Der Tanzbär - Zwei verschiedene Versionen
Stell dir vor, du hättest ein besonderes Talent, aber andere würden dich dafür beneiden oder kritisieren. Genau darum geht es in dieser berühmten Fabel, die zwei große Dichter ganz unterschiedlich interpretiert haben.
Gellerts Version zeigt einen Bären, der aus der Gefangenschaft flieht und stolz sein erlerntes Tanzen den Waldbären vorführt. Die anderen Bären sind erst beeindruckt, werden aber neidisch, weil sie das Tanzen nicht beherrschen. Aus purem Neid schicken sie den Tanzbären weg. Hier ist der Bär das Opfer - er wird für seine besonderen Fähigkeiten bestraft.
Lessings Version erzählt die Geschichte kritischer. Der Bär prahlt mit seinem Tanzen, doch ein weiser alter Bär macht ihm klar: Das Tanzen ist nur ein Zeichen seiner Gefangenschaft und zeigt seine geringe Intelligenz. Was in der Gefangenschaft als Talent galt, ist in der Freiheit wertlos.
💡 Merktipp: Gellert = Bär als Opfer von Neid | Lessing = Bär als Prahler ohne Verstand
Die Lehre ist völlig unterschiedlich: Gellert warnt davor, mit besonderen Fähigkeiten zu prahlen, weil andere neidisch werden. Lessing kritisiert das Prahlen mit oberflächlichen Talenten und zieht sogar einen Vergleich zu Hofmännern, die mit Intrigen und wenig Substanz beim Fürsten punkten wollen.