hauptsache, ich würde wach bleiben und nicht hinausfliegen. Ich fand ein Buch über Napoleon, davon hatte ich zumindest schon einmal gehört. Ich überflog das Buch, damit ich die Müdigkeit zumindest etwas bekämpfen konnte. Dann fiel es mir wieder ein, dass ich noch Essen dabei hatte. Also legte ich das Buch beiseite und genoss mein Schinkenbrot. Die Studenten kamen und gingen und ich wunderte mich, wann die Bücherei schließen würde. Als es dunkel wurde, legte ich das Buch zurück und machte mich langsam auf den Weg nach draußen. Ich hatte Angst, dass ich bei der Schließung aufgeflogen wäre. Als ich draußen war, sah ich, www.KlausSchenck.de / Deutsch / Berufsschule/Mittelstufe / kreatives Schreiben / S. 3 von 5 2 Klassenarbeiten (90 Minuten) zu: ein Obdachloser in der Uni-Bibliothek dass die Bücherei 24 Stunden geöffnet hat. Wir hatten ca. neun Uhr abends. Jedoch kam ich ohne Ausweis nicht mehr ´rein. Ich habe mir einen Schlafplatz gesucht, bin morgens direkt ins Café, vorher noch zur Dusche und habe dann unauffällig vor der Bücherei auf die nächste große Gruppe gewartet, bin wieder mit denen ´rein, die Treppe hoch, habe ein Buch aufgeschlagen, gegessen, den Platz ab und zu ge- wechselt und die Wärme genossen. Manchmal bin ich sogar eingenickt, was unter den Studenten aber nicht allzu sehr auffällt. Einmal, ich glaube es war mitten in der Nacht, wurde ich sogar geweckt, weil ich angeblich geschnarcht habe. Er hat mich gefragt, was ich mache. Daher habe ich gesagt, dass ich über „Identität und Religion" forsche. Jedoch bin ich kurz darauf gegangen. Ich hatte Angst, dass er mich etwas über das Studienjahr fragt. Oder etwas über Identität und Religion, wovon ich keine Ahnung hatte. Vor dem Schlafen habe ich noch überlegt: warum eigentlich nicht? Wer bin ich? Wer ist Gott? Wer bin ich im Vergleich zu Gott? Und: wenn es einen Gott gibt, warum lässt er zu, dass so viele Obdachlose täglich gegen die Kälte kämpfen? Ich stand früh auf, holte mir mein Essen, ging vorher duschen und in die Bücherei. Ohne Probleme. Ich sah ein Regal über Religionen und habe versucht Antworten zu finden. Ich nahm mir fünf Bücher, ging wieder zu den Geschichts- schmökern an meinen Fensterplatz mit dem tollen Ausblick und suchte intensiv nach Antworten. Am Anfang musste ich jeden Tag lange Stunden Interesse vorgaukeln. Jetzt hatte mich wirkliches Interesse gepackt. Ich verbrachte sehr viel Zeit damit die Bücher zu studieren, meine Antworten abzutippen und steckte sehr viel Hoffnung in diese Bücher. Ich las, aß und schlief dort. Wie ein Student. Wochen vergingen und ich hatte immer denselben Tagesablauf: Lesen, essen, duschen, schlafen mal hier, mal dort. Ich hatte wieder einen Sinn gefunden. Ich dachte jeden Tag, dass ich die Antwort „heute" finden würde. Bis mir der Student komische Fragen stellte. Bis er mich nach einem Ausweis fragte. Bis der Portier mich raus warf. Bis ich entlarvt wurde. Kurz bevor ich meine Antwort bekam. Hinaus in die Kälte. Sechs Wochen war ich mittlerweile unerkannt Gast in dieser Bücherei. „Jetzt ist alles vorbei“, dachte ich in Dauerschleife. Kurz vor der Antwort war ich kurz davor. Wieder wurde mir alles weggenommen. Wieder saß ich in der Kälte. Wieder die Kälte besiegen. Wieder al- leine kämpfen. Wieder ein Jahr auf der Straße. Wieder alle Hoffnungen verloren. Wieder keine Antwort erhalten. Wieder wurde mir alles genommen. Das Einzige, was mir blieb, war das Café, die Dusche und ein lächerlicher Name: „Dr. Mystery" hatte ich einige Leute sagen hören. Wieder nichts erreicht. Wieder im Alltagstrott, dem ständigen Kampf um das Überleben. 2. Klassenarbeit Hallo Harry! Ich stehe in der Zeitung! Mann, bin ich aufgeregt. Ich hätte nie gedacht, dass ich damit in die Zeitungen komme. Aber hier, sieh es dir an. Da ist der Artikel, hier der Artikel, der heißt „Schlummern unter dicken Schmökern“. Das war eine Ge- schichte, das kann ich dir sagen. Alles hat nur klein angefangen. Ach, Harry, du musst mir schon zuhören und aufpassen. Ansonsten weißt du doch gar nicht, worum www.KlausSchenck.de/ Deutsch / Berufsschule/Mittelstufe / kreatives Schreiben / S. 4 von 5 2 Klassenarbeiten (90 Minuten) zu: ein Obdachloser in der Uni-Bibliothek es genau geht. Also noch mal, es hat alles an Silvester begonnen. Erinnerst du dich noch? Es war sehr kalt draußen und Schnee ist auch schon gelegen. Brrr ... selbst jetzt wird mir noch kalt, selbst wenn ich nur daran denke. Naja, zurück zur Ge- schichte. Der Schnee lag schon auf der Straße und es wurde langsam Nacht. Viele Menschen waren unterwegs, um sich mit Freunden oder der Familie zu treffen, da sie Silvester miteinander feiern wollten. Mitten unter ihnen bin ich und friere schreck- lich. Hatte ja nur meine dünne Jacke und Mütze an. Da bin ich nun zwischen den ganzen Menschen gelaufen und habe überlegt, wo ich die Nacht verbringen kann. Habe nachgedacht, wo noch ein Plätzchen frei ist für mich. Da kam ich an dieser Universität vorbei. Moment, wie hieß die noch? Ah ja, die Cambridge-Universität. Viele Studenten sind aus dem Gelände gekommen. Aber nicht alle. Das hat meine Neugier geweckt. Also bin ich hinter her gelaufen und habe mich verstohlen umge- sehen. Und weißt du, wohin die alle gegangen sind? Na, weißt du's? Nein? Zu einem sehr großen Gebäude. Am Anfang wusste ich gar nicht, was für ein Gebäude es war und bin einfach so hinterher gegangen. Aber du kannst es dir gar nicht vorstellen, was das für ein Gebäude war. Es war die Bibliothek der Universität. So viele Bücher sah ich an den Seiten, ich wusste am Anfang gar nicht, wo ich zuerst hin sehen soll. Doch dann versperrte mir so ein blödes Drehkreuz den Weg. Ich konnte nicht weiter herein. Ich habe mich unauffällig in eine Ecke gestellt und gewartet, bis eine neue Traube an Studenten durch die Eingangstür gekommen ist. Natürlich habe ich diese dann beobachtet und gesehen, dass sie alle eine Karte hatten, mit der sie das Dreh- kreuz passieren konnten. So eine Magnetkarte. Als dann eine neue Menge an Lern- willigen die Bibliothek betrat, stellte ich mich etwas auffälliger hin und tat so, als durchsuchte ich meine Jackentaschen nach der Karte. Dabei murmelte ich laut vor mich hin, wo denn dieses blöde Ding nur hingekommen sei. Einer der Studenten be- merkte mich, ging auf mich zu und sprach mich an. Er fragte, ob er mich mit rein las- sen soll und ob ich ein Professor sei. Ich nickte nur unbestimmt auf diese Fragen und folgte ihm durch das Drehkreuz. Als wir die Sperre passiert hatten, bedankte ich mich kurz und verabschiedete mich dann. Schnell lief ich zu einer der Regalreihen und verschwand dahinter. Du kannst dir gar nicht vorstellen, wie erleichtert ich war, dass ich nicht aufgeflogen bin. Als sich mein Puls wieder etwas beruhigt hatte, fing ich an, die Bibliothek zu erkunden. Du kannst dir gar nicht vorstellen, wie es da drinnen aus- sieht. Von der Decke hängen ganz viele Lampen. Bücherregale an Bücherregalen reihen sich aneinander. Unterbrochen von Sitznischen und Arbeitsbänken. Alles sehr schick gestaltet. Im öffentlichen Bereich, vorne beim Eingang, gab es sogar drei Computer mit Internetzugang zur freien Benutzung. Es war wie im Paradies. Und diese Wärme. Ach, es war so unglaublich warm und gemütlich. Weißt du, was ich dann auch noch erfahren hab'? Die Bibliothek hat rund um die Uhr offen, jeden Tag. Es ist kaum zu glauben. Ich konnte mein Glück nicht fassen, jetzt hier mitten drin zu stehen, und niemand hat mich blöde angemacht. Ich durchstreifte also in aller Ruhe und Stille, in der Bibliothek ist absolute Ruhe angesagt, die ganzen Regalgänge und probierte auch alle möglichen Sitzgelegenheiten aus. Am besten hat es mir in der Geschichtsbücher-Abteilung gefallen. Die Sessel dort sind so bequem, himmlisch einfach. Nicht zu beschreiben. Ich hatte es geschafft. Ich war so begeistert. Alles www.KlausSchenck.de / Deutsch / Berufsschule/Mittelstufe / kreatives Schreiben / S. 5 von 5 2 Klassenarbeiten (90 Minuten) zu: ein Obdachloser in der Uni-Bibliothek warm und dann noch bequeme und gemütliche Sessel... großartig, einfach nur groß- artig. Ich habe es mir auf einem der Sessel gemütlich gemacht und bin sogar einge- schlafen. In die Geschichtsabteilung kommt nur sehr selten einer, so hatte ich meine Ruhe. Am Morgen verließ ich die Bibliothek wieder und habe versucht, draußen Geld zu bekommen. Das ging mehr schlecht als recht. Aber ich bin durchgekommen. Der Gedanke an das warme, gemütliche Plätzchen jedoch, das ich in der Bibliothek ge- funden hatte, ging mir nicht mehr aus dem Kopf. Und am Abend stand ich wieder vor der Eingangstür. Ich überlegte, wie ich am besten wieder durch das Drehkreuz kom- men konnte, kam aber zu keinem richtigen Einfall. Also bin ich einfach so rein und hatte wieder etwas Glück. Es gab wieder jemanden, der mich mit hinein nahm und so konnte ich wieder zu meinem Plätzchen. Ich gewöhnte es mir an, vormittags und nachmittags Geld zu bekommen, kaufte mir dann eine Kleinigkeit zu essen und ging dann wieder zur Bibliothek. Immer, wenn ich bemerkte, dass Leute mich beobachte- ten, tat ich so, als wäre ich sehr beschäftigt. Ich blätterte in alten Wälzern herum und verschickte ab und an eine E-Mail über den allgemeinen Rechner. Einmal hatte ich weniger Glück. Ein Student hat mich versucht auszufragen, warum ich so oft hier sei. Mir fiel nichts Besseres ein als zu sagen, dass ich mich mit dem Thema „Identität und Religion" beschäftige und Nachforschungen dazu betreibe. Jetzt lache doch nicht so. Mir ist nichts Besseres eingefallen. Versuch du doch mal auf die Schnelle eine sinn- volle Antwort zu geben, warum du jeden Tag in einer Bibliothek bist. Weißt du auch, was echt interessant war? Als ich so in einem der Sessel saß, bekam ich einiges mit. Neben mir unterhielten sich drei Mädchen lautstark miteinander. Die Themen waren ganz verschieden, es ging von dem üblichen Klatsch, wer mit dem wem wieder etwas am Laufen hatte, bis hin zu Seminarstunden und welche Inhalte durchgenommen wurden. Oft wurde sich auch über einen der Dozenten lustig gemacht, weil seine Brille anscheinend komisch sein soll. Naja, du kennst das ja. Ich führte also so ein entspanntes Leben, doch dann. Dann kam das Gemeine! Rausgeworfen haben die mich, kannst du dir das vorstellen? Nur, weil ich eingeschlafen bin und etwas ge- schnarcht habe. Nicht zu fassen. Dabei habe ich mir immer solche Mühe gegeben gepflegt auszusehen. Habe mich auf dem Bahnhofsklo gewaschen und auch meine Sachen ständig sauber gehalten und trotzdem haben die mich hinausgeworfen. Nur, weil ich kein Dozent oder Student bin. Und nur, weil diese blöden Möchtegernrepor- ter versucht haben gut dazustehen. Die haben mich vor alle Leute gezerrt und mich mit Fragen bombardiert, wo ich herkomme, wie ich heiße und wo meine Karte für den Durchlass am Drehkreuz sei. Das machte natürlich den Portier auf mich aufmerksam, der mich danach rausschmiss. Es waren so schöne Januartage. Ich konnte im War- men sein und es gemütlich haben. Doch jetzt bin ich wieder draußen in der Kälte. Ach, Mann! www.KlausSchenck.de / Deutsch / Berufsschule/Mittelstufe / kreatives Schreiben / S. 1 von 6 2 Klassenarbeiten (90 Minuten) zu Rita Fehling: „Augenblick mal...“ Aufgabenstellung: 5 10 15 ,,Bitte warte nicht mit dem Essen auf mich, es wird etwas später." Was ist das für ein blöder Satz, dachte Andrea, wie in einem schlechten Roman. Sie blinzelte über ihrer Kaf- feetasse in das Gesicht ihres Mannes, der sich gerade seinen zweiten Toast dick mit Käse belegte. "So?" fragte sie, was ist denn los?" Gelangweilt erzählte er von einem Projekt, das zu einem bestimmten Termin fertiggestellt werden muss. Deswegen hatte Jürgens Chef die Überstunden angeordnet. „Ach so“, lächelte sie ihn an. „Und ich dachte schon, du wärst so unintelligent, dir für eine Affaire keine besse- re Ausrede einfallen zu lassen." „Affaire?" nuschelte er kauend. ,,Das traust du mir zu?" Dabei lachten seine braunen Augen sie liebevoll an. So wie sie es die letzten zwanzig Jahre getan hatten. Jürgen war aus dem Haus, Andrea machte sich auf den Weg zu ihrem Halbtagsjob als Verkäuferin. Dieser Job bot ihr eine willkommene Abwechslung. Obwohl sie es finanziell nicht nötig hatten, wie Jürgen immer wieder betonte, fiel ihr zu Hause die Decke auf den Kopf. Während der Busfahrt ging ihr durch den Kopf, dass ihr Leben doch eigentlich sehr eintönig und langweilig war. Ob Jürgen auch so empfand? Sie waren jetzt schon so viele Jahre verheiratet, und es gab kaum noch Highlights in ihrem Leben. Irgendwie hatte sie an diesem Tag nicht so gute Laune, wie man das von ihr gewöhnt war. Und dann kam der alles verändernde Nachmittag. Aus: Rita Fehling: Augenblick mal ... Heitere Kurzgeschichten. Books on Demand, Norderstedt 1999, S. 5-8 Die Rechtschreibung entspricht dem Originaltext. Aufgabentyp 2 Kreatives Schreiben ● ● Erzählen Sie die Geschichte weiter. (Anlage 2) Finden Sie eine passende Überschrift für Ihre Geschichte. 1. Klassenarbeit „Der alles verändernde Tag" Sie saß an der Kasse und machte ihre Arbeit. Viele Gedanken schossen ihr durch den Kopf. Nach der Arbeit beschloss sie in die Stadt zu gehen, um sich ein bisschen abzulenken. Sie ging an vielen Schaufenstern vorbei und genoss den sonnigen Nachmittag. Doch plötzlich sah Andrea ihren Mann. Aber er war nicht alleine, denn eine andere Frau stand neben ihm und lachte mit ihm. Sie war blond, groß und hatte eine super Figur. Andrea stand wie festgefroren da und starrte die beiden an. Dann wurde sie aus ihrer Trance geholt und ging ein Schritt auf die Seite, damit ihr Mann sie nicht sehen konnte. „So sieht also dein Projekt aus“, murmelte Andrea vor sich hin. Sie standen vor einem Juwelier und sahen sich den Schmuck an. Offensichtlich hatten sie jede Menge Spaß. Andrea rollte eine Träne über die Wange. Jetzt gingen die beiden Turteltauben in das Juweliergeschäft hinein. Also ging Andrea näher hin, um die zwei weiter beobachten zu können. Sie interessierten sich wohl für Ringe. Er steckte ihr einen an den Finger. Andrea musste an ihre Hochzeit denken. Andrea hatte genug gesehen. Zur Rede wollte sie ihren Mann jetzt nicht stellen. Sie ging www.KlausSchenck.de / Deutsch / Berufsschule/Mittelstufe / kreatives Schreiben / S. 2 von 6 2 Klassenarbeiten (90 Minuten) zu Rita Fehling: „Augenblick mal...“ nach Hause und machte die Hausarbeit. Jürgen kam erst um neun Uhr. Andrea hörte nur, wie er die Haustür öffnete. Sie saß schon im Bett und las ihr Buch. Er kam her- ein, gab ihr einen liebevollen Kuss auf die Stirn und streckte ihr einen Strauß Rosen hin. Andrea sah ihn irritiert an, denn eigentlich wollte sie ihn zur Rede stellen. Doch als sie in seine schönen, braunen Augen sah, konnte sie ihm nicht böse sein. Am nächsten Tag gingen beide wieder arbeiten. Andrea war verwirrt und wusste nicht, was sie denken sollte. Nach der Arbeit beschloss sie wieder in die Stadt zu gehen, aber Jürgen konnte sie nirgends sehen. Sie ging zu seiner Arbeitsstelle und blieb vor dem Gebäude stehen. Sie überlegte, ob es richtig sei ihm nach zu spionie- ren. Vielleicht ist es ja einfach nur eine nette Kollegin, die sie gestern gesehen hatte? Sie wollte auf keinen Fall eine krankhaft eifersüchtige Ehefrau spielen. Aber was spricht schon dagegen seinen Mann mal auf seiner Arbeit zu besuchen? Andrea ging zum gegenüberliegenden Bäcker und holte ein Stück Kuchen für Jürgen. Damit er keinen Verdacht schöpft. Sie schritt in das große Gebäude und traf gleich einen Ar- beitskollegen ihres Mannes. Er kam direkt auf sie zu und sagte: „Hallo, Andrea, wir haben uns ja schon lange nicht mehr gesehen. Was machst du denn hier? Jürgen hat doch gekündigt?" Andrea fiel die Kinnlade herunter. Sie drückte dem Arbeitskol- legen den Kuchen in die Hand und rannte raus. Sie brauchte Luft. „Was geht da nur vor sich?", fragte sie sich. Es war alles wie ein schlechter Film. Sie irrte noch ein we- nig durch die Stadt und spazierte dann schließlich nach Hause. Als sie in die Küche kam, lag dort ein Brief auf dem Tisch. Es stand ihr Name darauf. Ein Schauer lief ihr über den Rücken. War das ein Abschiedsbrief? Hat er jetzt eine Andere? Mit zittrigen Händen nahm sie den Brief in die Hand und starrte ihn an. Sie überlegte, ob sie noch kurz ins Schlafzimmer gehen soll, um zu sehen, ob seine Sachen noch da waren. Doch sie machte es nicht. Andrea setzte sich auf einen Stuhl und öffnete langsam den Briefumschlag. Dann holte sie den Brief heraus und klappte ihn auf. Es stand nur ein kurzer Satz auf dem Papier: „Hallo Andrea, bitte steige um 17 Uhr in das Taxi vor unserem Haus.“ Jetzt lagen die Nerven von Andrea endgültig blank. Was sollte das? Ihr Blick fiel auf die Uhr. Sie hat nur noch fünf Minuten Zeit. Sie huschte schnell ins Badezimmer, um sich frisch zu machen und umzuziehen. Das Taxi kam pünktlich und sie stieg ein. „Wo fahren wir denn hin?", fragte Andrea den Taxifahrer. Doch der ignorierte ihre Frage. Sie fuhren ins Ungewisse. Andrea machte das verrückt. Nach einer halben Stunde fuhr der Taxifahrer rechts in eine Parkbucht und stieg aus. Er öffnete die Tür von Andrea und bat sie auszusteigen. Dann holte er ein schwarzes Tuch aus seiner Jacke und verband Andrea die Augen. Aber sie bekam Panik. Der Taxifahrer konnte sie beruhigen und sie setzten ihre Fahrt fort. Andrea gingen viele Gedanken durch den Kopf. Sie wusste nicht, was sie erwartet. Das Taxi hielt an und Andreas' Tür öffnete sich. Ihre Augen waren immer noch verbunden. Jemand nahm sie am Arm und führte sie in ein Haus oder einen Raum. Es war eine beängstigende Stille. Niemand redete mit ihr. Doch plötzlich ertönte Musik. Es war das Lied, das Jürgen und Andrea bei ihrer Hochzeit spielen ließen. Es war so schön. Vor ihrer Au- gen spielten sich die Bilder von damals ab. In dem Moment wurde ihr wieder richtig bewusst, wie glücklich sie sich schätzen konnte mit Jürgen. All die Zweifel, die sie noch am Tag zuvor hatte, waren weg. Jemand öffnete ihr die Augenbinde und nahm www.KlausSchenck.de / Deutsch / Berufsschule/Mittelstufe / kreatives Schreiben / S. 3 von 6 2 Klassenarbeiten (90 Minuten) zu Rita Fehling: „Augenblick mal...“ sie herunter. Andrea schlug langsam ihre Augen auf. Zwei große, braune Augen sa- hen sie an. Vor ihr stand Jürgen. Er trug einen schwarzen Anzug und hielt eine Rose in der Hand. „Hallo, mein Schatz“, sagte Jürgen. Andrea bekam kein Wort heraus. Ihr Mann sprach weiter: „Du wunderst dich wahrscheinlich, warum ich dich hier her ge- rufen habe. Ich weiß, dass ich wegen meiner Arbeit in den letzten Monaten nicht so viel Zeit verbringen konnte. Ich habe gemerkt, dass sich das auf unsere Ehe ausge- wirkt hat. Doch ich will nicht, dass das kaputt geht, weil ich so viel arbeite. Denn ich liebe dich über alles und möchte dich nicht verlieren. Wir sind heute hier in dieser Kirche, weil ich dich noch einmal heiraten will. Ich möchte dir zeigen, dass ich in gu- ten wie in schlechten Zeiten zu dir halte und dich für immer lieben werde, bis dass der Tod uns scheidet." Jürgen holte eine kleine Schachtel aus seinem Sakko und öffnete sie. Darin war ein wunderschöner Ring. Andrea kullerten die Tränen über ihre Wangen. Sie war so gerührt. „Der Ring ist für mich?", fragte sie ihn. „Ja natürlich! Für wen denn sonst?" Hinter ihm erblickte Andrea nun eine Frau, die aus der Stadt. Sie schaute sie an. Jürgen drehte sich um und blickte Andrea dann fragend an. „Ich habe euch zusammen in der Stadt beim Juwelier gesehen“, erklärte Andrea. Jürgen lachte, auch die Frau fing an zu kichern. „Dachtest du ernsthaft, ich betrüge dich?", entgeg- nete er. Andrea lief rot an. Die beiden umarmten und küssten sich. Jürgen erklärte Andrea, dass es nur seine Cousine sei, die er aber jahrelang nicht gesehen hatte. Denn sie lebt in Australien. Und er brauchte einen Rat beim Juwelier. Andrea fiel ein echter Stein vom Herzen. Doch das war nicht alles, denn ihr Mann hatte noch eine Überraschung. Er hielt ihr einen Brief vor die Nase. Andrea öffnete ihn hastig und holte den Inhalt heraus. Sie hatte zwei Flugtickets nach Amerika in der Hand und schaute Jürgen ungläubig an. „Oneway“, sagte er nur und grinste. Andrea fand keine Worte mehr. Ihr Mann sagte: „Was hält uns denn noch hier? Ich finde auch einen Job in Amerika und ein bisschen Abwechslung und Abenteuer tut uns beiden bestimmt sehr gut. Andrea sah ihn an und sagte nur: „Ich liebe dich so sehr! Und freue mich sehr auf die gemeinsame Zeit!" 2. Klassenarbeit ,,Aus Fehlern lernt man…“ Und dann kam der alles verändernde Nachmittag. Andrea arbeitete in einem großen Kaufhaus in der Innenstadt. Sie war in der Parfümerieabteilung beschäftigt. An die- sem Nachmittag war eigentlich alles wie immer. Sie verkaufte einige Parfüms, beriet eine Kundin bei der Wahl ihres Make-ups und sortierte die Regale ein. Sie war ver- tieft in ihrer Arbeit, als sie von einer ihr bekannten Stimme aus dem alltäglichen Trott gerissen wurde. Die Stimme kam von der letzten Abteilung mit den Herrenparfüms. Sie überlegte, woher sie die Stimme kannte. Diese Stimme hatte sie schon so lange nicht mehr gehört. Sie schaute neugierig Richtung Parfümabteilung. Und da fiel es Andrea wie Schuppen von den Augen. Das war Martin aus der Schulzeit. Sie war www.KlausSchenck.de / Deutsch / Berufsschule/Mittelstufe / kreatives Schreiben / S. 4 von 6 2 Klassenarbeiten (90 Minuten) zu Rita Fehling: „Augenblick mal...“ damals so verliebt gewesen. Er und Andrea waren lange befreundet, aber sie merkte schnell, dass sie mehr als nur Freundschaft empfand. Andrea träumte von Familie, einem Haus und Kindern mit Martin. Das Problem war allerdings, dass er eine Freundin hatte. Andrea war ziemlich eifersüchtig gewesen. Nach dem Abschluss hatten sie sich aus den Augen verloren, sie zog in eine andere Stadt, ging dort stu- dieren und lernte ihren jetzigen Mann kennen. Dann wurde Andrea schwanger, brach das Studium ab und verbrachte die Zeit zuhause. Doch seit dem tragischen Tod des Babys, das viel zu früh auf die Welt kam und nur vier Wochen lebte, ist nichts mehr so, wie es war. Ihr Mann Jürgen und Andrea liebten sich zwar, aber lebten nur noch nebeneinander her. Andrea wollte nicht zuhause bleiben und Trübsal blasen. Sie wollte arbeiten gehen. „Du brauchst nicht zu arbeiten, das mache ich schon für uns“, sagte ihr Mann. Doch Andrea wollte sich nicht fügen und fand die Stelle in der Par- fümerie. Bis vor kurzem hatte sie noch darüber nachgedacht, was eigentlich in ihrem Leben schief gelaufen war. Die großen Momente blieben aus. Aber heute Nachmit- tag änderte sich alles. Da stand er nun und sah noch genauso aus wie früher. Nur seine Haare waren etwas dunkler und grauer geworden. Andrea war sehr aufgeregt, schließlich hatte sie ihn fast zehn Jahre nicht mehr gesehen. Sie war so verliebt ge- wesen und Martin hatte es nicht gemerkt. Sie fasste sich und nahm ihren ganzen Mut zusammen und ging zu Martin und fragte: „Darf ich Ihnen behilflich sein?“ Martin schaute Andrea mit seinen blauen Augen an und meinte: „Andrea, bist du es?" Er hatte sie erkannt nach all den Jahren. Andreas Herz hüpfte in ihrer Brust auf und ab. Martin war wohl auch ganz überrascht und erinnerte sich gleich an die Zeit in der Schule. Er fand es schade, dass sie sich aus den Augen verloren hatten. „Finde ich auch", sagte Andrea. Martin und sie strahlten sich an, es war fast wie früher. Sie ver- abschiedeten sich zum Essen. Eigentlich wollte Andrea zu Hause kochen, aber da ihr Mann erst später von der Arbeit kommen sollte, war sie nicht traurig über die Ab- wechslung, in der Stadt essen zu gehen. Nach der Arbeit holte Martin sie ab und beide aßen in einem kleinen Bistro zu Abend. Es war schön über alte Zeiten zu re- den. Martin hatte eine Ausbildung als Metzger angefangen, um später den Betrieb seines Vaters zu übernehmen. „Nichts Weltbewegendes“, sagte er. „Bei mir auch nicht", antwortete Andrea. Beiden fiel auf, dass ihr Leben ziemlich eintönig war. Mar- tin blickte sie an und fragte, ob sie denn verheiratet sei. Andrea bejahte und blickte auf seinen Ringfinger. Dort steckte ebenso ein Ring. Sie war auf einmal sehr traurig. Wieder kamen die Erinnerungen hoch, dass auch damals Martin nicht sie, sondern eine andere Frau liebte. Andrea fragte sich, wie seine Ehefrau wohl aussehen würde. Sie verspürte einen Schmerz in ihrer Brust. All die Jahre hatte sie Martin geliebt. Das wusste sie. Ihre Hochzeit mit Jürgen war damals ein Mittel zum Zweck. Als sie merkte, dass ein Baby unter ihrem Herzen war, wollte Jürgen sie heiraten, er wollte ein guter Vater und Ehemann sein. Doch als das Baby, sein Name wäre Lena gewe- sen, starb, fielen Jürgen und Andrea und ihre Ehe in ein tiefes Loch. Trotzdem war der Abend mit Martin sehr schön. Lächelnd fuhr Andrea mit dem Bus nach Hause. Jürgen war schon zuhause und schlief auf dem Sofa. Andrea blickte ihn an und fragte sich, was aus der Ehe mit Jürgen geworden war. Es war nur noch ein Neben- einanderleben ohne besondere Momente. Das wollte Andrea nicht mehr. Sie ging ins www.KlausSchenck.de / Deutsch / Berufsschule/Mittelstufe / kreatives Schreiben / S. 5 von 6 2 Klassenarbeiten (90 Minuten) zu Rita Fehling: „Augenblick mal...“ Bad. Jürgen hatte alle Klamotten auf den Boden verteilt. Andrea hob sie auf und wollte die Kleidung in die Wäschebox legen, als sie dieses Parfüm roch. Es war nicht ihr Parfüm, das wusste sie. Erst dachte Andrea, es wäre das neue Waschmittel ge- wesen, aber als sie genauer hinschaute, entdeckte sie sogar leichte Spuren von Lip- penstift. Zumindest glitzerte sein Hemd verdächtig. Andrea war geschockt. Warum hatte sie die ganze Zeit nichts gemerkt. Sicher, meist wusch sie die Wäsche nicht. Das tat ihr Mann am Wochenende, da Andrea an diesen Tagen arbeiten musste. Sonst schmiss Jürgen die Wäsche nie so achtlos auf den Boden. Andrea rollten die Tränen über die Wange. Sie hatte sich geirrt. Sie liebte Jürgen immer noch. Auch wenn jetzt nach zwanzig Jahren Ehe der Wind aus den Segeln gegangen ist. Er war schließlich für sie A und O und verstand ihre Ängste und Gefühle. Jürgen und Andrea lernten sich an der Uni kennen. Sie verbrachten viele Stunden zusammen. Er war ein guter Freund geworden. Jürgen war auch der einzige Mann, der sich für sie als Frau, nicht als gute Freundin interessierte. Andrea liebte ihn anfangs nicht, doch Jürgen ließ nicht locker und aus Freundschaft wurde doch noch Liebe. Und jetzt sollte alles vorbei sein. Jürgen hatte Damenparfüm und Lip- penstift am Hemd. Er ging Andrea fremd. Sie verstand es nicht, denn am Früh- stückstisch hatten sie noch gelacht, als Andrea scherzend meinte, er würde eine Af- färe mit Überstunden vertuschen. Andrea rannte aus dem Bad und schmiss das Hemd auf ihren schlafenden Mann. Ohne zu warten, was seine Reaktion war, verließ sie das Haus und schrie: „Du Lügner, du Fremdgeher!“ Jürgen schrie noch irgendwas zurück, aber Andrea konnte dies schon nicht mehr verstehen. Sie rief Martin an. Die Nummer hatte sie am Nachmittag von ihm erhalten. Martin holte Andrea an der Bushaltestelle ab und nahm sie mit nach Hause. Dort bot er ihr einen Tee an und beide redeten über Liebe, Verrat und Fremdgehen. Martin er- zählte, dass seine Frau nach fünf Jahren Ehe alles hingeschmissen hatte und nach Australien ausgewandert war. „Sie ist eben ein Freigeist“, sagte er lächelnd und trau- rig zugleich. Martin und Andrea schauten sich an und Andrea verspürte Trauer, Hass und Schmerz. Martin ging es wohl ähnlich. Sie lagen sich in den Armen und küssten sich. Es war ein schöner Kuss und endlich mal wieder ein besonderer Moment. Aber Andrea stieß Martin zur Seite, denn so einen Moment wollte sie nicht. Es durfte nicht falsch enden. Andrea wäre so nicht besser als ihr Mann. Sie entschuldigte sich und verließ das Haus von Martin. Traurig fuhr sie nach Hause. Dort angekommen, öffnete sie die Haustür und fand ein Meer aus tausend Kerzen vor. Überall lagen Rosen- blätter. Andrea war ergriffen und zugleich verärgert. Das konnte nicht Jürgens Ernst sein. Er hatte Andrea betrogen und ohne mit der Wimper zu zocken, tischte er ihr die heile Welt auf und wollte mit Rosen und Teelichtern alles vergessen lassen. Andrea konnte Jürgen seine Dreistigkeit nicht durchgehen lassen und schwor sich, die Tee- lichter ihm an den Kopf zu werfen, aber es kam alles anders. Jürgen stand im Tür- rahmen und erklärte Andrea, dass der Lippenstift und das Parfüm daher kamen, dass er noch nach vielen Jahren auf dem Weg zur Arbeit seine beste Freundin wieder ge- troffen hatte. Sie war seine Jugendliebe und beide fielen sich um den Hals. Andrea traute ihren Ohren kaum, als Jürgen genau die gleiche Geschichte erzählte, die auch sie mit Martin heute Nachmittag erlebte. Beide trafen sich mit ihrer Jugendliebe, www.KlausSchenck.de / Deutsch / Berufsschule/Mittelstufe / kreatives Schreiben / S. 1 von 7 4 Klassenarbeiten (90 Minuten) zu der Zeitungsnotiz: „Bombenstimmung" Aufgabenstellung: Schildern Sie die Ereignisse aus der Sicht eines Mitarbeiters/ einer Mitarbeiterin der Bank. (Anlage 2) Anlage 2 Wegen einer vergessenen Tasche ist gestern Vor- mittag ein Gebäude am Herdweg geräumt worden. Auch die davor gelegene Bushaltestelle wurde gesperrt. Eine Frau hatte die Tasche an der Halte- stelle entdeckt und sie in einem nahe gelegenen Kreditinstitut abgegeben. Da es aus der Tasche piepste, verständigten die Mitarbeiter die Polizei. Die Beamten riefen einen Experten vom Landeskri- minalamt hinzu. Nachdem der Spezialist eingetrof- fen war, meldete sich eine Frau bei der Polizei und sagte, dass ihr Mann die Tasche an der Haltestelle vergessen habe. In der Tasche befand sich ein Beamer, Der Mann müsse die Kosten für den Einsatz begleichen, heißt es im Polizeibericht. (StZ, 5. September 2008) Quelle: Frank Buchmeier: „Bombenstimmung an der Bushaltestelle", in: Stuttgarter Zeitung Nr. 246, 21.10.2008, S. 28 Anmerkung: Der Beamer piepste, weil sich der Diebstahlschutz eingeschaltet hatte. 1. Klassenarbeit Es war ein typischer Montagmorgen, als ich aufwachte. Ich hatte verschlafen, der Kaffee, den mein Mann gekocht hatte, als er aufstand, war schon kalt und ich fand mein Namens- schild nicht. Doch ich musste los, in einer halben Stunde machte die Bank auf und der Bus war schon weg. Widerwillig nahm ich das Auto. Es war mit einer dicken Schnee- und Eis- schicht bedeckt. Meine Hände wurden schon ganz rot von der Kälte, als ich schnell mit dem Eiskratzer die Frontscheibe säuberte. Das musste reichen, denn ich hatte nur noch 25 Minuten und keinen festen Parkplatz. Vorsichtig fuhr ich los, es war rutschig und die Straßen noch nicht geräumt. Hätten wir nur damals ein Haus in der Stadt gekauft, dachte ich mir. Zum Glück war die Hauptverkehrszeit schon vorbei, so hatte ich wenigstens noch www.KlausSchenck.de / Deutsch / Berufsschule/Mittelstufe / kreatives Schreiben / S. 2 von 7 4 Klassenarbeiten (90 Minuten) zu der Zeitungsnotiz: „Bombenstimmung" den Hauch einer Chance pünktlich zu kommen. Als ich dann in den Herdweg einbog, herrschte das reinste Chaos. Mittlerweile war es fünf vor halb, ich gab die Hoffnung also auf. Langsam fuhr ich die Straße entlang, hinter mir hatte sich schon eine Schlange gebil- det, doch das war mir egal. Ganz am Ende der Straße sah ich einen freien Platz, gab Gas und geriet leicht ins Schleudern. Der Tag fing schon gut an. Ich parkte ein, packte meine Tasche und lief in Richtung Bank. Als ich die Tür öffnete, wurde ich mit einem spöttischen ,,Guten Morgen, Prinzessin, haben Sie gut geruht?" begrüßt. Typisch Markus, er war der Kundenberater und hatte einen der alten Kollegen ersetzt. Ich warf ihm einen genervten Blick zu, der ihm zu verstehen gab, er solle mich erstmal in Ruhe lassen. Er verzog sich wieder in sein Büro am Ende des langen Flurs. Ich gesellte mich zu den anderen Damen am Service. Von hier gab es keinen Kommentar, dass ich zu spät war, sie wussten schon, dass ich ein Morgenmuffel war. An meinem PC stand ein kleiner Zettel, „Freue mich auf eine gute Zusammenarbeit“. Wer wollte sich denn da neue Freunde suchen? Es entlockte mir aber dennoch ein Lächeln. Wir gingen zum normalen Tagesablauf über. Ein paar Kun- den mit Einzahlungen, Überweisungen und Fragen zu ihren Bausparverträgen. Nichts Besonderes heute. Kurz vor zehn kam jedoch eine Dame rein. Keiner von uns kannte sie, doch wir grüßten sie freundlich. Sie kam auf mich zu und sagte, dass sie eine Tasche an der Bushaltestelle vor der Tür gefunden hatte. Ich bedankte mich bei ihr und sagte, dass wir die Tasche hier verwahren könnten, bis sich jemand meldet. Ich legte die Tasche, die die Dame auf den Schalter gelegt hatte, neben mich. Sie verabschiedete sich und ging. Erst wollte ich schauen, ob sich vielleicht ein Name oder eine Adresse in der Tasche fin- den ließ, doch da stand schon wieder der nächste Kunde vor mir. Die Bank war komplett still, als er ging, also konnten wir ein leises Piepsen hören. Wir überprüften den AKT (= automatischen Kassentresor) und den Geldautomaten, doch die waren es nicht. Markus kam aus seinem Büro und schaute uns belustigt zu, wie wir in der Filiale umher liefen und unser Ohr an die technischen Gegenstände pressten. Auf einmal meinte er, dass meine Tasche wohl fertig wäre. Wir schauten ihn fragend an, als er sagte, dass sein Backofen auch so piepste, wenn die Zeit abgelaufen war. Wir kamen näher, bis ich sah, welche Ta- sche er meinte. „Das ist nicht meine Tasche“, sagte ich, „die wurde vorhin hier abgege- ben." Beunruhigt sahen wir uns an. Markus rief geistesgegenwärtig die Polizei und infor- mierte diese über unsere „Taschenbombe". Sofort schlossen wir die Bank ab, legten die Tasche vorsichtig weit entfernt von uns und dem Geld auf einen Stuhl. Hatte sich jemand die Dame gemerkt? Sie sah sehr unscheinbar aus und es war schwer, sie wieder in Erinnerung zu rufen. Auf einmal hörten wir die Sirene vor der Tür. Gleich drei Autos der Polizei waren da. Ich öffnete ihnen die Tür und erklärte ihnen alles, was ich über den Fall zu dem Zeitpunkt sagen konnte. Sie begutachteten die Tasche, belauschten das Piepsen und waren selbst überfragt. Einer der Herren fragte, ob er unser Telefon benutzen durfte, was wir ihm natürlich gestatteten. Er rief beim Landeskriminalamt an und forderte sofort einen Kollegen an. Zwei der sechs Polizisten gingen nach draußen und sicherten sowohl die Bushaltestelle als auch das Gebäude ab. Zwei weitere gingen zu der Wohnung im ers- ten Stock und ließen diese räumen. Auch wir wurden nach draußen geführt. Es war bereits eine große Menschenmenge da, als wir rauskamen. Lauter Schaulustige sowie auch die Presse war vor Ort. Es dauerte ungefähr 15 Minuten, bis ein Experte vom Kriminalamt kam. Mit ihm kamen noch zwei weitere Polizeiautos. In der Zwischenzeit wurden wir im www.KlausSchenck.de/ Deutsch / Berufsschule/Mittelstufe / kreatives Schreiben / S. 3 von 7 4 Klassenarbeiten (90 Minuten) zu der Zeitungsnotiz: „Bombenstimmung" Polizeiauto befragt. Nervös warteten wir auf die Auswertung des Experten. Doch es dau- erte ewig, bis etwas geschah. Als das Funkgerät losging, erschraken wir alle. Es war die Zentrale. Jemand hatte sich wegen einer vergessenen Tasche gemeldet. Sofort wurde das Ergebnis weitergegeben. Kurz darauf kam der Experte mit seinem Gefolge heraus. Sie gaben Entwarnung. Es sei nur ein Beamer gewesen. Das Gebäude wurde wieder frei gegeben. Die Polizei bedankte sich dennoch für die Zusammenarbeit und rückte wieder ab. Wir gingen rein, entschieden uns aber, dass wir zu aufgeregt waren, um weiterzuarbei- ten. Also ließen wir die Bank zu und gingen nach Hause. Als ich zu Hause war, fühlte sich alles so surreal an, wie ein schlechter Traum. Doch als ich die Nachrichten anmachte, wusste ich, es war wirklich passiert. Ich legte mich in die Badewanne und versuchte zu entspannen. Es war ein sehr anstrengender Tag. Konnte man das noch als typischer Mon- tag beschreiben, fragte ich mich. Doch dann fielen auch schon meine Augen zu und ich schlief im warmen Wasser ein. 2. Klassenarbeit Eigentlich war gestern ein ganz normaler Tag. Dies glaubte ich zumindest noch, als ich mich am Morgen aus meinem warmen, weichen Bett begab. Ich ging zuerst in die Küche und machte mir einen Kaffee. Dann ging ich ins Bad, putzte mir die Zähne, duschte und zog mir anschließend Anzug und Krawatte an. Ich war noch nicht sehr lange ein Angestell- ter bei der Sparkasse, aber ich freute mich jeden Tag auf meine Arbeit. Es macht mich einfach glücklich, wenn ich Menschen bei ihren Problemen weiterhelfen kann, und auch an sich ist es ein schöner Job. Ich hatte mich wohl in meinen Gedanken verloren, denn als ich auf die Uhr schaute, war es bereits kurz vor Arbeitsbeginn. Ich schlüpfte in meine Schuhe und eilte zum Auto. Es war nur ein kurzer Weg zu meiner Arbeitsstelle. Ich parkte und stieg aus, hoffentlich würde es heute nicht so stressig werden, denn es war Anfang des Monats September. Als ich das Gebäude betrat, waren bereits alle meine Mitarbeiter anwesend. Klar, ich war ja auch spät dran. Ich entschuldigte mich kurz und meldete mich dann an dem mir zugewiesenen Computer an. Der Vormittag verlief zunächst ruhig. Ich hatte zwar eine Menge Papierkram vor mir auf dem Tisch liegen, welchen ich abzuarbei- ten hatte, aber das verschob ich auf den Nachmittag. Ich unterhielt mich mit meinen Kolle- gen über das vergangene Wochenende und hörte zu, als einer von ihnen über seinen anstehenden Urlaub in der Türkei erzählte. Unser Chef hatte heute frei und so sahen wir alles etwas entspannter. Es war gerade elf Uhr und ich wollte mich in eine kurze Pause verabschieden, da mir mein Magenknurren bereits mitteilte, dass ich Hunger hatte, da eilte eine Frau in die Geschäftsstelle. Sie sah etwas aufgewühlt und ängstlich aus und trug eine große, schwarze Tasche unter dem Arm. Da sie auf mich zukam, setze ich mich wieder an meinen Platz und fragte sie, wie ich ihr denn weiterhelfen könne. Sie deutete auf die Ta- sche und erklärte mir, dass sie diese an der davor gelegenen Bushaltestelle gefunden hatte. Ich fragte bei meinen Kollegen nach, ob jemand von ihnen die Tasche vergessen hatte, denn ich wusste, dass einige den Bus als Verkehrsmittel nutzten, doch sie vernein- ten. Die Frau wurde leicht panisch und fragte mich entsetzt, wie ich nur so gelassen www.KlausSchenck.de/ Deutsch / Berufsschule/Mittelstufe / kreatives Schreiben / S. 4 von 7 4 Klassenarbeiten (90 Minuten) zu der Zeitungsnotiz: „Bombenstimmung" reagieren konnte. Ich schaute sie verdutzt an und fragte, was los sei. Da wurde sie schon leicht hysterisch und fragte mich, ob ich denn das Piepsen nicht höre. Ich konzentrierte mich auf die Stille und tatsächlich, da war was. Nun wurde auch ich leicht panisch und be- kam es mit der Angst zu tun. So etwas war mir bis jetzt noch nie passiert. Ich hatte solche Ereignisse zwar schon öfter durch Nachrichten, aus dem Radio oder aus der Zeitung mitbekommen, doch nun war ich „live“ dabei und mir lief es eiskalt den Rücken runter. Ich ließ mein Leben Revue passieren und dachte darüber nach, was ich nun wohl alles nicht mehr erleben würde. Ich stellte mir vor, wie gleich die Tasche explodierte und das ge- samte Gebäude in die Luft flog, inklusive mir. Ich begann zu schwitzen und starrte die Ta- sche an, ich wartete nur auf unser Ende. Da schnipste die Frau wie wild geworden mit ih- ren Fingern vor meinem Gesicht rum und fragte, ob ich denn nichts unternehmen wolle. Ich warnte alle Mitarbeiter und erklärte ihnen die Lage. Sie waren ebenso entsetzt wie ich und verständigten sofort die Polizei, welche kurz darauf eintraf. Da diese selbst nicht ge- nau sagen konnte, ob es sich um eine Bombe handle, rief sie einen Experten vom Landeskriminalamt an. Da die Frau noch immer bei uns stand und die Beamten jedoch die Ernsthaftigkeit der Lage nicht einschätzen konnten, baten sie diese zu ihrer eigenen Sicherheit das Gebäude zu verlassen. Zuerst wollte sie dies nicht, denn sie stellte sich als eine sehr neugierige Person heraus, doch dann sah sie es ein und ging. Die Polizisten baten uns ebenfalls, das Gebäude zu verlassen, da es geräumt und abgesperrt werden musste. Ich verständigte den Berater, welcher gerade ein Kundengespräch hatte. Als die Kundin erfuhr, was in der Schalterhalle vor sich ging, wurde sie kreidebleich und stürmte aus dem Zimmer und gleich danach aus dem Gebäude 'raus. Der Berater ärgerte sich kurz über sein entgangenes Geschäft, folgte mir jedoch nach draußen. Nun standen wir alle vor der Bank, natürlich mit Sicherheitsabstand zum Gebäude. Ich blickte zur besagten Bushaltestelle, an der die Tasche gefunden wurde und sah, dass diese ebenfalls gesperrt wurde. Mittlerweile hatten sich eine Menge neugieriger Leute versammelt und auch die Frau wich uns nicht von der Seite. Alle beobachteten das Vorgehen und waren schockiert, so etwas in ihrer Stadt zu sehen. Der Experte traf ein und verschwand im Gebäude. Ich zitterte am ganzen Körper und wäre am liebsten weggerannt. Nach Minuten voller Span- nung öffnete sich die Tür des Gebäudes erneut und sowohl die Beamten als auch der Ex- perte traten heraus. Sie kamen auf uns zu und klärten uns über den Vorfall auf. Als der Experte gerade die Tasche öffnen wollte, bekam ein Polizist einen Anruf eines Kollegen in der Dienststelle. Dieser teilte ihm mit, dass sich soeben eine Frau telefonisch bei ihnen gemeldet hatte und ganz aufgelöst erklärte, ihr Mann habe seinen teuren, neuen Beamer mitsamt seiner Tasche an der Bushaltestelle am Herdweg vergessen. Sie wolle dies nun als Diebstahl melden, da die Tasche vorhin, als sie sie abholen wollte, nicht mehr auffind- bar war. Der Polizist teilte ihr daraufhin mit, dass er ihre Tasche bereits bei sich habe und bat die verdutzte Frau, mitsamt ihrem Mann ins Revier zu kommen. Als uns von dem Telefonat erzählt wurde, hörten alle zuerst gespannt zu, doch dann wurden Tränen ge- lacht. Was für ein ereignisreicher Tag. Und ich dachte darüber nach, dass ich heute Nacht sicher gut schlafen könne. So schnell kann aus Ernst auch mal Spaß werden. www.KlausSchenck.de / Deutsch / Berufsschule/Mittelstufe / kreatives Schreiben / S. 5 von 7 4 Klassenarbeiten (90 Minuten) zu der Zeitungsnotiz: „Bombenstimmung" 3. Klassenarbeit Gestern bei der Arbeit passierte mir etwas Unglaubliches. Gestern war Montag, Anfang der Woche, wie immer viel zu tun bei uns. Ich war sowieso schon so überfordert mit all dem, was ich wegen meiner Krankheit nachzuholen hatte... Da kam auch noch die Urlaubsvertretung von Bettina, meiner Kollegin, hinzu. Ich hatte also jede Menge Arbeit. Es war ca. elf Uhr, als ich beschloss kurz ins andere Büro herüber zu gehen, um mir dort einen Kaffee zu kochen. Als ich den Flur zum anderen Büro entlang lief, kam mir eine Frau entgegen die mir ziemlich verloren erschien. Sie hatte einen knielangen Rock und eine sehr hübsche schwarze Bluse an. Außerdem trug sie einen langen Mantel, welcher aufge- knöpft war, und Stiefel, die bis über ihr Knie reichten. Sie war sehr hübsch. Ich hatte ganz vergessen, dass ich um elf Uhr ein Gesprächstermin hatte. Ich dachte mir, es könne viel- leicht die Dame sein, mit der ich verabredet war, also ging ich zu ihr hin und fragte sie, ob ich ihr helfen kann. Die Frau stellte sich vor. Ihr Name war Anna. Sie erklärte mir, dass sie an einer Bushaltestelle hier ums Eck auf den Bus wartete, als sie eine Tasche in der Ecke der Bushaltestelle sah. Die Tasche war mittel-groß, schwarz und hatte eine viereckige Form. Es waren weder Muster noch jegliche Schriftzüge auf der Tasche zu sehen. Bis da- hin gab es eigentlich nichts Außergewöhnliches. Vermutlich vergaß jemand eine schwarze Tasche auf einer Haltestelle, vielleicht, weil er sich beeilte oder einfach nur eine tollpat- schige Person war. Doch dann bemerkte Anna ein schwaches und leises Piepsen. Erst dachte sie, dass sie sich es einbildet, doch dann bemerkte sie, dass das Geräusch aus der Tasche kam. Sie geriet in Panik und rannte zum nächst liegenden Gebäude. So kam sie schließlich zu uns in der Bank. Plötzlich hörte auch ich das Piepsen aus der Tasche. Es war leise und man hörte es auch nur, wenn man sich darauf konzentrierte oder näher an die Tasche kam. Ich bekam ebenfalls Angst. Genau wie Anna befürchtete auch ich, dass sich in der Tasche eine Bombe, Sprengkörper oder ähnliches befand. Ich wusste nicht sofort, was ich zu tun hatte, ich beschloss die Tasche vor erst abzustellen und gemeinsam mit Anna zu Andreas, meinem Vorgesetzten, zu gehen. Als ich voller Panik gemeinsam mit Anna herüber lief, kam mir der seltsame Gedanke, dass dies alles nur ein Täuschungsversuch sein könnte. Plötzlich war ich mir unsicher, ob ich den Tresor in mei- nem Büro mit dem vielen Geld auch wirklich abgeschlossen hatte. Ich kam ins Schwitzen. Dann beschloss ich Anna vor dem Büro warten zu lassen und selbst in das Büro von An- dreas herein zu gehen und ihm alles zu erläutern. Als ich Andreas heraus bat und gemein- sam mit Anna von der Tasche berichtete, sah man sofort den Schock in seinem Gesicht. Wir entschlossen uns die Polizei zu verständigen. Als das getan war, ließ ich Anna und Andreas alleine im Flur mit der Tasche und beschloss in mein Büro zu gehen und alles zu überprüfen. Als ich sah, dass alles so war, wie ich es hinterlassen hatte, und ich den Tre- sor verschlossen hatte, fiel mir ein Stein vom Herzen. Auch in diesem Fall dachte ich dar- über nach, wie es wäre, wenn das alles nur ein Täuschungsversuch wäre und ich den Tre- sor nicht abgeschlossen hätte, woraufhin das ganze Geld gestohlen worden wäre. Dieser Gedanke brachte Gänsehaut auf meinen Körper. Ich liebe meinen Job, ich könnte nicht damit leben, gekündigt zu werden, weil ich vergessen hätte den Tresor zu verschließen. Als ich mein Büro abschloss und wieder zu Andreas und Anna ging, war die Polizei schon am Einsatzort. Die Polizisten beobachteten die Tasche nur einen kurzen Moment und www.KlausSchenck.de / Deutsch / Berufsschule/Mittelstufe / kreatives Schreiben / S. 1 von 3 Klassenarbeit (90 Minuten) zu: „Kontaktanzeige" Aufgabenstellung: Aufgabentyp 2 Kreatives Schreiben Sie haben auf eine Kontaktanzeige (Anlage 2) geantwortet. Sie verabreden sich mit der Person, deren Anzei- ge Sie sehr angesprochen hat, um 19.00 Uhr im Café. Als Erkennungszeichen vereinbaren Sie eine rote Ro- se. Geben Sie die Gedanken und Gefühle der wartenden Person wieder. Anlage 2 Gesucht gefunden? - Das Leben ist zu zweit einfach schöner. Ich, nette Wassermann-Frau, 26/172, sportl., gepfl., NR, suche dich zw. 26 - 35 J., ebenfalls sportl., gepfl., NR, treu, ehrl. u. zuverlässig, für eine Zukunft zu zweit. Melde dich unter ... Charakter ist das siegende Ass Als Treff hatte er den Nachbarort vorgeschlagen und ich hegte sofort den Verdacht, dass er sich dabei was gedachte hatte, denn gegenüber von unserem Treffpunkt war ein Café und bestimmt würde er dort sitzen und erst einmal schauen, wie ich aus- sehe. In der heutigen Zeit interessieren einen Mann die inneren Werte nur noch zu einem Bruchteil. Eine schlanke Figur soll sie haben und am besten noch eine große Ober- weite und eine lange, blonde Mähne. Neben den Models im Fernsehen und Zeit- schriften wirke ich dann doch eher wie eine Hausfrau. Meine Figur kann sich den- noch sehen lassen. Zudem bin ich eine erfolgreiche Geschäftsfrau, die stolz auf sich sein kann. Natürlich ist mir daher auch klar, dass niemand die „Katze im Sack" kau- fen möchte. Das ist auch der Grund, wieso man Bilder ins Internetportal stellen muss. Man soll ja vorher die Chance haben, seine neue Bekanntschaft betrachten zu kön- nen. Nach vier Jahren als Single sind meine Ansprüche aber schon gegen Null ge- sunken. Ich habe niemanden im Büro gefunden, niemanden durch Freundinnen oder in Bars. Man sehnt sich einfach nach einem Partner, will nicht mehr alleine einschlafen und sucht eine leidenschaftliche Beziehung. Also gesagt und getan. Gegen halb sechs Uhr abends machte ich mich auf den Weg in den Nachbarort, um den aus dem Inter- www.KlausSchenck.de / Deutsch / Berufsschule/Mittelstufe / kreatives Schreiben / S. 2 von 3 Klassenarbeit (90 Minuten) zu: „Kontaktanzeige" net in einem kleinen, italienischen Restaurant zu treffen. Mein Blick blieb natürlich auch am Schaufenster des Cafés gegenüber hängen. Dort saß ein Mann, ich schätze Mitte vierzig, gemütlich in einem Sessel. Er beobachtete das Geschehen auf der Straße und trank genüsslich seinen Kaffee. Ich atmete tief durch, schüttelte mei- nen Kopf, um die schlechten Gedanken zu vertreiben, kontrollierte zum fünften Mal mein Outfit im Schaufensterglas und fasste den Mut das Restaurant zu betreten. Un- Erkennungszeichen war, typisch Klischee, eine rote Rose. Ich nahm Platz und wartete, da noch keiner der anwesenden Gäste eine Rose bei sich hatte. ser Nach kurzer Zeit überkam mich eine böse Vermutung. Bestimmt hat er es sich noch einmal anders überlegt und mich versetzt. „Marie, wie konntest du auch wirklich den- ken, dass du mit diesem Bild im Portal jemanden kennenlernst, der es mit dir ernst meint?". Ich war drauf und dran meine Sachen zu packen und zu verschwinden. Ge- danklich war ich schon dabei mir zwei Packungen Eis auf der Couch zu genehmigen, als die Tür aufging und der Mann aus dem Café gegenüber das Restaurant betrat. Näher betrachtet war er ein überdurchschnittlich attraktiver Mann. Blaue Augen und eine sportliche Figur, genau wie es mir gefällt. Das Beste an ihm war die rote Rose in seiner braun gebrannten Hand. Er ging sofort auf mich zu und ich konnte mein Glück nicht fassen. Scheinbar habe ich ihn durch mein Aussehen vor dem Café überzeugt. Wir hatten einen wunderschönen Abend mit gutem Essen und viel Wein. Sehr viel Wein. Er er- zählte mir von seinem Job als Bauunternehmer und auch, wie sehr er sich nach lan- gem Singledasein eine Beziehung wünschte. Der Mann war mein persönlicher Jack- pot. Nach der vierten Flasche Wein war ich völlig willenlos und folgte ihm in ein Hotel in der Stadt. Ich machte mir keine Gedanken darüber, dass der Mann nur ein Aben- teuer sucht. Ich war davon überzeugt, dass er mich liebt. Nach einer erlebnisreichen Nacht ging ich am nächsten Morgen überglücklich in mein Haus zurück. Den ganzen Tag sang ich zu Liedern im Radio und glaubte endlich meinen Traumprinz gefunden zu haben. Ich wartete, dass er mich endlich anrief. Nichts passierte, auch keine Woche danach. Auf meine Nachrichten im Internetportal antwortete er nicht. Auf keine der zwanzig Nachrichten. Die nächsten Tage spielte ich jeden Moment des „Dates“ in meinem Kopf durch, konnte aber keinen Fehler meinerseits finden. Wie ich es schon vorher gesagt hatte, war meine Internetbekanntschaft nichts weiter als eine große Enttäuschung. Ein Glück dass Anna, Mia und Sophia mich am Wochenende zu einem Wellnesstrip ein- luden. Ein bisschen Ablenkung kann nicht schaden. Badeanzug, Bademantel und ein schickes Kleid für den Abend. Die Tasche war fertig gepackt und ich machte mich auf den Weg meine Mädels abzuholen. Cabrio-Verdeck auf, Sonnenbrille und Musik an und einfach die Enttäuschung der letzten Woche vergessen. Auf einmal kamen graue Rauchwolken aus meiner Motor- haube und das Auto fuhr keinen Meter mehr. „Was soll mir denn noch alles passie- www.KlausSchenck.de / Deutsch / Berufsschule/Mittelstufe / kreatives Schreiben / S. 3 von 3 Klassenarbeit (90 Minuten) zu: „Kontaktanzeige" ren?", dachte ich mir und prustete laut vor mich hin. Völlig hilflos versuchte ich mich daran herauszufinden, was mit dem Auto nicht stimmte. Dabei beschmutzte ich mein Gesicht und die Klamotten mit Öl und Schmutz. Besser konnte der Tag ja wirklich nicht mehr werden. Total am Ende und genervt setzte ich mich auf den Boden. Nach einem Tränenaus- bruch und ein paar unbeantworteten Hilferufen hielt endlich ein Auto hinter mir an. Ein Mann in meinem Alter stieg aus und fragte mich, wie er mir behilflich sein könnte. Da traf es mich wie einen Blitz. Frank, mein bester Freund zu Schulzeiten. Wir hatten uns ganze 15 Jahre nicht mehr gesehen. Sofort unterhielten wir uns über Gott und die Welt. Trotz der misslichen Situation brachte er mich zum Lachen. Gemeinsam schleppten wir das Auto ab. Später bedankte ich mich für seine Hilfe und für das nach Hause bringen. Ich war total verdreckt und durchgeschwitzt. Ich musste drin- gend unter die Dusche. Frank stieg noch aus und begleitete mich zur Haustür. Dort sagte er mir, wie schön ich doch geworden sei und, ob ich denn nicht Lust hätte später mit ihm essen zu gehen. Ich lachte laut los. In meinem Zustand fand mich die- ser Supertyp schön. Er beteuerte mir, dass er es ernst meinte und ich willigte ein mit ihm essen zu gehen. Zwei Stunden später trafen wir uns frisch geduscht beim Italie- ner im Nachbarort. Genau der Italiener von meinem Internetdate. Vor dem Betreten des Restaurants blickte ich hinüber zum Café. Ich konnte einfach nicht anders. Tatsächlich saß dort meine braun gebrannte Internetbekanntschaft und vergewisserte sich über das Aussehen einer anderen Dame, die vor dem Italiener mit einer roten Rose wartete. Gleiche Masche wie bei mir. Ich konnte es kaum glauben. Gleiche rote Rose, gleicher Italiener. Die arme Frau. Frank und ich betraten das Restaurant und nahmen Platz. Wir redeten viel über die alten Zeiten und verstanden uns richtig gut. Später erzählte ich ihm von dem Reinfall vor ein paar Wochen. Wir schlenderten danach durch die Straßen. Er küsste mich nicht beim ersten „Date“, aber er rief mich direkt am Tag danach an. Heute Abend sind wir wieder verabredet und ich habe ein gutes Gefühl. Frank ist kein Schönling, er kennt mich aber schon so lange und uns verbindet mehr. Seit gestern Abend, nach dem „Date", habe ich mich im Portal abgemeldet. Für mich zählen wohl doch die inneren Werte und der Charakter mehr als braun gebrannte Haut und perfekter Hintern. Aufgabenstellung: Erzählen Sie die Geschichte weiter und finden Sie eine passende Überschrift. 5 10 15 www.KlausSchenck.de / Deutsch / Berufsschule/Mittelstufe / kreatives Schreiben / S. 1 von 3 Klassenarbeit (90 Minuten) zum Aufenthalt von Lisa 20 25 30 Ich kannte Lisa seit meiner Kindheit. Damals spielten wir öfter zusammen, wenn ihre Familie zu uns zu Be- such kam. Besonders meine Tante Bettina, ihre Mutter, war immer sehr nett zu mir, und es war klar, dass ich mich mit meiner Cousine auch verstand. So ist es ja üblich unter Kindern in der Verwandtschaft. Dann aber kamen wir in die Pubertät, und Lisa wurde immer komischer. Zum Spielen hatten wir jetzt natür- lich keine Lust mehr, und wenn wir bei den seltener werdenden Verwandtschaftsbesuchen zusammensa- Ben, hockten wir eigentlich nur nebeneinander und checkten auf unseren Handys die Nachrichten unserer Freunde und schrieben selbst welche. Während unsere Mütter und Väter dauernd etwas quasselten, was uns überhaupt nicht interessierte - die Männer über Autos und Computer, die Frauen über ihre komischen Kolleginnen und blöden Chefs - sagten wir lieber gar nichts zueinander und hörten Musik über unsere Smartphones. Einmal, ich weiß heute noch nicht warum, schielte ich zu ihr herüber und konnte auf ihrem Display die Nachricht lesen: „Hey Lisa, ich finde dich total cool. Sven" Lisa bemerkte, was ich tat, nahm den Kopfhörer ab und fragte schon ziemlich ärgerlich: „Was gibt's denn da zu glotzen?" „Wer ist denn dein Sven? Muss ja ziemlich toll sein, der Typ", entgegnete ich. Das hätte ich lieber nicht gesagt, denn Lisa schrie mich nun an, bekam jetzt einen Wutanfall, der damit endete, dass sie und ihre Eltern vorzeitig nach Hause gingen. Tante Bettina guckte gar nicht mehr so freundlich wie sonst, aber das war mir egal. Ich war einfach nur wü- tend, dass Lisa sich so benommen hatte. Danach sah ich sie über ein Jahr nicht mehr und hatte auch keinen Kontakt mit ihr über das Handy. Etwas Besseres konnte mir eigentlich gar nicht passieren. Ich hatte sie eigentlich schon ganz vergessen, als ich neulich aus der Schule kam. Nachdem ich etwas ge- gessen hatte, legte ich mich in meinem Zimmer auf mein Bett und ruhte mich aus. Ich hörte, wie draußen das Handy meiner Mutter klingelte, sie eine Weile mit jemandem sprach. Anschließend klopfte sie an meine Zimmertür, kam herein und teilte mir etwas verlegen mit: ,,Onkel Markus hat gerade angerufen. Tante Bettina hat sich das Bein gebrochen und ist eben ins Krankenhaus gekommen. Er hat mich gefragt, ob Lisa für eine Woche zu uns kommen und im Gästezimmer wohnen kann. Er findet, dass er sie nicht so gut versorgen kann, weil er wegen seines Berufs oft nicht zu Hause ist. Dass ihr Euch früher mal gestritten habt, wäre doch jetzt wohl vergessen." Und ....", fragte ich sie schon ganz entgeistert. ,,Ich habe ihm Recht gegeben und ge- sagt, dass er Lisa heute Abend vorbeibringen soll. Ich konnte doch nicht,Nein' sagen." Mir fiel buchstäblich der Kinnladen herunter. ,,Was hat Du getan?", brüllte ich meine Mutter fast an, „du hast die Zicke zu uns ein- geladen?" Verfasser: Aufgabenersteller www.KlausSchenck.de / Deutsch / Berufsschule/Mittelstufe / kreatives Schreiben / S. 2 von 4 Klassenarbeit (90 Minuten) zum Aufenthalt von Lisa Überschrift: Liebe vergeht - Familie bleibt „Und...", fragte ich sie schon ganz entgeistert. „Ich habe ihm Recht gegeben und gesagt, dass er Lisa heute Abend vorbeibringen soll. Ich konnte doch nicht,Nein' sagen." Mir fiel buchstäblich der Kinnladen herunter. „Was hast Du getan?", brüllte ich meine Mutter fast an, „du hast die Zicke zu uns eingeladen?" Meine Mutter wusste gar nicht, wie ihr geschieht. Ich warf sie ziemlich unfreundlich aus meinem Zimmer und knallte hinter ihr lautstark die Tür zu. Die nächsten zwei Stunden hörte man nur noch laute Musik von dort. Ich war sauer. Stinksauer! Nicht nur auf meine Mutter, weil sie erlaubt hat, dass Lisa eine Woche bei uns wohnen darf, sondern auch auf meine Tante Bettina. „Kann sie nicht auf sich aufpassen? Musste sie sich unbedingt das Bein brechen?“, dachte ich mir. Gegen Abend klopfte meine Mutter an meine Zimmertür. Von mir kam jedoch keine Reaktion, ich hörte nur, wie sie sagte: „Lisa ist jetzt da, in einer halben Stunde gibt es Abendessen." Ich lag auf meinem Bett und verdrehte die Augen. Da ich Hunger hatte, musste ich wohl oder übel doch nach unten zum Abendessen, obwohl ich keine Lust hatte Lisa zu sehen. Unten angekommen saßen schon alle am Tisch. Gedrückte Stimmung durchflutete den Raum. Mein Vater hatte einen schlechten Tag auf der Arbeit und redete daher kein Wort. Lisa und ich sahen uns nicht an, jedoch spürte ich ihre Blicke, als ich auf meinen Teller starrte. Ebenso sah ich sie an, wenn sie einmal nicht in meine Rich- tung sah. Hübsch sah sie aus. Und so erwachsen. Eine junge Frau eben. Ihre blauen Augen und ihr blondes Haar fesselten meinen Blick regelrecht. Ich aß ein Brot und ging wieder nach oben. Auf der Hälfte der Treppe hörte ich meine Mutter rufen: „Wir wollen später noch ein Spiel spielen, willst du mitspielen?“ „Ich bin müde“, antwortete ich und verschwand in meinem Zimmer. Ich nahm mein Handy zur Hand, schloss die Kopfhörer an und startete die Playlist in meiner Musik App. Ich legte mich auf mein Bett und schaute aus dem Dachfenster, wie die Wolken vorbeizogen. Ich schwebte in Erinnerung meiner Kindheit. Immer wieder kamen mir die Bilder vor Augen, wie Lisa und ich als Kinder zusammen spielten. Ihr Lachen hat mich damals schon verzaubert. „Warum nur?“, fragte ich mich. „Warum stört es mich so, dass sie jetzt hier ist? Unser Streit ist doch schon ewig her!" Ich ließ die Musik weiterlaufen. Als ich auf die Uhr schaute, bemerkte ich, dass es schon elf Uhr abends war und ich am nächsten Tag Schule hatte und schlafen musste. Als ich die Kopfhörer aus meinen Ohren nahm, hörte ich von unten Lisas Lachen. Es klang wie Engelsstimmen. „Sind die langsam ‘mal fertig mit Spie- len?“, fragte ich mich. Ich zog mich aus und legte mich ins Bett. Lisas Stimme war wie eine Melodie, perfekt zum Einschlafen. Als ich am nächsten Morgen aufwachte, bemerkte ich, ich war spät dran. Ich packte schnell ein paar Klamotten und rannte ins Bad, um zu duschen. Ohne anzuklopfen stürmte ich ins Bad ‘rein und wer stand dort natürlich? Lisa. In Unterwäsche. „Kannst du nicht anklopfen?“, schrie sie mich an, packte ihre Sachen und verließ das Bad. Wie erstarrt stand ich da. Nur noch ein fast nicht hörbares ,Sorry“ kam aus mir her- aus. Kurze Zeit später hatte ich mich wieder gefangen und sprang unter die Dusche. www.KlausSchenck.de / Deutsch / Berufsschule/Mittelstufe / kreatives Schreiben / S. 3 von 4 Klassenarbeit (90 Minuten) zum Aufenthalt von Lisa Eine eiskalte Dusche, genau das brauchte ich jetzt. Mutter fuhr mich in die Schule, da es mittlerweile ziemlich spät geworden war. „Danke, bis später!“, murmelte ich vor mich hin, als wir angekommen waren. Den ganzen Schultag über war ich wie weg- getreten, ich hörte den Lehrern nicht zu, hatte keine Ahnung, was meine Jungs mir erzählten. Ich hatte den ganzen Tag dieses Bild von Lisa in Unterwäsche vor Augen. „Was ist los mit mir?", fragte ich mich immer wieder. Ich bin doch nicht...? Nein! Nein! Nein! Das kann und darf nicht sein!" Tage vergingen und ich redete mit Lisa weiterhin kein Wort. Meine Eltern verstanden sich super mit ihr. Immer wieder hörte ich sie gemeinsam lachen. Wenn sie sich un- beobachtet fühlte, starrte ich sie an und verlor mich in ihrem Lachen. Es war Donnerstagabend. Am Freitag reiste Lisa wieder ab. Ich lag auf meinem Bett, starrte durch das Dachfenster in den Himmel und im Hintergrund lief ein Kinderlied, zu welchem Lisa und ich früher immer gesungen und getanzt haben. Ich lächelte. Plötzlich klopfte es an der Tür. „Ist das wieder meine Mutter, die mir mit irgendwas auf die Nerven geht?", fragte ich mich. Ich hörte, wie sich langsam die Zimmertür öffnete und ich wandte meinen Blick in Richtung Tür. Das Erste, was ich sah, war blondes Haar. Ich sprang auf und sagte ganz erstarrt: „Lisa….!“ „Hey, hast du kurz Zeit zum Reden?", fragte sie schon ganz schüchtern. Ich markierte natürlich den Coolen und fragte: „Klar, was gibt's?" Mein Herz raste und ich hatte das Gefühl, dass mein Kopf so rot anläuft wie eine Tomate. „Du weißt ja, ich reise morgen wieder ab. Mama geht es wieder besser und sie darf nach Hause“ sagte Lisa, während sie mich mit ihren blauen Augen erneute fesselte. „Ja, habe ich mitbekommen und was willst du jetzt von mir?“, kam ich ihr ganz cool entgegen. „Was ist mit unserem Streit? Ist der vergessen oder wollen wir uns jetzt ewig aus dem Weg gehen?“ Obwohl mein Herz immer noch wie verrückt raste, sagte ich: „Klar, ist vergessen, wir sind ja keine kleinen Kinder mehr, außerdem sind wir Familie, eines Tages brauchen wir uns ge- genseitig, da hat Streit nichts zu suchen.“ Lisa lächelte. „Okay, super“, antwortete sie. „Danke, dass ihr mich aufgenommen habt, mach’s gut!“ „Kein Problem“, nu- schelte ich. Sie verließ den Raum. Immer noch wie erstarrt blickte ich in Richtung Tür in der Hoffnung, sie würde jederzeit zurückkommen. Aber das tat sie nicht. Als ich am nächsten Morgen schweißgebadet aufwachte, musste ich mir eingeste- hen, dass ich mich tatsächlich in sie verliebt hatte. „Ich kann das keinem sagen, das geht nicht. Vergiss sie, es ist deine Cousine!", versuchte ich mir immer und immer wieder einzureden. Als ich von der Schule kam, war sie Gott sei Dank schon abge- reist. Ich glaube, es war das Beste, dass ich sie nicht mehr gesehen habe. Familientreffen ging ich in der nächsten Zeit soweit wie möglich aus dem Weg. „Sie ist jetzt mit diesem Sven zusammen“, hörte ich meine Mutter erzählen. Ich schmunzelte vor mich hin,,,solange er sie glücklich machen und ihr nicht weh tut, passiert ihm nichts", dachte ich mir. Jahre vergingen und mit der Zeit verstanden wir uns wieder wie früher. Ich hatte dann auch eine Freundin und kam so immer besser mit der Situation klar, dass Lisa wohl niemals meine Freundin sein wird, aber für immer ein Teil der Familie bleibt und ich sie so immer in meiner Nähe habe. Das Geheimnis, dass ich Gefühle für sie www.KlausSchenck.de / Deutsch / Berufsschule/Mittelstufe / kreatives Schreiben / S. 4 von 4 Klassenarbeit (90 Minuten) zum Aufenthalt von Lisa habe, werde ich wohl für immer in mir herumtragen, - schon allein des Familienfrie- dens wegen. / Deutsch / Berufsschule/Mittelstufe / kreatives Schreiben / S. 1 von 8 www.KlausSchenck.de 3 Klassenarbeiten (100 Minuten) zu Gabriele Scheuermann: „Die wahre Geschichte" Aufgabenstellung: Erzählen Sie die Geschichte weiter! Gabriele Scheuermann: ,,Die wahre Geschichte" Wie ich ihn kennenlernte, weiß ich schon nicht mehr genau. Oder doch. Egal. Ich erinnere mich daran, dass ich ihn albern fand. Affig irgendwie und großkotzig. Außerdem liegt mir nichts an blonden Männern wenn sie zu allem Überfluss auch noch blauäugig sind, werde ich Weltmeister im Nichtbeachten. Ab und zu sang er ein Lied mit - laut! Ich vergaß ihn schnell. Klar, dass er Tage später ein Hubkonzert veranstaltete, als er mich auf der Straße sah. Quelle: Karl Hotz und Gerhard C. Krischker (Hrsg.) „Wie war der Himmel blau. Ge- schichte aus unserer Zeit", Bd. 4. C. C. Buchners Verlag: Bamberg 2008. S.81 1. Klassenarbeit Ich vergaß ihn schnell. Klar, dass er Tage später ein Hubkonzert veranstaltete, als er mich auf der Straße sah. Ich hatte in den letzten Tagen erfolgreich versucht meinem „Exchef“ auszuweichen. Was oft nicht leicht war in dieser Stadt. Immer wieder ging ich am Bürokomplex in der Parkavenue vorbei. Nicht aus Trauer oder weil ich meinen Schritt bereue, nein, ich bereue ganz bestimmt nichts. Eher aus Gewohnheit. Ist eben seltsam nach zwei Jahren voller Glücksgefühle und Erfolge. Ich kann mich schon noch ganz genau an den Tag erinnern, an dem wir uns kennengelernt haben, wenn ich ehrlich bin. Ge- rade einmal fünf Tage war ich in New York angekommen. Heimat und Familie habe ich zurück gelassen, um ein neues Abenteuer zu wagen. Als ich das Jobangebot ein paar Wochen zuvor erhielt, wusste ich nicht, was ich dazu sagen sollte. Eigentlich war ich glücklich in Berlin. Der Mensch strebt jedoch immer nach etwas Neuem. New www.KlausSchenck.de / Deutsch / Berufsschule/Mittelstufe / kreatives Schreiben / S. 2 von 8 3 Klassenarbeiten (100 Minuten) zu Gabriele Scheuermann: „Die wahre Geschichte" York stellte für mich Macht und auch Luxus dar. Alles Dinge, auf die ich total „ab- fahre". Gesagt und getan. Koffer gepackt und eine Woche später per „One-way-ti- cket" in meine neue Traumstadt. Die neue Firma organisierte mir eine winzige Woh- nung, zwanzig Minuten vom Bürogebäude entfernt. Natürlich war die Wohnung total überteuert und scheußlich eingerichtet. Am Montag darauf hatte ich meinen ersten Tag, weshalb ich samstags noch zum Entspannen in den Park der nächsten ruhigen, größeren Stadt ging. Ich setzte mich auf eine Bank vor dem Ententeich, breitete die Arme hinter meinem Kopf aus, atmete die warme Sommerluft ein und genoss mein Dasein in der neuen Stadt. Völlig in meinen Gedanken versunken, schloss ich meine Augen. Als ich sie wieder öffnete, weil sich die Bank bewegte, saß ein Mann, ich schätze ca. 5 Jahre älter als ich, neben mir und grinste mich an. Es war ein blonder Mann mit blauen Augen, die dir die Sterne vom Himmel holen konnten. Eher das Blaue vom Himmel lügen, aber egal. Wir kamen schnell ins Gespräch und tauschten belanglose Dinge aus. Er erzählte mir von seiner Zeit im Studium und wir stellten schnell fest, dass wir verdammt viele Gemeinsamkeiten besaßen. Wir redeten ununterbrochen und merkten nicht, wie spät es schon war, bis die Sonne unterging. Er lud mich dann direkt zum Abendessen ein. „Was für ein Glück ich doch hab`, so einen Mann gleich in der ersten Woche zu treffen“, dachte ich mir. Mit viel Wein und guter Pasta gefiel er mir noch besser. Diese wahnsinnigen Augen. Diese schlanke, aber dennoch muskulöse Figur. Breite Schultern und ein Lächeln, das jede Frau zum Dahinschmelzen bekommt. Völlig überwältigt von der neuen Stadt und meiner „hei- Ben" Bekanntschaft folgte ich ihm in ein Hotel und dort lief es darauf hinaus, worauf es hinaus laufen musste. Die beste Nacht in meinem achtundzwanzigjährigen Da- sein. Mit einem breiten Grinsen verließ ich das Hotel und sang sogar die nervigsten Lieder im Radio mit. Ich war einfach glücklich über meinen guten Start in dieser Stadt. Der Sonntag verging wie im Flug und da war auch schon Montag. Mein erster Arbeitstag in der neuen Firma. Ich wurde dort als Assistentin des Juniorchefs einge- stellt. Ein totaler Aufstieg im Gegensatz zu meinem alten Job. Ich zog mich extra schlicht an: weiße Bluse und einen schwarzer Rock. Hohe Schuhe dürfen natürlich auch nicht fehlen. Wir sind ja schließlich in der Stadt „der Schönen und Reichen". Alle begrüßten mich freundlich und ich wurde direkt eingelernt. Ein „Meeting" mit mei- nem Chef war für 13.00 Uhr geplant, da er noch bei einem wichtigen Termin war. Ich lernte langsam alle kennen und richtete mir mein Büro ein. Punkt 13.00 Uhr klopfte es an meiner Tür. Wer stand mir dann wohl gegenüber, als ich die Tür öffnete? Der Mann aus dem Park. Robert Scott. Ich bekam fast keine Luft mehr, als er sich als mein neuer Chef vorstellte. „Das kann doch wirklich nicht wahr sein." Er schloss die Tür und lachte. Ich musste mitlachen vor lauter Verzweiflung. Robert sagte mir, wie oft er schon an unsere Nacht gedacht hatte. In den nächsten Monaten spielten sich der Arbeitsalltag und unsere „kleinen Treffen“ danach gut ein. Alle paar Wochen war er für mehrere Tage auf verschiedenen Geschäftsreisen. Ich bekam immer Geschenke und wurde mit deutlichen SMS belohnt. Nach ein paar Monaten lockerem Hin und Her wollte er mehr. Er wollte mich als Freundin und ich willigte ein. Eine perfekte Stadt, ein perfekter Mann und ein perfekter Job. Ich war so ein Glückspilz. Robert holte mich oft ab und wir fuhren mit seinem schicken Cabrio www.KlausSchenck.de/ Deutsch / Berufsschule/Mittelstufe / kreatives Schreiben / S. 3 von 8 3 Klassenarbeiten (100 Minuten) zu Gabriele Scheuermann: „Die wahre Geschichte" durch die New Yorker Innenstadt. Er sang zu allen Liedern und das sehr laut. Es störte mich nicht, weil ich genauso laut mitsang. Wir waren so verliebt, mein Gott! Was ich von Tag zu Tag jedoch immer komischer fand, waren die Blicke meiner Kollegen. Sie tuschelten, wenn ich vorbei lief, oder schauten mich sonderbar an. Ich dachte, dass das bestimmt daran liegt, weil sie denken, ich hätte mich hochgeschla- fen und jetzt hat er keine Zeit mehr für mich, weil er ständig auf Geschäftsreisen ist. Darüber konnte ich nur lachen. Ich war die Glücklichste überhaupt, besonders an dem Tag, an dem mich Robert fragte, ob ich nicht zu ihm ziehen wollte. „Ja, ja, ja!“ Eine super Wohnung, direkt in der Stadtmitte. Ich hatte es echt geschafft. „Was für ein Aufstieg", dachte ich mir. Alles lief so wunderbar. Robert war wieder auf Geschäftsreise und ich war in Feierlaune. Ich fuhr in die nächste große Stadt und kaufte mir eine Flasche Sekt, um mich einzustimmen. „In toller Umgebung trinkt es sich noch viel besser", dachte ich. Also, ab in den Park der Stadt. Den kannte ich schon von dem ersten „Date“ mit meinem Traumprinzen. Ich schlenderte durch das Gras und genoss meinen Sekt. Traumhaftes Wetter und ein Abend voller guter Laune vor mir. Die Freude stieg noch mehr, als ich eine SMS von Robert bekam. „Ich vermisse dich!", schrieb er. Ich stolperte vor, als ich nur auf mein Handy sah und fiel auf den Boden. Als ich mich gerade aufrichten wollte, spürte ich, wie mir plötzlich die Farbe aus dem Gesicht wich. Am anderen Ende des Parks sah ich einen Mann mit Handy in der Hand. Einen blonden Mann. Meinen blonden Freund. Meinen Robert. Er lachte und hielt ein Kind an der Hand. Eine blonde Frau legte ihm sanft die Hand auf die Schulter und küsste ihn. Für mich war alles eindeutig. Das Schwein ist verheiratet. Mit aufgeschlagenem Knie, angetrunken und heulend machte ich mich auf den Nachhauseweg. Ich war zu schockiert und sauer, um ihn zur Rede zu stellen. Ich lag heulend im Bett und konnte die ganze Situation auch nach hundertfachem Durchspielen in meinem Kopf nicht fassen. Von wegen Geschäftsreisen. Er war bei seiner Familie. Mein Gott, er hat ein Kind. Die Trauer schlug schnell in Wut um. Ich wollte mich nicht zuhause bei meiner Familie über mein Scheitern ausheulen. Ich wollte einfach nur Rache. Auf einmal war er für mich nicht mehr der Traumprinz. Ich fand ihn affig mit seinen dum- men Witzen, ja sogar großkotzig mit seinen maßgeschneiderten Anzügen. Alles, was ich jemals anziehend fand, fand ich nun nervig und schrecklich. „Was will ich auch von einem blonden Mann?" Daran lag mir doch vorher nichts. Auch noch blaue Au- gen! Mit diesen hat er mir das Blaue vom Himmel gelogen. Als ich das Radio an- stellte, wurde mein Zorn noch gekrönt. Das Lied, bei dem er immer laut mitsang, kam. Nervig! Da fiel mir mein Racheplan ein. Ich sammelte mich die folgenden Tage und besorgte Montag früh zwei heiße, dampfende Becher Kaffee. Wie immer. Robert wartete schon freudestrahlend auf mich. Ich stolzierte in sein Büro, ließ mit Absicht die Tür offen, damit uns jeder hören konnte, und stellte den Kaffee auf seinem Schreibtisch ab. Er wollte aufstehen, doch ich drückte ihn zurück in den Stuhl, als er schelmisch grinste, wusste ich sofort, was er dachte. Er hoffte auf eine heiße Num- mer. Die bekam er auch, in Form von heißem Kaffee in seinem Schoß. Ich lachte und machte ihm eine Szene. Ich schrie und beschimpfte ihn, so laut, dass es jeder hören www.KlausSchenck.de / Deutsch / Berufsschule/Mittelstufe / kreatives Schreiben / S. 4 von 8 3 Klassenarbeiten (100 Minuten) zu Gabriele Scheuermann: „Die wahre Geschichte" konnte. Die Kollegen applaudierten, was darauf schließen lässt, dass alle längst von seinem Doppelleben wussten. Am Ende kündigte ich und verließ erhobenen Hauptes das Büro. Zwar war ich nun arbeitslos und musste mir eine neue Wohnung suchen, aber ich war wieder frei von Lügen und meinem eigenen Zorn. Ich war so schnell weg, dass er nicht einmal ein einziges Wort sagen konnte. Einige Tage war es dann natürlich klar, dass er ein Hupkonzert veranstaltete, als er mich auf der Straße sah. Er fuhr ganz nah an mich hin und schrie mich an, was mir denn nur einfalle ihn so bloß zu stellen. Ich lachte und rannte davon. ,,Was bringt mir so ein reicher Geschäftsmann, wenn er mich nur belügt und jetzt nicht mal meinem Zorn standhalten kann?", dachte ich mir, als ich mich in einer kleinen Gasse an die Wand lehnte, um nach Luft zu schnappen. In den kommenden Tagen kümmerte ich mich um eine neue Wohnung. Ich konnte tatsächlich meine alte Wohnung zurück haben. Ich schreibe Bewerbungen und gehe jetzt, ein paar Wochen später, durch die Stadt sparzieren. Meine Wunden sind ge- heilt. Dennoch tue ich oft so, als könnte ich mich nicht mehr an alles erinnern. Dabei weiß ich noch jedes Detail. Man gesteht sich nicht gerne eine gescheiterte Liebe ein. Ich schlendere durch die Stadt und plötzlich höre ich ein nur allzu bekanntes Ge- räusch. Ein Hupkonzert. Ich lache laut und gehe weiter. Es hört aber nicht auf. Ich drehe mich total genervt um und sehe einen Mann in meinem Alter in einem Cabrio. Ich schrei ihn an, was er denn von mir wolle. Er parkt das Auto. Es steigt ein gutaussehender Mann in einem Blaumann aus. Er kommt scheinbar von einer Bau- stelle. Ich blicke ihn total genervt an. Der Mann läuft an mir vorbei und hebt ein paar Meter wei ein Handy auf. Mein Handy. Ich muss es verloren haben, als ich so gedankenversunken war. Er reicht es mir und fragt: „Darf ich dich auf einen Kaffee einladen? Als Entschuldigung für mein Hupkonzert.“ Ich grinse nur und sage: „Mit Kaffee bin ich endgültig fertig, ich nehme Tee!" 2. Klassenarbeit Klar, dass er Tage später ein Hupkonzert veranstaltete, als er mich auf der Straße sah. Ich wusste erst nicht, wen er da aushupte, bis ich sein Lächeln wieder erkannte. Mitten auf der Hauptstraße blieb er stehen, machte das Fenster `runter und rief zu mir `rüber: „Was treibst du denn hier in der Gegend?“ Ich überlegte kurz, ob ich ihm die Wahrheit sagen sollte, entschied mich dann aber dazu, dass ich es besser nicht tun sollte. „Ich bin zum Shoppen hier verabredet", antwortete ich. Hinter ihm stauten sich bereits die Autos, manche regten sich offensichtlich auf, andere starrten auf ihr Handy. Albert jedoch machte nicht den Eindruck, als hätte er es eilig weiter zu fah- ren. Er blickte mich an, als hätte er mich Jahre nicht gesehen, dabei war es gerade erst zwei Wochen her seit unserem Treffen. „Hast du es eilig zu deinem Treffen zu kommen?", fragte er. „Naja, ich bin eigentlich schon spät dran", antwortete ich ihm. www.KlausSchenck.de / Deutsch / Berufsschule/Mittelstufe / kreatives Schreiben / S. 5 von 8 3 Klassenarbeiten (100 Minuten) zu Gabriele Scheuermann: „Die wahre Geschichte" Sein Blick war enttäuscht, aber er versuchte es zu überspielen. Nun begannen die Autos hinter ihm zu hupen. Ich glaube, ich wäre nicht so geduldig gewesen. Ihn schien es nicht zu stören. Mir wurde es allerdings nun unangenehm. Ich gab ihm ein Zeichen weiter zu fahren. Jetzt merkte er, dass es mir unangenehm war, schien es aber amüsant zu finden. Sein Lächeln verriet ihn dabei. „Ich fahre erst weiter, wenn du mit mir mit kommst“, sagte er und stellte den Motor ab. „Na super“, dachte ich. „Und wenn ich einfach weiter laufe?" Die Fahrer hinter ihm hatten mittlerweile er- kannt, dass er wegen mir noch immer mitten auf der Straße stand. Sie schauten mich vorwurfsvoll an. Da entschied ich mich, zu ihm an das Auto zu gehen. Was sollte mir denn groß passieren? Ich überquerte die Straße, ging um sein Auto und stieg ein. In seinem Blick erkannte ich, dass er bereits vorher wusste, dass er seinen Willen bekommen würde. Er startete sein Auto und fuhr los. Mein Blick wanderte zum Spie- gel, ich sah die genervten Gesichter der Autofahrer, aber auch die Erleichterung, dass sie nun weiter fahren konnten. Albert schaute mich an. Ich wusste jedoch nicht, was ich sagen sollte. Letztes Mal haben wir uns nicht im Guten getrennt. Wir hatten eine Meinungsverschiedenheit darüber, wie sehr die Frau gehorchen sollte. „Mist“, dachte ich, ich habe ihm schon wieder nachgegeben!“ Wieso war ich nur so leicht zu überzeugen? „Mit wem wolltest du dich zum Shoppen treffen?", fragte er. Ich über- legte `kurz. „Mit Hanna“, antwortete ich. „Dann solltest du ihr wohl schreiben, dass du nicht kommst, oder?“, meinte er. Ich nickte, nahm mein Handy aus der Tasche und öffnete heimlich die Seite meines Frauenarztes. Die Öffnungszeiten stachen mir di- rekt ins Auge. Nach einer kurzen Überlegung steckte ich das Handy wieder ein. Al- bert fuhr nun aus der Stadt, bog ab in einen Feldweg und gab Gas. Ich bekam etwas Panik, weil er viel zu schnell wurde. Unauffällig legte ich schützend die Hand auf mei- nen Bauch. Leider wusste ich auch, dass ich ihn beim Fahren nicht korrigieren sollte. Das mochte er gar nicht. Ich war froh, als er wieder auf die normale Straße fuhr. Je- doch fühlte ich mich noch immer unwohl. Er hatte heute ein gefährliches Glitzern in den Augen. Außerdem war er sehr still. Das war absolut ungewöhnlich für ihn. „Alles okay bei dir?", fragte ich ihn. Er schaute mich kurz an und nickte. Dabei fiel sein Blick auf meine Hand an meinem Bauch. Er schaute mich beunruhigt an. „Hast du Bauch- schmerzen?", fragte er, den Blick noch immer auf meinen Bauch gerichtet. Ich zö- gerte, war das der richtige Moment es ihm zu sagen? Nein, besser nicht beim Fah- ren. Außerdem wusste ich nicht, wie er reagieren würde. Also sagte ich ihm, dass es nur eine Magenverstimmung sei. Er entspannte sich etwas, schnaufte tief durch und fing an zu plaudern. Nun war er wieder der alte, lustige Albert, den ich kannte. Wir redeten viel über die Arbeit, seine Arbeit und über Freunde, seine Freunde. Bis wir bei ihm zu Hause angekommen waren, dämmerte es schon. Er wohnte auf einem Aussiedlerhof im Wald. Ich fand es hier schon immer etwas gruselig, wenn es dunkel wurde. Doch mit seiner meist fröhlichen Art legte sich die Angst immer schnell. Seit dem letzten Mal jedoch wusste ich, dass er auch ganz anders konnte, wenn ihm et- was nicht gefiel. Wir gingen gemeinsam ins Haus. Auf einmal wurde mir schlecht. Ich stürmte an ihm vorbei zum Gäste WC. Ohje, es macht sich wider bemerkbar, dachte ich. Hoffentlich hatte er es nicht bemerkt und dachte, es sei von meiner Magenverstimmung. Nach ein paar Minuten ging es wieder und ich entschied mich

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2 Klassenarbeiten (90 Minuten) zu „Briefe von

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Tipps und Anforderungsprofil für anspruchsvolles kreatives Schreiben in der Mittelstufe / unterschiedliche Aufgabenstellungen mit einfallsreichen, oft spannenden Schüler-Lösungen (Klassenarbeiten) / das kreative Schreiben wurde systematisch geübt

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www.KlausSchenck.de / Deutsch / Berufsschule/Mittelstufe / kreatives Schreiben / / S. 1 von 5 2 Klassenarbeiten (90 Minuten) zu „Briefe von Polar" Aufgabenstellung: ● Schreiben Sie einen Antwortbrief an P. (Spitzname Polar) nach Italien. (Anlage 2) Schreiben Sie (im Namen Polars) einen weiteren, ausführlichen Brief nach Hause. (Anlage 2) oder ● Anlage 2 Ein Zettel auf dem Küchentisch Geschrieben am 20. Juni Bin ,,Zigaretten holen“. Polar Erste Postkarte Abgestempelt am 20. Juni in München, Deutschland Mach Dir keine Sorgen, es geht mir gut. 30 Grad im Schatten und ein kaltes Bier vor der Nase. Pflanzerlsemmeln* sind nicht vegetarisch. Bleib, wo Du bist. Versuche etwas herauszufinden. Polar P.S: Mein Telefon bleibt erstmal aus. Die Karte zeigt den Marienplatz, bevölkert mit in Trachten gekleideten Männern. Es wehen bayrische Fahnen. Erster Brief Abgestempelt am 28. Juni auf Ischia, Provinz Neapel, Italien, geschrieben auf der Rückseite des Restauranttischun- terlagenpapiers „Da Giovanni" Es ist Neumond, und ich sitze auf der Terrasse mit eiskaltem Weißwein. Habe hier für ein paar Tage ein Zimmer ge- mietet. Das Wetter ist herrlich. Das Meer ist tiefblau. Und, um die Standardauskünfte zu vervollständigen: Das Essen ist hervorragend. Alles fällt von mir ab, wie Laub von einem Baum im Herbst oder der Schwanz der Eidechse. (...) Einfaches kann so gut sein. Hört sich an wie ein Kalenderspruch und vielleicht ist es auch nicht nur kulinarisch ge- meint. Hier...

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sind die Zitronen groß wie Bauarbeiterfäuste. Riech mal, Polar P.S: Ich weiß, ich schulde Dir alles. Eine Erklärung. Eine Antwort. Ein Leben vielleicht. Dem Brief beigefügt: ein Blatt von einem Zitronenbaum, ein Rosmarinzweig, einige Salbeiblätter. Zweiter Brief Abgestempelt am 3. Juli in Ischia, Provinz Neapel, Italien Mein Herz, ich fuhr gewundene Straßen an der Küste entlang, die sich immer weiter in die Höhe schraubten, dem Monte Epomeo entgegen. Am Straßenrand sah ich, auch in den letzten Tagen schon und überall auf der Insel, Plakate mit Todes-, Geburts- und Hochzeitsanzeigen, oftmals auch mit einem Foto des Verstorbenen oder des Babys oder zwei Ringen als Symbol ... Ich dachte an uns und war auf einmal sehr traurig. Mache ich hier gerade alles kaputt? (...) Dein P. Worterklärungen: * Pflanzerlsemmeln = bayrischer Begriff für Frikadellen Auszug aus: Karen Köhler, „Polarkreis", in: Wir haben Raketen geangelt, Erzählungen, Carl Hanser Verlag, München 2014. www.KlausSchenck.de / Deutsch / Berufsschule/Mittelstufe / kreatives Schreiben / S. 2 von 5 2 Klassenarbeiten (90 Minuten) zu ,,Briefe von Polar" 1. Klassenarbeit – Brief von Polar Abgestempelt am 26.12.16 in Lohr am Main, Deutschland Mein Herz, es ist eine lange Zeit vergangen. Um genau zu sein, über sieben Monate. Ich habe lange nichts mehr von mir hören lassen. Ehrlich gesagt, bin ich mir nicht mal sicher, ob ich dir diesen Brief schreiben soll. Ich habe wirklich wahnsinnig lange darüber nachgedacht, ob ich diesen Schritt gehe und dir diesen Brief schreibe. Erst gestern war der 25.12. und du musst mir glauben, dieser Tag war die Hölle für mich. Ich muss ständig daran denken, an dem Tag, an dem 25.12., aber du bestimmt auch und genau deswegen muss ich dir auch heute diesen Brief schreiben. Aber alles erst einmal von ganz vorne. Gerne erinnere ich mich an den 02.03.2003. Genau, unser Hochzeitstag. Ich seh` schon, wie du jetzt anfängst zu lächeln. Immer, wenn ich an diesen Zeitpunkt zurückdenke, habe ich ein dickes Grinsen im Gesicht. Wir waren so glücklich, einfach perfekt. Doch du weißt genau, was dann passierte. Du warst meine große Liebe. Ich wollte nie eine Andere als dich haben. Für mich kam so etwas überhaupt nicht in Frage. Das, mein Herz, solltest du wissen und darfst du auch nie vergessen. Unser Glück schien so perfekt, als unsere Tochter Hanna im Jahr 2013 geboren wurde. Unser kleiner Sonnenschein, wie wir sie immer nannten. Die vielen schönen Momente, die wir mit unserer Hanna erlebten, waren so unglaub- lich und so bedeutend für mich. Ich weiß noch, wie sie es immer liebte mit mir Auto zu fahren. Sie lachte immer voller Glück und Stolz. Natürlich erinnere ich mich auch gerne an unseren ersten gemeinsamen Urlaub auf Ischia in Italien. Da war Hanna gerade mal ein Jahr gewesen und wir hatten beide gewusst, sie wird bestimmt mal eine „Wasserratte“, so wie ihr zusammen immer im Meer geplanscht habt. Oder als wir zu dritt im wunderschönen Restaurant im „Da Giovanni“ gemeinsam eine riesige, mega-große Margarita-Pizza gegessen haben. Diese Pizza ist wirklich bis heute die allerbeste. Da waren wir uns einig, Hanna stimmte uns mit einem Riesenlächeln im Gesicht und ihren funkelnden, großen Augen auf jeden Fall zu. Ich hoffe, diese Erin- nerungen waren auch für dich genauso schön wie auch für mich. Genau deshalb musste ich auch wieder an diesen magischen Ort zurück! Er hat meine Löcher ein Stück weit gefüllt. Verstehst du das? Ich musste zurück. Ich konnte nicht mehr zu Hause bleiben. Ständig diese leeren Blicke, voller Traurigkeit und Mitleid. Diese ständigen Blicke erinnerten mich nur genau an diesen Tag. An den eines Mittwochmorgens, den 25.12. Es war gerade mal 10:12 Uhr, als mein letzter Blick auf die Uhr am Armaturenbrett im Auto fiel. Ich schaute noch einmal in die Augen von Hanna und plötzlich war alles schwarz. So dunkel und kalt. Mein Kör- per hatte sich komplett verkrampft und meine Hände griffen nur zu unserer Tochter. Doch, das musst du mir glauben, ich habe alles versucht, wirklich alles versucht, um Hanna zu retten. Hanna war schon so voller Blut, übersät mit Kratzern und ihre Au- gen waren geschlossen. Ich hatte sie doch extra mit dem Kindersitz nach vorne sit- zen lassen, da du daheim das Mittagsessen vorbereiten wolltest. Sie liebte es doch www.KlausSchenck.de / Deutsch / Berufsschule/Mittelstufe / kreatives Schreiben / S. 3 von 5 2 Klassenarbeiten (90 Minuten) zu „Briefe von Polar" so sehr. Doch der Aufprall an der linken Seite des Autos war zu stark. Der Baum war zu robust. So etwas hätte man nicht überleben können, so auch die Rettungssanitä- ter. Doch ich, ich habe überlebt. Nur unsere Hanna nicht, sie ist gerade mal zwei Jahre alt geworden. Doch das, mein Herz, das weißt du alles. Wir haben beide sehr gelitten. Es waren sehr schwere Zeiten für uns. Doch jeder Tag nach Hannas Tod zog sich so dahin. Ich konnte so nicht mehr und ging an all die schönen Orte zurück. Ich wollte zurück, zu- rück nach Italien, die Zeit zurückdrehen. Doch meine Schuldgefühle wurde ich nicht los. Ich wollte Antworten suchen auf Fragen, die ich nicht mal kannte. Ich wollte den Sinn des Lebens finden. Doch, was ich fand, war die Erkenntnis. Die Erkenntnis, dir die Wahrheit zu sagen. Du sollst und musst das wissen. Du sagtest immer: „Schatz, es ist nicht deine Schuld. Es war glatt und du musstest Hanna das Spielzeug aus der Hand nehmen, da sie dies immer gerne verschluckte!" Doch, mein Herz, so war es nicht. Ich Idiot schaute nach links, links aus dem Fenster, da dort ein schönes Haus stand. Ein schönes Haus, ja, es war nur ein einfaches, schönes Haus und dann pas- sierte es. Ich konnte das Lenkrad nicht mehr rumreißen. Aber das weißt du ja schon. Ich habe viel Zeit dafür gebraucht, dies zu akzeptieren, dass ich einfach auf die Straße hätte schauen müssen. Ich weiß, meine Worte und dieser Brief können das nicht wieder gutmachen, was passiert ist. Mir war nur wichtig, dass du diesen letzten Brief von mir erhältst. Ich habe mich in eine Klinik einweisen lassen, um mit dem Ge- schehnis klar zu kommen. Mehr wollte ich dir nicht sagen. Ich will nur, dass du ein glückliches Leben führen kannst. Es tut mir wahnsinnig leid. In Liebe Polar 2. Klassenarbeit – Brief von Polar Dritter Brief Abgestempelt am 24. September in Indien Liebe Susan, ich weiß, ich bin dir so einiges schuldig. In meinem vorletzten Brief habe ich dir ge- schrieben, dass ich dir eine Erklärung schuldig bin. Dies ist bis heute so, aber nun habe ich endlich den Mut und die Kraft dazu. Ich weiß, wie enttäuscht du sein musst, so lange kein Lebenszeichen von mir bekommen zu haben. Wie gerne würde ich zu dir und unserer kleinen Maus zurückkommen, aber ich kann es nicht. Es vergeht keine Minute, in der ich nicht an dich oder Marie denke. Dennoch konnte ich nicht www.KlausSchenck.de / Deutsch / Berufsschule/Mittelstufe / kreatives Schreiben / S. 4 von 5 2 Klassenarbeiten (90 Minuten) zu „Briefe von Polar" zurück zu euch. Noch viel zu sehr schmerzte mich die Erinnerung. Ich weiß, dass es dir genauso geht, wenn du daran zurück denkst. Aber du hast etwas, für das ich dich bewundere. Egal, was passiert, du lässt nie den Kopf hängen, sondern suchst immer den Sinn in den hoffnungsvollen, positiven Momenten des Lebens. Noch heute bist du für mich wie der Äquator. Eine Linie, die weiß, wie die Welt sich dreht, immer auf demselben Platz. Ich erinnere mich noch genau an den Abend, an dem wir uns diese Spitznamen gegeben haben. Du sagtest zu mir, dass, wenn du der Äquator seist, ich ein Polar sein müsse. Du hast dich aber nie für einen der beiden entscheiden kön- nen. Auch heute ist es noch so. Während du zu Hause bei Marie geblieben bist, habe ich mich verdrückt. Bin nicht an einem Platz geblieben. Ich konnte dir damals aber auch nicht sagen, dass ich gehe. Feige habe ich dir den Zettel auf dem Kü- chentisch hinterlassen. Zu sehr war ich Gedanken, was letztes Jahr passiert war. Ich wusste nicht wohin mit meiner Wut, meiner Verzweiflung, meinem abgründigen Hass. Ich musste einfach raus. Raus aus Deutschland, raus aus Gelchsheim, raus aus un- serem Haus. Alles erinnert mich daran. Selbst die Blumen im Garten, die wir damals alle zusammen gepflanzt hatten, brachten Gefühle in mir hoch, mit denen ich nicht umgehen konnte. Als ich am 27. September das letzte Mal Blüten von diesem Strauch abgeschnitten hatte für die schlimmste Stunde meines Lebens, musste er weg. Ich habe noch genau deinen Gesichtsausdruck vor Augen, als du mir mit gro- Ben Augen zugesehen hast, als ich völlig aufgelöst und weinend den Strauch aus- grub und verbrannte. Inzwischen habe ich gelernt mit meinen Gefühlen umzugehen und auch Trauer zuzulassen. Du fragst dich mit Sicherheit auch, warum es mich nach Indien verschlagen hat. Ich habe mich immer bei dir gemeldet, damit du weißt, dass es mir gut geht. Seit einiger Zeit lebe ich nun bei Ray. Ray ist ein indischer Mönch, der sich viel mit dem Thema „Trauer“ befasst. Bei ihm konnte ich das erste Mal über alles reden, was passiert war. Ich konnte mich ihm öffnen und das tat mir gut. Ich erzählte ihm auch von den Blumen, die ich aufs Grab gelegt habe, da ihr die Blumen so sehr gefielen. Und davon, dass ich den Strauch danach vernichtet habe. Er erklärte mir, dass auch das eine Art der Trauerbewältigung sein kann. Wenn ich ehrlich mit mir bin, ging es mir danach auch ein klein wenig besser. Bis heute mache ich mir Vorwürfe. Wegen allem. Ich weiß, du hast oft zu mir gesagt, dass alles ein Unfall war und ich nichts dazu könne, aber ich gab mir die Schuld. Ich habe inzwi- schen verstanden, dass es Zufall, vielleicht aber auch Schicksal war. Dennoch hätte es nie passieren dürfen. Als ich in Italien war, überkam mich die Trauer. In jeder Zeitung, auf jedem Plakat, sah ich etwas, was mich an euch erinnerte. Bilder von glücklichen und unglücklichen Familien, Hochzeitsanzeigen, Todesanzeigen. Ich hatte mit mir zu kämpfen, um nicht einfach wieder nach Hause zu kommen, aber ich wusste ganz genau, dass, wenn ich das machen würde, meine ganze Reise erfolglos war. Ich hätte nicht so weiter leben können. Vielleicht hätte ich sogar irgendwann aus Hass auf mich selbst das Ganze beendet und wäre von der Bildfläche verschwun- den. Glaube mir, Susan, ich bin selbst vor meinen Gedanken erschrocken. Ich brauchte Hilfe und diese fand ich hier bei Ray. Familie ist für ihn das oberste Gut sei- ner Kultur. Er brachte mich wieder auf den richtigen Weg. Ein Weg aus der Ver- zweiflung und der Wut. Ich nahm das erste Mal wieder einen Ball in die Hand. Du www.KlausSchenck.de / Deutsch / Berufsschule/Mittelstufe / kreatives Schreiben / S. 5 von 5 2 Klassenarbeiten (90 Minuten) zu „Briefe von Polar" weißt, wie schwer mir das fiel. Ich glaube, ich bin nun bereit. Bereit wieder nach Hause zu kommen. Bereit um mit dem Tod von Anna abzuschließen. Bereit, um zu verstehen, dass sie in ihrer kindlichen Neugier und ihren kindlichen Gedanken nur den Ball holen wollte und noch zu klein war, um zu bemerken, dass ein Auto die Straße entlang kam. Bereit, um zu akzeptieren, dass sie nicht wegen meines schlecht geworfenen Balls auf die Straße gelaufen ist. Ich bin bereit, dir wieder ein guter Ehemann und Marie ein guter Vater zu sein. Ich liebe euch drei unendlich! Dennoch bin ich froh, diese Reise gemacht zu haben. Ohne sie hätten wir nie wieder eine intakte Familie sein können. Meine größte Angst war, dass du mich nicht mehr sehen möchtest. Dass ich zurück komme und wir keine Familie mehr sind. Ich bin so froh, dass du mir in deinem letzten Brief diese Angst genommen hast. Mein Flieger geht nächsten Dienstag um halb drei. Ich freu' mich euch wieder zu sehen und in die Arme schließen zu können und ich bin dankbar dafür, dass du mich verstanden hast. Dankbar, dass du nie gefragt hast, warum ich gegangen bin. Danke! In Liebe und freudiger Erwartung Dein Südpolar www.KlausSchenck.de / Deutsch / Berufsschule/Mittelstufe / kreatives Schreiben / S. 1 von 5 2 Klassenarbeiten (90 Minuten) zu: „Wer ist der Mann im Taxi?" Aufgabenstellung: Erzählen Sie die Geschichte weiter. (Anlage 2) Anlage 2 Wer ist der Mann im Taxi? Es war der letzte Schultag vor den Sommerferien, als ich meinen toten Vater in einem Taxi sah. Wie immer, wenn es Zeugnisse gab, konnten wir nach der zweiten Stunde gehen. Ich war noch durch die Stadt geschlendert. Hätte ich das nicht getan, wäre wahrscheinlich alles anders ge- kommen. Es war schon fast Mittag, als ich allein nach Hause fuhr. Der Bus ist um diese Zeit fast leer. Ich ergatterte sogar einen Fensterplatz. Ich sah hinaus, döste vor mich hin und grübelte da- rüber nach, was ich wohl in den Ferien tun würde. Urlaub war nicht angesagt. „Kein Geld", hatte Mama schlicht und ergreifend gemeint. An irgendeiner Ampel passierte es dann. Neben uns hielt ein Taxi. Auf dem Hintersitz saß ein Mann, der mir auf den ersten Blick bekannt vorkam, obwohl ich zunächst nur seinen Hinter- kopf sah. An das, was dann geschah, kann ich mich erinnern, als hätte es Stunden gedauert, obwohl höchstens eine oder zwei Minuten vergangen sein können. Der Mann im Taxi drehte sich um, sodass ich sein Profil sehen konnte. Es war ein Gefühl wie ein Faustschlag in den Magen. In dem Taxi saß Papa! Aber das konnte nicht sein! Papa war seit fast zwei Jahren tot. Quelle: Friedrich, Joachim: Ana-Lauras Tango, Thienemann, Stuttgart 1993, S. 7. 1. Klassenarbeit Es war ein Gefühl wie ein Faustschlag in den Magen. In dem Taxi saß Papa! Aber das konnte nicht sein! Papa war seit fast zwei Jahren tot. Ich war wie erstarrt. Tote können nicht wieder lebendig werden! Ich sah genauer hin. Ganz eindeutig: Das war mein vor zwei Jahren bei einem Autounfall ums Leben ge- kommener Vater. Er war auf einer Geschäftsreise, als sein Auto Feuer fing. Papa ist verbrannt. Man hat nur noch seine Uhr gefunden. Die hatte ich ihm zum Geburtstag geschenkt. Mir war ganz schlecht. Ich wusste nicht, was da gerade passiert war. Zwei Jahre war ich nun schon ohne Vater und da tauchte er plötzlich aus dem Reich der Toten in einem Taxi wieder auf. Ich war immer noch schockiert und überlegte mir, wie das sein konnte, dass Papa so aus dem Nichts auftauchen konnte. Die Ampel schaltete auf Grün. Das Taxi fuhr an, der Bus ebenso. Für einen kurzen Moment überlegte ich mir, ob ich den Busfahrer sagen sollte, er solle bitte anhalten. Ich wollte aussteigen und das Taxi verfolgen, um sicherzugehen, ob der Mann im Taxi auch mein Papa war. Soweit kam es zum Glück nicht. Der Bus www.KlausSchenck.de / Deutsch / Berufsschule/Mittelstufe / kreatives Schreiben / S. 2 von 5 2 Klassenarbeiten (90 Minuten) zu: „Wer ist der Mann im Taxi?" hielt am Marktplatz und der Doppelgänger von Papa, oder Papa selbst, stieg auch am Marktplatz aus dem Taxi. Ich hatte Hunger und wollte eigentlich heim, aber die Neugierde war zu groß. Was, wenn es wirklich mein toter Vater war? Ich nahm also die Verfolgungsjagd auf. Erst ging er zum Frisör, dann in einen Uhrenladen. Da kaufte er sich eine Uhr. Das konnte doch kein Zufall sein! Es war genau die gleiche, die ich Papa damals geschenkt hatte. Ich war noch mehr verwirrt als vorher! Solche Zufälle konnte es schon mal geben. Das war ja auch eine schöne Uhr. Dann ging Papa weiter und stoppte an einem großen Gebäude. Das Gebäude sah aus, wie die Firma, wo Papa früher gearbeitet hatte. Er war Au- Bendienstmitarbeiter gewesen und dann kam der Unfall in Italien auf der Auto-bahn. Also, das konnte ja kein Zufall sein! Es war tatsächlich Papas alte Firma. Was war hier nur los? Wenn der Mann, der Papa so ähnlich sieht, wirklich Papa war, dann müssten die Mitarbeiter ihn doch auch kennen. Ich heftete mich also weiter an seine Fersen. Er fuhr mit dem Aufzug, ich nahm die Treppe. So nah auf nah konnte ich ihm nicht kommen. Ich hatte viel zu viel Angst. Der Aufzug war natürlich schneller als ich. Glücklicherweise war ich im Schulsport eine der besten Läuferinnen. Ich rannte, so schnell es nur ging. Im dritten Stock blieb der Aufzug halten. Mein tot geglaubter Papa steuerte auf ein Büro zu. Ich versteckte mich hinter einem großen Blumenkü- bel. Fehlten nur noch die Lupe und die Sherlock-Holmes-Mütze, dachte ich mir. Die Tür zum Büro fiel ins Schloss. Jetzt hatte ich, in Gedanken versunken, nicht bemerkt, wo Papa hingelaufen war. Da es aber nur zwei Büros auf diesem Stockwerk gab, musste es eines von beiden sein. Vielleicht das rechte Büro? Ich schaute auf das Türschild. Der zweite Faustschlag in den Magen fühlte sich noch schlimmer an. Da stand ganz klar und deutlich der Vorname meines Vaters. Nur der Nachname passte nicht so ganz. Ich hatte schon viele Krimiserien geschaut. Da war es schon oft vorgekommen, dass ein Vater ein Doppelleben führte. Hat Papa womöglich Mama und mich gehabt und noch eine andere Familie mit dem Nachnamen am Türschild? Vielleicht hat er seinen Tod nur vorgetäuscht, um endlich bei seiner anderen Familie bleiben zu kön- nen. Nein, ich hatte eindeutig zu viel Fernsehkonsum. So schätzte ich Papa nicht ein. Es musste eine andere Erklärung für den abweichenden Nachnamen geben. Aber welche? Während ich so grübelte, öffnete sich die Türe und mein angeblich wieder aufge- tauchter Vater kam heraus. Mir rutschte das Herz in die Hose. Jetzt stand ich ihm genau in Augenhöhe. Ich fürchtete, ich würde ohnmächtig werden. Papa sah noch aus wie vor zwei Jahren. Lediglich die Haare waren etwas grauer geworden. Seine Augen waren grün und funkelten mich an. Wie ich diese Augen vermisst habe. Papa riss mich aus meinen Gedanken, indem er mich freundlich begrüßte und mich fragte, ob ich die neue Praktikantin sei. Wie? Er erkannte mich nicht als seine eigene Tochter? Ohne meine Antwort abzu- warten forderte er mich auf, ihm in sein Büro zu folgen. Ich folgte geistesabwesend. www.KlausSchenck.de / Deutsch / Berufsschule/Mittelstufe / kreatives Schreiben / S. 3 von 5 2 Klassenarbeiten (90 Minuten) zu: „Wer ist der Mann im Taxi?" Papa erklärte mir irgendwas, ich hörte nur mit einem Ohr hin. Ich spekulierte, viel- leicht hatte er bei dem Autounfall sein Gedächtnis verloren und entkam den Flam- men. Es ist ja schließlich schon öfter vorgekommen, dass ein Unfallgeschädigter nichts mehr von seinem früheren Leben wusste und unter anderer Identität weiter- lebte. Aber wie kann es sein, dass er seinen Vornamen noch wusste? Da fiel es mir wieder ein. Ich hatte in die Uhr seinen Namen eingravieren lassen. Vielleicht hat er diesen als seinen entschlüsselt. Aber das konnte nicht sein. Die Uhr lag ja bei mir zuhause. Sie war beim Brand als einziges verschont geblieben. Papa war am Ende mit seiner Ansprache. Er gab mir die Hand und entgegnete, dass er sich auf morgen freue zu meinem ersten Arbeitstag. Diese Hände! Ich konnte mich noch gut daran erinnern, wie er mich, als ich klein war, an die Hand nahm. Ich war tief in Sehnsucht nach warmen Händen, grünen Augen und der Nähe zu Papa ver- sunken, als plötzlich mich jemand am Arm stupste. Ich schreckte auf. Es war der Busfahrer, der mir mitteilte, dass ich an der Endstation aussteigen müsste. Ich war gerade doch noch bei Papa in der Firma. Dann fiel es mir wie Schuppen von den Augen: Ich hatte vor mich hingedöst, bin wohl eingeschlafen und hatte von Papa ge- träumt, der in Wirklichkeit gar nicht im Taxi saß. Es war vor zwei Jahren, als Papa ums Leben kam. Ich vermisste ihn gewaltig. In der letzten Zeit wünschte ich mir, ich könnte in seine grünen Augen sehen, seine warmen Hände berühren und seine beruhigende Stimme hören. Ich lächelte. Es war ein schöner Traum. Auch wenn Papa nicht mehr da war, so lebte er in meinen Träumen weiter. Vor allem aber blieb er nicht vergessen, weil Mama und ich ihn im Herzen trugen. Ich lief glücklich nach Hause. 2. Klassenarbeit Der Mann im Taxi drehte sich um, sodass ich sein Profil sehen konnte. Es war ein Gefühl wie ein Faustschlag in den Magen. In dem Taxi saß Papa! Aber das konnte nicht sein! Papa war seit fas zwei Jahren tot. Mit weit aufgerissenen Augen starre ich hinein in das Taxi und auf Papa. Mein Herz beginnt zu pochen, das Blut rauscht in meinen Ohren und in Sekundenschnelle schießen tausende Bilder und Gedanken an meinen Augen vorbei. Das kann nicht Papa sein, das ist unmöglich. In meinem Kopf spielt sich der gleiche Film ab wie schon so oft nach Papas Tod. Ich weiß noch genau, wie es vor zwei Jahren war. Es war ein Tag gewesen wie heute, genauso heiß und sonnig. Wir hatten Zeugnisse bekommen und durften wie heute früh aus der Schule in die Sommerferien gehen. Ich war wahnsinnig aufgeregt gewesen. Mein Zeugnis war besser als erwartet und draußen vor der Schule sollte Papa auf mich warten. Wir wollten in den Urlaub nach Italien fahren. Direkt nach der Schule sollte es losgehen Ein eiskalter Schauer läuft mir über den Rücken, jetzt ge- nauso wie damals. Vor zwei Jahren lief ich freudestrahlend die Stufen der Schultreppe hinunter auf den Parkplatz, um Papa um den Hals zu fallen. Doch er war nicht da gewesen. Mit den Augen suchte ich den Parkplatz ab und sagte zu mir www.KlausSchenck.de / Deutsch / Berufsschule/Mittelstufe / kreatives Schreiben / S. 4 von 5 2 Klassenarbeiten (90 Minuten) zu: „Wer ist der Mann im Taxi?" schmunzelnd, dass Papa bestimmt noch einen Abstecher zu meiner Lieblingseisdiele eingelegt hatte. Innerlich freute ich mich und konnte das Erdbeereis schon auf der Zunge schmecken. Ich beschloss zu warten. Ich wartete lange, sehr lange. Papa hatte mit Sicherheit vergessen, dass er mich abholen wollte. Grummelig und ent- täuscht habe ich mich damals auf den Weg zum Bus gemacht und mich ans Fenster gesetzt, genauso wie heute. Vor zwei Jahren war mir zu diesem Zeitpunkt nicht klar gewesen, was zu Hause auf mich warten würde. Es waren nicht wie erwartet die vielen Koffer, ein vollgepacktes Urlaubsauto und meine lachende Mama gewesen. Nein. Vielmehr war es die Hölle gewesen. Ich kann mich an jedes kleine Detail erinnern. Ich weiß noch genau, wie es war, als ich das Haus betrat. Ich wollte es Papa verzeihen, dass er vergessen hatte mich abzuholen und lief glücklich hinein, bereit sie beide in den Arm zu nehmen. Doch es kam anders. Weinend saß meine Mama am Küchentisch, um sie herum aufgebaut die halbgepackten Koffer und unser winselnder Hund. Danach ging alles ganz schnell. Wie im Zeitraffer prasselten damals die furchtbaren Dinge auf mich ein. Papa war bei einem Autounfall gestorben, man konnte ihn und das Auto nicht mehr retten, Beerdigung, Tränen... Einsamkeit. Mir stockt der Atem. Ich werde aus meinen Gedanken gerissen, sehe mich um und merke, dass die Ampel wieder auf Grün ge- schalten hat und der Bus langsam Fahrt aufnimmt. Das Anfahren des Busses reißt mich endgültig aus der Vergangenheit. Papa! Ich presse beide Hände und mein Ge- sicht gegen die Scheibe und blicke mit weit aufgerissenen Augen nach draußen. Das Taxi ist weg. Angst und Panik steigen in mir auf. Mit den Augen suche ich die Stra- Ben ab, doch nichts, keine Spur. Hatte ich mir das alles nur eingebildet? Nein, das musste Papa gewesen sein. Ich springe auf, schnappe meine Tasche, drücke den Halteknopf und verlasse an der nächsten Haltestelle den Bus. Ein Sommerwind weht mir um die Nase, auf einmal ist es stechend heiß. Ich laufe ein paar Schritte, um meine Gedanken zu sortieren. Das kann nicht sein. Das kann nicht Papa gewesen sein. Die Beerdigung, all die Tränen, schlaflosen Nächte und die einsame Mama... alles umsonst? Wäre ich heute doch nur nicht durch die Stadt geschlendert, dann hätte ich Papa nie dort im Taxi sitzen sehen. Meinen toten Papa. Ich drehe mich einmal in jede Richtung. Mein Herz klopft und mein Kopf zerspringt fast, als ich das Taxi etwa hundert Meter entfernt in einer Seitenstraße parken sehe. Als mein Kopf noch überlegt, was er tun soll, beginnen meine Füße bereits zu laufen. Papa! Mein Kopf ist brechend voll und bodenleer, Papa ist doch tot, das kann nicht wahr sein. Ich sehe, wie Papa aus dem Auto steigt und in ein Gebäude am Straßenrand geht. Ich laufe immer schneller. Mir bleibt fast die Luft weg, als ich das Taxi und das Ge- bäude erreiche. Das Blut rauscht in meinen Ohren. Wie oft habe ich mich danach gesehnt ihn wiederzusehen, wie oft konnte ich nachts nicht schlafen, weil Mama ge- weint hatte, wie oft wollte ich ihn einfach in den Arm nehmen, wie oft machte ich mir Vorwürfe, dass alles meine Schuld gewesen war. Ich hätte damals gleich mit dem Bus fahren sollen. Hätte Papa mich nicht mit dem Auto abholen wollen, wäre das alles nicht passiert. Doch Papa lebt, er ist hier. Mit rasendem Herzen blicke ich auf das Gebäude, in das Papa gegangen ist. Es ist ein Café. Im großen Fenster sehe ich, wie Papa mit dem Rücken zu mir sitzend etwas bei der Bedienung bestellt. Ich www.KlausSchenck.de / Deutsch / Berufsschule/Mittelstufe / kreatives Schreiben / S. 5 von 5 2 Klassenarbeiten (90 Minuten) zu: „Wer ist der Mann im Taxi?" habe Angst, doch ich will unbedingt zu ihm. Endlich hat all der Schmerz ein Ende, er ist wieder hier. Ich betrete das Café und gehe langsam zu dem Tisch, an dem Papa sitzt. „Papa“, bringe ich kam hörbar hervor. Er dreht sich um. „Hallo, was kann ich denn für dich tun, junge Dame?" Ich lächle und entschuldige mich bei dem Mann für die Störung. Als ich hinausgehe, ist mein Körper tonnenschwer. Es war ein Gefühl wie ein Faustschlag in den Magen. Es konnte nicht sein. Papa war seit fast zwei Jah- ren tot. www.KlausSchenck.de / Deutsch / Berufsschule/Mittelstufe / kreatives Schreiben / S. 1 von 4 2 Klassenarbeiten (90 Minuten) zu Botho Strauß: „Über Liebe“ (Restaurantbesuch) Aufgabenstellung: Erzählen Sie die Geschichte weiter oder verfassen Sie einen Tagebucheintrag. In einem Restaurant erhebt sich eine größere Runde von jungen Männern und Frauen. Es ist bezahlt worden, und alle streben in lebhafter Unterhaltung dem Ausgang zu. Doch eine Frau ist sitzen geblieben am Tisch und sinnt dem nach, was eben an Ungeheuerlichem einer gesagt hat. Die anderen stehen bereits im Windfang des Lokals, da kommt ihr Mann zurück. Er hat, kurz vor dem Aus- gang, bemerkt, daß ihm die Frau fehlt. Aber da steht sie auch schon auf und geht an ihm vorbei durch beide Türen. Aus: Botho Strauß, Über Liebe, Geschichten und Bruchstücke, Universal-Bibliothek Nr. 8621, Stuttgart 1989, S. 12. Hinweis: Die Schreibweise des Textes entspricht der verwendeten Vorlage. 1. Klassenarbeit (Fortsetzung) Sie kann es nicht fassen, was sie da gehört hat. Traut man ihr nichts zu? Sie war doch immer die Strebsame gewesen, die Ehrgeizige. Sie war schon in der Schule diejenige gewesen, die mit geringem Aufwand hervorragende Leistungen erzielt hatte. Diejenige, der man Potenzial nachsagte. Potenzial zu Großem. Beruflicher Erfolg wurde ihr beinahe zugesichert. Das war auch immer ihr Plan ge- wesen. Die Bestätigung in der eigenen Karriere zu finden. Nie konnte sie sich vor- stellen zu Hause zu bleiben, die Kinder zu hüten, die Wäsche zu bügeln, das Essen zu kochen. Doch wird es alles so kommen? Soll sie all das in Zukunft tun? Alles für den Mann, der soeben gesagt hatte, dass eben diese Aufgaben die Aufgaben einer Frau seien? Diese Aufgaben, die sie schon immer verabscheut hat? Soll sie in Zu- kunft all diese Aufgaben sorgsam erledigen, für ihren Mann? Welcher gerade eben noch gesagt hatte, dass sie nach der Elternzeit sowieso niemand mehr einstellen würde? Welcher ihre Hoffnung und Pläne zu ruinieren schien? Ihre Freundinnen und Freunde, mit denen sie zu Abend gegessen hatte, scheint das nicht zu interessieren. Laut lachend stehen sie noch am Ausgang des Restaurants. Noch während die gekränkte Frau wegläuft, kann sie die Anderen hören. Die Ande- ren, welche sie nicht zu verstehen scheinen. Und sie kann schnelle Schritte hören. Sie werden immer lauter. Und ein Rufen. Die Aufforderung stehen zu bleiben. Sie bleibt nicht stehen. Erst, als ihr Mann ihr den Weg versperrt, hält sie an und starrt voller Wut und Trauer auf den Boden. Er fragt sie, was mit ihr los sei. Kann es offen- sichtlich nicht verstehen. Warum kann er sie nicht verstehen? Gedanken schießen ihr durch den Kopf. So viele Gedanken, dass sie gar nicht antworten kann. Sie will aber auch nicht antworten und geht an ihm vorbei. Er sieht mittlerweile genervt aus. Hat er das Recht dazu? Jetzt verkündet er auch noch, dass er zurück zu den gemeinsamen Freunden geht, und dass sie nach Hause soll, sich beruhigen, sich ausruhen. Das geht ihr zu weit. Sie bricht in Tränen aus, geht durch die dunkle Gasse, die zum Rand des Flusses führt, der die Stadt in zwei Hälften teilt. Sie nimmt Platz auf einer www.KlausSchenck.de / Deutsch / Berufsschule/Mittelstufe / kreatives Schreiben / S. 2 von 4 2 Klassenarbeiten (90 Minuten) zu Botho Strauß: „Über Liebe“ (Restaurantbesuch) Sitzbank. Kann nun endlich laut weinen. Das ist sie nicht gewohnt. Andere durften sie noch nie weinen sehen. Sie ist doch eine starke Frau. Während sie da so sitzt, bemerkt sie einen jungen Mann. Er muss gehört haben, dass sie geweint hat. Ein unangenehmes Gefühl für die sonst nach außen stark wir- kende Frau. Sie erschreckt leicht, als er sie im Vorbeigehen plötzlich fragt, ob denn alles in Ordnung sei. Er bleibt stehen. Sie erwidert, dass alles bestens sei. Dem jun- gen Mann erscheint das nicht glaubhaft und er setzt sich zu ihr. Zündet sich eine Zi- garette an. Fragt sie, ob sie auch gerne eine hätte. Sie raucht nicht. Ihr fällt auf, dass er eine sehr beruhigende Stimme hat. Dass er überhaupt Ruhe ausstrahlt. Er wirkt sogar beruhigend auf ihr verstörtes Gemüt. Mit der Zeit schildert sie ihm ihr Erlebnis. Sie ist völlig perplex, als er auf einmal laut zu lachen anfängt. Es ist kein Auslachen. Es ist vielmehr ein beruhigendes Lachen. Ein schönes Lachen, dem er hinzufügt, dass das alles Quatsch sei. Er ist von dem, was er sagt, überzeugt. Bemängelt das altmodische Denken, welches seiner Meinung nach in zu vielen Köpfen noch haust. Er fängt an Beispiele aufzuzählen. Beispiele von Frauen, die all den Aussagen ge- trotzt haben, welche ihnen an den Kopf geworfen wurden. Und schlagartig geht es ihr besser. Missverständnisse geschehen, niemand kann die Zukunft deuten und vieles ist möglich. Sie hat neuen Mut geschöpft. Der freundliche, offenherzige Mann steht auf, verabschiedet sich und geht. Sie kann ihn nicht einmal fragen, wie er heißt. Sie ist sprachlos. Er ist ihr wie ein Engel erschienen. 2. Klassenarbeit (Tagebuch) Heute, den 14.02.2013, saßen wir - wie jeden Samstag - im Restaurant „Carella's". Alle waren da. Mike mit Claudia, Markus mit Susanne und Andreas mit Heike. Ich konnte die beiden ja nie großartig leiden. Aber was soll ich machen, es sind eben gute Freunde von Martin. Als wir gegessen hatten, ich hatte Bandnudeln mit Lachs- sahnesauce, bestellten Andreas und Heike für alle eine Runde Wein. Sie meinten, sie hätten eine „großartige Neuigkeit" zu berichten. Und dann kam auch schon der Satz: „Ihr werdet es kaum glauben. Wir bekommen ein Baby!" Es traf mich wie ein Schlag ins Gesicht. Ich wollte lachen und weinen gleichzeitig. Ich wusste absolut nicht, wie ich reagieren sollte. Es war schrecklich. Ich habe genau gemerkt, wie sich ein riesiger Kloß in meinem Hals gebildet hatte. Zum Glück waren in dem Moment alle Blicke auf die beiden gerichtet, sonst hätte man womöglich noch die Träne in meinen Augen gesehen. Ich wollte am liebsten flüchten, weg von diesem Tisch, raus aus dem Raum. Aber das wäre unangebracht gewesen, das weiß ich selbst. Ich musste in dem Moment - mal wieder - stark sein. Ich brachte also ein Lächeln auf meine Lippen und beglückwünschte die beiden. Als ich sah, wie sich alle anderen für sie freuten, wurde mein Kloß noch größer und ich verspürte wieder diese Wut in mei- nem Bauch. Warum muss diese Welt denn nur so ungerecht sein. Warum nur? www.KlausSchenck.de / Deutsch / Berufsschule/Mittelstufe / kreatives Schreiben / S. 3 von 4 2 Klassenarbeiten (90 Minuten) zu Botho Strauß: „Über Liebe“ (Restaurantbesuch) Seit meiner Fehlgeburt vor einem halben Jahr ist einfach alles anders. Ich denke an- ders über das Leben, die Welt, die Menschen. Es ist so unfair. Ich habe es mir doch so sehr gewünscht. Ich wollte es doch unbedingt. Mein Lebenstraum. Alles, wofür ich gelebt habe - in nur einer Sekunde vorbei. Von jetzt auf gleich, ohne jegliche Vor- warnung. Es tut so weh. Ich leide so sehr unter der Situation, dass ich anderen Mit- menschen nicht einmal deren Glück gönne. Wieso kann jeder auf dieser Welt ein Baby bekommen außer mir? Es ist ein Geschenk Gottes, wieso darf ausgerechnet mir so etwas Wunderbares nicht widerfahren? Ich war doch immer gut zu allen. Ich habe immer zu Gott gebetet. Es war mein einziger Wunsch. Ich wollte eine glückliche Familie. Heute in zwei Monaten ist der errechnete Geburtstermin. Ich fühle mich so allein. Martin ist ja nie da. Unter der Woche ist er auf Geschäftsreise und am Wo- chenende macht er lieber was mit seinen Kumpels. Ich brauche doch nur ein kleines bisschen Halt. Ein klein wenig Unterstützung. Ich möchte mal wieder gefragt werden: „Wie geht es dir, Schatz?" Ich vermisse diese zärtlichen Berührungen. Seit der Fehl- geburt haben wir uns so sehr auseinander gelebt. Wie wäre es nur, wenn ich jetzt mit einem dicken Schwangerschaftsbauch hier sitzen würde? Wäre es dann anders? Bestimmt! Wir hatten uns beide so auf unser Kind gefreut. Wir haben uns schon die Zukunft ganz bunt ausgemalt. Da war dieses kleine Einfamilienhaus an der Ostsee. Mit großem Garten, Sandkasten und Rutsche für unsere drei Kinder. Direkt am Strand. Es hätte alles so wunderbar werden können. Aber jetzt? Wir haben uns nicht mehr viel zu erzählen. Ihm ist vorhin ja nicht mal aufgefallen, wie sehr mich diese „Babyankündigung" mitgenommen hat. Er hat nicht bemerkt, dass ich noch am Tisch saß, als er mit anderen schon auf dem Weg zum Ausgang war. Er achtet einfach nicht mehr auf mich. Das macht mich unheimlich traurig. Wir waren immer ein einge- spieltes Team. Manch einer nannte uns „Traumpaar des Jahrhunderts." Diese Zeiten waren so schön. Ich vermisse sie. Und vor allem vermisse ich Martin. Seine Nähe, seinen Duft. Einfach alles. Ich liebe ihn wie am ersten Tag. Aber es hat sich eben alles grundlegend verändert. Ich bin mir sicher, dass das an der Fehlgeburt liegt. Er hat es sich doch auch so sehr gewünscht. Aber ich kann ihm diesen Wunsch leider nie wieder erfüllen. Ich kann keine Kinder mehr bekommen. Es tut so weh. Ich denke oft - sehr oft - darüber nach, wie es wohl wäre ein fremdes Kind großzuziehen. Wäre es das Gleiche wie ein eigenes Kind? Könnte man ihm so viel Liebe, Kraft und Ener- gie schenken wie einem Kind, das sein eigen Fleisch und Blut ist? Ich weiß es nicht. Ich kann es mir einfach nicht vorstellen. Wie soll das funktionieren? Ich habe solche Kopfschmerzen vom vielen Nachdenken. Ich weiß nicht mehr, was ich tun soll. Ich wollte doch unbedingt diese kleinen, leuchtenden Kinderaugen aufwachsen sehen. Den ersten Kindergartentag, erster Schultag, die erste schlechte Schulnote, die ers- ten Bekanntschaften, die erste Ausbildung. Das alles wollte ich hautnah miterleben. Doch dieser Traum ist geplatzt wie eine Seifenblase. Ich kann einfach nicht mehr. Sollten Martin und ich tatsächlich über eine Adoption nachdenken? Wäre das eine gute Option für uns? Wie läuft das Ganze überhaupt ab? Wollen wir ein deutsches Kind oder doch lieber ein Kind aus dem Ausland, dem wir hier in Deutschland even- tuell ein besseres Leben bieten können? So viele Fragen. Ich habe Angst, nein, www.KlausSchenck.de / Deutsch / Berufsschule/Mittelstufe / kreatives Schreiben / S. 4 von 4 2 Klassenarbeiten (90 Minuten) zu Botho Strauß: „Über Liebe“ (Restaurantbesuch) Respekt davor mit Martin darüber zu reden. Wir sind zwar schon seit über fünf Jah- ren zusammen, aber das ist eben doch ein sehr umfangreiches und kompliziertes Thema. Wir würden uns auf völligem Neuland befinden. Niemand in unseren Fami- lien oder im Freundeskreis hat ein adoptiertes Kind. Würden sie uns dann noch ak- zeptieren? Oder würden sie uns abstoßen wie ein vergammeltes Stück Fleisch? So viele Fragen, aber keine Antworten. Ich werde wohl in den nächsten Tagen mit Martin darüber sprechen müssen, denn so wie es jetzt ist, kann es definitiv nicht weitergehen. Ich versuche jetzt ein wenig zu schlafen, um das Geschehene zu ver- arbeiten. Gute Nacht! www.KlausSchenck.de/ Berufsschule / Mittelstufe / Deutsch / Schenck / S. 1 von 3 Tipps und Strategien: kreatives Schreiben Prüfung: kreatives Schreiben Geschichte fortsetzen O Geschichte verstehen, sich ganz konkret vorstellen, sich in jede Person einfühlen, sich dafür entsprechend Zeit nehmen Sich überlegen, wie die Geschichte weitergehen könnte O O O O O O In Stichworten ein Mindmap oder eine logische Verbindungskette mit Einzel-Wörtern, aber nicht mehr Sich überlegen, wie es ausgehen könnte und was man braucht (Gegenstände, z.B. Waffen usw., Gespräche, Treffen, Begeg- nungen mit anderen Personen usw.), um zu diesem Schluss zu kommen. Ein überraschender Schluss ist zentral, hier muss die Pointe liegen, hier muss man sich wirklich etwas einfallen las- sen! Im Schreibfluss wird sich sowieso noch vieles verändern, neue Ideen entstehen, auch für diese offen sein! Sich die Namen (richtig schreiben!) der Personen auf einen Zettel notie- ren mit Alter, kurzer Charakteristik, Beziehung zu anderen, sich an die- sem Zettel beim Auftreten der Personen orientieren. Beim Aufsatzbeginn: Die letzten zwei bis drei Sätze der Geschichte ab- schreiben, um sich in Schreibstil, Zeit (meist Präteritum) einzustimmen. Sich dann alles genau vorstellen, genau beschreiben, sodass der Leser sich alles genau vorstellen, ein Bild der Situation malen kann. Die Ge- fühle der Hauptperson beschreiben, in ihr Inneres blicken, besonders bei Ich-Erzählungen. Ansonsten die Hauptperson in den Mittelpunkt stellen, bei ihr ihr Denken und Fühlen beschreiben, aber nicht bei den anderen Personen, also personale Erzählperspektive mit inneren Mo- nologen. ■ Dialoge einbauen, die aber sprachlich stimmig sein müssen! Keine Gossensprache benutzen, auch wenn es in der Situation möglich wäre! Nicht zu viel verraten, manches nur andeuten, was dann später einer Lösung zugeführt werden wird, das muss aber geschehen. Es geht nicht, anzudeuten, dann sich aber um die Lösung zu drücken! Es kann nicht sein, den Schluss offen zu lassen, weil einem nichts mehr einfällt oder man ganz einfach keine Idee für einen tollen Schluss hat und fertig werden will. Es muss eine klare, komplett überraschende Lösung geben! www.KlausSchenck.de / Berufsschule / Mittelstufe / Deutsch / Schenck / S. 2 von 3 Tipps und Strategien: kreatives Schreiben O In der Prüfung (120 Minuten) kann ein sprachl-trainierter, kreativer Schüler gut um die zehn Seiten schreiben. > Perspektive wechseln O Die Geschichte sehr gut verstehen, dank Unterstreichen und Markieren die Geschichte komplett inhaltlich beherrschen. Sich extrem gut in diese Geschichte hineindenken, Ort, Zeit, Stimmung, Atmosphäre usw. Sich genau die Person vorstellen, aus deren Perspektive man die Ge- schichte neu schreiben soll. In dem vorliegenden Text alle Teile streichen, die die zentrale Person nicht kennen kann und ohne Bedeutung für sie sind, die also keine Rolle spielen dürfen, sonst ist die Aufgabe an diesem Punkt nicht erfüllt! O O O Aus der Perspektive dieser Person die Geschichte neu schreiben, sich auf ihre Gefühle konzentrieren, also mit inneren Monologen arbeiten. Sich „Leerstellen" in der Geschichte überlegen, die man aus der Perspektive der Person füllen könnte, sodass die Geschichte in ihrem Aufbau erhalten bleibt, jedoch durch die Perspektive der anderen Per- son erweitert wird. Hier bieten sich meist innere Monologe an. o Aufpassen, wenn man weitere Personen einführt, dies muss innerhalb des vorgegebenen Rahmens möglich sein, sonst geht es nicht! O Eine Sprache benutzen, die der Person entspricht, z.B. Jugendsprache, aber keine Gossensprache, auch wenn sie stimmig wäre! Die Seitenzahl dürfte deutlich geringer als bei der Fortsetzungsge- schichte sein, bei 120 Minuten um die 5-6 Seiten. O ■ ➤ Brief schreiben O O O Sich exakt in die Geschichte einlesen, einfühlen. Die für die Briefe ent- scheidende Person in einem selbst als klares und differenziertes Bild entstehen lassen. Sich genau überlegen, wer schickt warum an wen welchen Brief. Der Inhalt muss passen, die Anrede, besonders der Inhalt (Bitte, Ziele, Le- benserklärungen, Hoffnungen, Liebesschwüre, Angriffe usw.) und na- türlich der Abschluss-Gruß. Sich vorher ein paar Stichworte zum Inhalt notieren. Sich genau überlegen, wer ist der Adressat, wie ist sein Verhältnis zum Absender. Der Brief muss dem Adressaten Rechnung tragen, muss also angemessen sein. Da es sich meist um private Briefe handelt, bedarf es der Formen eines Geschäftsbriefes nicht, also Datum, Ort, aber keine Adresse, schon gar kein Betreff und der Gruß dürfte auch nicht sein: „Mit freundlichen Grü- Ben". www.KlausSchenck.de / Berufsschule / Mittelstufe / Deutsch / Schenck / S. 3 von 3 Tipps und Strategien: kreatives Schreiben O Die Brieflänge bewegt sich im Durchschnitt um vier, fünf Seiten. > Tagebuch schreiben O O O Es ist die persönlichste Form, die man sich beim kreativen Schreiben vorstellen kann. Im Zentrum stehen das Ich und seine innersten Ge- fühle, die in emotionaler Deutlichkeit zu Papier gebracht werden. Ir- gendwelche Rücksichten auf andere Personen gibt es von der Auf- satzform her nicht. Sich inhaltlich klare Gedanken vorher machen: Was sind meine Ge- fühle in Blick auf das Thema, welche überraschende Lösung, welchen überraschenden Grund vertraue ich dem Tagebuch an. Die Sprache ist eine sehr emotionale, dennoch niemanden in Gossen- sprache beschimpfen, es auch mit der Emotionalität sprachlich nicht übertreiben, letztendlich ist es ein Aufsatz, den mindestens eine andere Person liest, in der Prüfungssituation sogar zwei. o Übliche Länge: vier bis sechs Seiten O Sich emotional auf den Text, die Situation einlassen, innerlich voll zum Tagebuchschreiber werden - mit allen Gefühlen! Keine Anrede „Liebes Tagebuch", macht an sich auch keinen Sinn, auch wenn es die Schüler lieben. Am besten mit einem Datum oder nur mit einem oben genannten Wochentag begin- nen, kurz die vorausgegangene Situation sprachlich skizzieren, zwei, drei Sätze, aber nicht mehr. Dann die eigene Position, die eigene Verteidigung, die eigene Begründung. Am Schluss auch nicht mit vielen Dank, liebes Tagebuch!“ enden, sondern viel- leicht benennen, wie erleichternd es ist, es niedergeschrieben zu haben. Klaus Schenck, OSR. a.D. Fächer: Deutsch, Religion, Psychologie (Wahlfach) Drei Internet-Kanäle: Schul-Material: www.KlausSchenck.de Schüler-Artikel: www.schuelerzeitung-tbb.de Schul-Sendungen: https://www.youtube.com/user/financialtaime ,,Vom Engagement-Lehrer zum Lehrer-Zombie"/Bange-Verlag 2020: Info-Flyer: http://www.klausschenck.de/ks/downloads/f02-werbeflyer-buch- entwurf-2020-11-26.pdf NEU! IN the Se Te Ha U KLAUS SCHENGE LEHRER VON ENGAGEMENT Das Power-Buch von Klaus Schenck P -7UM LEHRER-ZOMBIE www.KlausSchenck.de / Deutsch / Berufsschule/Mittelstufe / kreatives Schreiben / S. 1 von 5 2 Klassenarbeiten (90 Minuten) zum Umzug ins Möbelhaus Aufgabenstellung: Aufgabentyp 2 Kreatives Schreiben Wählen Sie eine der beiden Aufgaben. (Anlage 2) • Schildern Sie den Ablauf des ganzen Tages aus der Sicht der Mutter. Gehen Sie dabei auf deren Gefühle und Beweggründe ein. Oder • Sie sind Mitarbeiter bzw. Mitarbeiterin des Möbelgeschäfts und haben den "Einzug" hautnah miterlebt. Am Abend erzählen Sie Ihrer Freundin/Ihrem Freund möglichst genau von den Geschehnissen des Tages. Anlage 2 Umzug ins Möbelhaus London (dpa) - Aus Protest gegen eine ausgebliebene Möbellieferung ist eine Mutter mit ihrer dreijährigen Tochter in Cambridge kurzerhand ins Möbelgeschäft gezogen. Die 30-Jährige hängte ihre Kleidung in einen Schrank, legte sich mit ihrer Tochter auf ein Bett und las ihr aus einem Buch vor. Die Frau hatte seit Anfang September auf dem Fußboden übernachten müssen, weil das Möbelgeschäft nur einen Teil eines Schlafzimmers geliefert hatte, das sie bereits im Juli gekauft hatte. Mehrere Beschwerden waren ohne Erfolg geblieben. Quelle: Esslinger Zeitung vom 03.11.2008, S. 1 1. Klassenarbeit – Sicht der Mutter Auf das leise Knacken des Babyphones folgt ein Wimmern. Ich wache auf. Mit den Fingern taste ich nach dem Lichtschalter und blicke auf die Uhr: Sechs Uhr morgens. Ich klaube meinen müden Körper vom Boden auf, fluche und tapse hinüber ins Kin- derzimmer, wo mich meine dreijährige Tochter Emma weinend auf dem Sofa stehend empfängt. Ich nehme sie auf den Arm und begebe mich hinüber zur Haustüre unse- rer Wohnung. Ich stolpere über einen liegen gebliebenen Bauklotz und fluche so er- neut. Wenigstens weint Emma jetzt nicht mehr. Ich setze die Kleine in den Kinderwa- gen, der momentan noch als Hochstuhl dient, gebe ihr einen Keks in die Hand und gehe zur Küche. Auf dem Weg dorthin bemerke ich einen bunten Brief, der direkt unter dem Postschlitz liegt. Ich weiß genau, wo dieser Brief herkommt. Das ver- fluchte Möbelhaus. Ich hebe den Brief auf, reiße ihn auf und bin auf einmal wutent- brannt, als ich den Text überfliege. ,,Liebe Frau Baron, es tut uns Leid Ihnen mitteilen zu müssen, dass sich die Lieferung Ihres Schlafzimmers um weitere 14 Tage verzögert. Für Ihre Geduld haben wir Ihnen einen 5€ - Wertgutschein unseres Möbelhauses beigelegt." Unfassbar. Ich merke, wie die Wut der ganzen letzten Wochen in mir aufsteigt und das Blut in meine Ohren zu rauschen beginnt. Als hätten die ganzen Demütigungen der letzten Monate kein Ende. Erst mein Ex-Mann, der mir nach fünf Jahren Ehe und gemeinsamem Kind eröffnet, dass er sich neu und unsterblich in eine 20-jährige Tänzerin verliebt hat. Die darauf folgende Scheidung und der Auszug aus der ge- meinsamen Wohnung. Der Gedanke daran trifft mich wie ein Stich ins Herz. Wie konnte er mich und Emma nach so langer gemeinsamer Zeit verlassen und raus- werfen. Noch wütender macht es mich, wenn ich daran denke, dass er jetzt mit sei- ner neuen Liebschaft in meinem liebevoll eingerichteten Zuhause sitzt und ich jetzt hier mit Emma in einer kaum eingerichteten, kleinen Wohnung zwischen Umzugs- kartons lebe. Als ich den Blick wieder auf den Brief des Möbelhauses in meiner Hand richte, trifft es mich wie ein Schlag in den Magen! Kurz nach dem Auszug und der Scheidung hatte ich bei Möbelhaus ein neues Schlafzimmer mit Bett und Schrank www.KlausSchenck.de / Deutsch / Berufsschule/Mittelstufe / kreatives Schreiben / S. 2 von 5 2 Klassenarbeiten (90 Minuten) zum Umzug ins Möbelhaus bestellt, um auch hier Emma ein Zuhause bieten zu können. Das Möbelhaus hatte mir damals im Juli versichert, dass die Möbel rechtzeitig zum Bezug der neuen Woh- nung geliefert würden. Dieses Versprechen ist jetzt bereits über zwei Monate her und es ist nichts geschehen. Seit dem Einzug in die Wohnung schlafe ich notdürftig auf übereinander gelegten Handtüchern, habe meine Sachen in den Umzugskartons und Emma schläft auf einem kleinen Sofa. Ich bin stink-wütend. Seit Wochen ist Emma, so wie heute, jeden Morgen wach und weint, weil sie kein richtiges Bett zum Schlafen hat. Ich bin ebenfalls immer müde, schlapp und traurig. Ja, die Traurigkeit über die Trennung und den Zustand hier ist wohl das Schlimmste. Ich merke, wie Tränen in mir aufsteigen und sich ein Kloß in meinem Hals bildet. Das darf doch nicht wahr sein. Wie kann dieses Möbelhaus nur so unzuverlässig sein und selbst nach zahlrei- chen Beschwerden so dreist sein, mir statt meines Schlafzimmers einen Gutschein zu senden. Jetzt ist Schluss mit den Demütigungen. Was mein Ex-Mann angefangen hat, muss dieses Möbelhaus nicht fortführen. Ein Weinen reißt mich aus den Gedanken. Ich schaue zu Emma hinüber und sehe, dass sie über die wenige Aufmerksamkeit der letzten Minuten wohl gar nicht glücklich ist. Ich begebe mich hinüber, nehme sie aus dem Kinderwagen und flüstere ihr zu: „So, jetzt ist Schluss, Emma, wir machen einen Ausflug." Ich ziehe Emma an, packe eine Tasche mit Kleidung, setze Emma in den Kinderwagen, ziehe die Wohnungstür hinter mir zu und atme tief durch. Jetzt ist end- lich Schluss. Ich nehme all meinen Mut zusammen und mache mich auf den Weg zum Möbelhaus. Mein Herz pocht immer schneller, als ich mich zu Fuß mit Kinder- wagen dem Möbelhaus nähere. Emma ist inzwischen eingeschlafen. Ich betrete das Möbelhaus und werde von der üblichen Gute-Laune-Musik empfangen. Doch heute nicht, nicht mit mir. Ich bin sauer, traurig und aufgebracht zugleich, als ich mich auf den Weg Richtung Schlafzimmerabteilung mache. Schluss mit den ganzen Demüti- gungen. Ich fasse nochmals allen Mut und den letzten Rest Würde, den mir mein Ex- Mann gelassen hat, zusammen und gehe zu dem aufgebauten Schlafzimmer, das schon längst in meiner Wohnung hätte stehen sollen. Ich merke, wie einige Leute mich bereits anschauen. Sollen sie doch, die haben ja keine Ahnung, was ich und Emma durchgemacht haben. Ich stelle den Kinderwagen neben dem Bett ab, nehme Emma heraus, lege sie in das große Bett, packe die Kleidung aus meiner Tasche in den großen Kleiderschrank und lege mich mit einem Buch neben Emma in das Bett und lese ihr eine Geschichte vor. Ich merke, wie sich immer mehr Menschen um uns ansammeln, tuscheln und mit dem Finger auf uns zeigen. Das ist mir alles egal. Ich bin genug gedemütigt worden und habe auf dem Boden geschlafen, weil das Möbel- haus es nicht für eilig erachtet hat, mir genau dieses Schlafzimmer zu liefern. Ganze zwei Monate hatte ich Geduld, doch genug ist genug. Ich sehe aus dem Augenwin- kel, dass zwei aufgebrachte Mitarbeiter auf mich zukommen. Mit wilden Gesten for- dern sich mich dazu auf das Bett und den Schrank zu räumen. Ich merke, wie Emma aufwacht und lese weiter vor. Nach mehrmaligem Auffordern der Mitarbeiter klappe ich das Buch schließlich zu und erzähle ihnen mit zitternder Stimme von meiner Ge- schichte und dem Vorfall. Sollte das Schlafzimmer nach etlichen Bitten nicht zu mir kommen, kommen ich und Emma eben zu ihm. Ich werde nicht nachgeben, auch wenn alle Menschen um mich herum lachen und tuscheln. Der Rest des Tages geht wie im Zeitraffer an mir vorbei. Erst Möbelhaus, dann Büro des Chefs, Zuhause, Mö- bellieferung. Am nächsten Morgen wache ich auf und gehe zum Briefschlitz, hole die Tageszeitung und schlage die erste Seite auf. Was ich dort lese, bringt mich voll zum Schmunzeln. www.KlausSchenck.de / Deutsch / Berufsschule/Mittelstufe / kreatives Schreiben / S. 3 von 5 2 Klassenarbeiten (90 Minuten) zum Umzug ins Möbelhaus ,,London (dpa) - Aus Protest gegen eine ausgebliebene Möbellieferung ist eine Mut- ter mit ihrer dreijährigen Tochter in Cambridge kurzerhand ins Möbelgeschäft gezo- gen. ..." Stolz klappe ich die Zeitung zu und blicke hinüber auf mein neu erkämpftes Schlaf- zimmer, in dessen Bett meine Emma immer noch schläft. 2. Klassenarbeit – Sicht des Mitarbeiters ,,Hallo Schatz! Na, wie war dein Tag heute?“ Wie immer kam Martin gutgelaunt nach Hause. „Ach, der reinste Wahnsinn! Die Leute werden immer verrückter. Auf welche Ideen die kommen, das glaubt man gar nicht. Aber die Aktion heute hat echt alles getoppt. Ich war gerade in der Abteilung mit Schlafzimmern, als plötzlich eine Frau mit ihrer kleinen Tochter und einem großen Reisekoffer unser Möbelhaus betrat. Ich fand es zwar sehr komisch, aber habe mir keine weiteren Gedanken gemacht. Viel- leicht ist sie ja auf der Durchreise und braucht noch etwas. Schließlich habe ich sie auch aus den Augen verloren. Ein paar Minuten später kam dann mein Termin, ein junges Ehepaar, zu mir. Mit denen hatte ich Großes vor, schließlich möchten sie ihr komplettes Haus einrichten. Nach der Begrüßung wollte ich zuerst mit ihnen durch die Abteilung der Schlafzimmer. Doch, als wir zum dritten Schlafzimmer um die Ecke gingen, dachte ich, mich trifft der Schlag. Die Frau, die mit ihrem Kind und dem Rei- sekoffer heute Morgen kam, saß mit ihrer Tochter auf dem Bett und las ihr aus einem Buch vor. Das musst du dir mal vorstellen! Total wahnsinnig! Die Frau ließ sich von uns auch überhaupt nicht beirren und du kannst dir vorstellen, dass das Ehepaar ganz schön blöd aus der Wäsche geschaut hat. Ich wusste selbst nicht, ob ich wei- nen oder lachen sollte. Der Koffer lag offen auf dem Boden und ich habe mich natür- lich gefragt, was die Frau denn darin hatte. Eine schlimme Befürchtung hatte ich be- reits, die sich schließlich auch bewahrheitete. Ich ging zu einem der Kleiderschränke und öffnete ihn vorsichtig. Die Frau hatte doch tatsächlich ihre und die Kleider ihrer Tochter sorgfältig auf die Bügel in den Schrank gehängt. Das war echt zu viel für mich, doch trotzdem bat ich sie freundlich darum, ihre Kleider wieder in ihren Reise- koffer zu packen und das Möbelhaus zu verlassen. Bevor die Frau nur irgendetwas sagen konnte, schnappte ich mir das junge Ehepaar und ging zu den nächsten Schlafzimmern und ich muss sagen, es lief echt gut - trotz des Zwischenfalls. Als wir dann bei den Schlafzimmern fertig waren, gingen wir zu den Bädern. Auf dem Weg dorthin habe ich unauffällig einen Blick in das Schlafzimmer geworfen, in dem eine halbe Stunde zuvor noch die Frau war. Ich hätte es zwar nie geglaubt, aber sie war wirklich nicht mehr da und ich konnte aufatmen. Doch ich freute mich zu früh. Wir besichtigten die Badezimmer und das Ehepaar war so glücklich, weil die Eheleute genau das Richtige gefunden hatten. Trotzdem wollten sie den Rest auch noch se- hen. Ein großer Fehler! Denn, als wir weiter gingen, riss es uns allen den Boden un- ter den Füßen weg. Da saß die Tochter dieser Frau auf einer Toilette! Und sie war da nicht zum Spaß, das kannst du mir glauben. Nur blöd, dass die Toiletten nicht funkti- onieren. In dem Moment kam natürlich auch noch der Chef um die Ecke. Aber der nahm das alles sehr lässig. Er meinte nur, dass das ja mal passieren kann und ich die Kleine jetzt auf die richtige Toilette bringen soll. Also brachte ich meinen Kunden in eine ruhige Ecke und servierte ihnen einen Kaffee. Ich hatte so Angst, dass sie gleich gehen würden. Danach führte ich den kleinen Giftzwerg dann zu unserer rich- tigen Toilette. Anschließend wollte ich sie zu ihrer Mutter bringen, doch die war nir- www.KlausSchenck.de / Deutsch / Berufsschule/Mittelstufe / kreatives Schreiben / S. 4 von 5 2 Klassenarbeiten (90 Minuten) zum Umzug ins Möbelhaus gends zu finden. Mir kam dann aber die schlaue Idee, die Kleine in unser Kinderpa- radies zu geben. Ich ging wieder nach oben zu meinen Kunden, die aber nicht mehr so glücklich waren. Ich traute mich auch zuerst nicht mehr mit ihnen das Haus zu besichtigen und beschloss zuerst, das Schlaf- und Badezimmer Geschäft fest zu ma- chen. Es dauerte etwa neunzig Minuten, bis ich alle Wünsche und Träume berück- sichtigt hatte. Aber das war schon mal eine große Erleichterung für mich. Das Ehe- paar wollte als nächstes eine Küche kaufen, also gingen wir zum Küchenstudio. Aber der Schreck saß mir noch tief in den Knochen und ich hatte meine Augen überall. Wir waren schon fast am Ende, als ich plötzlich ein lautes Klirren hörte. Ich rannte sofort los und hatte richtig Angst. Ich wusste nicht, was mich erwartete. Als ich in die Küche kam, wollte ich schon losbrüllen, doch da schaute mich nur unser neuer Auszubil- dender ganz verängstigt an. Ich musste sogar anfangen zu lachen. Er hatte nur eine Glasschüssel beim Einrichten fallen gelassen. Beruhigt ging ich wieder zurück und erzählte sogar den Kunden die Geschichte. Auf dem Weg zur letzten Küche atmete ich schon auf. Doch da blieb mir wieder die Spucke weg. Die Frau war immer noch da! Sie war gerade dabei, einen Fleischbrocken in den Backofen zu schieben! Zur Bemerkung: Der Backofen funktioniert nicht. Damit hatte sie den Bogen echt über- spannt. Ich ging zu unserem Chef und holte ihn zu dem Geschehen. Er glaubte auch nicht, was er da sah. In einem netten Ton bat er die Frau hinaus. Nebenbei erzählte ich ihm dann noch die Geschichte mit dem Schlafzimmer und auch, dass das Kind auch ihr gehört. Er war fassungslos und dann eskalierte die Situation. Die Frau fing an zu schreien, dass sie seit September auf dem Fußboden schlafen müsse, weil wir ihr nur einen Teil des Schlafzimmers geliefert hätten, das sie schon im Juli gekauft hatte. Der Chef versuchte sie zu beruhigen, doch es war zwecklos. Ich wusste nicht, was ich tun sollte. Die Frau war so aufgebracht, dass ich echt Angst bekam. Schließ- lich rief ich die Polizei, die sich aber ganz schön Zeit ließ. Ich brachte zuerst noch meine Kunden dort weg, bevor sie es sich anders überlegten. Mir blieb auch nichts anderes übrig, als sie in unser Restaurant einzuladen. Sonst wären sie mir nie im Leben da geblieben. Während dem Essen konnte ich beobachten, wie sie die Frau sogar mit Handschellen abführten. Das war echt heftig! Die muss sich ja gefühlt ha- ben wie eine Schwerverbrecherin. Mein Chef schaute nach oben und winkte mich bei. Ich entschuldigte mich bei den Kunden und ging hinunter. Er wollte wissen, wo das Mädchen stecke. Zusammen gingen wir zum Kinderparadies, doch da war sie nicht mehr. Ich glaube, uns beiden war die Panik ins Gesicht geschrieben. Wir hatten noch zwei Kollegen und teilten uns auf. Einer ins Küchenstudio, der Chef zu den Schlaf- und Esszimmern, einer zu den Toiletten und Bädern und ich zu den Wohn- du Kinderzimmern. Wie von einer Tarantel gestochen liefen wir los. Nach ein paar Minuten trafen wir uns wieder. Doch keiner hatte sie gefunden. Wir wussten nicht, wo wir noch suchen sollten. Der Chef ging in sein Büro und kurze Zeit später hörte ich nur einen lauten Schrei. Das war der Chef! Ich rannte zu ihm ins Büro, wo die halbe Belegschaft bereits versammelt war. Da saß das kleine Mädchen auf dem Boden mit der Keksdose vom Chef in der Hand. Um sie herum lagen die ganzen Ordner und Blätter verstreut. Und überall waren Krümel. Aber so unschuldig, wie sie uns ansah, konnte man ihr überhaupt nicht böse sein. Ich nahm sie dann auf den Arm und brachte sie zum Polizeiauto, in dem schon ihre Mutter war. Sie ist jetzt noch einmal mit einer Verwarnung davon gekommen. Das Schlafzimmer wird dann vollständig in den nächsten Tagen geliefert und wahrscheinlich bekommt sie sogar noch eine Ent- schädigung von uns. Jetzt im Nachhinein kann ich sogar darüber lachen, aber vorhin fand ich es überhaupt nicht mehr lustig. Ich kann dir sagen, das war der schlimmste Tag für mich und ich werde nie mehr in Ruhe Kunden durch unser Möbelhaus führen können! Aber wenigstens sind mir meine Kunden trotzdem treu geblieben!" www.KlausSchenck.de / Deutsch / Berufsschule/Mittelstufe / kreatives Schreiben / S. 1 von 5 2 Klassenarbeiten (90 Minuten) zu: ein Obdachloser in der Uni-Bibliothek Aufgabe: Erzähle aus der Sicht des Obdachlosen seine Erlebnisse in der Bibliothek! (Quelle: FN, 1.3.2013) Universität: Obdachloser wohnt wochenlang in einer Bibliothek der geschichtsträchtigen Universität Cambridge onica stuen. Schlummern unter dicken Schmökern Von unserer Korrespondentin Jasmin Fischer LONDON. Ganz viel Interesse an di- cken Schmökern vorgaukeln, aber heimlich hinterm Bücherstapel ein Nickerchen halten: Mit diesem Trick hat es ein Obdachloser geschafft, die kalten Januartage in der Bibliothek der Elite-Universität Cambridge zu überwintern. Ganz kluge Köpfe haben dort schon, an den schönen Erkerfens- tern im St. John's College mit Blick auf das Flüsschen Cam, gesessen und gepaukt - neun Nobelpreisträ- ger, sechs Premierminister, drei Hei- lige und zwei Prinzen. In diese illus- tre Runde von VIP-Gelehrten darf sich der Namenlose ohne Obdach ab sofort einreihen: Sein Show-Talent hat ihn nämlich im ganzen König- reich bekannt gemacht. Thema ,,Identität und Religion" Seit Silvester soll der Mann in der an- genehm beheizten College-Büche- rei gewohnt haben. Die Abteilung mit den Geschichtsschmökern hatte es ihm nach Angaben von Studenten offenbar besonders angetan. Die Sit- ze bei den Historikern gelten als be- quem, das Ambiente als strikt stö- rungsfrei. Der Dauer-Gast wurde dort gesehen, wie er durch Bücher blätterte, ab und an eine E-Mail vom Gemeinschaftsrechner abschickte und im Großen und Ganzen so tat, als wäre er ziemlich beschäftigt. Mit Gruppen von Studenten hat der Mann sich immer wieder in sein apartes Domizil geschmuggelt. Nö- tig ist für den Zutritt eine Magnet- Karte; zum Lernen und Lesen ist das historische Gebäude aus dem Jahr 1511 rund um die Uhr geöffnet. Er habe weder streng gerochen noch abgerissen ausgesehen, berichten Studenten. Auf Nachfrage habe er vorgegeben, über „Identität und Re- ligion" zu forschen. Sein Essen hat er sich in Plastiktüten mit in die exklu- siven Räumlichkeiten gebracht. Aufgefallen ist der Mann Mitte 30 nur, weil er tagein, tagaus dieselben Sachen getragen und sein Schnar- chen die echten Studenten gestört hat. Misstrauische Reporter der Campus-Zeitung stellten ihn zur Rede. Als er sich nicht als Uni-Mit- glied ausweisen konnte, beförderte ein Portier den ungebetenen Haus- gast nach draußen. Dort verliert sich seine Spur. Bei 31 Colleges, die die Universität Cambridge in der Kleinstadt unterhält, hat ,,Dr. Myste- ry" sicher längst einen neuen Unter- schlupf gefunden. 1. Klassenarbeit Das neue Jahr hat wieder begonnen. Wieder ein weiteres Jahr auf der Straße. Wie- der die Kälte besiegen. Wieder alleine kämpfen. Ich wusste nicht wohin. Alle Ob- dachlosenheime waren überfüllt. Am Bahnhof gab es ein Tonnenfeuer, an dem man sich wärmen konnte. Ich wollte aber nicht bei den anderen sein. Ich wollte nicht als ,,Alki" bezeichnet werden. Ich wollte nicht als „Penner“ zählen. Also hielt ich mich von den anderen fern. Ich mied das Feuer und diese Art von Zusammenkunft. Ich hatte mit etwas Geld durch das Sammeln von Pfandflaschen dazu verdient. Also ging ich in das Café um die Ecke. Ich bestellte mir einen Kaffee und habe ihn sehr langsam getrunken, damit ich ein Recht darauf hatte zu bleiben. Doch die Besitzer kannten mich vom Sehen. Sie gaben mir oftmals ein belegtes Brot mit auf den Weg oder so- gar ein süßes Stückchen. Das packten sie mir dann in eine Plastiktüte, damit ich es wo anders essen konnte. Sie hatten Mitleid mit mir. Zwar nicht so viel, dass mein Aufenthalt in dem Café erwünscht war, aber immerhin durfte ich mich dort für ca. eine halbe Stunde aufhalten, bis mein Kaffee leer war. Dann gaben sie mir freundli- cherweise (ohne eine Gegenleistung zu erwarten) mein Essen. Es war nett, aber be- stimmt. Das Essen zu erhalten war ein deutliches Zeichen für: „Du kannst jetzt ge- hen, bis morgen!" Beim Verlassen des Cafés fiel mir eine Gruppe Jugendlicher auf, die gerade gemeinsam lernten. Einer schlug dem anderen vor in die Bücherei zu ge- hen, denn da sei mehr Platz. Die Karte habe er bei sich, sie müssten also nicht mehr zurück in ihren Wohnblock. Ich ging vor die Türe und hatte mir ernsthaft überlegt, ob ich nicht doch zum Feuer gehen solle. Das Obdachlosenheim hätte erst in vier Stun- den aufgemacht. So ungern ich dort auch hingegangen wäre, dort hätte ich mich zu- mindest (wie jeden 2. Tag) für 15 Minuten unter die heiße Dusche stellen können. Als ich noch am Überlegen war, kam die Gruppe Studenten aus dem Café und zeit- gleich kam mir die Idee. Hatte der große Blonde nicht erwähnt, dass er seine Karte dabei hat und WIR deshalb vorher nicht mehr zurück in den Wohnblock mussten? War das ein Wink vom Schicksal? Eine geniale Idee meinerseits? Oder einfach nur www.KlausSchenck.de / Deutsch / Berufsschule/Mittelstufe / kreatives Schreiben / S. 2 von 5 2 Klassenarbeiten (90 Minuten) zu: ein Obdachloser in der Uni-Bibliothek irre und bekloppt? Ich tappte der Gruppe mit einem Sicherheitsabstand von ca. drei Metern hinterher. Nach zehn Minuten waren wir schon da. Das ging schnell, ich wusste ja nicht, zu welcher Bücherei sie gehen. In dieser Stadt gibt es unzählig viele davon. Ich hatte mir noch keinen Plan ausgedacht, wie ich es rein schaffen sollte. „In einer Gruppe von vier Leuten falle ich bestimmt auf“, schoss es mir durch den Kopf. Hinter mir kamen weitere Leute und „meine“ Gruppe verschwand in der Eingangs- halle. Die hinteren Leute schoben mich nach vorne, hielten ihre Magnetkarten an die Wand und gingen rein. Plötzlich stand ich in dieser riesigen Eingangshalle. Ich be- wunderte den Raum, die Gestaltung, den Boden. Bis ich eins bemerkte: Ich hatte es geschafft! Ich stand tatsächlich schon in dem Gebäude. Ich freute mich so sehr dar- über, bis der nächste Gedanke kam: Was jetzt? Ich sah mich um und sah einen Mann inmitten der Studenten, der mir sofort auffiel. Er hatte ein schwarzes Jackett an, unterhielt sich mit einer Studentin und zeigte in eine Richtung zur Treppe. „Bloß nicht auffallen", dachte ich mir, als ich im „Windschatten" einer Gruppe die Treppe auf der gegenüberliegenden Seite erreicht habe. Ich ging hoch und sah sehr viele Studenten, die über irgendetwas debattierten, von dem ich nicht einmal eine Ahnung hatte. Jeder in dem kleinen Raum schien von dem Thema eine Ahnung zu haben und jeder sagte etwas dazu. Also ging ich ein Stockwerk höher. Hier war es still. Sehr still. Es wurde nur geflüstert, ab und zu hörte man Blätter rascheln und die Stifte über das Papier kratzen. Ich erinnerte mich daran, wie mein Lehrer immer gesagt hat, er wolle eine Stecknadel auf den Boden fallen hören, so still solle es doch bitte sein. Ich griff wahllos in das Regal, nahm ein Buch und setzte mich an einen Tisch am Fens- ter. Mein Puls beruhigte sich langsam, denn ich hatte es geschafft. Wie jedes Jahr war mit etwas eingefallen, wie jedes Jahr hatte ich Unmögliches möglich gemacht. Ich war unerlaubt in eine Bücherei eingedrungen. Meine bisher größte Straftat. Bis- her wurde ich nur von Plätzen weggeschickt oder bekam eine Rüge aufgrund des Bettelns. Ich war immer ein aufrichtiger Bürger. Wo genau befand ich mich? In wel- che Bücherei war ich eingedrungen? An der Wand stand in großen Lettern in der Ferne „Elite-Universität Cambridge“ und darunter waren zwanzig Bilder von irgend- welchen Menschen aufgehängt. Als die nächsten vereinzelten Studenten vorbei gin- gen, schlug ich schnell mein Buch auf. Hauptsache, ich konnte in der Wärme sitzen. Ich saß dort, blätterte in dem Buch, dessen Name ich nicht einmal kannte und schlug somit die Zeit tot. Doch nach einigen Stunden in der Wärme wurde ich unglaublich müde. Ich durfte jedoch nicht einschlafen, sonst würden sie mich bestimmt 'raus in die Kälte werfen. Also stand ich sehr leise auf, ging zum nächsten Regal, stellte mein Buch hinein, nahm ein neues, damit ich mich in diesem über interessante Dinge in- formieren konnte. Hauptsache, ich würde wach bleiben und nicht hinausfliegen. Ich fand ein Buch über Napoleon, davon hatte ich zumindest schon einmal gehört. Ich überflog das Buch, damit ich die Müdigkeit zumindest etwas bekämpfen konnte. Dann fiel es mir wieder ein, dass ich noch Essen dabei hatte. Also legte ich das Buch beiseite und genoss mein Schinkenbrot. Die Studenten kamen und gingen und ich wunderte mich, wann die Bücherei schließen würde. Als es dunkel wurde, legte ich das Buch zurück und machte mich langsam auf den Weg nach draußen. Ich hatte Angst, dass ich bei der Schließung aufgeflogen wäre. Als ich draußen war, sah ich, www.KlausSchenck.de / Deutsch / Berufsschule/Mittelstufe / kreatives Schreiben / S. 3 von 5 2 Klassenarbeiten (90 Minuten) zu: ein Obdachloser in der Uni-Bibliothek dass die Bücherei 24 Stunden geöffnet hat. Wir hatten ca. neun Uhr abends. Jedoch kam ich ohne Ausweis nicht mehr ´rein. Ich habe mir einen Schlafplatz gesucht, bin morgens direkt ins Café, vorher noch zur Dusche und habe dann unauffällig vor der Bücherei auf die nächste große Gruppe gewartet, bin wieder mit denen ´rein, die Treppe hoch, habe ein Buch aufgeschlagen, gegessen, den Platz ab und zu ge- wechselt und die Wärme genossen. Manchmal bin ich sogar eingenickt, was unter den Studenten aber nicht allzu sehr auffällt. Einmal, ich glaube es war mitten in der Nacht, wurde ich sogar geweckt, weil ich angeblich geschnarcht habe. Er hat mich gefragt, was ich mache. Daher habe ich gesagt, dass ich über „Identität und Religion" forsche. Jedoch bin ich kurz darauf gegangen. Ich hatte Angst, dass er mich etwas über das Studienjahr fragt. Oder etwas über Identität und Religion, wovon ich keine Ahnung hatte. Vor dem Schlafen habe ich noch überlegt: warum eigentlich nicht? Wer bin ich? Wer ist Gott? Wer bin ich im Vergleich zu Gott? Und: wenn es einen Gott gibt, warum lässt er zu, dass so viele Obdachlose täglich gegen die Kälte kämpfen? Ich stand früh auf, holte mir mein Essen, ging vorher duschen und in die Bücherei. Ohne Probleme. Ich sah ein Regal über Religionen und habe versucht Antworten zu finden. Ich nahm mir fünf Bücher, ging wieder zu den Geschichts- schmökern an meinen Fensterplatz mit dem tollen Ausblick und suchte intensiv nach Antworten. Am Anfang musste ich jeden Tag lange Stunden Interesse vorgaukeln. Jetzt hatte mich wirkliches Interesse gepackt. Ich verbrachte sehr viel Zeit damit die Bücher zu studieren, meine Antworten abzutippen und steckte sehr viel Hoffnung in diese Bücher. Ich las, aß und schlief dort. Wie ein Student. Wochen vergingen und ich hatte immer denselben Tagesablauf: Lesen, essen, duschen, schlafen mal hier, mal dort. Ich hatte wieder einen Sinn gefunden. Ich dachte jeden Tag, dass ich die Antwort „heute" finden würde. Bis mir der Student komische Fragen stellte. Bis er mich nach einem Ausweis fragte. Bis der Portier mich raus warf. Bis ich entlarvt wurde. Kurz bevor ich meine Antwort bekam. Hinaus in die Kälte. Sechs Wochen war ich mittlerweile unerkannt Gast in dieser Bücherei. „Jetzt ist alles vorbei“, dachte ich in Dauerschleife. Kurz vor der Antwort war ich kurz davor. Wieder wurde mir alles weggenommen. Wieder saß ich in der Kälte. Wieder die Kälte besiegen. Wieder al- leine kämpfen. Wieder ein Jahr auf der Straße. Wieder alle Hoffnungen verloren. Wieder keine Antwort erhalten. Wieder wurde mir alles genommen. Das Einzige, was mir blieb, war das Café, die Dusche und ein lächerlicher Name: „Dr. Mystery" hatte ich einige Leute sagen hören. Wieder nichts erreicht. Wieder im Alltagstrott, dem ständigen Kampf um das Überleben. 2. Klassenarbeit Hallo Harry! Ich stehe in der Zeitung! Mann, bin ich aufgeregt. Ich hätte nie gedacht, dass ich damit in die Zeitungen komme. Aber hier, sieh es dir an. Da ist der Artikel, hier der Artikel, der heißt „Schlummern unter dicken Schmökern“. Das war eine Ge- schichte, das kann ich dir sagen. Alles hat nur klein angefangen. Ach, Harry, du musst mir schon zuhören und aufpassen. Ansonsten weißt du doch gar nicht, worum www.KlausSchenck.de/ Deutsch / Berufsschule/Mittelstufe / kreatives Schreiben / S. 4 von 5 2 Klassenarbeiten (90 Minuten) zu: ein Obdachloser in der Uni-Bibliothek es genau geht. Also noch mal, es hat alles an Silvester begonnen. Erinnerst du dich noch? Es war sehr kalt draußen und Schnee ist auch schon gelegen. Brrr ... selbst jetzt wird mir noch kalt, selbst wenn ich nur daran denke. Naja, zurück zur Ge- schichte. Der Schnee lag schon auf der Straße und es wurde langsam Nacht. Viele Menschen waren unterwegs, um sich mit Freunden oder der Familie zu treffen, da sie Silvester miteinander feiern wollten. Mitten unter ihnen bin ich und friere schreck- lich. Hatte ja nur meine dünne Jacke und Mütze an. Da bin ich nun zwischen den ganzen Menschen gelaufen und habe überlegt, wo ich die Nacht verbringen kann. Habe nachgedacht, wo noch ein Plätzchen frei ist für mich. Da kam ich an dieser Universität vorbei. Moment, wie hieß die noch? Ah ja, die Cambridge-Universität. Viele Studenten sind aus dem Gelände gekommen. Aber nicht alle. Das hat meine Neugier geweckt. Also bin ich hinter her gelaufen und habe mich verstohlen umge- sehen. Und weißt du, wohin die alle gegangen sind? Na, weißt du's? Nein? Zu einem sehr großen Gebäude. Am Anfang wusste ich gar nicht, was für ein Gebäude es war und bin einfach so hinterher gegangen. Aber du kannst es dir gar nicht vorstellen, was das für ein Gebäude war. Es war die Bibliothek der Universität. So viele Bücher sah ich an den Seiten, ich wusste am Anfang gar nicht, wo ich zuerst hin sehen soll. Doch dann versperrte mir so ein blödes Drehkreuz den Weg. Ich konnte nicht weiter herein. Ich habe mich unauffällig in eine Ecke gestellt und gewartet, bis eine neue Traube an Studenten durch die Eingangstür gekommen ist. Natürlich habe ich diese dann beobachtet und gesehen, dass sie alle eine Karte hatten, mit der sie das Dreh- kreuz passieren konnten. So eine Magnetkarte. Als dann eine neue Menge an Lern- willigen die Bibliothek betrat, stellte ich mich etwas auffälliger hin und tat so, als durchsuchte ich meine Jackentaschen nach der Karte. Dabei murmelte ich laut vor mich hin, wo denn dieses blöde Ding nur hingekommen sei. Einer der Studenten be- merkte mich, ging auf mich zu und sprach mich an. Er fragte, ob er mich mit rein las- sen soll und ob ich ein Professor sei. Ich nickte nur unbestimmt auf diese Fragen und folgte ihm durch das Drehkreuz. Als wir die Sperre passiert hatten, bedankte ich mich kurz und verabschiedete mich dann. Schnell lief ich zu einer der Regalreihen und verschwand dahinter. Du kannst dir gar nicht vorstellen, wie erleichtert ich war, dass ich nicht aufgeflogen bin. Als sich mein Puls wieder etwas beruhigt hatte, fing ich an, die Bibliothek zu erkunden. Du kannst dir gar nicht vorstellen, wie es da drinnen aus- sieht. Von der Decke hängen ganz viele Lampen. Bücherregale an Bücherregalen reihen sich aneinander. Unterbrochen von Sitznischen und Arbeitsbänken. Alles sehr schick gestaltet. Im öffentlichen Bereich, vorne beim Eingang, gab es sogar drei Computer mit Internetzugang zur freien Benutzung. Es war wie im Paradies. Und diese Wärme. Ach, es war so unglaublich warm und gemütlich. Weißt du, was ich dann auch noch erfahren hab'? Die Bibliothek hat rund um die Uhr offen, jeden Tag. Es ist kaum zu glauben. Ich konnte mein Glück nicht fassen, jetzt hier mitten drin zu stehen, und niemand hat mich blöde angemacht. Ich durchstreifte also in aller Ruhe und Stille, in der Bibliothek ist absolute Ruhe angesagt, die ganzen Regalgänge und probierte auch alle möglichen Sitzgelegenheiten aus. Am besten hat es mir in der Geschichtsbücher-Abteilung gefallen. Die Sessel dort sind so bequem, himmlisch einfach. Nicht zu beschreiben. Ich hatte es geschafft. Ich war so begeistert. Alles www.KlausSchenck.de / Deutsch / Berufsschule/Mittelstufe / kreatives Schreiben / S. 5 von 5 2 Klassenarbeiten (90 Minuten) zu: ein Obdachloser in der Uni-Bibliothek warm und dann noch bequeme und gemütliche Sessel... großartig, einfach nur groß- artig. Ich habe es mir auf einem der Sessel gemütlich gemacht und bin sogar einge- schlafen. In die Geschichtsabteilung kommt nur sehr selten einer, so hatte ich meine Ruhe. Am Morgen verließ ich die Bibliothek wieder und habe versucht, draußen Geld zu bekommen. Das ging mehr schlecht als recht. Aber ich bin durchgekommen. Der Gedanke an das warme, gemütliche Plätzchen jedoch, das ich in der Bibliothek ge- funden hatte, ging mir nicht mehr aus dem Kopf. Und am Abend stand ich wieder vor der Eingangstür. Ich überlegte, wie ich am besten wieder durch das Drehkreuz kom- men konnte, kam aber zu keinem richtigen Einfall. Also bin ich einfach so rein und hatte wieder etwas Glück. Es gab wieder jemanden, der mich mit hinein nahm und so konnte ich wieder zu meinem Plätzchen. Ich gewöhnte es mir an, vormittags und nachmittags Geld zu bekommen, kaufte mir dann eine Kleinigkeit zu essen und ging dann wieder zur Bibliothek. Immer, wenn ich bemerkte, dass Leute mich beobachte- ten, tat ich so, als wäre ich sehr beschäftigt. Ich blätterte in alten Wälzern herum und verschickte ab und an eine E-Mail über den allgemeinen Rechner. Einmal hatte ich weniger Glück. Ein Student hat mich versucht auszufragen, warum ich so oft hier sei. Mir fiel nichts Besseres ein als zu sagen, dass ich mich mit dem Thema „Identität und Religion" beschäftige und Nachforschungen dazu betreibe. Jetzt lache doch nicht so. Mir ist nichts Besseres eingefallen. Versuch du doch mal auf die Schnelle eine sinn- volle Antwort zu geben, warum du jeden Tag in einer Bibliothek bist. Weißt du auch, was echt interessant war? Als ich so in einem der Sessel saß, bekam ich einiges mit. Neben mir unterhielten sich drei Mädchen lautstark miteinander. Die Themen waren ganz verschieden, es ging von dem üblichen Klatsch, wer mit dem wem wieder etwas am Laufen hatte, bis hin zu Seminarstunden und welche Inhalte durchgenommen wurden. Oft wurde sich auch über einen der Dozenten lustig gemacht, weil seine Brille anscheinend komisch sein soll. Naja, du kennst das ja. Ich führte also so ein entspanntes Leben, doch dann. Dann kam das Gemeine! Rausgeworfen haben die mich, kannst du dir das vorstellen? Nur, weil ich eingeschlafen bin und etwas ge- schnarcht habe. Nicht zu fassen. Dabei habe ich mir immer solche Mühe gegeben gepflegt auszusehen. Habe mich auf dem Bahnhofsklo gewaschen und auch meine Sachen ständig sauber gehalten und trotzdem haben die mich hinausgeworfen. Nur, weil ich kein Dozent oder Student bin. Und nur, weil diese blöden Möchtegernrepor- ter versucht haben gut dazustehen. Die haben mich vor alle Leute gezerrt und mich mit Fragen bombardiert, wo ich herkomme, wie ich heiße und wo meine Karte für den Durchlass am Drehkreuz sei. Das machte natürlich den Portier auf mich aufmerksam, der mich danach rausschmiss. Es waren so schöne Januartage. Ich konnte im War- men sein und es gemütlich haben. Doch jetzt bin ich wieder draußen in der Kälte. Ach, Mann! www.KlausSchenck.de / Deutsch / Berufsschule/Mittelstufe / kreatives Schreiben / S. 1 von 6 2 Klassenarbeiten (90 Minuten) zu Rita Fehling: „Augenblick mal...“ Aufgabenstellung: 5 10 15 ,,Bitte warte nicht mit dem Essen auf mich, es wird etwas später." Was ist das für ein blöder Satz, dachte Andrea, wie in einem schlechten Roman. Sie blinzelte über ihrer Kaf- feetasse in das Gesicht ihres Mannes, der sich gerade seinen zweiten Toast dick mit Käse belegte. "So?" fragte sie, was ist denn los?" Gelangweilt erzählte er von einem Projekt, das zu einem bestimmten Termin fertiggestellt werden muss. Deswegen hatte Jürgens Chef die Überstunden angeordnet. „Ach so“, lächelte sie ihn an. „Und ich dachte schon, du wärst so unintelligent, dir für eine Affaire keine besse- re Ausrede einfallen zu lassen." „Affaire?" nuschelte er kauend. ,,Das traust du mir zu?" Dabei lachten seine braunen Augen sie liebevoll an. So wie sie es die letzten zwanzig Jahre getan hatten. Jürgen war aus dem Haus, Andrea machte sich auf den Weg zu ihrem Halbtagsjob als Verkäuferin. Dieser Job bot ihr eine willkommene Abwechslung. Obwohl sie es finanziell nicht nötig hatten, wie Jürgen immer wieder betonte, fiel ihr zu Hause die Decke auf den Kopf. Während der Busfahrt ging ihr durch den Kopf, dass ihr Leben doch eigentlich sehr eintönig und langweilig war. Ob Jürgen auch so empfand? Sie waren jetzt schon so viele Jahre verheiratet, und es gab kaum noch Highlights in ihrem Leben. Irgendwie hatte sie an diesem Tag nicht so gute Laune, wie man das von ihr gewöhnt war. Und dann kam der alles verändernde Nachmittag. Aus: Rita Fehling: Augenblick mal ... Heitere Kurzgeschichten. Books on Demand, Norderstedt 1999, S. 5-8 Die Rechtschreibung entspricht dem Originaltext. Aufgabentyp 2 Kreatives Schreiben ● ● Erzählen Sie die Geschichte weiter. (Anlage 2) Finden Sie eine passende Überschrift für Ihre Geschichte. 1. Klassenarbeit „Der alles verändernde Tag" Sie saß an der Kasse und machte ihre Arbeit. Viele Gedanken schossen ihr durch den Kopf. Nach der Arbeit beschloss sie in die Stadt zu gehen, um sich ein bisschen abzulenken. Sie ging an vielen Schaufenstern vorbei und genoss den sonnigen Nachmittag. Doch plötzlich sah Andrea ihren Mann. Aber er war nicht alleine, denn eine andere Frau stand neben ihm und lachte mit ihm. Sie war blond, groß und hatte eine super Figur. Andrea stand wie festgefroren da und starrte die beiden an. Dann wurde sie aus ihrer Trance geholt und ging ein Schritt auf die Seite, damit ihr Mann sie nicht sehen konnte. „So sieht also dein Projekt aus“, murmelte Andrea vor sich hin. Sie standen vor einem Juwelier und sahen sich den Schmuck an. Offensichtlich hatten sie jede Menge Spaß. Andrea rollte eine Träne über die Wange. Jetzt gingen die beiden Turteltauben in das Juweliergeschäft hinein. Also ging Andrea näher hin, um die zwei weiter beobachten zu können. Sie interessierten sich wohl für Ringe. Er steckte ihr einen an den Finger. Andrea musste an ihre Hochzeit denken. Andrea hatte genug gesehen. Zur Rede wollte sie ihren Mann jetzt nicht stellen. Sie ging www.KlausSchenck.de / Deutsch / Berufsschule/Mittelstufe / kreatives Schreiben / S. 2 von 6 2 Klassenarbeiten (90 Minuten) zu Rita Fehling: „Augenblick mal...“ nach Hause und machte die Hausarbeit. Jürgen kam erst um neun Uhr. Andrea hörte nur, wie er die Haustür öffnete. Sie saß schon im Bett und las ihr Buch. Er kam her- ein, gab ihr einen liebevollen Kuss auf die Stirn und streckte ihr einen Strauß Rosen hin. Andrea sah ihn irritiert an, denn eigentlich wollte sie ihn zur Rede stellen. Doch als sie in seine schönen, braunen Augen sah, konnte sie ihm nicht böse sein. Am nächsten Tag gingen beide wieder arbeiten. Andrea war verwirrt und wusste nicht, was sie denken sollte. Nach der Arbeit beschloss sie wieder in die Stadt zu gehen, aber Jürgen konnte sie nirgends sehen. Sie ging zu seiner Arbeitsstelle und blieb vor dem Gebäude stehen. Sie überlegte, ob es richtig sei ihm nach zu spionie- ren. Vielleicht ist es ja einfach nur eine nette Kollegin, die sie gestern gesehen hatte? Sie wollte auf keinen Fall eine krankhaft eifersüchtige Ehefrau spielen. Aber was spricht schon dagegen seinen Mann mal auf seiner Arbeit zu besuchen? Andrea ging zum gegenüberliegenden Bäcker und holte ein Stück Kuchen für Jürgen. Damit er keinen Verdacht schöpft. Sie schritt in das große Gebäude und traf gleich einen Ar- beitskollegen ihres Mannes. Er kam direkt auf sie zu und sagte: „Hallo, Andrea, wir haben uns ja schon lange nicht mehr gesehen. Was machst du denn hier? Jürgen hat doch gekündigt?" Andrea fiel die Kinnlade herunter. Sie drückte dem Arbeitskol- legen den Kuchen in die Hand und rannte raus. Sie brauchte Luft. „Was geht da nur vor sich?", fragte sie sich. Es war alles wie ein schlechter Film. Sie irrte noch ein we- nig durch die Stadt und spazierte dann schließlich nach Hause. Als sie in die Küche kam, lag dort ein Brief auf dem Tisch. Es stand ihr Name darauf. Ein Schauer lief ihr über den Rücken. War das ein Abschiedsbrief? Hat er jetzt eine Andere? Mit zittrigen Händen nahm sie den Brief in die Hand und starrte ihn an. Sie überlegte, ob sie noch kurz ins Schlafzimmer gehen soll, um zu sehen, ob seine Sachen noch da waren. Doch sie machte es nicht. Andrea setzte sich auf einen Stuhl und öffnete langsam den Briefumschlag. Dann holte sie den Brief heraus und klappte ihn auf. Es stand nur ein kurzer Satz auf dem Papier: „Hallo Andrea, bitte steige um 17 Uhr in das Taxi vor unserem Haus.“ Jetzt lagen die Nerven von Andrea endgültig blank. Was sollte das? Ihr Blick fiel auf die Uhr. Sie hat nur noch fünf Minuten Zeit. Sie huschte schnell ins Badezimmer, um sich frisch zu machen und umzuziehen. Das Taxi kam pünktlich und sie stieg ein. „Wo fahren wir denn hin?", fragte Andrea den Taxifahrer. Doch der ignorierte ihre Frage. Sie fuhren ins Ungewisse. Andrea machte das verrückt. Nach einer halben Stunde fuhr der Taxifahrer rechts in eine Parkbucht und stieg aus. Er öffnete die Tür von Andrea und bat sie auszusteigen. Dann holte er ein schwarzes Tuch aus seiner Jacke und verband Andrea die Augen. Aber sie bekam Panik. Der Taxifahrer konnte sie beruhigen und sie setzten ihre Fahrt fort. Andrea gingen viele Gedanken durch den Kopf. Sie wusste nicht, was sie erwartet. Das Taxi hielt an und Andreas' Tür öffnete sich. Ihre Augen waren immer noch verbunden. Jemand nahm sie am Arm und führte sie in ein Haus oder einen Raum. Es war eine beängstigende Stille. Niemand redete mit ihr. Doch plötzlich ertönte Musik. Es war das Lied, das Jürgen und Andrea bei ihrer Hochzeit spielen ließen. Es war so schön. Vor ihrer Au- gen spielten sich die Bilder von damals ab. In dem Moment wurde ihr wieder richtig bewusst, wie glücklich sie sich schätzen konnte mit Jürgen. All die Zweifel, die sie noch am Tag zuvor hatte, waren weg. Jemand öffnete ihr die Augenbinde und nahm www.KlausSchenck.de / Deutsch / Berufsschule/Mittelstufe / kreatives Schreiben / S. 3 von 6 2 Klassenarbeiten (90 Minuten) zu Rita Fehling: „Augenblick mal...“ sie herunter. Andrea schlug langsam ihre Augen auf. Zwei große, braune Augen sa- hen sie an. Vor ihr stand Jürgen. Er trug einen schwarzen Anzug und hielt eine Rose in der Hand. „Hallo, mein Schatz“, sagte Jürgen. Andrea bekam kein Wort heraus. Ihr Mann sprach weiter: „Du wunderst dich wahrscheinlich, warum ich dich hier her ge- rufen habe. Ich weiß, dass ich wegen meiner Arbeit in den letzten Monaten nicht so viel Zeit verbringen konnte. Ich habe gemerkt, dass sich das auf unsere Ehe ausge- wirkt hat. Doch ich will nicht, dass das kaputt geht, weil ich so viel arbeite. Denn ich liebe dich über alles und möchte dich nicht verlieren. Wir sind heute hier in dieser Kirche, weil ich dich noch einmal heiraten will. Ich möchte dir zeigen, dass ich in gu- ten wie in schlechten Zeiten zu dir halte und dich für immer lieben werde, bis dass der Tod uns scheidet." Jürgen holte eine kleine Schachtel aus seinem Sakko und öffnete sie. Darin war ein wunderschöner Ring. Andrea kullerten die Tränen über ihre Wangen. Sie war so gerührt. „Der Ring ist für mich?", fragte sie ihn. „Ja natürlich! Für wen denn sonst?" Hinter ihm erblickte Andrea nun eine Frau, die aus der Stadt. Sie schaute sie an. Jürgen drehte sich um und blickte Andrea dann fragend an. „Ich habe euch zusammen in der Stadt beim Juwelier gesehen“, erklärte Andrea. Jürgen lachte, auch die Frau fing an zu kichern. „Dachtest du ernsthaft, ich betrüge dich?", entgeg- nete er. Andrea lief rot an. Die beiden umarmten und küssten sich. Jürgen erklärte Andrea, dass es nur seine Cousine sei, die er aber jahrelang nicht gesehen hatte. Denn sie lebt in Australien. Und er brauchte einen Rat beim Juwelier. Andrea fiel ein echter Stein vom Herzen. Doch das war nicht alles, denn ihr Mann hatte noch eine Überraschung. Er hielt ihr einen Brief vor die Nase. Andrea öffnete ihn hastig und holte den Inhalt heraus. Sie hatte zwei Flugtickets nach Amerika in der Hand und schaute Jürgen ungläubig an. „Oneway“, sagte er nur und grinste. Andrea fand keine Worte mehr. Ihr Mann sagte: „Was hält uns denn noch hier? Ich finde auch einen Job in Amerika und ein bisschen Abwechslung und Abenteuer tut uns beiden bestimmt sehr gut. Andrea sah ihn an und sagte nur: „Ich liebe dich so sehr! Und freue mich sehr auf die gemeinsame Zeit!" 2. Klassenarbeit ,,Aus Fehlern lernt man…“ Und dann kam der alles verändernde Nachmittag. Andrea arbeitete in einem großen Kaufhaus in der Innenstadt. Sie war in der Parfümerieabteilung beschäftigt. An die- sem Nachmittag war eigentlich alles wie immer. Sie verkaufte einige Parfüms, beriet eine Kundin bei der Wahl ihres Make-ups und sortierte die Regale ein. Sie war ver- tieft in ihrer Arbeit, als sie von einer ihr bekannten Stimme aus dem alltäglichen Trott gerissen wurde. Die Stimme kam von der letzten Abteilung mit den Herrenparfüms. Sie überlegte, woher sie die Stimme kannte. Diese Stimme hatte sie schon so lange nicht mehr gehört. Sie schaute neugierig Richtung Parfümabteilung. Und da fiel es Andrea wie Schuppen von den Augen. Das war Martin aus der Schulzeit. Sie war www.KlausSchenck.de / Deutsch / Berufsschule/Mittelstufe / kreatives Schreiben / S. 4 von 6 2 Klassenarbeiten (90 Minuten) zu Rita Fehling: „Augenblick mal...“ damals so verliebt gewesen. Er und Andrea waren lange befreundet, aber sie merkte schnell, dass sie mehr als nur Freundschaft empfand. Andrea träumte von Familie, einem Haus und Kindern mit Martin. Das Problem war allerdings, dass er eine Freundin hatte. Andrea war ziemlich eifersüchtig gewesen. Nach dem Abschluss hatten sie sich aus den Augen verloren, sie zog in eine andere Stadt, ging dort stu- dieren und lernte ihren jetzigen Mann kennen. Dann wurde Andrea schwanger, brach das Studium ab und verbrachte die Zeit zuhause. Doch seit dem tragischen Tod des Babys, das viel zu früh auf die Welt kam und nur vier Wochen lebte, ist nichts mehr so, wie es war. Ihr Mann Jürgen und Andrea liebten sich zwar, aber lebten nur noch nebeneinander her. Andrea wollte nicht zuhause bleiben und Trübsal blasen. Sie wollte arbeiten gehen. „Du brauchst nicht zu arbeiten, das mache ich schon für uns“, sagte ihr Mann. Doch Andrea wollte sich nicht fügen und fand die Stelle in der Par- fümerie. Bis vor kurzem hatte sie noch darüber nachgedacht, was eigentlich in ihrem Leben schief gelaufen war. Die großen Momente blieben aus. Aber heute Nachmit- tag änderte sich alles. Da stand er nun und sah noch genauso aus wie früher. Nur seine Haare waren etwas dunkler und grauer geworden. Andrea war sehr aufgeregt, schließlich hatte sie ihn fast zehn Jahre nicht mehr gesehen. Sie war so verliebt ge- wesen und Martin hatte es nicht gemerkt. Sie fasste sich und nahm ihren ganzen Mut zusammen und ging zu Martin und fragte: „Darf ich Ihnen behilflich sein?“ Martin schaute Andrea mit seinen blauen Augen an und meinte: „Andrea, bist du es?" Er hatte sie erkannt nach all den Jahren. Andreas Herz hüpfte in ihrer Brust auf und ab. Martin war wohl auch ganz überrascht und erinnerte sich gleich an die Zeit in der Schule. Er fand es schade, dass sie sich aus den Augen verloren hatten. „Finde ich auch", sagte Andrea. Martin und sie strahlten sich an, es war fast wie früher. Sie ver- abschiedeten sich zum Essen. Eigentlich wollte Andrea zu Hause kochen, aber da ihr Mann erst später von der Arbeit kommen sollte, war sie nicht traurig über die Ab- wechslung, in der Stadt essen zu gehen. Nach der Arbeit holte Martin sie ab und beide aßen in einem kleinen Bistro zu Abend. Es war schön über alte Zeiten zu re- den. Martin hatte eine Ausbildung als Metzger angefangen, um später den Betrieb seines Vaters zu übernehmen. „Nichts Weltbewegendes“, sagte er. „Bei mir auch nicht", antwortete Andrea. Beiden fiel auf, dass ihr Leben ziemlich eintönig war. Mar- tin blickte sie an und fragte, ob sie denn verheiratet sei. Andrea bejahte und blickte auf seinen Ringfinger. Dort steckte ebenso ein Ring. Sie war auf einmal sehr traurig. Wieder kamen die Erinnerungen hoch, dass auch damals Martin nicht sie, sondern eine andere Frau liebte. Andrea fragte sich, wie seine Ehefrau wohl aussehen würde. Sie verspürte einen Schmerz in ihrer Brust. All die Jahre hatte sie Martin geliebt. Das wusste sie. Ihre Hochzeit mit Jürgen war damals ein Mittel zum Zweck. Als sie merkte, dass ein Baby unter ihrem Herzen war, wollte Jürgen sie heiraten, er wollte ein guter Vater und Ehemann sein. Doch als das Baby, sein Name wäre Lena gewe- sen, starb, fielen Jürgen und Andrea und ihre Ehe in ein tiefes Loch. Trotzdem war der Abend mit Martin sehr schön. Lächelnd fuhr Andrea mit dem Bus nach Hause. Jürgen war schon zuhause und schlief auf dem Sofa. Andrea blickte ihn an und fragte sich, was aus der Ehe mit Jürgen geworden war. Es war nur noch ein Neben- einanderleben ohne besondere Momente. Das wollte Andrea nicht mehr. Sie ging ins www.KlausSchenck.de / Deutsch / Berufsschule/Mittelstufe / kreatives Schreiben / S. 5 von 6 2 Klassenarbeiten (90 Minuten) zu Rita Fehling: „Augenblick mal...“ Bad. Jürgen hatte alle Klamotten auf den Boden verteilt. Andrea hob sie auf und wollte die Kleidung in die Wäschebox legen, als sie dieses Parfüm roch. Es war nicht ihr Parfüm, das wusste sie. Erst dachte Andrea, es wäre das neue Waschmittel ge- wesen, aber als sie genauer hinschaute, entdeckte sie sogar leichte Spuren von Lip- penstift. Zumindest glitzerte sein Hemd verdächtig. Andrea war geschockt. Warum hatte sie die ganze Zeit nichts gemerkt. Sicher, meist wusch sie die Wäsche nicht. Das tat ihr Mann am Wochenende, da Andrea an diesen Tagen arbeiten musste. Sonst schmiss Jürgen die Wäsche nie so achtlos auf den Boden. Andrea rollten die Tränen über die Wange. Sie hatte sich geirrt. Sie liebte Jürgen immer noch. Auch wenn jetzt nach zwanzig Jahren Ehe der Wind aus den Segeln gegangen ist. Er war schließlich für sie A und O und verstand ihre Ängste und Gefühle. Jürgen und Andrea lernten sich an der Uni kennen. Sie verbrachten viele Stunden zusammen. Er war ein guter Freund geworden. Jürgen war auch der einzige Mann, der sich für sie als Frau, nicht als gute Freundin interessierte. Andrea liebte ihn anfangs nicht, doch Jürgen ließ nicht locker und aus Freundschaft wurde doch noch Liebe. Und jetzt sollte alles vorbei sein. Jürgen hatte Damenparfüm und Lip- penstift am Hemd. Er ging Andrea fremd. Sie verstand es nicht, denn am Früh- stückstisch hatten sie noch gelacht, als Andrea scherzend meinte, er würde eine Af- färe mit Überstunden vertuschen. Andrea rannte aus dem Bad und schmiss das Hemd auf ihren schlafenden Mann. Ohne zu warten, was seine Reaktion war, verließ sie das Haus und schrie: „Du Lügner, du Fremdgeher!“ Jürgen schrie noch irgendwas zurück, aber Andrea konnte dies schon nicht mehr verstehen. Sie rief Martin an. Die Nummer hatte sie am Nachmittag von ihm erhalten. Martin holte Andrea an der Bushaltestelle ab und nahm sie mit nach Hause. Dort bot er ihr einen Tee an und beide redeten über Liebe, Verrat und Fremdgehen. Martin er- zählte, dass seine Frau nach fünf Jahren Ehe alles hingeschmissen hatte und nach Australien ausgewandert war. „Sie ist eben ein Freigeist“, sagte er lächelnd und trau- rig zugleich. Martin und Andrea schauten sich an und Andrea verspürte Trauer, Hass und Schmerz. Martin ging es wohl ähnlich. Sie lagen sich in den Armen und küssten sich. Es war ein schöner Kuss und endlich mal wieder ein besonderer Moment. Aber Andrea stieß Martin zur Seite, denn so einen Moment wollte sie nicht. Es durfte nicht falsch enden. Andrea wäre so nicht besser als ihr Mann. Sie entschuldigte sich und verließ das Haus von Martin. Traurig fuhr sie nach Hause. Dort angekommen, öffnete sie die Haustür und fand ein Meer aus tausend Kerzen vor. Überall lagen Rosen- blätter. Andrea war ergriffen und zugleich verärgert. Das konnte nicht Jürgens Ernst sein. Er hatte Andrea betrogen und ohne mit der Wimper zu zocken, tischte er ihr die heile Welt auf und wollte mit Rosen und Teelichtern alles vergessen lassen. Andrea konnte Jürgen seine Dreistigkeit nicht durchgehen lassen und schwor sich, die Tee- lichter ihm an den Kopf zu werfen, aber es kam alles anders. Jürgen stand im Tür- rahmen und erklärte Andrea, dass der Lippenstift und das Parfüm daher kamen, dass er noch nach vielen Jahren auf dem Weg zur Arbeit seine beste Freundin wieder ge- troffen hatte. Sie war seine Jugendliebe und beide fielen sich um den Hals. Andrea traute ihren Ohren kaum, als Jürgen genau die gleiche Geschichte erzählte, die auch sie mit Martin heute Nachmittag erlebte. Beide trafen sich mit ihrer Jugendliebe, www.KlausSchenck.de / Deutsch / Berufsschule/Mittelstufe / kreatives Schreiben / S. 1 von 7 4 Klassenarbeiten (90 Minuten) zu der Zeitungsnotiz: „Bombenstimmung" Aufgabenstellung: Schildern Sie die Ereignisse aus der Sicht eines Mitarbeiters/ einer Mitarbeiterin der Bank. (Anlage 2) Anlage 2 Wegen einer vergessenen Tasche ist gestern Vor- mittag ein Gebäude am Herdweg geräumt worden. Auch die davor gelegene Bushaltestelle wurde gesperrt. Eine Frau hatte die Tasche an der Halte- stelle entdeckt und sie in einem nahe gelegenen Kreditinstitut abgegeben. Da es aus der Tasche piepste, verständigten die Mitarbeiter die Polizei. Die Beamten riefen einen Experten vom Landeskri- minalamt hinzu. Nachdem der Spezialist eingetrof- fen war, meldete sich eine Frau bei der Polizei und sagte, dass ihr Mann die Tasche an der Haltestelle vergessen habe. In der Tasche befand sich ein Beamer, Der Mann müsse die Kosten für den Einsatz begleichen, heißt es im Polizeibericht. (StZ, 5. September 2008) Quelle: Frank Buchmeier: „Bombenstimmung an der Bushaltestelle", in: Stuttgarter Zeitung Nr. 246, 21.10.2008, S. 28 Anmerkung: Der Beamer piepste, weil sich der Diebstahlschutz eingeschaltet hatte. 1. Klassenarbeit Es war ein typischer Montagmorgen, als ich aufwachte. Ich hatte verschlafen, der Kaffee, den mein Mann gekocht hatte, als er aufstand, war schon kalt und ich fand mein Namens- schild nicht. Doch ich musste los, in einer halben Stunde machte die Bank auf und der Bus war schon weg. Widerwillig nahm ich das Auto. Es war mit einer dicken Schnee- und Eis- schicht bedeckt. Meine Hände wurden schon ganz rot von der Kälte, als ich schnell mit dem Eiskratzer die Frontscheibe säuberte. Das musste reichen, denn ich hatte nur noch 25 Minuten und keinen festen Parkplatz. Vorsichtig fuhr ich los, es war rutschig und die Straßen noch nicht geräumt. Hätten wir nur damals ein Haus in der Stadt gekauft, dachte ich mir. Zum Glück war die Hauptverkehrszeit schon vorbei, so hatte ich wenigstens noch www.KlausSchenck.de / Deutsch / Berufsschule/Mittelstufe / kreatives Schreiben / S. 2 von 7 4 Klassenarbeiten (90 Minuten) zu der Zeitungsnotiz: „Bombenstimmung" den Hauch einer Chance pünktlich zu kommen. Als ich dann in den Herdweg einbog, herrschte das reinste Chaos. Mittlerweile war es fünf vor halb, ich gab die Hoffnung also auf. Langsam fuhr ich die Straße entlang, hinter mir hatte sich schon eine Schlange gebil- det, doch das war mir egal. Ganz am Ende der Straße sah ich einen freien Platz, gab Gas und geriet leicht ins Schleudern. Der Tag fing schon gut an. Ich parkte ein, packte meine Tasche und lief in Richtung Bank. Als ich die Tür öffnete, wurde ich mit einem spöttischen ,,Guten Morgen, Prinzessin, haben Sie gut geruht?" begrüßt. Typisch Markus, er war der Kundenberater und hatte einen der alten Kollegen ersetzt. Ich warf ihm einen genervten Blick zu, der ihm zu verstehen gab, er solle mich erstmal in Ruhe lassen. Er verzog sich wieder in sein Büro am Ende des langen Flurs. Ich gesellte mich zu den anderen Damen am Service. Von hier gab es keinen Kommentar, dass ich zu spät war, sie wussten schon, dass ich ein Morgenmuffel war. An meinem PC stand ein kleiner Zettel, „Freue mich auf eine gute Zusammenarbeit“. Wer wollte sich denn da neue Freunde suchen? Es entlockte mir aber dennoch ein Lächeln. Wir gingen zum normalen Tagesablauf über. Ein paar Kun- den mit Einzahlungen, Überweisungen und Fragen zu ihren Bausparverträgen. Nichts Besonderes heute. Kurz vor zehn kam jedoch eine Dame rein. Keiner von uns kannte sie, doch wir grüßten sie freundlich. Sie kam auf mich zu und sagte, dass sie eine Tasche an der Bushaltestelle vor der Tür gefunden hatte. Ich bedankte mich bei ihr und sagte, dass wir die Tasche hier verwahren könnten, bis sich jemand meldet. Ich legte die Tasche, die die Dame auf den Schalter gelegt hatte, neben mich. Sie verabschiedete sich und ging. Erst wollte ich schauen, ob sich vielleicht ein Name oder eine Adresse in der Tasche fin- den ließ, doch da stand schon wieder der nächste Kunde vor mir. Die Bank war komplett still, als er ging, also konnten wir ein leises Piepsen hören. Wir überprüften den AKT (= automatischen Kassentresor) und den Geldautomaten, doch die waren es nicht. Markus kam aus seinem Büro und schaute uns belustigt zu, wie wir in der Filiale umher liefen und unser Ohr an die technischen Gegenstände pressten. Auf einmal meinte er, dass meine Tasche wohl fertig wäre. Wir schauten ihn fragend an, als er sagte, dass sein Backofen auch so piepste, wenn die Zeit abgelaufen war. Wir kamen näher, bis ich sah, welche Ta- sche er meinte. „Das ist nicht meine Tasche“, sagte ich, „die wurde vorhin hier abgege- ben." Beunruhigt sahen wir uns an. Markus rief geistesgegenwärtig die Polizei und infor- mierte diese über unsere „Taschenbombe". Sofort schlossen wir die Bank ab, legten die Tasche vorsichtig weit entfernt von uns und dem Geld auf einen Stuhl. Hatte sich jemand die Dame gemerkt? Sie sah sehr unscheinbar aus und es war schwer, sie wieder in Erinnerung zu rufen. Auf einmal hörten wir die Sirene vor der Tür. Gleich drei Autos der Polizei waren da. Ich öffnete ihnen die Tür und erklärte ihnen alles, was ich über den Fall zu dem Zeitpunkt sagen konnte. Sie begutachteten die Tasche, belauschten das Piepsen und waren selbst überfragt. Einer der Herren fragte, ob er unser Telefon benutzen durfte, was wir ihm natürlich gestatteten. Er rief beim Landeskriminalamt an und forderte sofort einen Kollegen an. Zwei der sechs Polizisten gingen nach draußen und sicherten sowohl die Bushaltestelle als auch das Gebäude ab. Zwei weitere gingen zu der Wohnung im ers- ten Stock und ließen diese räumen. Auch wir wurden nach draußen geführt. Es war bereits eine große Menschenmenge da, als wir rauskamen. Lauter Schaulustige sowie auch die Presse war vor Ort. Es dauerte ungefähr 15 Minuten, bis ein Experte vom Kriminalamt kam. Mit ihm kamen noch zwei weitere Polizeiautos. In der Zwischenzeit wurden wir im www.KlausSchenck.de/ Deutsch / Berufsschule/Mittelstufe / kreatives Schreiben / S. 3 von 7 4 Klassenarbeiten (90 Minuten) zu der Zeitungsnotiz: „Bombenstimmung" Polizeiauto befragt. Nervös warteten wir auf die Auswertung des Experten. Doch es dau- erte ewig, bis etwas geschah. Als das Funkgerät losging, erschraken wir alle. Es war die Zentrale. Jemand hatte sich wegen einer vergessenen Tasche gemeldet. Sofort wurde das Ergebnis weitergegeben. Kurz darauf kam der Experte mit seinem Gefolge heraus. Sie gaben Entwarnung. Es sei nur ein Beamer gewesen. Das Gebäude wurde wieder frei gegeben. Die Polizei bedankte sich dennoch für die Zusammenarbeit und rückte wieder ab. Wir gingen rein, entschieden uns aber, dass wir zu aufgeregt waren, um weiterzuarbei- ten. Also ließen wir die Bank zu und gingen nach Hause. Als ich zu Hause war, fühlte sich alles so surreal an, wie ein schlechter Traum. Doch als ich die Nachrichten anmachte, wusste ich, es war wirklich passiert. Ich legte mich in die Badewanne und versuchte zu entspannen. Es war ein sehr anstrengender Tag. Konnte man das noch als typischer Mon- tag beschreiben, fragte ich mich. Doch dann fielen auch schon meine Augen zu und ich schlief im warmen Wasser ein. 2. Klassenarbeit Eigentlich war gestern ein ganz normaler Tag. Dies glaubte ich zumindest noch, als ich mich am Morgen aus meinem warmen, weichen Bett begab. Ich ging zuerst in die Küche und machte mir einen Kaffee. Dann ging ich ins Bad, putzte mir die Zähne, duschte und zog mir anschließend Anzug und Krawatte an. Ich war noch nicht sehr lange ein Angestell- ter bei der Sparkasse, aber ich freute mich jeden Tag auf meine Arbeit. Es macht mich einfach glücklich, wenn ich Menschen bei ihren Problemen weiterhelfen kann, und auch an sich ist es ein schöner Job. Ich hatte mich wohl in meinen Gedanken verloren, denn als ich auf die Uhr schaute, war es bereits kurz vor Arbeitsbeginn. Ich schlüpfte in meine Schuhe und eilte zum Auto. Es war nur ein kurzer Weg zu meiner Arbeitsstelle. Ich parkte und stieg aus, hoffentlich würde es heute nicht so stressig werden, denn es war Anfang des Monats September. Als ich das Gebäude betrat, waren bereits alle meine Mitarbeiter anwesend. Klar, ich war ja auch spät dran. Ich entschuldigte mich kurz und meldete mich dann an dem mir zugewiesenen Computer an. Der Vormittag verlief zunächst ruhig. Ich hatte zwar eine Menge Papierkram vor mir auf dem Tisch liegen, welchen ich abzuarbei- ten hatte, aber das verschob ich auf den Nachmittag. Ich unterhielt mich mit meinen Kolle- gen über das vergangene Wochenende und hörte zu, als einer von ihnen über seinen anstehenden Urlaub in der Türkei erzählte. Unser Chef hatte heute frei und so sahen wir alles etwas entspannter. Es war gerade elf Uhr und ich wollte mich in eine kurze Pause verabschieden, da mir mein Magenknurren bereits mitteilte, dass ich Hunger hatte, da eilte eine Frau in die Geschäftsstelle. Sie sah etwas aufgewühlt und ängstlich aus und trug eine große, schwarze Tasche unter dem Arm. Da sie auf mich zukam, setze ich mich wieder an meinen Platz und fragte sie, wie ich ihr denn weiterhelfen könne. Sie deutete auf die Ta- sche und erklärte mir, dass sie diese an der davor gelegenen Bushaltestelle gefunden hatte. Ich fragte bei meinen Kollegen nach, ob jemand von ihnen die Tasche vergessen hatte, denn ich wusste, dass einige den Bus als Verkehrsmittel nutzten, doch sie vernein- ten. Die Frau wurde leicht panisch und fragte mich entsetzt, wie ich nur so gelassen www.KlausSchenck.de/ Deutsch / Berufsschule/Mittelstufe / kreatives Schreiben / S. 4 von 7 4 Klassenarbeiten (90 Minuten) zu der Zeitungsnotiz: „Bombenstimmung" reagieren konnte. Ich schaute sie verdutzt an und fragte, was los sei. Da wurde sie schon leicht hysterisch und fragte mich, ob ich denn das Piepsen nicht höre. Ich konzentrierte mich auf die Stille und tatsächlich, da war was. Nun wurde auch ich leicht panisch und be- kam es mit der Angst zu tun. So etwas war mir bis jetzt noch nie passiert. Ich hatte solche Ereignisse zwar schon öfter durch Nachrichten, aus dem Radio oder aus der Zeitung mitbekommen, doch nun war ich „live“ dabei und mir lief es eiskalt den Rücken runter. Ich ließ mein Leben Revue passieren und dachte darüber nach, was ich nun wohl alles nicht mehr erleben würde. Ich stellte mir vor, wie gleich die Tasche explodierte und das ge- samte Gebäude in die Luft flog, inklusive mir. Ich begann zu schwitzen und starrte die Ta- sche an, ich wartete nur auf unser Ende. Da schnipste die Frau wie wild geworden mit ih- ren Fingern vor meinem Gesicht rum und fragte, ob ich denn nichts unternehmen wolle. Ich warnte alle Mitarbeiter und erklärte ihnen die Lage. Sie waren ebenso entsetzt wie ich und verständigten sofort die Polizei, welche kurz darauf eintraf. Da diese selbst nicht ge- nau sagen konnte, ob es sich um eine Bombe handle, rief sie einen Experten vom Landeskriminalamt an. Da die Frau noch immer bei uns stand und die Beamten jedoch die Ernsthaftigkeit der Lage nicht einschätzen konnten, baten sie diese zu ihrer eigenen Sicherheit das Gebäude zu verlassen. Zuerst wollte sie dies nicht, denn sie stellte sich als eine sehr neugierige Person heraus, doch dann sah sie es ein und ging. Die Polizisten baten uns ebenfalls, das Gebäude zu verlassen, da es geräumt und abgesperrt werden musste. Ich verständigte den Berater, welcher gerade ein Kundengespräch hatte. Als die Kundin erfuhr, was in der Schalterhalle vor sich ging, wurde sie kreidebleich und stürmte aus dem Zimmer und gleich danach aus dem Gebäude 'raus. Der Berater ärgerte sich kurz über sein entgangenes Geschäft, folgte mir jedoch nach draußen. Nun standen wir alle vor der Bank, natürlich mit Sicherheitsabstand zum Gebäude. Ich blickte zur besagten Bushaltestelle, an der die Tasche gefunden wurde und sah, dass diese ebenfalls gesperrt wurde. Mittlerweile hatten sich eine Menge neugieriger Leute versammelt und auch die Frau wich uns nicht von der Seite. Alle beobachteten das Vorgehen und waren schockiert, so etwas in ihrer Stadt zu sehen. Der Experte traf ein und verschwand im Gebäude. Ich zitterte am ganzen Körper und wäre am liebsten weggerannt. Nach Minuten voller Span- nung öffnete sich die Tür des Gebäudes erneut und sowohl die Beamten als auch der Ex- perte traten heraus. Sie kamen auf uns zu und klärten uns über den Vorfall auf. Als der Experte gerade die Tasche öffnen wollte, bekam ein Polizist einen Anruf eines Kollegen in der Dienststelle. Dieser teilte ihm mit, dass sich soeben eine Frau telefonisch bei ihnen gemeldet hatte und ganz aufgelöst erklärte, ihr Mann habe seinen teuren, neuen Beamer mitsamt seiner Tasche an der Bushaltestelle am Herdweg vergessen. Sie wolle dies nun als Diebstahl melden, da die Tasche vorhin, als sie sie abholen wollte, nicht mehr auffind- bar war. Der Polizist teilte ihr daraufhin mit, dass er ihre Tasche bereits bei sich habe und bat die verdutzte Frau, mitsamt ihrem Mann ins Revier zu kommen. Als uns von dem Telefonat erzählt wurde, hörten alle zuerst gespannt zu, doch dann wurden Tränen ge- lacht. Was für ein ereignisreicher Tag. Und ich dachte darüber nach, dass ich heute Nacht sicher gut schlafen könne. So schnell kann aus Ernst auch mal Spaß werden. www.KlausSchenck.de / Deutsch / Berufsschule/Mittelstufe / kreatives Schreiben / S. 5 von 7 4 Klassenarbeiten (90 Minuten) zu der Zeitungsnotiz: „Bombenstimmung" 3. Klassenarbeit Gestern bei der Arbeit passierte mir etwas Unglaubliches. Gestern war Montag, Anfang der Woche, wie immer viel zu tun bei uns. Ich war sowieso schon so überfordert mit all dem, was ich wegen meiner Krankheit nachzuholen hatte... Da kam auch noch die Urlaubsvertretung von Bettina, meiner Kollegin, hinzu. Ich hatte also jede Menge Arbeit. Es war ca. elf Uhr, als ich beschloss kurz ins andere Büro herüber zu gehen, um mir dort einen Kaffee zu kochen. Als ich den Flur zum anderen Büro entlang lief, kam mir eine Frau entgegen die mir ziemlich verloren erschien. Sie hatte einen knielangen Rock und eine sehr hübsche schwarze Bluse an. Außerdem trug sie einen langen Mantel, welcher aufge- knöpft war, und Stiefel, die bis über ihr Knie reichten. Sie war sehr hübsch. Ich hatte ganz vergessen, dass ich um elf Uhr ein Gesprächstermin hatte. Ich dachte mir, es könne viel- leicht die Dame sein, mit der ich verabredet war, also ging ich zu ihr hin und fragte sie, ob ich ihr helfen kann. Die Frau stellte sich vor. Ihr Name war Anna. Sie erklärte mir, dass sie an einer Bushaltestelle hier ums Eck auf den Bus wartete, als sie eine Tasche in der Ecke der Bushaltestelle sah. Die Tasche war mittel-groß, schwarz und hatte eine viereckige Form. Es waren weder Muster noch jegliche Schriftzüge auf der Tasche zu sehen. Bis da- hin gab es eigentlich nichts Außergewöhnliches. Vermutlich vergaß jemand eine schwarze Tasche auf einer Haltestelle, vielleicht, weil er sich beeilte oder einfach nur eine tollpat- schige Person war. Doch dann bemerkte Anna ein schwaches und leises Piepsen. Erst dachte sie, dass sie sich es einbildet, doch dann bemerkte sie, dass das Geräusch aus der Tasche kam. Sie geriet in Panik und rannte zum nächst liegenden Gebäude. So kam sie schließlich zu uns in der Bank. Plötzlich hörte auch ich das Piepsen aus der Tasche. Es war leise und man hörte es auch nur, wenn man sich darauf konzentrierte oder näher an die Tasche kam. Ich bekam ebenfalls Angst. Genau wie Anna befürchtete auch ich, dass sich in der Tasche eine Bombe, Sprengkörper oder ähnliches befand. Ich wusste nicht sofort, was ich zu tun hatte, ich beschloss die Tasche vor erst abzustellen und gemeinsam mit Anna zu Andreas, meinem Vorgesetzten, zu gehen. Als ich voller Panik gemeinsam mit Anna herüber lief, kam mir der seltsame Gedanke, dass dies alles nur ein Täuschungsversuch sein könnte. Plötzlich war ich mir unsicher, ob ich den Tresor in mei- nem Büro mit dem vielen Geld auch wirklich abgeschlossen hatte. Ich kam ins Schwitzen. Dann beschloss ich Anna vor dem Büro warten zu lassen und selbst in das Büro von An- dreas herein zu gehen und ihm alles zu erläutern. Als ich Andreas heraus bat und gemein- sam mit Anna von der Tasche berichtete, sah man sofort den Schock in seinem Gesicht. Wir entschlossen uns die Polizei zu verständigen. Als das getan war, ließ ich Anna und Andreas alleine im Flur mit der Tasche und beschloss in mein Büro zu gehen und alles zu überprüfen. Als ich sah, dass alles so war, wie ich es hinterlassen hatte, und ich den Tre- sor verschlossen hatte, fiel mir ein Stein vom Herzen. Auch in diesem Fall dachte ich dar- über nach, wie es wäre, wenn das alles nur ein Täuschungsversuch wäre und ich den Tre- sor nicht abgeschlossen hätte, woraufhin das ganze Geld gestohlen worden wäre. Dieser Gedanke brachte Gänsehaut auf meinen Körper. Ich liebe meinen Job, ich könnte nicht damit leben, gekündigt zu werden, weil ich vergessen hätte den Tresor zu verschließen. Als ich mein Büro abschloss und wieder zu Andreas und Anna ging, war die Polizei schon am Einsatzort. Die Polizisten beobachteten die Tasche nur einen kurzen Moment und www.KlausSchenck.de / Deutsch / Berufsschule/Mittelstufe / kreatives Schreiben / S. 1 von 3 Klassenarbeit (90 Minuten) zu: „Kontaktanzeige" Aufgabenstellung: Aufgabentyp 2 Kreatives Schreiben Sie haben auf eine Kontaktanzeige (Anlage 2) geantwortet. Sie verabreden sich mit der Person, deren Anzei- ge Sie sehr angesprochen hat, um 19.00 Uhr im Café. Als Erkennungszeichen vereinbaren Sie eine rote Ro- se. Geben Sie die Gedanken und Gefühle der wartenden Person wieder. Anlage 2 Gesucht gefunden? - Das Leben ist zu zweit einfach schöner. Ich, nette Wassermann-Frau, 26/172, sportl., gepfl., NR, suche dich zw. 26 - 35 J., ebenfalls sportl., gepfl., NR, treu, ehrl. u. zuverlässig, für eine Zukunft zu zweit. Melde dich unter ... Charakter ist das siegende Ass Als Treff hatte er den Nachbarort vorgeschlagen und ich hegte sofort den Verdacht, dass er sich dabei was gedachte hatte, denn gegenüber von unserem Treffpunkt war ein Café und bestimmt würde er dort sitzen und erst einmal schauen, wie ich aus- sehe. In der heutigen Zeit interessieren einen Mann die inneren Werte nur noch zu einem Bruchteil. Eine schlanke Figur soll sie haben und am besten noch eine große Ober- weite und eine lange, blonde Mähne. Neben den Models im Fernsehen und Zeit- schriften wirke ich dann doch eher wie eine Hausfrau. Meine Figur kann sich den- noch sehen lassen. Zudem bin ich eine erfolgreiche Geschäftsfrau, die stolz auf sich sein kann. Natürlich ist mir daher auch klar, dass niemand die „Katze im Sack" kau- fen möchte. Das ist auch der Grund, wieso man Bilder ins Internetportal stellen muss. Man soll ja vorher die Chance haben, seine neue Bekanntschaft betrachten zu kön- nen. Nach vier Jahren als Single sind meine Ansprüche aber schon gegen Null ge- sunken. Ich habe niemanden im Büro gefunden, niemanden durch Freundinnen oder in Bars. Man sehnt sich einfach nach einem Partner, will nicht mehr alleine einschlafen und sucht eine leidenschaftliche Beziehung. Also gesagt und getan. Gegen halb sechs Uhr abends machte ich mich auf den Weg in den Nachbarort, um den aus dem Inter- www.KlausSchenck.de / Deutsch / Berufsschule/Mittelstufe / kreatives Schreiben / S. 2 von 3 Klassenarbeit (90 Minuten) zu: „Kontaktanzeige" net in einem kleinen, italienischen Restaurant zu treffen. Mein Blick blieb natürlich auch am Schaufenster des Cafés gegenüber hängen. Dort saß ein Mann, ich schätze Mitte vierzig, gemütlich in einem Sessel. Er beobachtete das Geschehen auf der Straße und trank genüsslich seinen Kaffee. Ich atmete tief durch, schüttelte mei- nen Kopf, um die schlechten Gedanken zu vertreiben, kontrollierte zum fünften Mal mein Outfit im Schaufensterglas und fasste den Mut das Restaurant zu betreten. Un- Erkennungszeichen war, typisch Klischee, eine rote Rose. Ich nahm Platz und wartete, da noch keiner der anwesenden Gäste eine Rose bei sich hatte. ser Nach kurzer Zeit überkam mich eine böse Vermutung. Bestimmt hat er es sich noch einmal anders überlegt und mich versetzt. „Marie, wie konntest du auch wirklich den- ken, dass du mit diesem Bild im Portal jemanden kennenlernst, der es mit dir ernst meint?". Ich war drauf und dran meine Sachen zu packen und zu verschwinden. Ge- danklich war ich schon dabei mir zwei Packungen Eis auf der Couch zu genehmigen, als die Tür aufging und der Mann aus dem Café gegenüber das Restaurant betrat. Näher betrachtet war er ein überdurchschnittlich attraktiver Mann. Blaue Augen und eine sportliche Figur, genau wie es mir gefällt. Das Beste an ihm war die rote Rose in seiner braun gebrannten Hand. Er ging sofort auf mich zu und ich konnte mein Glück nicht fassen. Scheinbar habe ich ihn durch mein Aussehen vor dem Café überzeugt. Wir hatten einen wunderschönen Abend mit gutem Essen und viel Wein. Sehr viel Wein. Er er- zählte mir von seinem Job als Bauunternehmer und auch, wie sehr er sich nach lan- gem Singledasein eine Beziehung wünschte. Der Mann war mein persönlicher Jack- pot. Nach der vierten Flasche Wein war ich völlig willenlos und folgte ihm in ein Hotel in der Stadt. Ich machte mir keine Gedanken darüber, dass der Mann nur ein Aben- teuer sucht. Ich war davon überzeugt, dass er mich liebt. Nach einer erlebnisreichen Nacht ging ich am nächsten Morgen überglücklich in mein Haus zurück. Den ganzen Tag sang ich zu Liedern im Radio und glaubte endlich meinen Traumprinz gefunden zu haben. Ich wartete, dass er mich endlich anrief. Nichts passierte, auch keine Woche danach. Auf meine Nachrichten im Internetportal antwortete er nicht. Auf keine der zwanzig Nachrichten. Die nächsten Tage spielte ich jeden Moment des „Dates“ in meinem Kopf durch, konnte aber keinen Fehler meinerseits finden. Wie ich es schon vorher gesagt hatte, war meine Internetbekanntschaft nichts weiter als eine große Enttäuschung. Ein Glück dass Anna, Mia und Sophia mich am Wochenende zu einem Wellnesstrip ein- luden. Ein bisschen Ablenkung kann nicht schaden. Badeanzug, Bademantel und ein schickes Kleid für den Abend. Die Tasche war fertig gepackt und ich machte mich auf den Weg meine Mädels abzuholen. Cabrio-Verdeck auf, Sonnenbrille und Musik an und einfach die Enttäuschung der letzten Woche vergessen. Auf einmal kamen graue Rauchwolken aus meiner Motor- haube und das Auto fuhr keinen Meter mehr. „Was soll mir denn noch alles passie- www.KlausSchenck.de / Deutsch / Berufsschule/Mittelstufe / kreatives Schreiben / S. 3 von 3 Klassenarbeit (90 Minuten) zu: „Kontaktanzeige" ren?", dachte ich mir und prustete laut vor mich hin. Völlig hilflos versuchte ich mich daran herauszufinden, was mit dem Auto nicht stimmte. Dabei beschmutzte ich mein Gesicht und die Klamotten mit Öl und Schmutz. Besser konnte der Tag ja wirklich nicht mehr werden. Total am Ende und genervt setzte ich mich auf den Boden. Nach einem Tränenaus- bruch und ein paar unbeantworteten Hilferufen hielt endlich ein Auto hinter mir an. Ein Mann in meinem Alter stieg aus und fragte mich, wie er mir behilflich sein könnte. Da traf es mich wie einen Blitz. Frank, mein bester Freund zu Schulzeiten. Wir hatten uns ganze 15 Jahre nicht mehr gesehen. Sofort unterhielten wir uns über Gott und die Welt. Trotz der misslichen Situation brachte er mich zum Lachen. Gemeinsam schleppten wir das Auto ab. Später bedankte ich mich für seine Hilfe und für das nach Hause bringen. Ich war total verdreckt und durchgeschwitzt. Ich musste drin- gend unter die Dusche. Frank stieg noch aus und begleitete mich zur Haustür. Dort sagte er mir, wie schön ich doch geworden sei und, ob ich denn nicht Lust hätte später mit ihm essen zu gehen. Ich lachte laut los. In meinem Zustand fand mich die- ser Supertyp schön. Er beteuerte mir, dass er es ernst meinte und ich willigte ein mit ihm essen zu gehen. Zwei Stunden später trafen wir uns frisch geduscht beim Italie- ner im Nachbarort. Genau der Italiener von meinem Internetdate. Vor dem Betreten des Restaurants blickte ich hinüber zum Café. Ich konnte einfach nicht anders. Tatsächlich saß dort meine braun gebrannte Internetbekanntschaft und vergewisserte sich über das Aussehen einer anderen Dame, die vor dem Italiener mit einer roten Rose wartete. Gleiche Masche wie bei mir. Ich konnte es kaum glauben. Gleiche rote Rose, gleicher Italiener. Die arme Frau. Frank und ich betraten das Restaurant und nahmen Platz. Wir redeten viel über die alten Zeiten und verstanden uns richtig gut. Später erzählte ich ihm von dem Reinfall vor ein paar Wochen. Wir schlenderten danach durch die Straßen. Er küsste mich nicht beim ersten „Date“, aber er rief mich direkt am Tag danach an. Heute Abend sind wir wieder verabredet und ich habe ein gutes Gefühl. Frank ist kein Schönling, er kennt mich aber schon so lange und uns verbindet mehr. Seit gestern Abend, nach dem „Date", habe ich mich im Portal abgemeldet. Für mich zählen wohl doch die inneren Werte und der Charakter mehr als braun gebrannte Haut und perfekter Hintern. Aufgabenstellung: Erzählen Sie die Geschichte weiter und finden Sie eine passende Überschrift. 5 10 15 www.KlausSchenck.de / Deutsch / Berufsschule/Mittelstufe / kreatives Schreiben / S. 1 von 3 Klassenarbeit (90 Minuten) zum Aufenthalt von Lisa 20 25 30 Ich kannte Lisa seit meiner Kindheit. Damals spielten wir öfter zusammen, wenn ihre Familie zu uns zu Be- such kam. Besonders meine Tante Bettina, ihre Mutter, war immer sehr nett zu mir, und es war klar, dass ich mich mit meiner Cousine auch verstand. So ist es ja üblich unter Kindern in der Verwandtschaft. Dann aber kamen wir in die Pubertät, und Lisa wurde immer komischer. Zum Spielen hatten wir jetzt natür- lich keine Lust mehr, und wenn wir bei den seltener werdenden Verwandtschaftsbesuchen zusammensa- Ben, hockten wir eigentlich nur nebeneinander und checkten auf unseren Handys die Nachrichten unserer Freunde und schrieben selbst welche. Während unsere Mütter und Väter dauernd etwas quasselten, was uns überhaupt nicht interessierte - die Männer über Autos und Computer, die Frauen über ihre komischen Kolleginnen und blöden Chefs - sagten wir lieber gar nichts zueinander und hörten Musik über unsere Smartphones. Einmal, ich weiß heute noch nicht warum, schielte ich zu ihr herüber und konnte auf ihrem Display die Nachricht lesen: „Hey Lisa, ich finde dich total cool. Sven" Lisa bemerkte, was ich tat, nahm den Kopfhörer ab und fragte schon ziemlich ärgerlich: „Was gibt's denn da zu glotzen?" „Wer ist denn dein Sven? Muss ja ziemlich toll sein, der Typ", entgegnete ich. Das hätte ich lieber nicht gesagt, denn Lisa schrie mich nun an, bekam jetzt einen Wutanfall, der damit endete, dass sie und ihre Eltern vorzeitig nach Hause gingen. Tante Bettina guckte gar nicht mehr so freundlich wie sonst, aber das war mir egal. Ich war einfach nur wü- tend, dass Lisa sich so benommen hatte. Danach sah ich sie über ein Jahr nicht mehr und hatte auch keinen Kontakt mit ihr über das Handy. Etwas Besseres konnte mir eigentlich gar nicht passieren. Ich hatte sie eigentlich schon ganz vergessen, als ich neulich aus der Schule kam. Nachdem ich etwas ge- gessen hatte, legte ich mich in meinem Zimmer auf mein Bett und ruhte mich aus. Ich hörte, wie draußen das Handy meiner Mutter klingelte, sie eine Weile mit jemandem sprach. Anschließend klopfte sie an meine Zimmertür, kam herein und teilte mir etwas verlegen mit: ,,Onkel Markus hat gerade angerufen. Tante Bettina hat sich das Bein gebrochen und ist eben ins Krankenhaus gekommen. Er hat mich gefragt, ob Lisa für eine Woche zu uns kommen und im Gästezimmer wohnen kann. Er findet, dass er sie nicht so gut versorgen kann, weil er wegen seines Berufs oft nicht zu Hause ist. Dass ihr Euch früher mal gestritten habt, wäre doch jetzt wohl vergessen." Und ....", fragte ich sie schon ganz entgeistert. ,,Ich habe ihm Recht gegeben und ge- sagt, dass er Lisa heute Abend vorbeibringen soll. Ich konnte doch nicht,Nein' sagen." Mir fiel buchstäblich der Kinnladen herunter. ,,Was hat Du getan?", brüllte ich meine Mutter fast an, „du hast die Zicke zu uns ein- geladen?" Verfasser: Aufgabenersteller www.KlausSchenck.de / Deutsch / Berufsschule/Mittelstufe / kreatives Schreiben / S. 2 von 4 Klassenarbeit (90 Minuten) zum Aufenthalt von Lisa Überschrift: Liebe vergeht - Familie bleibt „Und...", fragte ich sie schon ganz entgeistert. „Ich habe ihm Recht gegeben und gesagt, dass er Lisa heute Abend vorbeibringen soll. Ich konnte doch nicht,Nein' sagen." Mir fiel buchstäblich der Kinnladen herunter. „Was hast Du getan?", brüllte ich meine Mutter fast an, „du hast die Zicke zu uns eingeladen?" Meine Mutter wusste gar nicht, wie ihr geschieht. Ich warf sie ziemlich unfreundlich aus meinem Zimmer und knallte hinter ihr lautstark die Tür zu. Die nächsten zwei Stunden hörte man nur noch laute Musik von dort. Ich war sauer. Stinksauer! Nicht nur auf meine Mutter, weil sie erlaubt hat, dass Lisa eine Woche bei uns wohnen darf, sondern auch auf meine Tante Bettina. „Kann sie nicht auf sich aufpassen? Musste sie sich unbedingt das Bein brechen?“, dachte ich mir. Gegen Abend klopfte meine Mutter an meine Zimmertür. Von mir kam jedoch keine Reaktion, ich hörte nur, wie sie sagte: „Lisa ist jetzt da, in einer halben Stunde gibt es Abendessen." Ich lag auf meinem Bett und verdrehte die Augen. Da ich Hunger hatte, musste ich wohl oder übel doch nach unten zum Abendessen, obwohl ich keine Lust hatte Lisa zu sehen. Unten angekommen saßen schon alle am Tisch. Gedrückte Stimmung durchflutete den Raum. Mein Vater hatte einen schlechten Tag auf der Arbeit und redete daher kein Wort. Lisa und ich sahen uns nicht an, jedoch spürte ich ihre Blicke, als ich auf meinen Teller starrte. Ebenso sah ich sie an, wenn sie einmal nicht in meine Rich- tung sah. Hübsch sah sie aus. Und so erwachsen. Eine junge Frau eben. Ihre blauen Augen und ihr blondes Haar fesselten meinen Blick regelrecht. Ich aß ein Brot und ging wieder nach oben. Auf der Hälfte der Treppe hörte ich meine Mutter rufen: „Wir wollen später noch ein Spiel spielen, willst du mitspielen?“ „Ich bin müde“, antwortete ich und verschwand in meinem Zimmer. Ich nahm mein Handy zur Hand, schloss die Kopfhörer an und startete die Playlist in meiner Musik App. Ich legte mich auf mein Bett und schaute aus dem Dachfenster, wie die Wolken vorbeizogen. Ich schwebte in Erinnerung meiner Kindheit. Immer wieder kamen mir die Bilder vor Augen, wie Lisa und ich als Kinder zusammen spielten. Ihr Lachen hat mich damals schon verzaubert. „Warum nur?“, fragte ich mich. „Warum stört es mich so, dass sie jetzt hier ist? Unser Streit ist doch schon ewig her!" Ich ließ die Musik weiterlaufen. Als ich auf die Uhr schaute, bemerkte ich, dass es schon elf Uhr abends war und ich am nächsten Tag Schule hatte und schlafen musste. Als ich die Kopfhörer aus meinen Ohren nahm, hörte ich von unten Lisas Lachen. Es klang wie Engelsstimmen. „Sind die langsam ‘mal fertig mit Spie- len?“, fragte ich mich. Ich zog mich aus und legte mich ins Bett. Lisas Stimme war wie eine Melodie, perfekt zum Einschlafen. Als ich am nächsten Morgen aufwachte, bemerkte ich, ich war spät dran. Ich packte schnell ein paar Klamotten und rannte ins Bad, um zu duschen. Ohne anzuklopfen stürmte ich ins Bad ‘rein und wer stand dort natürlich? Lisa. In Unterwäsche. „Kannst du nicht anklopfen?“, schrie sie mich an, packte ihre Sachen und verließ das Bad. Wie erstarrt stand ich da. Nur noch ein fast nicht hörbares ,Sorry“ kam aus mir her- aus. Kurze Zeit später hatte ich mich wieder gefangen und sprang unter die Dusche. www.KlausSchenck.de / Deutsch / Berufsschule/Mittelstufe / kreatives Schreiben / S. 3 von 4 Klassenarbeit (90 Minuten) zum Aufenthalt von Lisa Eine eiskalte Dusche, genau das brauchte ich jetzt. Mutter fuhr mich in die Schule, da es mittlerweile ziemlich spät geworden war. „Danke, bis später!“, murmelte ich vor mich hin, als wir angekommen waren. Den ganzen Schultag über war ich wie weg- getreten, ich hörte den Lehrern nicht zu, hatte keine Ahnung, was meine Jungs mir erzählten. Ich hatte den ganzen Tag dieses Bild von Lisa in Unterwäsche vor Augen. „Was ist los mit mir?", fragte ich mich immer wieder. Ich bin doch nicht...? Nein! Nein! Nein! Das kann und darf nicht sein!" Tage vergingen und ich redete mit Lisa weiterhin kein Wort. Meine Eltern verstanden sich super mit ihr. Immer wieder hörte ich sie gemeinsam lachen. Wenn sie sich un- beobachtet fühlte, starrte ich sie an und verlor mich in ihrem Lachen. Es war Donnerstagabend. Am Freitag reiste Lisa wieder ab. Ich lag auf meinem Bett, starrte durch das Dachfenster in den Himmel und im Hintergrund lief ein Kinderlied, zu welchem Lisa und ich früher immer gesungen und getanzt haben. Ich lächelte. Plötzlich klopfte es an der Tür. „Ist das wieder meine Mutter, die mir mit irgendwas auf die Nerven geht?", fragte ich mich. Ich hörte, wie sich langsam die Zimmertür öffnete und ich wandte meinen Blick in Richtung Tür. Das Erste, was ich sah, war blondes Haar. Ich sprang auf und sagte ganz erstarrt: „Lisa….!“ „Hey, hast du kurz Zeit zum Reden?", fragte sie schon ganz schüchtern. Ich markierte natürlich den Coolen und fragte: „Klar, was gibt's?" Mein Herz raste und ich hatte das Gefühl, dass mein Kopf so rot anläuft wie eine Tomate. „Du weißt ja, ich reise morgen wieder ab. Mama geht es wieder besser und sie darf nach Hause“ sagte Lisa, während sie mich mit ihren blauen Augen erneute fesselte. „Ja, habe ich mitbekommen und was willst du jetzt von mir?“, kam ich ihr ganz cool entgegen. „Was ist mit unserem Streit? Ist der vergessen oder wollen wir uns jetzt ewig aus dem Weg gehen?“ Obwohl mein Herz immer noch wie verrückt raste, sagte ich: „Klar, ist vergessen, wir sind ja keine kleinen Kinder mehr, außerdem sind wir Familie, eines Tages brauchen wir uns ge- genseitig, da hat Streit nichts zu suchen.“ Lisa lächelte. „Okay, super“, antwortete sie. „Danke, dass ihr mich aufgenommen habt, mach’s gut!“ „Kein Problem“, nu- schelte ich. Sie verließ den Raum. Immer noch wie erstarrt blickte ich in Richtung Tür in der Hoffnung, sie würde jederzeit zurückkommen. Aber das tat sie nicht. Als ich am nächsten Morgen schweißgebadet aufwachte, musste ich mir eingeste- hen, dass ich mich tatsächlich in sie verliebt hatte. „Ich kann das keinem sagen, das geht nicht. Vergiss sie, es ist deine Cousine!", versuchte ich mir immer und immer wieder einzureden. Als ich von der Schule kam, war sie Gott sei Dank schon abge- reist. Ich glaube, es war das Beste, dass ich sie nicht mehr gesehen habe. Familientreffen ging ich in der nächsten Zeit soweit wie möglich aus dem Weg. „Sie ist jetzt mit diesem Sven zusammen“, hörte ich meine Mutter erzählen. Ich schmunzelte vor mich hin,,,solange er sie glücklich machen und ihr nicht weh tut, passiert ihm nichts", dachte ich mir. Jahre vergingen und mit der Zeit verstanden wir uns wieder wie früher. Ich hatte dann auch eine Freundin und kam so immer besser mit der Situation klar, dass Lisa wohl niemals meine Freundin sein wird, aber für immer ein Teil der Familie bleibt und ich sie so immer in meiner Nähe habe. Das Geheimnis, dass ich Gefühle für sie www.KlausSchenck.de / Deutsch / Berufsschule/Mittelstufe / kreatives Schreiben / S. 4 von 4 Klassenarbeit (90 Minuten) zum Aufenthalt von Lisa habe, werde ich wohl für immer in mir herumtragen, - schon allein des Familienfrie- dens wegen. / Deutsch / Berufsschule/Mittelstufe / kreatives Schreiben / S. 1 von 8 www.KlausSchenck.de 3 Klassenarbeiten (100 Minuten) zu Gabriele Scheuermann: „Die wahre Geschichte" Aufgabenstellung: Erzählen Sie die Geschichte weiter! Gabriele Scheuermann: ,,Die wahre Geschichte" Wie ich ihn kennenlernte, weiß ich schon nicht mehr genau. Oder doch. Egal. Ich erinnere mich daran, dass ich ihn albern fand. Affig irgendwie und großkotzig. Außerdem liegt mir nichts an blonden Männern wenn sie zu allem Überfluss auch noch blauäugig sind, werde ich Weltmeister im Nichtbeachten. Ab und zu sang er ein Lied mit - laut! Ich vergaß ihn schnell. Klar, dass er Tage später ein Hubkonzert veranstaltete, als er mich auf der Straße sah. Quelle: Karl Hotz und Gerhard C. Krischker (Hrsg.) „Wie war der Himmel blau. Ge- schichte aus unserer Zeit", Bd. 4. C. C. Buchners Verlag: Bamberg 2008. S.81 1. Klassenarbeit Ich vergaß ihn schnell. Klar, dass er Tage später ein Hubkonzert veranstaltete, als er mich auf der Straße sah. Ich hatte in den letzten Tagen erfolgreich versucht meinem „Exchef“ auszuweichen. Was oft nicht leicht war in dieser Stadt. Immer wieder ging ich am Bürokomplex in der Parkavenue vorbei. Nicht aus Trauer oder weil ich meinen Schritt bereue, nein, ich bereue ganz bestimmt nichts. Eher aus Gewohnheit. Ist eben seltsam nach zwei Jahren voller Glücksgefühle und Erfolge. Ich kann mich schon noch ganz genau an den Tag erinnern, an dem wir uns kennengelernt haben, wenn ich ehrlich bin. Ge- rade einmal fünf Tage war ich in New York angekommen. Heimat und Familie habe ich zurück gelassen, um ein neues Abenteuer zu wagen. Als ich das Jobangebot ein paar Wochen zuvor erhielt, wusste ich nicht, was ich dazu sagen sollte. Eigentlich war ich glücklich in Berlin. Der Mensch strebt jedoch immer nach etwas Neuem. New www.KlausSchenck.de / Deutsch / Berufsschule/Mittelstufe / kreatives Schreiben / S. 2 von 8 3 Klassenarbeiten (100 Minuten) zu Gabriele Scheuermann: „Die wahre Geschichte" York stellte für mich Macht und auch Luxus dar. Alles Dinge, auf die ich total „ab- fahre". Gesagt und getan. Koffer gepackt und eine Woche später per „One-way-ti- cket" in meine neue Traumstadt. Die neue Firma organisierte mir eine winzige Woh- nung, zwanzig Minuten vom Bürogebäude entfernt. Natürlich war die Wohnung total überteuert und scheußlich eingerichtet. Am Montag darauf hatte ich meinen ersten Tag, weshalb ich samstags noch zum Entspannen in den Park der nächsten ruhigen, größeren Stadt ging. Ich setzte mich auf eine Bank vor dem Ententeich, breitete die Arme hinter meinem Kopf aus, atmete die warme Sommerluft ein und genoss mein Dasein in der neuen Stadt. Völlig in meinen Gedanken versunken, schloss ich meine Augen. Als ich sie wieder öffnete, weil sich die Bank bewegte, saß ein Mann, ich schätze ca. 5 Jahre älter als ich, neben mir und grinste mich an. Es war ein blonder Mann mit blauen Augen, die dir die Sterne vom Himmel holen konnten. Eher das Blaue vom Himmel lügen, aber egal. Wir kamen schnell ins Gespräch und tauschten belanglose Dinge aus. Er erzählte mir von seiner Zeit im Studium und wir stellten schnell fest, dass wir verdammt viele Gemeinsamkeiten besaßen. Wir redeten ununterbrochen und merkten nicht, wie spät es schon war, bis die Sonne unterging. Er lud mich dann direkt zum Abendessen ein. „Was für ein Glück ich doch hab`, so einen Mann gleich in der ersten Woche zu treffen“, dachte ich mir. Mit viel Wein und guter Pasta gefiel er mir noch besser. Diese wahnsinnigen Augen. Diese schlanke, aber dennoch muskulöse Figur. Breite Schultern und ein Lächeln, das jede Frau zum Dahinschmelzen bekommt. Völlig überwältigt von der neuen Stadt und meiner „hei- Ben" Bekanntschaft folgte ich ihm in ein Hotel und dort lief es darauf hinaus, worauf es hinaus laufen musste. Die beste Nacht in meinem achtundzwanzigjährigen Da- sein. Mit einem breiten Grinsen verließ ich das Hotel und sang sogar die nervigsten Lieder im Radio mit. Ich war einfach glücklich über meinen guten Start in dieser Stadt. Der Sonntag verging wie im Flug und da war auch schon Montag. Mein erster Arbeitstag in der neuen Firma. Ich wurde dort als Assistentin des Juniorchefs einge- stellt. Ein totaler Aufstieg im Gegensatz zu meinem alten Job. Ich zog mich extra schlicht an: weiße Bluse und einen schwarzer Rock. Hohe Schuhe dürfen natürlich auch nicht fehlen. Wir sind ja schließlich in der Stadt „der Schönen und Reichen". Alle begrüßten mich freundlich und ich wurde direkt eingelernt. Ein „Meeting" mit mei- nem Chef war für 13.00 Uhr geplant, da er noch bei einem wichtigen Termin war. Ich lernte langsam alle kennen und richtete mir mein Büro ein. Punkt 13.00 Uhr klopfte es an meiner Tür. Wer stand mir dann wohl gegenüber, als ich die Tür öffnete? Der Mann aus dem Park. Robert Scott. Ich bekam fast keine Luft mehr, als er sich als mein neuer Chef vorstellte. „Das kann doch wirklich nicht wahr sein." Er schloss die Tür und lachte. Ich musste mitlachen vor lauter Verzweiflung. Robert sagte mir, wie oft er schon an unsere Nacht gedacht hatte. In den nächsten Monaten spielten sich der Arbeitsalltag und unsere „kleinen Treffen“ danach gut ein. Alle paar Wochen war er für mehrere Tage auf verschiedenen Geschäftsreisen. Ich bekam immer Geschenke und wurde mit deutlichen SMS belohnt. Nach ein paar Monaten lockerem Hin und Her wollte er mehr. Er wollte mich als Freundin und ich willigte ein. Eine perfekte Stadt, ein perfekter Mann und ein perfekter Job. Ich war so ein Glückspilz. Robert holte mich oft ab und wir fuhren mit seinem schicken Cabrio www.KlausSchenck.de/ Deutsch / Berufsschule/Mittelstufe / kreatives Schreiben / S. 3 von 8 3 Klassenarbeiten (100 Minuten) zu Gabriele Scheuermann: „Die wahre Geschichte" durch die New Yorker Innenstadt. Er sang zu allen Liedern und das sehr laut. Es störte mich nicht, weil ich genauso laut mitsang. Wir waren so verliebt, mein Gott! Was ich von Tag zu Tag jedoch immer komischer fand, waren die Blicke meiner Kollegen. Sie tuschelten, wenn ich vorbei lief, oder schauten mich sonderbar an. Ich dachte, dass das bestimmt daran liegt, weil sie denken, ich hätte mich hochgeschla- fen und jetzt hat er keine Zeit mehr für mich, weil er ständig auf Geschäftsreisen ist. Darüber konnte ich nur lachen. Ich war die Glücklichste überhaupt, besonders an dem Tag, an dem mich Robert fragte, ob ich nicht zu ihm ziehen wollte. „Ja, ja, ja!“ Eine super Wohnung, direkt in der Stadtmitte. Ich hatte es echt geschafft. „Was für ein Aufstieg", dachte ich mir. Alles lief so wunderbar. Robert war wieder auf Geschäftsreise und ich war in Feierlaune. Ich fuhr in die nächste große Stadt und kaufte mir eine Flasche Sekt, um mich einzustimmen. „In toller Umgebung trinkt es sich noch viel besser", dachte ich. Also, ab in den Park der Stadt. Den kannte ich schon von dem ersten „Date“ mit meinem Traumprinzen. Ich schlenderte durch das Gras und genoss meinen Sekt. Traumhaftes Wetter und ein Abend voller guter Laune vor mir. Die Freude stieg noch mehr, als ich eine SMS von Robert bekam. „Ich vermisse dich!", schrieb er. Ich stolperte vor, als ich nur auf mein Handy sah und fiel auf den Boden. Als ich mich gerade aufrichten wollte, spürte ich, wie mir plötzlich die Farbe aus dem Gesicht wich. Am anderen Ende des Parks sah ich einen Mann mit Handy in der Hand. Einen blonden Mann. Meinen blonden Freund. Meinen Robert. Er lachte und hielt ein Kind an der Hand. Eine blonde Frau legte ihm sanft die Hand auf die Schulter und küsste ihn. Für mich war alles eindeutig. Das Schwein ist verheiratet. Mit aufgeschlagenem Knie, angetrunken und heulend machte ich mich auf den Nachhauseweg. Ich war zu schockiert und sauer, um ihn zur Rede zu stellen. Ich lag heulend im Bett und konnte die ganze Situation auch nach hundertfachem Durchspielen in meinem Kopf nicht fassen. Von wegen Geschäftsreisen. Er war bei seiner Familie. Mein Gott, er hat ein Kind. Die Trauer schlug schnell in Wut um. Ich wollte mich nicht zuhause bei meiner Familie über mein Scheitern ausheulen. Ich wollte einfach nur Rache. Auf einmal war er für mich nicht mehr der Traumprinz. Ich fand ihn affig mit seinen dum- men Witzen, ja sogar großkotzig mit seinen maßgeschneiderten Anzügen. Alles, was ich jemals anziehend fand, fand ich nun nervig und schrecklich. „Was will ich auch von einem blonden Mann?" Daran lag mir doch vorher nichts. Auch noch blaue Au- gen! Mit diesen hat er mir das Blaue vom Himmel gelogen. Als ich das Radio an- stellte, wurde mein Zorn noch gekrönt. Das Lied, bei dem er immer laut mitsang, kam. Nervig! Da fiel mir mein Racheplan ein. Ich sammelte mich die folgenden Tage und besorgte Montag früh zwei heiße, dampfende Becher Kaffee. Wie immer. Robert wartete schon freudestrahlend auf mich. Ich stolzierte in sein Büro, ließ mit Absicht die Tür offen, damit uns jeder hören konnte, und stellte den Kaffee auf seinem Schreibtisch ab. Er wollte aufstehen, doch ich drückte ihn zurück in den Stuhl, als er schelmisch grinste, wusste ich sofort, was er dachte. Er hoffte auf eine heiße Num- mer. Die bekam er auch, in Form von heißem Kaffee in seinem Schoß. Ich lachte und machte ihm eine Szene. Ich schrie und beschimpfte ihn, so laut, dass es jeder hören www.KlausSchenck.de / Deutsch / Berufsschule/Mittelstufe / kreatives Schreiben / S. 4 von 8 3 Klassenarbeiten (100 Minuten) zu Gabriele Scheuermann: „Die wahre Geschichte" konnte. Die Kollegen applaudierten, was darauf schließen lässt, dass alle längst von seinem Doppelleben wussten. Am Ende kündigte ich und verließ erhobenen Hauptes das Büro. Zwar war ich nun arbeitslos und musste mir eine neue Wohnung suchen, aber ich war wieder frei von Lügen und meinem eigenen Zorn. Ich war so schnell weg, dass er nicht einmal ein einziges Wort sagen konnte. Einige Tage war es dann natürlich klar, dass er ein Hupkonzert veranstaltete, als er mich auf der Straße sah. Er fuhr ganz nah an mich hin und schrie mich an, was mir denn nur einfalle ihn so bloß zu stellen. Ich lachte und rannte davon. ,,Was bringt mir so ein reicher Geschäftsmann, wenn er mich nur belügt und jetzt nicht mal meinem Zorn standhalten kann?", dachte ich mir, als ich mich in einer kleinen Gasse an die Wand lehnte, um nach Luft zu schnappen. In den kommenden Tagen kümmerte ich mich um eine neue Wohnung. Ich konnte tatsächlich meine alte Wohnung zurück haben. Ich schreibe Bewerbungen und gehe jetzt, ein paar Wochen später, durch die Stadt sparzieren. Meine Wunden sind ge- heilt. Dennoch tue ich oft so, als könnte ich mich nicht mehr an alles erinnern. Dabei weiß ich noch jedes Detail. Man gesteht sich nicht gerne eine gescheiterte Liebe ein. Ich schlendere durch die Stadt und plötzlich höre ich ein nur allzu bekanntes Ge- räusch. Ein Hupkonzert. Ich lache laut und gehe weiter. Es hört aber nicht auf. Ich drehe mich total genervt um und sehe einen Mann in meinem Alter in einem Cabrio. Ich schrei ihn an, was er denn von mir wolle. Er parkt das Auto. Es steigt ein gutaussehender Mann in einem Blaumann aus. Er kommt scheinbar von einer Bau- stelle. Ich blicke ihn total genervt an. Der Mann läuft an mir vorbei und hebt ein paar Meter wei ein Handy auf. Mein Handy. Ich muss es verloren haben, als ich so gedankenversunken war. Er reicht es mir und fragt: „Darf ich dich auf einen Kaffee einladen? Als Entschuldigung für mein Hupkonzert.“ Ich grinse nur und sage: „Mit Kaffee bin ich endgültig fertig, ich nehme Tee!" 2. Klassenarbeit Klar, dass er Tage später ein Hupkonzert veranstaltete, als er mich auf der Straße sah. Ich wusste erst nicht, wen er da aushupte, bis ich sein Lächeln wieder erkannte. Mitten auf der Hauptstraße blieb er stehen, machte das Fenster `runter und rief zu mir `rüber: „Was treibst du denn hier in der Gegend?“ Ich überlegte kurz, ob ich ihm die Wahrheit sagen sollte, entschied mich dann aber dazu, dass ich es besser nicht tun sollte. „Ich bin zum Shoppen hier verabredet", antwortete ich. Hinter ihm stauten sich bereits die Autos, manche regten sich offensichtlich auf, andere starrten auf ihr Handy. Albert jedoch machte nicht den Eindruck, als hätte er es eilig weiter zu fah- ren. Er blickte mich an, als hätte er mich Jahre nicht gesehen, dabei war es gerade erst zwei Wochen her seit unserem Treffen. „Hast du es eilig zu deinem Treffen zu kommen?", fragte er. „Naja, ich bin eigentlich schon spät dran", antwortete ich ihm. www.KlausSchenck.de / Deutsch / Berufsschule/Mittelstufe / kreatives Schreiben / S. 5 von 8 3 Klassenarbeiten (100 Minuten) zu Gabriele Scheuermann: „Die wahre Geschichte" Sein Blick war enttäuscht, aber er versuchte es zu überspielen. Nun begannen die Autos hinter ihm zu hupen. Ich glaube, ich wäre nicht so geduldig gewesen. Ihn schien es nicht zu stören. Mir wurde es allerdings nun unangenehm. Ich gab ihm ein Zeichen weiter zu fahren. Jetzt merkte er, dass es mir unangenehm war, schien es aber amüsant zu finden. Sein Lächeln verriet ihn dabei. „Ich fahre erst weiter, wenn du mit mir mit kommst“, sagte er und stellte den Motor ab. „Na super“, dachte ich. „Und wenn ich einfach weiter laufe?" Die Fahrer hinter ihm hatten mittlerweile er- kannt, dass er wegen mir noch immer mitten auf der Straße stand. Sie schauten mich vorwurfsvoll an. Da entschied ich mich, zu ihm an das Auto zu gehen. Was sollte mir denn groß passieren? Ich überquerte die Straße, ging um sein Auto und stieg ein. In seinem Blick erkannte ich, dass er bereits vorher wusste, dass er seinen Willen bekommen würde. Er startete sein Auto und fuhr los. Mein Blick wanderte zum Spie- gel, ich sah die genervten Gesichter der Autofahrer, aber auch die Erleichterung, dass sie nun weiter fahren konnten. Albert schaute mich an. Ich wusste jedoch nicht, was ich sagen sollte. Letztes Mal haben wir uns nicht im Guten getrennt. Wir hatten eine Meinungsverschiedenheit darüber, wie sehr die Frau gehorchen sollte. „Mist“, dachte ich, ich habe ihm schon wieder nachgegeben!“ Wieso war ich nur so leicht zu überzeugen? „Mit wem wolltest du dich zum Shoppen treffen?", fragte er. Ich über- legte `kurz. „Mit Hanna“, antwortete ich. „Dann solltest du ihr wohl schreiben, dass du nicht kommst, oder?“, meinte er. Ich nickte, nahm mein Handy aus der Tasche und öffnete heimlich die Seite meines Frauenarztes. Die Öffnungszeiten stachen mir di- rekt ins Auge. Nach einer kurzen Überlegung steckte ich das Handy wieder ein. Al- bert fuhr nun aus der Stadt, bog ab in einen Feldweg und gab Gas. Ich bekam etwas Panik, weil er viel zu schnell wurde. Unauffällig legte ich schützend die Hand auf mei- nen Bauch. Leider wusste ich auch, dass ich ihn beim Fahren nicht korrigieren sollte. Das mochte er gar nicht. Ich war froh, als er wieder auf die normale Straße fuhr. Je- doch fühlte ich mich noch immer unwohl. Er hatte heute ein gefährliches Glitzern in den Augen. Außerdem war er sehr still. Das war absolut ungewöhnlich für ihn. „Alles okay bei dir?", fragte ich ihn. Er schaute mich kurz an und nickte. Dabei fiel sein Blick auf meine Hand an meinem Bauch. Er schaute mich beunruhigt an. „Hast du Bauch- schmerzen?", fragte er, den Blick noch immer auf meinen Bauch gerichtet. Ich zö- gerte, war das der richtige Moment es ihm zu sagen? Nein, besser nicht beim Fah- ren. Außerdem wusste ich nicht, wie er reagieren würde. Also sagte ich ihm, dass es nur eine Magenverstimmung sei. Er entspannte sich etwas, schnaufte tief durch und fing an zu plaudern. Nun war er wieder der alte, lustige Albert, den ich kannte. Wir redeten viel über die Arbeit, seine Arbeit und über Freunde, seine Freunde. Bis wir bei ihm zu Hause angekommen waren, dämmerte es schon. Er wohnte auf einem Aussiedlerhof im Wald. Ich fand es hier schon immer etwas gruselig, wenn es dunkel wurde. Doch mit seiner meist fröhlichen Art legte sich die Angst immer schnell. Seit dem letzten Mal jedoch wusste ich, dass er auch ganz anders konnte, wenn ihm et- was nicht gefiel. Wir gingen gemeinsam ins Haus. Auf einmal wurde mir schlecht. Ich stürmte an ihm vorbei zum Gäste WC. Ohje, es macht sich wider bemerkbar, dachte ich. Hoffentlich hatte er es nicht bemerkt und dachte, es sei von meiner Magenverstimmung. Nach ein paar Minuten ging es wieder und ich entschied mich